Indiana Jones und der Stab der Könige

Review
Plattform
Sony Playstation 2
Vertrieb
Lucasarts
Entwickler
Lucasarts
Genre
Andere
PS2: Indiana Jones und der Stab der Könige

Gesamtwertung

6/10

PS2: Indiana Jones und der Stab der Könige

Als Nintendos Wii frisch in den Läden stand, tappten fast alle Entwickler in die gleiche Falle: Natürlich waren die innovativen Steuerungsmöglichkeiten der neuen Konsole eine tolle Sache, aber trotzdem war es einfach keine gute Idee, jeden neuen Titel auf Teufel komm raus mit aufgesetzten WiiMote-Wackeleien „aufzuwerten“. Der Großteil der Entwickler hat das nach ein paar spektakulären Fehlschlägen zum Glück verstanden und setzt die Bewegungskontrollen nun sparsamer, dafür aber weit intelligenter ein. Leider befinden sich Lucasarts und Entwickler A2M nicht darunter...

Und das ist schade. Denn der neue Indy hat so viel Potenzial, eine ganze Menge toller Ideen und etliche spaßige Sequenzen. Aber leider steht sich das Spiel immer wieder auf dramatischste Art und Weise selbst im Wege, und das fast in jeder Beziehung. In der Theorie hört sich alles eigentlich gut an... Indys neuestes Abenteuer spielt im Jahr 1939, ein Jahr nach den Ereignissen von Jäger des Verlorenen Schatzes. Indy findet heraus, dass die deutschen gemeinsam mit seinem ehemaligen Studienkollegen Magnus Völler ein wertvolles Artefakt, den Stab des Moses suchen. Die Reise führt Indy in den Sudan, nach San Francisco, Chinatown, in den Urwald von Panama, nach Istanbul, Nepal und schließlich auf einen Nazi-Zeppelin.

Und Abwechslung wird dabei groß geschrieben: Indy klettert nicht nur durch bröckelige Ruinen, sucht Schätze und löst diverse Rätsel, er liefert sich auch krachende Faustkämpfe mit verschwitzten Plünderern, Schusswechsel mit fiesen Nazis, er fliegt eine Propellermaschine durch einen Canyon und auch die ein- oder andere Verfolgungsjagd darf natürlich nicht fehlen. Und tatsächlich: Indiana Jones und der Stab der Könige bringt echtes Abenteuer-Feeling auf die Bildschirme.

Die verfallenen Tempel von Panama sind genauso stimmungsvoll wie die riesigen Widderskulpturen im Sudan, der Urwald ist dicht und üppig, und durch die vielen verschiedenen Spielelemente bleibt das Abenteuer abwechslungsreich. Etwas klettern, dann aus der Deckung ein paar Nazis umnieten, nur um dann wieder ein kleines Puzzle zu lösen - dieses Prinzip hält den Spieler gut bei Laune.

So weit, so gut. Dummerweise bestand aber irgend jemand bei der Entwicklung auf maximalen Einsatz der Wii-Bewegungskontrolle. Teilweise macht das Sinn: Es fühlt sich nichts natürlicher an, als bei einer Schießerei mit der WiiMote direkt auf den Bildschirm zu zielen. In den Faustkämpfen ist das dagegen weniger der Fall. Nunchuck und WiiMote sind jeweils einer Faust zugeordnet. Indy kann schnelle Schläge austeilen, seinen Gegnern ordentliche Haken verpassen und langsame, aber krachende Uppercuts ausführen. Auch die Peitsche und herumliegende Waffen setzt der unorthodoxe Archäologe gerne mal ein.

Leider reagiert die Steuerung aber selten so, wie man beziehungsweise der Spieler es gerne hätte. Mal wird ein Haken für einen Uppercut gehalten, mal wird eine Bewegung gar nicht registriert und insbesondere wenn eine Schlagwaffe ins Spiel kommt, macht sich eine starke Verzögerung zwischen Befehlseingabe und Ausführung bemerkbar. Mit etwas Übung kann man das zwar halbwegs kompensieren, mit Intuitiver Steuerung hat das aber nicht viel zu tun.

Weniger wäre hier eben mehr gewesen. So manches Element der Steuerung ist gelungen und macht, wie erwähnt, Sinn. Die Peitsche mit dem B-Knopf und einer Schwungbewegung zu kontrollieren, fühlt sich schlicht gut an. Diese Elemente in Verbindung mit klassischeren Schlägereien hätten dem Spiel sicher schon einen ganzen Punkt mehr in Sachen Wertung beschert.

Aber solche und ähnliche Probleme stellen sich immer wieder ein. Indy bietet zwar zahlreiche verschiedene Spielelemente, ihnen allen fehlt es aber letzten Endes am nötigen Feinschliff. Nur durch die viele Abwechslung wird ein wenig kaschiert, dass schlussendlich keines der Spielelemente vollends überzeugen kann. Und das ist eben der symptomatische Fehler des neuen Indy: Das ganze Spiel erweckt den Eindruck, als wurde es zu hastig auf den Markt geworfen, als wäre ihm das dringend benötigte finale Feintuning verwehrt geblieben. Jetzt stellt sich die Frage, woran das nun lag...

Kurz und knapp: In der Entwickung des Spiels scheint von Anfang an der Wurm drin gewesen zu sein. Denn Indiana Jones hat einen langen, harten Weg hinter sich. Erstmals auf der E3 2006 gemeinsam mit der Euphoria-Engine angekündigt, sollte Indy ein technisches Wunderwerk für PS3 und Xbox360 werden. Dann wurde es lange still um unser aller Lieblings-Archäologen. Der neue Film kam, ging, aber ein Spiel blieb uns LucasArts schuldig – wie so oft steckte die Firma lieber sämtliche Ressourcen und die Euphoria-Engine gleich dazu in den weit lukrativeren Star Wars-Titel The Force Unleashed und ließ Indy in die Röhre schauen.

Vor nicht allzu langer Zeit wurde dann bekannt gegeben, dass Indys neues Abenteuer jetzt für Wii, PS2, PSP und DS erscheint, die ursprünglichen Fassungen für die beiden HD-Konsolen wurden kurz und schmerzhaft gestrichen. Diese jetzt erschienene Fassung lässt ein wenig den Eindruck entstehen, als hätte man Schadensbegrenzung üben wollen. Ein moderat talentiertes Team durfte die halbfertigen Elemente zu einer Art Frankenstein-Monster zusammenfügen, auf die Hardware mit den geringsten Entwicklungskosten transferieren und es dann auf den Markt bugsieren, bevor es noch mehr Entwicklungsgelder verschlingt.

So lassen sich dann auch die inhaltlichen Unzulänglichkeiten erklären. Der aufmerksame Spieler stellt schnell fest: Die Handlung ist einfach nur der aufgewärmte Plot von Jäger des Verlorenen Schatzes. Aus der Bundeslade wird der Stab des Moses, aus Indys Rivalen Belloq seine Nemesis Magnus Völler, das Kopfstück des Stabs des Re ist jetzt eine Jadekugel... die Ähnlichkeiten in Sachen Plot sind frappierend. Umso trauriger ist daher, wie schwach die Geschichte erzählt ist. Die Levels sind mehr oder weniger völlig zusammenhanglos aneinandergereiht, Exposition wird so gut es geht vermieden und nicht einmal die klassische Reisesequenz wird hier eingesetzt. Man muss sich das mal vorstellen – Indiana Jones ohne die Karte mit der roten Linie!

Zusätzlich werden diese Probleme noch durch die schwache deutsche Fassung verstärkt. Es ist ja schön, wenn man sich den Luxus leistet, mit Wolfang Pampel Harrison Fords Original-Synchronsprecher anzuheuern. Noch schöner wäre es aber gewesen, das Skript von einem echten Übersetzer, der sein Handwerk auch versteht, ins deutsche übertragen zu lassen. Damit Sätze wie „Cut it out!“ auch korrekt mit „Hör auf damit!“, und nicht wörtlich mit „Schneid das aus“ übersetzt werden.

Kurzum: Das deutsche Skript ist steif, leblos und wurde ganz offensichtlich, ohne den richtigen Spiel-Kontext zu kennen, mit der heißen Nadel übersetzt. Zum Glück ist auch der englische Originalton mit einem brauchbaren Harrison Ford-Stimmdouble mit auf der DVD enthalten, ihr müsst nur eure Wii im Hauptmenü auf englisch stellen.

Die Musik ist eine der Stärken des Spiels – Kunststück, wurden doch zu 90% John Williams fantastische Kompositionen der vier Filme verwendet. Die sind qualitativ über jeden Zweifel erhaben, können den Fan aber irritieren, wenn bekannte Leitmotive auf einmal neuen Ereignissen zugeordnet werden. Beispielsweise muss das Thema des Kristallschädels aus Indys jüngstem Film-Abenteuer immer mal wieder herhalten, wenn der Plot mal wieder mystisch wird, ungeachtet der Tatsache, dass das Musikstück eigentlich fest mit den Ereignissen des entsprechenden Films verbunden ist.

Kommen doch einmal neue Stücke zum Einsatz, wird eine gewisse Inkonsequenz deutlich: Im anspruchsvollen John-Williams-Stil zu komponieren, war offenbar etwas viel verlangt, daher klingen die neuen Tracks eher nach generischen Hans-Zimmer-Rattattatamm. Im Grunde wieder nur ein unbedeutendes Detail. Zu dumm eben nur, dass sich diese kleinen Detailfehler wie ein roter Faden durch das ganze Spiel ziehen.

Mit sechs moderat langen Levels ist der Umfang von Indys neuem Abenteuer dann auch eher überschaubar ausgefallen, zum Glück bietet das Spiel aber etwas Mehrwert. Damit meine ich nicht einmal den Mehrspielermodus, der lediglich durch die Anwesenheit von Henry Jones Sr. Glänzt, sondern vielmehr das Achievement-System. In jedem Level werden ein paar Herausforderungen gestellt: Drei Nazis auf einmal mit einem Bücherregal erledigen, einen Boss ohne Energieverlust besiegen... die Aufgaben sind oft recht reizvoll und bringen zudem die eine- oder andere Belohnung mit sich. Die wichtigste davon ist ohne Zweifel das versteckte Bonusspiel Indiana Jones and the Fate of Atlantis.

Richtig gelesen! Das letzte PC-Adventure des Archäologen wurde mit Hilfe eines recht ordentlichen Emulators auf die Wii konvertiert und ist bereits nach kürzester Zeit freigespielt. Und alleine über dieses Spiel könnte man Seiten füllen. Das 1992 erschienen Point & Click-Adventure ist zweifelsohne eines der besten Adventures aller Zeiten und hat bis heute nichts von seinen Qualitäten eingebüßt.

Natürlich ist die Musik heute etwas dünn und die Sprachausgabe (nur in der englischen Fassung!) etwas blechern, aber in Sachen Story, Rätsel, Sprachwitz und Spieldesign ist der Adventure-Opa seinem modernen Nachfahren so sehr überlegen, dass es fast nicht mehr witzig ist. Selbst nach modernen Maßstäben gestestet, würde Indys Atlantis-Abenteuer heute noch die absolute Höchstwertung einfahren.

Aber ich teste hier nicht den zeitlosen Klassiker von 1992, sondern das ambitionierte, aber leider auch ziemlich durchwachsene Actionspiel von 2009. Und das macht es mir schwer. Ja, es hat viele guten Seiten. So manche Schiesserei ist toll inszeniert und bietet interessante Spielerische Ansätze. Die große Abwechslung des Abenteuers ist sehr willkommen, so manche Todesfallen und Actionsequenz ist angenehm kreativ und spielerisch schön gelöst. Aber leider reicht das nicht – man merkt dem Spiel zu oft an, dass es offenbar unter großem Zeitdruck abgeschlossen werden musste. Es ist bezeichnend, wenn der direkte Xbox-Vorgänger aus dem Jahre 2003, Indiana Jones und die Legende der Kaisergruft, spielerisch, grafisch, dramaturgisch und auch inszenatorisch seinem sechs Jahre jüngeren, spielerisch durchaus vergleichbaren Sequel immer noch überlegen ist.

Es ist schade zu sehen, wie soviel Potenzial und so viele interessante Ideen durch Unachtsamkeit, schlechte Designentscheidungen und offensichtlichen Zeitmangel so sehr hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Ja, ich hatte mit Indys neuem Abenteuer Spaß, bin gerne über die hübschen Ruinen gekraxelt, habe mich auch über die eine oder andere gelungene Links-Rechts-Kombination in den Schlägereien gefreut.

Trotzdem hatte ich während des ganzen Abenteuers immer den einen Gedanke im Hinterkopf: Wie viel besser hätte das werden können, hätte Lucasarts nicht so stur auf der Bewegungskontrolle bestanden, dem Spieler mehr Steuerungsoptionen geboten und vielleicht ein halbes Jahr mehr Feintuning in den Stab der Könige gesteckt. Ich bin sicher, ein Großteil meiner Kritikpunkte wäre konsequent ausgemerzt, und mit optionaler WiiMotion Plus-Unterstützung wäre vielleicht auch die Bewegungssteuerung ein ganzes Stück brauchbarer und intuitiver ausgefallen. So bleibt unterm Strich ein eher kurzes, lineares Actionspiel, das in seinen besten Momentan echtes Indy-Flair aufkommen lässt, aber nur selten verbergen kann, dass es nur noch den Rest eines ehemals ohne Zweifel weit größer und aufwändiger geplanten Abenteuers darstellt.

Wer auf ein kurzes, einfaches Actionspiel mit seinem Lieblings-Archäologen aus ist, der darf hier zugreifen. Aber ich habe so ein Gefühl in der Magengegend, dass der neue Indy recht schnell seinen Weg in die Nice-Price-Regionen finden wird.

Indiana Jones und der Stab der Könige ist ab sofort für Wii, PS2, PSP und DS im Handel erhältlich. Unser Test bezieht sich auf die Wii-Version.

 

 

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