X360: DJ Hero
Kennt Ihr das? Erst fängt der Kopf leicht an zu wippen. In Gedanken wiederholt man den Refrain, den man gerade hört. Der Bass übernimmt die Kontrolle über den Herzschlag. Und plötzlich möchte man aufspringen und tanzen, wie eine heliumgefüllte Elfe nackt über eine von Morgentau benetzte Wiese hüpfen. So oder so ähnlich funktioniert gute Musik. Auch in DJ Hero.
Doch während man im echten Leben auf diese Weise eher in der Ausnüchterungszelle als in den Armen einer hübschen Tanzpartnerin landet, bietet DJ Hero etwas, das das echte Leben nicht im Angebot hat: eine Rückspultaste. Was für eine brillante Idee! Songpassage vergeigt? Einfach zurückspulen und noch mal ran. Lieber Gott, falls du das hier liest, weißt du, was ich mir zu Weihnachten wünsche.
Aus den Lautsprechern hämmern fette Beats. KRS-One, wie der Hip-Hop-Kenner hört. Finger streichen über einen Plattenteller. Mit energischem Druck ziehen die Kuppen eine Scheibe vor und zurück und drücken im Takt auf drei Knöpfe. Die andere Hand schiebt einen Regler zur Seite. „Let's dance!“ fordert daraufhin die Stimme von Musiklegende David Bowie zur artfremden Rhythmusuntermalung auf. Zwei Hits, ein frischer Song. Fast wie nachts in den Clubs, wo zu solchen Mixen Frauen mit kurzen Röcken und Baseball-Kappen-Träger über bunt beleuchtete Tanzflächen wackeln.
Aber nur fast, denn heute ist weder tanzwilliges Weibsvolk anwesend noch sind die Turntables echt. Dabei hätten die Stücke von Musikspiel DJ Hero durchaus das Zeug dazu, auch eine Party zum Kochen zu bringen. Die Lizenzen für rund 100 hat Herausgeber Activision angeblich für das Spiel gekauft. Gut so. Doch genug der Vorschusslorbeeren, mehr als drei Lieder durfte ich davon bisher nicht hören.
„Wer möchte, darf gerne tanzen,“ scherzt Studio Manager Kevin McSherry in seiner roten Adidas-Trainings-Jacke bei der Präsentation seines Spiels. Dem Mann mit seinen zurückgegelten Haaren, dem Dreitagebart und dem verlebten Gesicht nimmt man die nötige Club-Erfahrung für das ambitionierte Disk-Jockey-Spiel sofort ab. Da ist Leidenschaft im Spiel, da wird kein festgefahrenes Programm für Geld runtergespult. Der Mann von Entwickler Freestyle Games hat eine Vision. Er will Hip Hop und Dance-Musik vor den Fernseher holen. Kompatibel machen mit allen videospielenden Taktlegasthenikern dieser Welt.
Gleichzeitig soll DJ Hero nahe an der Plattenaufleger-Realität bleiben. Das Team arbeitet eng mit bekannten Szenegrößen wie zum Beispiel DJ Shadow zusammen, der sogar einige Mix-Tracks beisteuert. Für meine Begriffe scheint gerade die Realitätsnähe auch geglückt. Vielleicht sogar etwas zu gut.
Der Begriff „Hero“ im Spielenamen kommt nicht von ungefähr: Das Gameplay erinnert auffällig an Kassenschlager und Namensvetter Guitar Hero vom gleichen Herausgeber. Nur dass bei dem Dancefloor-Ableger keine coole Gitarre vor dem Bierbauch hängt, sondern ein vereinfachtes DJ-Pult aus Plastik auf einem Ständer steht.
„Wir haben zehn bis zwölf Prototypen des Boards gebaut, bis wir zu diesem hier gekommen sind“, erklärt McSherry auf den Controller angesprochen. Rund 60 Exemplare existieren momentan davon. Nur der genaue Verkaufspreis sei noch nicht finalisiert. „Wir diskutieren das noch.“ Linkshänder dürfen sich freuen, denn der Plattenteller lässt sich auch auf der linken Seite an den Schiebereglerteil des Controllers stecken. Vorbildlich!
Ein merkwürdiges Gefühl macht sich in der Magengegend breit, McSherrys Kollegen wie einen Berserker an besagtem Plastik-Turntable wüten zu sehen. Gut, es ist eine Präsentation und er will natürlich auch zeigen, was er und das Spiel drauf haben. Höchste Schwierigkeitsstufe. Auf drei Spuren ergießen sich von oben die Anweisungen für seine Fingerverrenkungen auf den Bildschirm. Bunte Knöpfe auf dem Plattenteller drücken, mit dem Crossfader den Linien auf dem Bildschirm folgen und zwischendurch noch ein paar Effekte einspielen und scratchen – ja, das alles wirkt wahnsinnig kompliziert.
Ob das denn auch Menschen ohne abgeschlossenen DJ-Universitätsabschluss spielen können, will ich wissen. „Es gibt auch einen sehr einfach zugänglichen Anfänger-Modus“, beruhigt mich McSherry. „Ich schätze Guitar Hero war genauso kompliziert, als du es zum ersten Mal gesehen hast und nicht wusstest, wie es funktioniert.“ Ehrlich gesagt: Nein. Aber vielleicht spielt mir auch meine Erinnerung einen Streich.
Guitar Hero rockt besonders, wenn es mit Freunden gespielt wird. Das soll bei DJ Hero ebenfalls möglich sein. „Bei Deck vs Deck treten zwei DJs Online oder Offline gleichzeitig gegeneinander an“, erklärt McSherry den noch nicht vorzeigbaren Mehrspieler-Modus. „Für alle Spieler von Guitar Hero haben wir in Guitar vs DJ noch ein paar Stücke mit Gitarre ins Spiel gepackt. Der Gitarrist spielt wie bei Guitar Hero seine Spur und der DJ mixt sich in Tracks. Gleichzeitig kann auch ein dritter Spieler am Mikrofon einsteigen und MC oder Freestyle singen.“ Klingt gut, aber das wohlige Party-Gefühl von Guitar Hero stellt sich bei mir nicht ein, wenn ich mir zwei Spieler hinter zwei Plastik-Turntables vorstelle.
Nachdem sich die alten, langhaarigen Säcke mit Metallica, Iron Maiden und Aerosmith bei Guitar Hero oder Rock Band bereits austoben durften, erscheint mir eine Spiel wie DJ Hero logisch. Die Anhänger von Hip Hop und elektronischer Musik haben schließlich auch das Recht und die Pflicht, im Spielzimmer die Kuh fliegen zu lassen. Und DJ Hero verbreitet tatsächlich äußerst authentisches DJ-Flair. Respekt dafür! Dennoch wirkt das Spiel auf mich kompliziert und wegen des Controllers wenig partytauglich. Bei der Plastikgitarre von Guitar Hero weiß eben jeder sofort, was die Stunde geschlagen hat; DJ Hero mit seinen Turntables hingegen sieht stark nach fortgeschrittener Einzelkämpferakrobatik aus. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.
DJ Hero soll voraussichtlich im Oktober 2009 für Xbox 360, PS3, PS2 und Wii erscheinen.


