Super Paper Mario

Review
Plattform
WII
Vertrieb
Nintendo
Entwickler
Nintendo
WII: Super Paper Mario

Gesamtwertung

9/10

WII: Super Paper Mario

Seit Mai 2006, als auf der E3 ein kurzes Video von Super Paper Mario (damals noch für GameCube) gezeigt wurde, habe ich auf dieses Spiel gewartet. Richtig ungeduldig gar spätestens seit April 2007, als Nintendo es in Nordamerika auf den Markt brachte und uns die Kollegen in Europa einen Veröffentlichungstermin schuldig blieben. Jetzt, gut fünf weitere Monate später, hielt ich den so ersehnten Titel schließlich in den Händen, schob ihn ins Laufwerk meiner Wii ein - und dann passierte erstmal knapp 20 Minuten lang etwas sehr Interessantes: Ich mochte es nicht. Nein, das wäre vielleicht übertrieben. "Ich wurde nicht so recht warm damit" trifft es besser.

Ich schreibe das, weil es Euch möglicherweise ähnlich ergehen wird und zumindest für mich klar ist, woran das liegt. Um das zu verstehen, müssen wir allerdings einen kleinen Ausflug in die Vergangenheit unternehmen, denn Schuld daran ist in gewisser Hinsicht das letzte Paper Mario: Die Legende vom Äonentor für den GameCube, das vielleicht das beste Spiel, ganz sicher aber das beste Rollenspiel der Konsole war.

Es strotzte vor Ideen - man denke nur an die dynamischen Rundenkämpfe auf einer Bühne vor Publikum -, setzte die ungewöhnliche Prämisse einer (fast) komplett zweidimensionalen Welt in höchst intelligente Rätsel um, vor allem aber zeichnete es ein solch tiefes, facettenreiches Mario-Universum, wie es in keinem anderen Spiel zuvor auch nur ansatzweise zu sehen war. Naja, von dem ersten Paper Mario mal abgesehen.

Super Paper Mario wirkt im Vergleich dazu in den ersten Spielminuten wie eine Light-Version dieses Spielprinzips: Es gibt keine begleitenden Charaktere, die Spielwelt ist kleiner, linearer, die Puzzle sind simpel und die Kämpfe erinnern an ein Jump'n'Run, obwohl es keins ist. Man kann schnell einen schlechten Eindruck vom Spiel gewinnen. Doch dieser Eindruck ist falsch, denn nach dieser müden Anfangsphase blüht wirklich jedes Element des Gameplay urplötzlich auf. Wie und warum, dazu kommen wir später.

Schaffen wir uns lieber erstmal eine Basis und beginnen mit der Ausgangssituation. Die lautet: Prinzessin Peach ist verschwunden. Wow, Wahnsinn! Ich kann Euren überraschten Aufschrei förmlich hören. Doch, und jetzt kommt die noch überraschendere Pointe, verantwortlich dafür ist nicht etwa Bowser, sondern ein mysteriöser Graf - der nebenbei gemeinsam mit seinen minder mysteriösen und überwiegend minderbemittelten Schergen netterweise auch die Welt vernichten will. Also begibt sich Mario auf die Suche nach einem Ausweg aus dieser misslichen Lage und muss schon bald feststellen, dass er dieses Mal die Last nicht allein auf seinen Schultern tragen kann. Ein Glück, dass sich Peach, Bowser und Luigi ihm bald anschließen.

Gut, mag der eine oder andere sagen, bei einem Mario-Spiel kommt es nun wirklich nicht auf die Geschichte an, und damit hat dieser eine oder andere selbstverständlich Recht. Aber es ist durchaus schön zu sehen, dass sich Entwickler Intelligent Systems wieder Mühe gegeben hat, die Story nicht ganz so formelhaft zu erzählen, wie man es sonst gewohnt ist. Besonders hervor stechen dabei die stets sehr lustigen Dialoge, die nicht zuletzt dank kleiner, aber feiner Gesichtsanimationen der Charaktere außerordentlich hübsch inszeniert sind. Und wer's trotzdem nicht mag, kann die Gespräche schnell wegklicken und sich ganz auf's Spielen konzentrieren.

Das beginnt in Flipstadt, irgendwo zwischen den Dimensionen. Dort trifft Mario auf einen weisen Mann, der ihm die Umstände erklärt und selbstredend gleich eine Lösung anbietet: Insgesamt acht "reine Herzen" soll unser Held bitte auftreiben, die sich in verschiedensten Welten verstecken. Die wiederum sind in mehrere kleine Kapitel unterteilt, an deren Ende Euch jeweils ein Stern zur Belohnung erwartet. Ihr erkundet also keine große, mehr oder weniger zusammenhängende Umgebung mehr, sondern viele einzelne, kleinere Abschnitte. Die sehen noch dazu auf den ersten Blick so aus, als würden sie aus einem klassischen 2D-Jump'n'Run stammen; von typischen Gegnern wie Gumbas und Koopas bis hin zu den allseits beliebten Fragezeichen-Blöcken, aus denen unter anderem Münzen und Pilze herauskommen.

Der Clou jedoch ist, dass diese vermeintlich zweidimensionalen Welten durchaus eine dritte Dimension besitzen, die Mario per Knopfdruck für einen gewissen Zeitraum besuchen kann. So weicht er nicht nur Hindernissen und Gegnern mit einem einfachen Schritt zur Seite aus, sondern findet versteckte Wege und Items, die in der Seitenansicht aufgrund davor platzierter Level-Elemente nicht sichtbar sind.

Und dieser Trick, etwas Überraschendes hinter etwas Offensichtlichem zu verbergen, zieht sich durch das gesamte Spiel: Da seien zum Beispiel die Kämpfe genannt, die im Grunde wiederum wie in einem Jump'n'Run ablaufen. Auf einen Widersacher hüpfen und fertig.

Fast. Denn tatsächlich ist es so, dass jeder Kontrahent eine bestimmte Anzahl an Lebenspunkten besitzt, so dass ein einfacher Sprung häufig nicht ausreicht. Wie groß der Schaden ist, den er verursacht, kann Mario im Gegenzug beeinflussen, indem er den Level seiner Angriffskraft steigert. Oder indem er geheime Karten sammelt, die den Schaden für einen Gegnertyp verdoppeln. Auch Mario segnet nicht bei der ersten Feindesberührung das Zeitliche: Er besitzt gleichermaßen Lebenspunkte, die er per Item (gibt’s in Läden gegen Münzen) jederzeit wieder auffrischen und bei einem Level-Up sogar erhöhen kann.

Ein weiteres Highlight sind die so genannten Pixls und die Rätsel, welche sie in Verbindung mit der vertrackten Welt ermöglichen. Pixls stellen im Prinzip das Pendant zu den Begleitern aus den Vorgängern dar, nur kämpfen sie nicht mit, sondern stellen Euch jeweils eine besondere Fähigkeit zur Seite. Tippi etwa, der erste Pixl, analysiert Teile der Umgebung, wenn Ihr die Wiimote auf den Bildschirm richtet. Davon abgesehen steuert Ihr Mario übrigens, indem Ihr den Controller waagerecht haltet, mit Steuerkreuz und vier Tasten. Aber weiter im Text: Platto, ein anderer Pixl, sorgt dafür, dass Ihr durch engste Spalten schlüpfen könnt, Kawummso sprengt Euch den Weg frei, mit Sörfa könnt Ihr knapp über dem Boden schweben und das ist nur der Anfang.

Je weiter Ihr im Spiel fortschreitet, desto mehr Pixl stehen Euch zur Seite und desto schwieriger werden die Aufgaben - weil Ihr auf immer mehr Details in der Umgebung achten müsst: Ist das nicht eine schmale Lücke im Gemäuer, durch die man kriechen könnte? Und war da nicht ein Riss im Felsen, den man sprengen sollte? Hinzu kommt, das die vier Hauptcharaktere ebenfalls unterschiedliche Eingenschaften besitzen: Nur Mario kann die dritte Dimension besuchen, nur Peach mit ihrem Schirm über breite Abgründe schweben, nur Bowser Feuer spucken und nur Luigi wirklich hoch springen. An einigen Stellen müsst Ihr deshalb ganz schön nachdenken.

Den Überblick verliert man dennoch selten, was in erster Linie dem überragenden Leveldesign zuzuschreiben ist; sinnigerweise linearer und doch so voller unerwarteter Einfälle. Jedes kleine Kapitel ist ein bisschen anders, sowohl von der ohnehin einzigartigen Optik als auch vom Ablauf her. Mal kämpft Ihr in der Wüste gegen einen Boss im Stile von Shadow of the Colossus, mal erkundet Ihr eine vollständig in schwarz-weiß gehaltene Dimension, mal jagt Ihr durch eine Kästchenwelt einen Nerd. Dann müsst Ihr Zwangsarbeit für eine Haushälterin leisten, deren kostbare Vase Ihr zerbrochen habt, später als Quizmaster herausfinden, wer ein möglicher Helfer und wer sein fieser Doppelgänger ist. Ein anderes Mal findet Ihr Euch mit Peach in einer Art Dating-Simulation wieder.

Ich könnte viel mehr erzählen, aber ich will nicht alles vorwegnehmen, denn Super Paper Mario ist eines dieser wenigen Spiele, bei denen man beim besten Willen nicht einmal erahnen kann, was einen hinter der nächsten Ecke erwartet. Genau das ist letztendlich wahrscheinlich auch das Problem dieser ominösen Anfangsminuten: Man weiß nicht, wohin sich das Spiel bewegen wird und es hat den Anschein, als habe es das Spiel selbst ebensowenig. Als könne es sich nicht entscheiden, ob es ein unglaublich simples Rollenspiel oder ein viel zu lahmes Jump'n'Run sein will. Aber, um es erneut zu betonen: Dieser Eindruck trügt glücklicherweise und spätestens wenn Mario seinen zweiten Pixl gefunden hat, offenbart sich das wahre Super Paper Mario.

Und dieses wahre Super Paper Mario ist es, auf das wir in den letzten Monaten zu Recht gewartet haben. Es ist nicht das waschechte Jump'n'Run, das manch einer erhofft haben mag, und es ist nicht das waschechte Action-Rollenspiel, das manch einer erwartet hat. Aber es pickt sich das Beste aus beiden Genres und verbindet diese Mischung mit wahnwitzigen Ideen, anspruchsvollen Rätseln sowie einem genialen Leveldesign und Grafikstil. Was will man mehr?

Super Paper Mario für die Wii ist im Handel erhältlich.

 

 

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