Crysis Warhead

Review
Plattform
PC
Genre
Shooter
PC: Crysis: Warhead

Gesamtwertung

9/10

PC: Crysis: Warhead

Wann habt Ihr zum letzten Mal, ein wirklich erstklassiges Shooter-Addon gespielt? In der jüngeren Vergangenheit fällt mir da nur Half Life 2: Episode 1-2 ein. Der Rest, inklusive den eher mäßigen F.E.A.R.-Erweiterungen, fällt eher in die Kategorie "muss nicht sein, hatten wir schon". Crysis: Warhead macht da schon eine bessere Figur. Satte 5 bis 7 Stunden Dauer-Action, ein glaubwürdiger Haupt-Charakter, einige sehenswerte Grafik-Updates und ein eigenständiger Multiplayer-Part - das sieht auf dem Papier schon mal recht beeindruckend aus.

Nichts desto trotz ist Warhead ein reinrassiges Addon und kein Crysis 1.5. Denn neue Gegner, Gameplayelemente oder Landschaften sucht Ihr vergeblich. Crytek Ungarn bietet Euch stattdessen einen wilden Adrenalin-Ritt, der Euch als eine Art Crysis Reloaded eine spannende, aber auch vorhersehbare Neben-Story präsentiert. So weit, so gut, doch kann Warhead das einmalige Niveau des „Hauptprogramms“ halten oder gar übertreffen?

Eine kleine Enttäuschung vorweg: Hauptcharakter Psycho ist nicht ganz der durchgeknallte Charakter geworden, den ich mir noch in der Vorschau gewünscht habe. Immerhin streckt er im Gegensatz zu Nomad, dem Helden von Crysis, sein kantiges Gesicht gleich mehrmals in die Kamera und zeigt große Gefühle. Er ist keine eiskalte Killermaschine, sondern ein fühlender Mensch, der das ganze Spektrum, von Wut über Verzweiflung, bis hin zu Trauer durchlebt.

Seine Handlungen wirken so deutlich glaubwürdiger als bei Nomad und man leidet richtig mit, wenn er zum Beispiel einen toten Freund in den Händen hält. Trotzdem wird auch Warhead keinen Oscar für den besten Hauptdarsteller gewinnen und erst recht nicht für das beste Skript. Stattdessen wird gutes Action-Kino mit einem leider bekannten Ende geliefert, das durch die große Komprimierung kaum Leerlauf bietet.

Statt also große Änderungen am Gameplay vorzunehmen, wurde die Taktrate deutlich erhöht. Gleich in den ersten 5 Minuten brennt die Luft. Hauptdarsteller Psycho gehört zu einer amerikanische Einsatzgruppe, die auf einer karibischen Insel ein außerirdisches Artefakt bergen soll, an dem leider auch die Nordkoreaner interessiert sind. Während sich Crysis um die Hauptstory kümmert, macht Psycho die andere Seite der Insel unsicher und wird sofort ins Gefecht geworfen. Während Ihr Euch auf die feindlichen Linien zubewegt, werden Luftangriffe durchgeführt, Artillerie-Schläge verteilt und ganze Wald-Abschnitte in Schutt und Asche gelegt.

Eine langsame Vorgehensweise ist zwar immer noch möglich, über weite Strecken müsst Ihr aber über einen sehr ausdauernden Ballerfinger verfügen. Der Titel jagt Euch nicht von Action-Blase zu Action-Blase, nur um wie bei Crysis zur Hälfte in Linearität zu versinken. Stattdessen bietet er ohne viel Leerlauf ein recht lineares Grundlayout, das von Seitenmissionen und viel Bewegungsfreiheit aufgebrochen wird. Außerdem trefft Ihr auf deutlich mehr Feinde, die durch die verstärkte Nano-Rüstung zumindest auf dem normalen Schwierigkeitsgrad stets beherrschbar bleiben.

Trotzdem habt Ihr nie das Gefühl, locker durch das Szenario zu spazieren. Die Level-Designer haben diesmal ein deutlich besseres Händchen, was Spielfluss und strategische Vorgehensweise angeht. Ich kann jedem nur empfehlen, nach dem ersten Durchspielen einen Versuch mit dem Delta-Schwierigkeitsgrad zu wagen. Knallhart, fordernd und richtig motivierend.

An einigen Stellen beißt man sich aber auch schon auf Normal die Zähne aus. Zum Beispiel, wennEuch durch die Physik-Engine oder die eigene Waffenwahl kein passendes Werkzeug zur Verfügung steht. Psycho kann zwar eine Menge mit sich herumschleppen, doch immer wieder steht Ihr vor der Entscheidung, einen der lieb gewonnenen Schießprügel auf den Müll zu werfen.

Trefft Ihr so ohne Granat- oder Raketenwerfer auf einen Schützenpanzer, fällt es schwer, die intelligenten Fahrer mit einer Mine oder einer Sprengladung auszutricksen. Denn während bei der Konkurrenz ein kleiner Sprint zum Stahlkoloss genügt, fährt Euch die KI in Warhead einfach davon. Damit die Aliens diesmal nicht aus diesem durchdachten System herausfallen, wurde ihnen die menschliche KI eingepflanzt. Statt sich todemutig auf den Spieler zu stürzen, weichen die zappeligen Metallmonster diesmal deutlich mehr aus und beschießen Euch aus der Entfernung.

Leider ist diese Operation nicht immer glimpflich verlaufen. An manchen Stellen verharren die Wesen seltsam hinter einer Deckung oder landen bei ihren Sprüngen mitten in einem Gegenstand. In einer Verteidigungssituation war es durch einen einfachen Trick möglich, die angreifenden Wesen nahezu bewegungsunfähig zu machen und der Reihe nach abzuschießen. Erst ihr dicker Bruder konnte die Situation klären und Psycho mit seinem Gefrierstrahl in steifes Gemüse verwandeln.

Ähnlich dämlich reagieren an dieser Stelle auch die eigenen Supersoldaten-Kollegen, mit denen Ihr im Gegensatz zum Hauptprogramm eine Weile unterwegs seid. Die KI-Kämpfer tragen nicht nur recht wenig zum Erfolg bei, sondern blockieren auch noch ein wichtiges Abwehr-Geschütz. Erst nach dem fünften Versuch lief mir der nervige Nano-Suit-Kamerad nicht vor das Fadenkreuz und ich konnte der Alien-Plage endlich Herr werden. Eine Ausnahme, die in dem ansonst so hervorragend choreographierten Action-Feuerwerk recht störend wirkt.

Deutlich schmerzfreier fällt die Integration der neuen Waffen aus. Neben zwei, auf kurze Entfernung durchschlagkräftigen Maschinenpistolen komplettiert ein mächtiger Granatwerfer das umfangreiche Waffenarsenal. Mit ihm könnt Ihr unterschiedliche Granat-Typen verfeuern und lustige Sprengfallen legen. Einfach die Geschosse in der Umgebung verteilen und zünden, wenn die Gegner darüber laufen, schon regnet es nordkoreanische Soldaten. Auch ein gepanzertes Transportfahrzeug mit Minigun empfiehlt sich durch seine hohe Geschwindigkeit und seine adäquate Bewaffnung. Vom Hovercraft bekommt Ihr in der Story übrigens nur die unbewaffnete Version geliefert, erst im Multiplayer dürft Ihr die militärische Variante ausprobieren.

Apropo Multiplayer: Während der Umfang bei Crysis mit einem viel zu komplexen Spielmodus und recht wenig Karten deutlich zu knapp ausfiel, bekommt Ihr diesmal eine zweite DVD mit der Erweiterung Crysis: Wars mitgeliefert. Neben dem bekannten Power Struggle-Modus wurden endlich Deathmatch- und Team-Varianten integriert, die für ein kurzweiliges Multiplayer-Vergnügen sorgen.

Normalerweise lockt so ein Modus ja niemand mehr hinter dem Ofen vor, doch da alle Kämpfer mit Nano-Suit durch die Gegend rennen, bekommt das klassische Szenario einen interessanten Dreh geliefert. Wenn man mit einer dicken Minigun getarnt in den Bäumen hängt und wartet, bis ein nichts ahnender Gegner vorbeirennt, entwickelt sich das einfache Deathmatch in ein tödliches Katz- und Maus-Spiel, das einen von der ersten Minute an in den Bann zieht.

Die dazugehörigen 21 Karten sehen fantastisch aus. Die bewaldeten Täler, verwunschenen Friedhöfe oder versunkenen Ruinen schlagen selbst die unglaublichen Call of Duty 4-Szenarien um Längen und begeistern in ihrer farbenprächtigen Vielfalt. Besonders lustig ist eine Fahrzeug-Karte, die sich zwischen dem unkomplizierten Deathmatch und dem hochkomplexen Power Struggle positioniert. Hier könnt Ihr Euch mit allerlei Panzern, bewaffneten Transportern und Senkrechtstartern bekriegen und gleichzeitig die üppige Vegetation bestaunen.

Habt Ihr Euch dann an die Nano-Suit gewöhnt, könnt Ihr Euch langsam an den Power Struggle-Modus heranwagen, der sich mit seiner gewagten Mischung aus Echtzeitstrategie und Egoshooter vor allem an echte Multiplayer-Profis richtet. Zum absoluten Glück fehlt nur ein Statistik-Tool, das die eigenen Erfolge speichert und ein Rangsystem a la Bad Company. Crytek hat aber umfangreiche Upgrades angekündigt, die noch in diesem Jahr folgen sollen.

Zum krönenden Abschluss muss man natürlich noch ein paar Worte über die Grafik verlieren. Eigentlich würde fantastisch, sensationell und einmalig ausreichen. Doch bei so viel optischer Brillanz darf man Crytek ruhig etwas ausführlicher loben: Sah Crysis schon bahnbrechend aus, legen die Entwickler beim Addon noch mal eine kleine Schippe drauf. Effekte und Objektdetails bewegen sich zwar in etwa auf dem gleichen Niveau, doch das Arrangement fällt deutlich gefälliger aus.

Ob Wald, Beleuchtung oder Gegnermodelle, in einigen Momenten fällt die Grenze zur Realität und das Szenario scheint einen geradezu anzuspringen. Immer wieder sitzt man stumm vor dem Bildschirm und genießt die prächtigen Pixelgemälde. Aber spätestens wenn man durch die grandiose Eislandschaft wandert, wird einem die Qualität des Gezeigten so richtig bewusst. Das wirkliche Highlight des Titels ist aber der signifikante Performance-Schub.

Auf unserem Testsystem mit Core 2 Duo 3.0 Ghz, Ati Radeon HD 4850 und 4 Gigabyte RAM (rund 700 Euro) läuft der Titel in 1680 x 1050, Objektdetails und Texturen auf "Sehr Hoch" über weite Strecken mit 30 Frames. Ein Unterfangen, das aus Crysis höchstens 20 Bilder pro Sekunde hervorgelockt hätte. Allein die manchmal etwas überzogenen Post-Processing-Effekte, die sich aber wie beim Hauptprogramm einzeln abschalten lassen (Tuning Guide folgt!), und nachladende Texturen trüben das sonst perfekte Gesamtbild, das die versammelte Konkurrenz richtig alt aussehen lässt. Selbst Far Cry 2 muss erst noch beweisen, dass es gegen diese optische Feuerwerk bestehen kann.

Ich mag keine Addons. Erweiterungen hinterlassen bei mir fast immer einen schalen Nachgeschmack und fühlen sich oft wie eine künstliche Verlängerung an. Crysis: Warhead ist da eine echte Ausnahme. Dank meines eigenen Hardware-Upgrades und einigen klugen Design-Entscheidungen, ist der Titel über weite Strecken sogar besser als sein Vorbild.

Selbst seine Kürze ist kein wirklicher Nachteil, da man nur selten das Gefühl hat, immer wieder unnötig durch die gleichen Areale geschickt zu werden. Ein paar neue Gegner und Landschaften wären natürlich nett gewesen, aber angesichts der umfangreichen Verbesserungen, der einmaligen Performance und dem deutlich präsenteren Hauptcharakter lässt sich dieses Manko leicht verschmerzen.

Ohne den neuen Multiplayer und den günstigen Preis von 30 Euro hätte es trotzdem nicht ganz zur 9 gereicht. Einige unschöne KI-Patzer, ein unausgeglichener Schwierigkeitsgrad und nachladende Texturen kratzen immer wieder am nahezu perfekten Gesamtbild. Gerade die neue KI der Außerirdischen funktioniert nicht ganz so gut wie es am Anfang den Anschein hat. Es ist zwar nett, dass sich die Metall-Viecher nicht kamikazeartig auf Euch stürzen, doch das Hängenbleiben in Texturen und die Unfähigkeit, Fahrzeuge anzugreifen, wirkt an manchen Stellen unbeholfen. Außerdem hab ich langsam genug von dem Insel-Szenario. Hoffen wir, dass uns Crysis 2 woanders hin verschlägt. Ich würde ja mal gern sehen, was die CryEngine 2 so mit einer Großstadt anfängt. Crysis: Berlin, ich komme.

Crysis: Warhead erscheint am 18. September exklusiv für PCs.

 

 

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