PC: Call of Duty: Modern Warfare 2
Multiplayer-Spiele sind für mich mehr als ein netter Zeitvertreib. Als alter Counter-Strike-Veteran, der in Hunderten Clan-Fights echten Schweiss, virtuelles Blut und viele Tränen gelassen hat, geht es mir online vor allem um das Gewinnen. Ich will mich mit anderen Spielern messen, ihre Taktik aushebeln und sie am besten komplett demoralisieren. Ein echter Kerl also, der den virtuellen Schwanzvergleich genauso liebt wie einen netten Sex-and-the-City... äh... Saufabend mit seinen Freunden.
Umso härter war es für mich, auf dem Modern-Warfare-2-Mehrspieler-Event im sonnigen Los Angeles die Xbox-360-Fassung zu spielen. Während ich auf dem PC dank einigermaßen schnellen Reflexen immer relativ weit oben im Ranking lande, muss ich am Pad meine eigene Unzulänglichkeit eingestehen. Gerade im mir so verhassten Team Deathmatch, wo man durch zufällige Spawnpunkte ständig einen Gegner im Rücken hat, sah ich gegen die versammelte Presse-Konkurrenz kein Land. Nur im frischen Demolition-Modus konnte ich mich mit Ach und Krach behaupten, doch dazu später mehr.
Schuld an der reinen Xbox-360-Ausrichtung war Microsoft. Die Redmonder nutzten die Gunst der Stunde, präsentierten ihre neue Modern-Warfare-2-Xbox und schickten damit die PS3- und PC-Fassungen Event-technisch auf die Reservebank. „Wir wollen mit dieser Konsole die Zusammenarbeit mit Infinity Ward ehren,“ erklärt Xbox-Live-Abgesandter Larry Hryb. Super. Danke Larry. Das Ergebnis: Ich bekam von ein paar vorlauten französischen Journalisten gleich mehrmals den Arsch versohlt. Ein trauriges, wenn nicht gar demütigendes Erlebnis.
Doch genug gejammert. So viel vorweg: Euch erwarten im Kampf gegen menschliche Kontrahenten keine bahnbrechenden Neuerungen. Während mit Call of Duty 4 online ein neues Zeitalter eingeläutet wurde, stehen diesmal die Zeichen auf konsequenter Weiterentwicklung. Infinity Ward möchte das Spielerlebnis noch stärker auf die individuelle Spielweise der User trimmen und liefert gleich mehrere Ansätze, um dieses Ziel zu erreichen.
“Wir wollten kein einfaches Sequel produzieren, sondern neue, frische Ideen liefern, ohne das Herz und die Seele der Spielerfahrung zu verraten,“ betont Lead Multiplayer Designer Todd Alderman. Ganz oben auf der Liste dieser Neuerungen steht die Auswahl der Killstreak-Fähigkeiten. Ihr dürft selbst bestimmen, welche drei der elf freischaltbaren Unterstützungsangriffe ihr bei euren Online-Gefechten mitnehmt. Neben einigen bekannten Aktionen, wie dem Einsatz einer Drohne zur Lokalisierung der Gegner und dem Präzisions-Luftschlag, wartet auch jede Menge frisches Spielzeug auf ehrgeizige Freizeit-Krieger.
Für vier Kills initiiert ihr eine Nachschublieferung, die aus dem Flugzeug abgeworfen wird. Neben frischer Munition findet ihr im Care-Paket auch eine weitere, zufällige Killstreak-Belohnung. Mit viel Glück könnt ihr anschließend eine AC-130 herbeirufen, die eigentlich elf Abschüsse benötigt. Dieses mächtige Flugzeug, das mit seinen Kanonen schon im Vorgänger für einige beeindruckende Momente sorgte, kreist über dem Schlachtfeld und ermöglicht es euch, mit drei unterschiedlichen Kalibern das Schlachtfeld zu bearbeiten. Werdet ihr während des Einsatzes des Todesengels getötet, dürft ihr noch bis zu 45 Sekunden weiterballern.
Eine äußerst befriedigende Angelegenheit. Für fünf Kills platziert ihr dagegen eine Sentry-Gun, die auf alle Feinde schießt, die ihren Feuerradius betreten. Außerdem direkt einsetzbar war die Predator-Drohne. Auch hier genügen fünf Abschüsse und ihr dürft eine Rakete ins Ziel lenken, die dank großem Explosionsradius schon mal mehrere Gegner auf einmal ins Jenseits befördert. Neu, aber noch nicht nutzbar waren ein Counter-UAV, dass die feindliche Aufklärung stört, und ein Tiefflugangriff eines schwer gepanzerten Angriffshelikopters.
Natürlich könnt ihr nicht alle Killstreaks gleichzeitig einsetzen. Ihr müsst euch vor dem Spiel entscheiden, welche drei ihr mit in die Schlacht nehmt. Dabei ist es völlig egal, ob ihr nur starke oder schwache Spezialangriffe einpackt. Blutige Anfänger sollten aber nicht gleich auf die AC-130 und den schweren Angriffshubschrauber setzen. Wie gehabt wird die Killstreak noch immer auf Null gesetzt, wenn ihr sterbt.
Um schwächeren Kämpfern nicht die Laune zu vermiesen, führt Infinity Ward die so genannte Deathstreak ein. Erledigt ihr für mehrere Runden keinen Gegner und werdet selbst getötet, dürft ihr euch bei Painkiller über zehn Sekunden erhöhte Gesundheit nach dem Spawn freuen oder per Copycat die Waffen und Perks eures Killers klauen. Schon jetzt wirken diese Fähigkeiten gut ausbalanciert. Camper hatten zwar im Team Deathmatch noch immer leichte Vorteile, aber die Jungs von Infinity Ward geben sich wirklich viel Mühe, das Spiel so interessant wie möglich zu gestalten.
Auf die Anpassung des Aussehens eures Charakter müsst ihr dagegen weiterhin verzichten. „Die meiste Zeit sieht man auf dem Schlachtfeld ja sowieso nur die eigene Waffe, stattdessen kann man nun das eigene Abzeichen aufwändig dekorieren“, erklärt Todd. Immerhin stellt er die Änderung der Tarnfarben in Aussicht. Vorerst müsst ihr euch aber mit einem schicken Emblem samt individuellen Grafiken und Schriftzügen begnügen, dass übrigens bei jeder besonderen Aktion auch für eure Mitspieler sichtbar ist. Posing pur!
Auch bei der Klassenerstellung setzt Infinity Ward auf mehr Tiefe. Wart ihr bei der Zweitwaffe bisher auf Pistolen beschränkt, könnt ihr nun auch mit Schrotflinten, Maschinenpistolen oder einer Panzerabwehrrakete in den Krieg ziehen. Richtig taktisch wird es dagegen bei der Wahl eures Equipments. Neben dem Motion-Tracker aus den bisher gezeigten Singleplayer-Abschnitten – ein Traum für Sniper – und einem Explosionsschild, der euch vor Granaten schützt, aber die Mini-Map kostet, sorgen Wurfmesser, Haftgranaten und mobile Spawnpunkte für einen bisher einmaligen Grad der individuellen Strategieplanung.
Besonders interessant: Ein dicker Schutzschild. Während man das Monster trägt – das übrigens den Primärslot belegt -, kann man zwar keine Waffe abfeuern, dafür ist man von vorne nahezu unverwundbar. Ideal, um einen Bombenleger oder Flaggenträger zu beschützen.
Auch die Perks wurden komplett überarbeitet. Während einige Spezialfähigkeiten, etwa Stopping Power und Sleight of Hand, ihr Comeback feiern, sorgen neue Individualisierungen für eine Diversifizierung eures Charakters. Hier ein paar interessante Beispiele: Dank Scavenger bekommt ihr von getöteten Feinden Munition, Equipment und Granaten zurück. Speziell in längeren Gefechten ein dringend benötigter Nachschub.
Marathon lässt euch dagegen unendlich sprinten. Eignet sich besonders gut, um bei Capture the Flag die Rolle des Flaggenträgers einzunehmen. Bling erlaubt euch zwei Add-Ons für eure Primärwaffe. Hardline reduziert die benötigte Anzahl an Killstreaks um eins und Coldblooded macht euch für feindliche UAVs unsichtbar.
Jede Gameplay-Entscheidung ist dabei das Ergebnis von umfangreichen, internen Tests. Selbst die auf den ersten Blick wenig innovativen neuen Spielmodi Capture the Flag und Demolition sorgen durch einige nette Details für ein unverbrauchtes Spielgefühl. So dauert der Flaggenklau ein paar Sekunden, was euch in dieser heiklen Situation besonders anfällig macht. Demolition wiederum verknüpft geschickt Elemente klassischer Deathmatch-Missionen mit der taktischen Tiefe eines Search & Destory. Das angreifende Team muss an zwei Punkten Bomben legen, darf nach dem Tod aber wieder direkt respawnen.
So entbrennt ein heißes Gefecht um die neuralgischen Punkte. Die Angreifer legen Bomben, die Verteidiger entschärfen. Die Front wogt hin und her. Gelingt es, ein Ziel hochzujagen und die Zeit läuft ab, bekommt das Team eine letzte Chance und eine Minute Verlängerung. Wer schon mal Team Fortress 2 gespielt hat, kann sich ungefähr vorstellen, wie sich die Dynamik auf dem Schlachtfeld entwickelt. Und: „Natürlich sind das nicht die einzigen drei Spielmodi. Neben ein paar alten Bekannten haben wir auch noch ein paar Überraschungen in petto,“ erzählt uns Lead Character Artist Joel Emslie.
Spielbar waren auf dem Event drei Karten. Wie in der Kampagne entführt euch der Favela-Level in die Slums der brasilianischen Großstadt Rio de Janeiro. Heruntergekommene Häuser, abbruchreife Blechhütten und zerstörte Autos schmiegen sich an die Hänge eines Hügels. Staubwolken ziehen durch die Straßen, die Sonne brennt gnadenlos auf die Kämpfer nieder und der Blick in die Ferne offenbart dichte Wälder. Hochdetaillierte Texturen verwandeln das Szenario in ein schrecklich-schönes Schlachtengemälde.
Auf den ersten Blick kann sich Modern Warfare 2 aber zumindest auf der Xbox 360 optisch kaum vom Vorgänger absetzen. Erst wenn man genauer hinschaut, fallen einem die vielen kleinen Details auf, die dem Spiel einen noch realistischeren Look verpassen. Insbesondere das Wasser und andere reflektierende Oberflächen wurden kräftig überarbeitet. Kombiniert mit stabilen 60 Frames pro Sekunde resultiert das noch immer in einem der schönsten Konsolenspiele überhaupt.
Zumindest unter der Hand verriet uns Jason West, Game Director und COO von Infinity Ward, was uns auf dem PC erwartet: „Die PC-Fassung sieht noch einmal eine ganze Ecke besser aus. Egal ob Texturen, Spezialeffekte oder Physik-Engine, hier konnten wir uns richtig austoben. Außerdem bieten wir zum ersten Mal auf dem PC Matchmaking an und können so online für faire Kämpfe sorgen.“ Ob diese beiden Faktoren und die genaue Steuerung den angehobenen Preis von ca. 60 Euro wert sind, wird die Vollversion zeigen.
Doch auch das Level-Design überzeugt. Im brasilianischen Armenhaus entfaltet sich ein tödliches Labyrinth aus klar definierten Feuerbereichen, erstklassigen Scharfschützenpositionen und idealen Hinterhalt-Möglichkeiten. Wie schon die Karten aus dem ersten Teil wirkt auch dieser Abschnitt perfekt ausbalanciert. Zu jeder Position gibt es mehrere Zugänge, nie könnt ihr euch in Sicherheit wiegen oder eure Konzentration vernachlässigen. Speziell im Capture-the-Flag-Modus ein Adrenalin-treibendes Erlebnis.
Die zweite Karte spielt in Afghanistan. Vielleicht ein kleiner Hinweis auf eine mögliche Singleplayer-Mission? Ein Flugzeug ist abgestürzt und die beiden Teams kämpfen in Bunkersystemen, zwischen nackten Felsformationen und dem gewaltigen Wrack. Wer sich über den flachen Sand bewegt, wird schnell zur Zielscheibe. Scharfschützen können sich auf wildes Tontaubengeballer freuen, falls sich unvorsichtige Anfänger in die Todeszone wagen. Deutlich intimer wurde es dagegen auf der dritten Karte.
Highrise spielt auf dem Dach eines Hochhauses. In der Mitte ein Hubschrauberlandeplatz, Klimaanlagen und Rohrsysteme. Die beiden Teams starten im oberen Ende in zwei gegenüberliegenden Bürokomplexen. Mit vielen dunklen Ecken, Glasflächen und Hindernissen ein Alptraum für aggressive Spieler. Außerdem stießen die Auflösung der Konsolenfassung beziehungsweise mein Sehvermögen hier an ihre Grenzen. Ohne Zielfernrohr war es nahezu unmöglich, statische Feinde auf dem Hubschrauberlandeplatz auszumachen. PC-Version, anyone?
Der krönende Abschluss der Veranstaltung war für mich aber das oben erwähnte Gespräch mit Game Director Jason West. Neben einigen Details zur PC-Fassung, seiner Blinddarm-Operation und seinem anstehenden Besuch des Oktoberfestes konnte er mir endlich schlüssig den Special-Ops-Modus erklären. Die Mini-Präsentation auf der gamescom reichte kaum aus, um diese Koop-Variante zu verstehen und die daraus resultierende die Enttäuschung zu verbergen.
Der gezeigte Level war gerade mal zwei Minuten lang, nur zwei Spieler konnten gemeinsam spielen und es durften keine weiteren Fragen gestellt werden. Zu wenig für eine vernünftige Vorschau. Nun bin ich aber schlauer: Dieser Modus soll genauso groß werden wie der Singleplayer und die Versus-Gefechte.
In der Beispielmission Breach & Clear gilt es, ein bestimmtes Areal zu betreten und es von Feinden zu säubern. Wer sich noch an den Miles High Club am Ende des Vorgängers erinnert, kann sich in etwa vorstellen, was ihn erwartet. Je nach Schwierigkeitsgrad wirft das Programm euch immer mehr und vor allem stärkere Kräfte entgegen. Eure Zeit wird dann aufgezeichnet und in eine Online-Rangliste eingetragen. Bei seiner Erklärung, warum das Spiel nur zwei Spieler unterstützt, lieferte er gleich einen Hinweis auf eine weitere Spec-Ops-Mission.
Ursprünglich bestand dieser Modus nur aus Sniper-&-Spotter-Missionen. Gemeinsam mit einem Freund sorgte man hier für Chaos unter den feindlichen Truppen. Ein Spieler markierte die Ziele, der andere beförderte Offiziere und Spezialwaffenteams per Scharfschützengewehr über den Jordan – wetten wir, dass diese Mission noch Teil des Spec-Ops-Modus ist?
Die besondere Dynamik, die dabei entstand, überzeugte Infinity Ward davon, dass Koop am besten mit einem Kumpel funktioniert. Mir persönlich wären zwar vier Spieler lieber gewesen, doch angesichts der enormen Größe des Komplettpaketes (Kampagne, Versus-Multiplayer und Koop-Modus) erscheint einem diese Kritik fast etwas lächerlich.
Im ersten Moment war ich doch leicht enttäuscht. Nach den bahnbrechenden Neuerungen des ersten Modern Warfare steht diesmal „nur“ die Evolution des Multiplayer-Spielprinzips auf dem Programm. Nach den Maßstäben von Infinity Ward eigentlich zu wenig. Trotzdem wird die Mischung aus sinnvollen Neuerungen und dem immer noch erstklassigen Grundgerüst den Titel mit aller Wahrscheinlichkeit erneut an die Spitze der Multiplayer-Charts befördern. Denn unterm Strich bietet Modern Warfare 2 2009 eindeutig das beste Multiplayer-Gesamtpaket.
Meine Wenigkeit freut sich vor allem auf den frischen Demolition-Modus, der abseits vom Team-Deathmatch-Chaos deutlich mehr Taktik erfordert. Die Unterschiede zu Search & Destroy sind zwar nicht gerade gewaltig, doch das schnelle Gameplay und das Respawnen während einer Runde nimmt diesem Modus etwas die Härte, macht ihn massenkompatibler. Die eigentliche Faszination von Modern Warfare 2 dürfte aber die Kombination aus Versus-Multiplayer, Spec-Ops-Koop-Modus und der diesmal etwas umfangreicheren Kampagne sein. Wenn alles gut geht, wird noch 2011 Infinitys Wards neustes Meisterwerk das Maß aller Dinge sein. Beeindruckend.
Call of Duty: Modern Warfare 2 erscheint am 13. November für Xbox 360, PS3 und PC.





