Gesamtwertung5/10 |
Sinking Island ist ein Lehrstück in Sachen Gamedesign. Ein Lehrstück dafür, wie man ein eigentlich ganz ordentliches Spiel mit einem einzigen Fehler regelrecht zerstört. Noch dazu mit einem Fehler, den man so unglaublich einfach hätte vermeiden können, dass es für die Entwickler noch nicht einmal zusätzliche Arbeit bedeutet hätte. Im Gegenteil. Aber vielleicht war genau das der Grund, warum man diesen Fehler begangen hat.
Später mehr dazu, es gibt schon genug schlechte Nachrichten, also fangen wir lieber mit den guten an: Der exzentrische Milliardär Walter Jones ist tot. Okay, das war jetzt missverständlich, aber so beginnt nun einmal die Geschichte des neuesten Adventures von Benoît Sokal - dem Schöpfer von Titeln wie Amerzone, Syberia und Paradise.
Dummerweise ist Walter allerdings nicht friedlich in seinem Bett gestorben, sondern von einer Klippe gestürzt. Und zwar von einer Klippe auf einer kleinen, tropischen Insel, auf der er gerade erst ein Hotel im Art-Déco-Stil hatte errichten lassen, das wie eine Mischung aus Kathedrale und mittelalterlicher Festung aussieht. Wenig einladend also und das Wetter trägt seinen Teil dazu bei, tobt doch ein fürchterlicher Sturm über der Insel, der sie letztlich gar im Meer zu versenken droht. Ich hoffe, das war kein Spoiler.
Trotz dieser ungünstigen Vorzeichen muss Polizei-Inspektor Jack Norm natürlich seiner Arbeit nachgehen und den Tod von Mr. Jones untersuchen. Praktischerweise befinden sich bei seiner Ankunft noch alle zehn Tatverdächtigen auf der Insel und kommen angesichts des Wetters dort auch so schnell nicht weg.
Ebenso praktisch, dass selbstredend jeder ein Motiv hat: Von dem spielsüchtigen Enkel, über den zwielichtigen Anwalt bis hin zu einem Ureinwohner und dessen Tochter, die seit einem gemeinsamen Unfall mit dem Opfer kein Wort mehr spricht. Was wirklich passiert ist, lässt sich also nur mit Hilfe ganz klassischer Detektivarbeit herausfinden. In der Rolle von Inspektor Jack sucht Ihr nach Spuren und Indizien, befragt in erster Linie aber einfach sämtliche Verdächtige ein ums andere Mal, bis sich etwas Neues ergibt.
Typische Adventure-Rätsel, bei denen Ihr beispielsweise Gegenstände kombinieren müsst, gibt es so gut wie gar nicht; Euer Inventar ist überwiegend kaum gefüllt. Dennoch müsst Ihr Eure grauen Zellen hin und wieder gewaltig anstrengen, denn das Spiel ist in mehrere kleine Abschnitte unterteilt, über denen jeweils eine große Frage steht.
"Was war die Tatwaffe?" oder "Was waren die Gründe für den Tod des Opfers?" etwa. Eine sehr geschickte Unterteilung, um ein wenig Struktur ins Spiel zu bringen, da Ihr Insel und Hotel von Beginn an doch nahezu vollkommen frei begehen könnt.
Viel wichtiger ist jedoch, dass dabei ein wirklich gelungenes "Ermittlertool" zum Einsatz kommt, das Euch Spuren miteinander vergleichen lässt und Euch über Fortschritte auf dem Laufenden hält. Denn jede Frage will selbstverständlich mit Beweisen und Zeugenaussagen beantwortet werden.
Auch sehr schön ist, dass die zehn Verdächtigen ein kleines Eigenleben führen, nicht stundenlang auf der gleichen Stelle hocken und sogar unterschiedlichen Beschäftigungen nachgehen. Mal trefft Ihr sie bei der Arbeit, mal beim Essen, mal bei einer netten Unterhaltung. Gesprochen wird ohnehin sehr viel, könnt Ihr doch mit jedem Charakter über wirklich alles und jeden quatschen - vieles davon überflüssig. Das Wichtige von dem Belanglosen zu trennen, ist anhand der Fragen allerdings leider nicht gerade einfach.
Doch die meiste Zeit werdet Ihr in Sinking Island nicht mit Gesprächen oder Ermittlungen verbringen, sondern mit etwas ganz anderem: Dem Herumlaufen. Sowohl Hotel als auch Insel sind in unzählige kleine Hintergrundbilder unterteilt, auf denen überwiegend ziemlich genau nichts existiert. Es gibt schon etwas zu sehen, klar, aber nichts zu tun, nicht einmal etwas zum Anklicken.
So lauft Ihr teilweise wirklich minutenlang durch die Leere, ohne etwas machen zu dürfen oder auch nur eine einzige Menschenseele zu sehen. Denn bei einem Bildschirm mal schnell zum Ausgang zu springen, erlaubt Euch das Spiel nicht, und selbst wenn Jack rennt, vergeht immer noch eine halbe Ewigkeit.
Warum das so ist, kann ich nur mutmaßen. Möglicherweise soll es der Atmosphäre dienen, die Einsamkeit der Insel und die Kühle des riesigen Steinklotzes, der sich Hotel nennt, unterstreichen. Oder die Entwickler wollten einfach all diese schönen Hintergrundbilder im Spiel sehen, die sie so mühevoll gerendert hatten. Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass diese unerträglichen Laufwege für mich das Spiel zerstören. Ich habe einfach keine Lust, zig Mal die gleichen leeren Umgebungen zu beglotzen, während Jack müde zum Ausgang trabt.
Und es kann einfach nicht sein, dass ein Adventure im Jahre 2007 noch immer diesen Fehler macht und dem Spieler nicht einmal anbietet, zumindest sofort zum nächsten Abschnitt weiterzugehen. Vor allem, wo genau das doch schon bei Syberia seinerzeit heftig kritisiert wurde.
Sinking Island könnte ein ganz netter Krimi sein - die Story ist halbwegs spannend, die Charaktere sind mittelmäßig interessant, das Ermittlertool ist sogar gut -, aber zumindest mich hat bei diesem unglaublich trägen Spielablauf die Lust schnell verlassen. Und als sich die Laufwege (bedingt durch den Untergang der Insel) schließlich zumindest ein klein wenig in Grenzen hielten, war es schon zu spät. Diese Insel lasse ich gerne versinken.