Gesamtwertung5/10 |
Im Prinzip kann ich mich den vernichtenden Kritiken der amerikanischen Journalisten nur anschließen. Die Steuerung von Lair ist eine echte Katastrophe. Ohne Analogstick-Alternative fliegt sich der Drache mit der SIXAXIS-Kontrolle wie eine flügellahme Ente. Ohne Fadenkreuz, mit schwer nach zu vollziehendem Auto-Aiming und dem miesesten Lock-On-System der Spielegeschichte wird die Auswahl des richtigen Gegners zur Glückssache. Und ohne Radar verwandelt sich die Suche nach dem nächsten Missionsziel in eine Odyssee, an deren Ende nur das Game Over wartet. Also eine 3/10 drunter geklatscht und gut ist die Sache.
Doch kann man es sich wirklich so einfach machen? Ja, das Spiel hat enorme Probleme und scheitert vor allem an der überzogenen Erwartungshaltung der Sony-Gemeinde. Lair ist nun mal nicht der System-Seller, den alle erwartet haben. Aber ist es am Ende wirklich so ein mieses Spiel? Ganz unvoreingenommen habe ich mir den Drachen-Flugsimulator vorgeknüpft und mich auf einen wilden Ritt eingelassen, der letztlich zu einem überraschenden Ergebnis führt.
Lair ist nicht irgendein Spiel. Es ist das Produkt einer renommierten deutschen Firma, die schon zu guten, alten Amiga-Zeiten mit Titeln wie Turrican Spielegeschichte geschrieben hat. Auch auf dem Gamecube gelang es Factor 5, sich mit gelungenen Star Wars-Umsetzungen einen Namen zu machen.
Die Titel waren zwar alle nicht sonderlich innovativ, jedoch lieferten sie - wie die Vorlage - ein wunderhübsches Action-Märchen ab, das neben einer herausragenden Technik auch viele spaßige Weltraumkämpfe zu bieten hatte. Dann kam der Wechsel. Schon kurz nach der Ankündigung der Playstation 3 machten erste Bilder zu Lair die Runde. Ein detaillierter und beeindruckender Drache samt Reiter ließ Fantasy-Träume wahr werden.
Mit der Kraft der High-End-Konsole und der Kreativität der Entwickler schien alles möglich zu sein. Echte Next-Generation-Grafik, gigantische Spielfelder und die damals noch begeistert aufgenommene Steuerungstechnik sollten ein echtes Spektakel auf den Bildschirm zaubern, das alles andere alt aussehen lassen würde.
Wie so oft sieht die Realität leider anders aus. Factor 5 ließ sich von der Euphorie übermannen und setzte ganz auf die neue Technik. Damit begaben sie sich leider auf einen Holzweg, der nur in den Abgrund führen konnte.
Dabei sind die Voraussetzungen gar nicht mal so schlecht. Die Hintergrundgeschichte rund um zwei verfeindete Nationen und eine Spezialeinheit von Drachen-Reitern ist zwar kein großes Fantasy-Kino, dennoch wird die Story dank schicker Zwischensequenzen und einigermaßen sinnvoller Dialoge recht ansprechend präsentiert. Der Held der Geschichte ist ein stolzer, aber auch recht naiver Reiter, der ohne nachzudenken Schlacht um Schlacht für das eigene Vaterland kämpft. Gemeinsam mit seinem Drachen muss er Intrigen, Rückschläge und Niederlagen überstehen. Wie so oft wächst er daran und erkennt, dass man die Welt nicht einfach in Gut und Böse einteilen kann.
So weit, so üblich. Trotzdem bietet Lair damit genau das, was sich die meisten Fantasy-Fans nun mal wünschen. Auch bei der Präsentation und der Optik hat sich Factor 5 keinen Fehler erlaubt. Neben den erwähnten Zwischensequenzen begeistert die Welt von Lair mit grandiosen Szenarien, perfekten Animationen und einem außergewöhnlichen Design.
Wer zum ersten Mal mit seinem treuen Gefährten über ein bewegtes Meer geflogen ist, wird sich der epischen Atmosphäre kaum entziehen können. Das Spiel sieht einfach prächtig aus, auch wenn nicht alle Details perfekt gelöst wurden. Gerade die Bodentruppen, die als Kulisse und Energieanzeige für viele Missionen herhalten müssen, werden sehr lieblos präsentiert. Schwach animiert stolpern sie auf dem Boden herum und sorgen speziell nach der Landung für mitleidige Blicke.
Über weite Strecken fällt dieses Manko kaum ins Gewicht, weil man die meiste Zeit wie im guten, alten Rogue Squadron mit seinem geschuppten Freund in der Luft unterwegs ist. Das Spiel ist im Grunde ein Action-Flugsimulator bei dem die Flugzeuge beziehungsweise Raumschiffe durch Drachen ersetzt wurden. Im Laufe des Spiels müsst Ihr mit Eurem Drachen Angriffe abwehren, Konvois beschützen und Eure Fußsoldaten unterstützen. Alles schon mal da gewesen, nur eben diesmal in einer gigantischen Fantasy-Welt.
Um das Fabelwesen zu steuern, neigt Ihr den PS3 Controller in die entsprechende Richtung. Zum „Beschleunigen“ hämmert Ihr per Knopfdruck dem Drachen Eure Keule in die Lenden. Für eine Sturzflug drückt Ihr das Pad nach vorne und zum Umdrehen reißt Ihr es an Euch. Eigentlich eine recht simple Steuerung, doch da zusätzlich noch jede weitere Taste belegt wurde und Ihr nach einer Landung doch wieder zu den Analogsticks greifen müsst, verlieren sich selbst geduldige Zeitgenossen in der Komplexität.
In den ersten Missionen bekommt man die Grundlagen der Bedienung näher gebracht – zumindest theoretisch. Leider sind die Erklärungen dürftig und die angezeigten Tipps viel zu kurz zu sehen. Recht planlos schlägt man sich also durch die ersten Level und hat eigentlich nie das Gefühl, das tierische „Fluggefährt“ richtig im Griff zu haben.
Mal ganz abgesehen von der Ungenauigkeit der Neigungssensoren, die mehr ein Gleiten als harte Flugmanöver ermöglicht, wirkt das Spiel von den eigenen Möglichkeiten überfordert. Angetrieben von dem irrwitzigen Glauben, dass ein Radar die Atmosphäre zerstören würde, gibt es ein recht mageres Pfeilsystem, das mehr verwirrt, als bei der Orientierung hilft. Wenn man zum Beispiel einen Konvoi von Lasten-“Flugwesen“ beschützen muss, wird zwar brav deren Verbleib angezeigt, doch von wo die Angreifer herkommen und welcher davon am gefährlichsten ist, kann man nur durch Try-an-Error herausfinden.
Unterstützt durch ein mageres Aufschalten von Zielen, verliert man sich oft in unnützen Kämpfen mit anderen Drachenreitern. Da man die Ziele nicht wechseln kann, macht es mehr Sinn, den Gegner schnell aus zu schalten, als sich wirklich taktisch die dicksten Brocken heraus zu fischen.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Reichweite der Zielaufschaltung lächerlich gering ist. Selbst wenn man die entscheidenden Gegner ausgemacht hat, muss man erst viel zu nahe heran kommen, um sie auch wirklich ins Visier zu nehmen.
Die eigentlichen Kämpfe laufen dabei recht unterschiedlich ab. Einfache Gegner werden per Flammenstoß aus der Luft geholt, Anführer auf starken Drachen muss man in einen Zweikampf verwickeln, der fast wie ein Street Fighter-Match ausgetragen wird. Feueratem, Block, Schlage und Biss wechseln sich in schneller Folge ab, bis ein Drache den Kürzeren zieht. Alternativ kann man per Quicktime-Event den gegnerischen Reiter aus dem Sattel werfen. Nett gemacht, aber für das Gameplay absolut überflüssig.
Zu guter Letzt kann man auch landen und dort das Fußvolk aufmischen. Leider steuert sich auch dieser Abschnitt eher bescheiden und man bleibt besser in der Luft, um nicht vor Wut das Joypad aus dem Fenster zu werfen. Immerhin bietet Lair bei den Missionen einiges an Abwechslung.
Neben den erwähnten Klassikern gilt es auch mal eine Stadt zu bombardieren, einen Endgegner zu besiegen oder vor einer wilden Insektenmeute zu fliehen. Die Missionsstrukturen sind zwar nicht immer perfekt gelöst, doch sie Erfüllen ihren Zweck. Der Titel leistet sich hier keine groben Fehler und überrascht sogar mit ein paar frischen Ideen.
Doch es ist nicht dieses kleine Trostpflaster, das aus Lair keinen Totalausfall macht. Denn hat man sich erst einmal mit der Steuerung abgefunden und das System dahinter erkannt, beginnt man das Spiel wieder zu genießen. Gerade das majestätische Gefühl, einen gigantischen Drachen zu reiten und die wirklich einmaligen 3D-Gemälde der Grafiker, verwandeln so manche Mission in einen einmaligen Moment. Wenn sich der erste Frust gelegt hat und Ihr wieder der Geschichte lauscht, gelingt es Lair am Ende, wieder so etwas wie Spielspaß zu produzieren. Das ist natürlich meilenweit von der angeregten Erwartungen entfernt, aber eben nicht ganz so furchtbar, wie es im ersten Moment aussieht.
Wie bewertet man solch eine herbe Enttäuschung, die von der Kritikergemeinde regelrecht in der Luft zerrissen wurde? Im ersten Moment will man ganz tief in die Wertungskiste greifen. Schließlich hat Factor 5 einen Mythos zu Grabe getragen und einen der Weihnachtshits 2007 gegen die Wand gefahren. Doch nach dem sich die Wut im Bauch gelegt hat, offenbart Lair ein paar eindrucksvolle Szenarien, die auch nach dem Durchspielen in Erinnerung bleiben werden.
Wer bereit ist, sich mit der miserablen Steuerung und dem unverständlichen Navigationssystem abzufinden, bekommt letzten Endes ein episches Fantasy-Spektakel geboten, das die Wünsche der eingeschworenen Fangemeinde befriedigen dürfte. Mittels schicker Grafik und einem herausragenden Design zaubert Lair wahrhaft ein Feuerwerk auf den Fernseher, das zwar hier und da einige Detailmängel aufweist, aber dennoch eine phantastische Atmosphäre transportiert. Damit ist Lair zwar immer noch eine große Enttäuschung, aber ganz sicher nicht so katastrophal, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Drachenfreunde können sich den 24. Oktober anstreichen. Dann erscheint das zwiespältige Fantasyspektakel auch in Deutschland. Was uns nicht tötet, härtet uns ab.