Gesamtwertung6/10 |
Es gibt immer wieder mal Spiele, die wesentlich besser sein könnten, wenn man den Machern nur einen oder zwei Monate mehr Zeit für das Feintuning gegeben hätte. Das Action-Rollenspiel Rise of the Argonauts, von den erfahrenen Strategie-Veteranen rund um Ed Del Castillo (Command & Conquer), ist ein gutes Beispiel dafür. Es sind vor allem viele kleine Detailfehler, die diesen einstmals viel versprechenden Titel schlechter dastehen lassen, als er hätte sein können.
Dass Rise of the Argonauts keine topmoderne Grafik aufweist, hier und da matschige Texturen erstrahlen lässt, an einigen Stellen Schwierigkeiten mit der Kamera macht und insbesondere die unwichtigen Nebencharaktere eher schwach darstellt, kann man trotz Unreal Engine 3 mitunter verschmerzen. Kleinere Slowdowns oder Clipping-Fehler sollten hingegen nicht vorkommen. Speziell hier hätte mehr Zeit vermutlich Abhilfe geschafft. Davon abgesehen bewegt sich die Optik im durchschnittlichen Bereich, wobei hin und wieder mal Ausschläge nach oben zu verzeichnen sind, da einige Schauplätze wirklich schick gestaltet sind und stimmungsvoll auf den Bildschirm gezaubert werden. Und die PlayStation 3 hat im Vergleich zur Xbox 360 zusätzlich mit blasseren Farben und Aliasing zu kämpfen.
Was aber bei der Synchronisation schiefgelaufen ist, wissen wohl nur die Macher selbst. Auf die eine oder andere unpassende Stimme stößt man zumeist in jedem Spiel, da stellt auch Rise of the Argonauts keine Ausnahme dar. Wohl aber in Bezug auf die Qualität. In 95 Prozent der Fälle hören sich die Sprecher so an, als hätte man das Ganze in denkbar schlechtester Qualität aufgezeichnet. Verrauscht, mit Lisplern untersetzt, nuschelnd. Im Grunde könnte man meinen, man hätte es mit einem Film aus den 80er Jahren auf VHS zu tun.
Andererseits muss das jedoch irgendein technischer Fehler sein, da manche Satzfetzen, eben die restlichen 5 Prozent, urplötzlich in glasklarem Ton aus den Boxen erschallen. Einen weiteren Fauxpas leistete man sich bei der Lippensynchronität in den vorgerenderten Zwischensequenzen. Teils bewegen die Charaktere noch ihren Mund, während das Gespräch bereits längst ein Ende gefunden hat. Teils erklingen Unterhaltungen, die Figuren weigern sich jedoch strikt, diesen mit entsprechender Lippenaktion ihrerseits zu folgen. Die in größerer Anzahl vorkommenden Ingame-Dialoge laufen indes so gut wie einwandfrei ab. Dabei sind die Grundvoraussetzungen des Spiels eigentlich gar nicht so schlecht. Mit der Geschichte um Jason und seine Argonauten hat man sich immerhin ein recht unverbrauchtes Szenario ausgesucht und schick in Szene gesetzt. Zu Beginn wird man Zeuge eines Attentats auf Prinzessin Alkmene, die diesem am Tag ihrer Hochzeit mit König Jason zum Opfer fällt. Da er den Verlust seiner Jugendliebe nicht akzeptieren will, macht er sich auf die Suche nach dem Goldenen Vlies, um seine Herzensdame zurück ins Leben zu holen.
Anfangs mag die Geschichte ein wenig langsam ins Rollen kommen, doch später entfaltet sie ihr volles Potential, bietet abwechslungsreiche Aufgaben, mal stille, mal hektische, mal actionreiche Momente. Entwickler Liquid Entertainment ließ sich in Bezug auf die Story zahlreiche Freiheiten, weswegen man von der ursprünglichen Sage in vielen Punkten abweicht. Hat man damit kein Problem, darf man sich auf eine spannende Geschichte und allerlei Kreaturen, Schauplätze und Helden aus der griechischen Mythologie freuen.
Besagte Helden rekrutiert man auf seiner Reise nach und nach für die eigene Crew. Wirklich auswählen darf man seine Begleiter für die Einsätze leider eher selten. Und wenn, dann meist nur einen von ihnen, da der andere bereits vorgegeben ist. Herkules erweist sich geschichtsgerecht zum Beispiel als großer Muskelprotz und zerlegt Feinde mit bloßen Händen.
Achilles, dessen erste Frage vor dem Betreten der Argo lautet, ob Huren an Bord zugegen sind, kann dafür wie ein Profi mit seinem Speer umgehen. Und Atalante ist wohl die beste Bogenschützin, die einem in Griechenland und Umgebung über den Weg läuft. Die KI-Begleiter kämpfen in den Scharmützeln übrigens automatisch und können nicht per Befehl herumkommandiert werden. Erfreulicherweise reagieren sie dabei zuverlässig.
Stellenweise erinnert Rise of the Argonauts frappierend an BioWares Mass Effect. Besonders das Dialogsystem weckt Erinnerungen, da man sich während der Gespräche hin und wieder am unteren Bildschirmrand zwischen verschiedenen Punkten entscheiden kann, indem man den Stick im Kreis dreht und die gewünschte Reaktion auswählt. Je nach Reaktion, die den vier Göttern Ares, Apollo, Hermes und Athene gewidmet ist und anhand eines Symbols zuzuordnen sind, reagiert Jason dann anders. Wählt man beispielsweise die eher brachiale Vorgehensweise von Ares, kann es durchaus vorkommen, dass Jasons Faust urplötzlich im Gesicht seines Gegenübers landet.
Des Weiteren steigert man dadurch seine Gunst bei dem jeweiligen Gott. Wesentlich effektiver ist es allerdings, wenn man absolvierte Haupt- und Nebenaufgaben oder spezielle Errungenschaften, wie etwa 30 getötete Gegner, im zugehörigen Menü quasi nachträglich einem Gott widmet. Je öfter man das tut, desto mehr passive Boni und aktive Götterkräfte, die im Gefecht aktiviert werden müssen, kann man freischalten. Wer im Kampf auf Stärke setzen will, wird natürlich mit Ares glücklich. Apollo liefert im Gegensatz dazu schützende Fähigkeiten, darunter einen Heilungszauber. Je nach Lust und Laune stellt man sich somit seine eigene Kombination zusammen. Alle Fertigkeiten wird man aber niemals gleichzeitig freischalten können, die Auswahl sollte also wohl durchdacht sein. Ein klassisches System inklusive Erfahrungspunkten und Levelaufstieg ist nicht vorhanden.
Die dadurch verdienten Kräfte sorgen für ein wenig Variation im ansonsten simpel gehaltenen und leicht verständlichen Kampfsystem. Rise of the Argonauts hält sich nicht großartig mit taktischen Gefechten auf. Prinzipiell reicht es, wenn man sich einfach mitten ins Getümmel stürzt, fleißig die Taste fürs Blocken gedrückt hält und selbst zuschlägt. Dazu stehen wiederum drei Waffen zur Verfügung: Schwert, Streitkolben und Speer. Jede davon verfügt über ihre eigenen Vor- und Nachteile. Mit dem Schwert haut Jason äußerst schnell zu, macht aber vergleichsweise wenig Schaden. Wesentlich effektiver ist logischerweise der Streitkolben. Er zertrümmert schnell feindliche Schilde und haut dann die Gegner zu Brei.
Obendrein hat man verschiedene Attacken anzubieten. Mit dem Standardangriff wird lediglich ein einfacher Schlag ausgeführt. Tötungsangriffe sind langsamer, aber wesentlich effektiver. Und je nach ausgerüsteter Waffe können sie einen Kontrahenten zerteilen, aufspießen oder ihm den Kopf abschlagen – alles mit nicht zu knappen Blutspritzern inszeniert.
Diese Finisher werden stets für kurze Zeit in Slowmotion dargestellt, was auf Dauer allerdings ein wenig nervig sein kann. Insbesondere, wenn man es bei jedem einzelnen Gegner so macht. Weniger wäre hier mehr gewesen. Im Spielverlauf lernt man anschließend auch noch die eine oder andere Spezialattacke dazu, wodurch Jason etwa seinen Speer in ein tödliches Wurfgeschoss verwandelt.
Generell gesehen bereitet das System aufgrund seiner Einfachheit viel Freude, wird mit der Zeit aber etwas repetativ. Solltet Ihr übrigens gerne haufenweise Items sammeln, um unter Hunderten von Gegenständen die beste Waffe oder die beste Rüstung zu finden, seid Ihr bei Rise of the Argonauts am falschen Ort. Erstens gibt es kein richtiges Inventar im klassischen Sinne und damit keinen Handel. Zweitens erhält man lediglich an vorgegebenen Stellen neues Equipment, das man dann gegen vorhandene Teile austauscht – oder auch nicht. Bereits gesammelte Belohnungen lassen sich anschließend nur auf der Argo, Jasons pfeilschnellem Schiff, nach Belieben anlegen.
Neben diesem minimalistischen Inventar sorgt auch die Karte nicht gerade für Freudensprünge. Auf eine fehlende Minimap auf dem Bildschirm kann man im Prinzip verzichten, aber wenn die große Karte erst umständlich über das Startmenü aufgerufen werden muss, vergeht mit jedem Aufruf einfach nur unnötig Zeit.
Und selbst hier hätte man gerne noch etwas mehr Arbeit reinstecken können. Es bleibt Euch lediglich die feste Ansicht von oben, ohne Zoom. Wenigstens darf man zwischen den einzelnen, derzeit aktiven Aufgaben durchschalten und sich die Zielorte ansehen, sofern diese vorhanden sind. Das war es dann aber schon in Sachen Interaktivität.
Letztlich bleibt ein fader Beigeschmack zurück, wenn man Rise of the Argonauts spielt. Und es stellt sich mir die Frage, warum man das Spiel noch schnell vor Weihnachten auf den Markt werfen musste? In Großbritannien erscheint es zum Beispiel erst im Februar. In der Zeit hätte man sich vieler der Probleme noch annehmen können. Im jetzigen Zustand erweckt der Titel leider den Eindruck eines unfertigen Produkts, das dem eigenen Anspruch auf unglückliche Art und Weise nicht gerecht wird.
In der Summe sind diese Fehler durchaus ärgerlich, allerdings macht das Gameplay mit seinen blutigen, schnellen Kämpfen hinter der bröckelnden Fassade dennoch Spaß. Das Szenario wurde wirklich gut ausgewählt, sehr durchdacht zum Leben erweckt und in eine spannende Geschichte verpackt. Wer etwas Abwechslung zum üblichen Szenario-Einheitsbrei gebrauchen kann, wird hier fündig. Ich werde Rise of the Argonauts jedenfalls gerne nochmal in Angriff nehmen, wenn Codemasters die Tonprobleme per Patch in den Griff bekommt.
Rise of the Argonauts ist für PC, Xbox 360 und PlayStation 3 zu haben.
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