Gesamtwertung9/10 |
Anmerkung: Ab sofort steht Euch auch unsere umfangreiche Komplettlösung von GTA: Chinatown Wars (eurogamer.de)zur Verfügung.
So beeindruckend die PSP-GTAs auch waren, sie hatten trotzdem ein Problem, das viele Handheld-Umsetzungen haben: Seit die Portablen 3D „können“, wollen die Entwickler bei Spielen keine Kompromisse mehr eingehen. Sie versuchen, die Westentaschenumsetzungen genauso aussehen und funktionieren zu lassen, wie die große Vorlage. Das ist nur verständlich, je mehr ihnen das aber gelingt, je näher das Resultat dem angepeilten Ideal kommt, desto deutlicher werden auch die Unterschiede.
Hört man sich ein bisschen um, bezeichnet fast jeder Spieler Liberty City Stories und Vice City Stories als „fast so hübsch“ oder „fast so gut“ wie auf eine der großen Versionen. Die Einschränkung „fast“ steht aber nicht ohne Grund dort. Diese Sorte Schrumpfkur kann das Original nämlich niemals übertreffen, weil sie nur ein Abriss davon ist, ein Lückenfüller, bis die S-Bahn hält. Die praktische Light-Ausführung für unterwegs, für sich genommen aber ein nicht ganz so gutes und komplettes Spiel.
Damit der Spieler diese „Spaß-Kompromisse“ nicht erst eingehen muss, ist es wichtig, dass die Entwickler schon in der Herstellung Kompromisse machen. Und Rockstar Leeds hat mit Chinatown Wars genau die richtigen gefunden. Anstatt ein GTA sklavisch in einen exponentiell kleineren Bildschirm zu quetschen, haben sie diesmal den Geist und das Feeling der Vorlage perfekt eingefangen, aus Hardware-Nöten Tugenden gemacht und gerade wegen der Unterschiede zum vierten Teil ein Grand Theft Auto gebaut, das jedem Spaß-Vergleich standhält.
Chinatown Wars spielt wie auch GTA IV in Liberty City. Allerdings in einem Liberty City, das Rockstar Leeds kurzerhand um die „New Jerey-Insel“ Alderney beschnitt. Geblieben sind Algonquin (Manhattan) im Westen und Bohan (Bronx) im Nordosten. Dukes (Queens) und Broker (Brooklyn) teilen sich wie gehabt Firefly Island im Osten. Die größte Veränderung liegt natürlich im neuen Grafikstil: Ganz wie zu Serien-Urzeiten treibt man seine schmutzigen Geschäfte aus der Vogelperspektive, während kräftige Farben und schwarze Umrisse um Charaktere, Fahrzeuge und sämtliche Umgebungsdetails dafür sorgen, dass der Look voll und ganz den cool stilisierten Comic-Artworks entspricht, die seit dem dritten Teil Cover, Poster und jegliche Werbung von Grand Theft Auto definieren.
Ebenso GTA-typisch ist die klassische Underdog-Geschichte. Der Spieler ist Huang, der Abkömmling eines Triaden-Bosses, der kürzlich in Liberty City verstorben ist. Als Nobody ohne einen Cent in der Tasche kommt er in das Land und muss ein zeremonielles Schwert wieder auftreiben, das für den Fortbestand des Clans von größter Wichtigkeit ist. Im Vorbeigehen mischt man dabei die Unterwelt ordentlich auf und verdient sich mit Drogenhandel den einen oder anderen Tausender dazu.
Im Gegensatz zu Niko Bellics eher düsterem Crime-Drama spielt die Hintergrundgeschichte aber eine weit weniger prominente Rolle. Eure Auftraggeber werden während der Standbild-Zwischensequenzen durch wenige Schimpfwort-durchtränkte Text-Dialoge charakterisiert und sind tendenziell deutlich durchgeknallter als auf Xbox, 360, PS3 und PC. Selbst die sozialen Interaktionen, wie Dates und Sauftouren, wurden komplett gestrichen – keine Ricky Gervais-Standup-Show diesmal, sorry!
Aber das ist auch überhaupt nicht schlimm, denn wie eingangs erwähnt, will sich Chinatown Wars nicht einem Vorbild annähern. Es will sein eigenes Spiel sein. Und das gelingt ihm ganz ausgezeichnet. Trotzdem ist es unstrittig ein echtes Grand Theft Auto, was nicht nur daran liegt, dass man im großen Stil Autos klaut. Es liegt daran, dass sich auch dieses Liberty City, trotz der neuen, alten von-oben-Ansicht wieder ganz entschieden dreidimensional anfühlt. Ein echter, unechter Ort auf zwei Mal siebeneinhalb Zentimetern Diagonale.
Und das ist vermutlich der größte Verdienst des Spiels. Alle Autos, Lastwagen Motorräder, Feuerwehrwagen oder Panzer haben voll ausmodellierte 3D-Karosserien und eine Physik, die ein exzellentes Gefühl von Gewicht und Straßenlage vermittelt. Sie malen mit ihren Reifen schwarze Donuts auf den Untergrund, kegeln Container und Straßenlaternen aus dem Weg, entleeren Zeitungsstände in alle Windrichtungen. Können abheben, sich überschlagen und schmettern leichtere Fahrzeuge in bester Alarm für Cobra 11-Manier als Feuerball in den dritten Stock eines Hochhauses.
Wolkenkratzer, Hochbahn-Schienen oder der Torbogen am Outlook Park ragen majestätisch – und zum Teil beim Durchfahren transparent – in den Bildschirm hinein und die Masse an physikalisch erstaunlich ansprechend simulierten Details geben Liberty City auf dem DS dasselbe Gefühl einer lebendigen Stadt. Auch auf dem Handheld erlebt man Tag und Nachtwechsel, nahtlose Wetterübergänge, samt Regenschirm-bewehrten oder vor Niederschlag flüchtenden Passanten und ganz allgemein das so typische wuselige Treiben der virtuellen Metropole.
Natürlich kommt ohne die Schulterperspektive nie dieses Gefühl des virtuellen Tourismus auf, das die 3D-GTAs so prägte. Und natürlich ist man bei der Orientierung mangels Fixpunkten am Horizont mehr denn je auf das GPS angewiesen. Doch erstens liegt der Fokus von Chinatown Wars ohnehin mehr auf arcadiger Autofahr-Action als auf dem Erkunden, und zweitens funktioniert das eingebaute Navigationssystem des PDAs dank des Touchscreens und der komfortablen Wegfindungsoptionen ganz ausgezeichnet.
Neben den überaus praktischen PDA-Funktionen, mit denen man Statistiken studiert, Emails liest, sich beim Waffen-Mailorder „Ammunation.net“ eindeckt oder seine Kontakte verwaltet, hat sich Rockstar Leeds noch einiges für den Touchscreen des DS einfallen lassen. So gibt es gleich mehrere unterschiedliche Minigames für das Kurzschließen verschieden gesicherter Autos. Entweder Ihr löst bei einem älteren Modell zuerst die Schrauben der Zündverkleidung und führt dann die Drähte zusammen. Oder Ihr hackt über den USB-Port der Alarmanlage die Wegfahrsperre mit Eurem PDA, indem Ihr rechtzeitig den eingeblendeten Code eingebt. Alles innerhalb eines Zeitlimits natürlich.
An Tankstellen füllt Ihr indes manuell leere Glasflaschen mit Benzin für Molotov-Cocktails, deren Flugbahn Ihr dann im laufenden Gefecht ebenfalls über ein kreisrundes Feld auf dem unteren Display mit dem Finger manipuliert. Die Liste der lustigen Touchscreen-Spielereien könnte man noch sehr lange weiterführen. Allerdings möchte ich einige Überraschungen nicht vorweg nehmen. Wichtig ist: Diese Spielereien wirken nie gezwungen, sind immer passend und variieren in willkommener Weise das Tempo der Kampagne, ohne den Spielfluß zu stören. Das liegt auch daran, dass fast alle Funktionen auf dem berührungsempfindlichen Display bequem auch mit dem Daumen oder Zeigefinger durchgeführt werden können und man nur selten den Stylus zur Hand nehmen muss.
Diese Touch-Intermezzi durchziehen auch viele der besseren „Fahre hierhin und vernichte diesen und jenes“- oder „Beschaff dieses oder jenes Fahrzeug“-Missionen der jüngeren GTA-Geschichte. Etwa, wenn man auf einen feindlichen Pickup springt und dessen wertvolle Ladung per Zeigefinger auf das Fahrzeug des Komplizen wirft, das Auto eines Feindes verwanzt oder eine Reihe Autobomben unter gewaltigem Zeitdruck entschärfen muss.
Neben den Story-Missionen, die für ein unterhaltsames Dutzend Stunden Spielspaß garantieren, kehren auch die Taxi-, Bürger- und Feuerwehr-Missionen zurück, einige illegale Rennen warten auf neue Bestzeiten und wer mag, darf auch Lieferwagen der Konkurrenz abfangen und nach Drogen auf den Kopf stellen. Sogar einige „Spezialaufträge featuring Kettensägen“ feiern ein Comeback und laden zur Medallienjagd ein. Das hat zwar trotz der bronzenen, silbernen und goldenen Abzeichen wenig mit dem „Olympischen Gedanken“ zu tun, trotzdem werden die meisten Spieler, nicht zuletzt wegen der Option, seine Statistiken ins Netz hochzuladen, hier etliche Stunden versenken.
Von den gewohnt motivierenden Nebenaktivitäten wird Euch anfangs aber vor allem der Handel mit den sechs bewusstseinserweiternden Substanzen Liberty Citys ordentlich beschäftigen. Mit den überall in der Stadt verstreuten Dealern tauscht Ihr einfach so Mittelchen gegen Bares oder Ihr wartet, bis Euch ein Händler per Email über einen unschlagbaren Preis bei einer gewissen Droge informiert. Zwar lässt sich auch ohne diese Tipps ein gutes Geschäft machen, wenn man die variierenden Preise und die Vorlieben der unterschiedlichen Gewerbetreibenden beachtet. Am lohnenswertesten ist es allerdings, die Drogen zu Dumpingpreisen in einem Eurer Appartements zu horten und dann kofferaumweise an einen Entzug leidenden Geschäftspartner zu verhökern.
Wer mit einem Auto voller Stoff unterwegs ist, sollte aber auf die Verkehrsregeln Acht geben. Wer verhaftet wird, der sieht zu Beginn schon mal sein komplettes Vermögen in Form von konfiszierten Drogen dauerhaft in den Besitz des Staates übergehen. Dann muss man erst einmal wieder kleinere Deals mit den günstigeren Mitteln wie Haschisch oder Valion abwickeln, bis man wieder um die exklusiveren Rauschgifte mitfeilschen kann. Dieses Risiko verleiht den exzellenten Verfolgungsjagden noch zusätzliche Spannung und Dringlichkeit.
Apropos Verfolgungsjagden: Anstatt wie im Vierer einfach nur blind einem absurd großen Fahndungsradius entkommen zu müssen, seid Ihr in Chinatown Wars nicht ganz so sehr in der Opferrolle. Verstecken ist zwar schwer, funktioniert aber weiterhin. Effektiver aber ist die aggressivere Variante. Für jeden Fahndungsstern verfolgt Euch genau ein Polizeiwagen. Um zum Beispiel einen von zwei Sternen loszuwerden, müsst Ihr zwei Polizeiwagen während der Verfolgung durch Rammen oder Abdrängen fahruntüchtig machen.
Dies ist mit Abstand die unterhaltsamste und befriedigendste Art, der Aufmerksamkeit des Gesetzes zu entfliehen, die es bislang in einem Grand Theft Auto gab. Und ich erwarte von jedem zukünftigen Teil der Reihe, dass es zumindest in Ansätzen übernommen wird. Wenn man sich in den Gegenverkehr flüchtet und die Streife in einen physikalisch korrekten Unfall verwickelt, ist die Schadenfreude einfach riesig und das Gefühl, selbst etwas für den Erfolg der Flucht getan zu haben, eine wunderbare Belohnung.
Wenn ich meckern müsste, würde ich zweifelsohne darüber wehklagen, dass der Waffeneinsatz zu Fuß nicht ganz so gut funktioniert, wie er könnte. Mit keinem der fünf Kaliber von Pistole bis Raketenwerfer funktioniert die Zielaufschaltung zuverlässig. Immer und immer wieder nimmt sie selbst im dichtesten Gang-Krieg harmlose Passanten aufs Korn und kostet dadurch wertvolle Lebensenergie. Die Top-Down-Schießereien sind damit eindeutig der chaotischste und schwächste Part des Spiels.
Und auch die Drogendealerei verliert ihren Reiz, wenn man erst einmal einen hohen fünfstelligen Betrag angehäuft hat, was bei mir bei der 20%-Marke des Spiels passierte. Da man Huang nicht personalisieren kann, warten nur einige prestigeträchtige Karossen (an die man auch ohne viel Geld kommen kann), schwerere Waffen (die nach einer Verhaftung weg sind) und mehr und mehr der identischen Verstecke auf Euch. Es wäre schön gewesen, etwas mehr mit dem ganzen Zaster anfangen zu können, außer sein Ego zu polieren. Das ist allerdings weniger ein Fehler, sondern eher ein bedauernswertes Versäumnis.
Diese zwei Dinge – und dass ich das „drahtlose Multikartenspiel“ mangels Mitspielern noch nicht testen konnte – ändern aber nichts daran, dass Chinatown Wars eines der besten DS-Spiele ist. Rockstar Leeds hat ein portables Open-World-Game geschaffen, an dem nichts "klein" oder "fast so xxx" ist und das es im positivsten Sinne so nur auf dieser Konsole geben kann. Ein unverkennbares, echtes GTA, das gerade wegen seiner Unterschiede keinen Vergleich scheuen muss und massig eigenen Charakter besitzt.
Manchmal ist ein Schritt zurück eben doch einer nach vorne. Bravo!
GTA: Chinatown Wars erscheint exklusiv für Nintendos DS am 20. März. Eine Komplettlösung zu GTA: Chinatown Wars bieten wir Euch in Kürze an.
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