Gesamtwertung9/10 |
Sportspielfans geht es oft wie Männern alternder Hollywood-Diven: Die Herzallerliebsten unterziehen sich zwar jährlich einem Facelifting. So richtig neu wirken sie dann aber trotzdem nicht. Hin und wieder werden sie gar verschlimmbessert. Dumm, dumm, dumm.
Was also tun? Die Macker in Los Angeles schnappen sich mithilfe ihres Geldes einfach eine neue Alte. Aber auch Spieler gucken nach Alternativen, wobei sich wie bei Frauen im Fall von Sportsimulationen mehrere Fragen herauskristallisieren: Welche sieht besser aus? Wie steht's um die inneren Werte? Ist eine von beiden runder, sprich: Mit welcher macht es mehr Spaß, zu spielen?
Um dieses und noch mehr für zwei aktuelle Eishockeytitel zu klären, schalten wir jetzt runter ins Eurogamer-Stadion, wo sich Favorit NHL 10 und Außenseiter NHL 2K10 das Duell des Jahres liefern. Es gilt, in mehreren Disziplinen um Käufer zu buhlen. Denn Sportspiele kann man sich nicht schöntrinken.
Menüführung
Wenn der erste Eindruck entscheidend ist, dann gute Nacht. Denn wirklich übersichtlich mag keine der beiden Benutzeroberfläche sein. Die von NHL 10 ist farbenprächtiger und hübscher, aber wie immer verschachtelt. Kenner stört das wenig, doch eine optimale Lösung sieht anders aus. Ehrlich Leute, die Planung der Mondlandung kann kaum komplizierter gewesen sein.
Indes beleidigen die mausgrauen Menüs von NHL 2K das Auge. Es liegt natürlich auch an der geringeren Optionsvielfalt, dass dafür die Benutzerführung beim Herausforderer etwas intuitiver wirkt und ihm im Duell Not gegen Elend die 0:1-Führung beschert.
Einsteigerfreundlichkeit
Es sagt viel über unsere Gesellschaft aus, dass in Deutschland nicht alle Erwachsenen lesen können, aber jeder Dreijährige die Fußballregeln kennt. Die ersten Gehversuche mit einem Puckschubsspiel fallen Herrn Otto Durchschnitt im Vergleich zu einer Kickersimulation ungleich schwerer, umso wichtiger sind Tutorials und Trainingsmöglichkeiten. Außenseiter NHL 2K10 erklärt auf Wunsch die Funktion jedes einzelnen Gamepad-Knopfs, und zwar am praktischen Beispiel. Das beschert dem EA-Konkurrenten die 0:2-Führung.
Ligenvielfalt
NHL 10 simuliert sieben Spielklassen. Neben der nordamerikanischen National Hockey League samt ihrem Unterbau AHL unter anderem die deutsche DEL. Neu in die Simulation schaffte es die schweizerische National League, während die russische Superliga fehlt. Eine Weltmeisterschaft mit Nationalteams ist wie gewohnt möglich.
Jenen Modus bietet auch der Konkurrent. Darüber hinaus dürft ihr nur den Stanley-Cup-Gewinner ausspielen. NHL 2K10 kann hier also nicht gegen den EA-Titel anstinken und muss das 1:2 hinnehmen.
Einzelspielermodi
Die üblichen Verdächtigen wie „Freundschaftsspiel“, „Play-offs“ und „Saison“ bieten beide. Herzstück sind die „Franchise“-Modi, bei denen ihr die Geschicke eines Vereins über mehrere Jahre führt und auch als Manager und Trainer tätig seid. Neu in NHL 10 ist „Battle for the Cup“: Es geht ohne Umschweife mit der Mannschaft eurer Wahl in die Stanley-Cup-Finalserie.
Zum 2:2 gleicht der EA-Titel wegen des „Be a Pro“-Modus' aus. Es macht wie schon in NHL 09 (eurogamer.de)riesigen Spaß, sich einen Puckjäger zu schnitzen, nur diesen zu steuern und rollenspielartig hochzupäppeln. Neu: der Spielertyp „Tough Guy“. Diese kräftigen Burschen mimen Beschützer für Mannschaftskollegen. Sie sammeln unter anderem Erfahrungspunkte, wenn sie gegnerische Puckflitzer aus den Kufenschuhen brezeln, die körperlich schwächere Athleten attackieren wollen. Angeblich lassen sich Gegner auf diesem Weg sogar einschüchtern, sodass sie schlechtere Leistung bringen.
Eine weitere Neuerung im „Be a Pro“-Modus stellt das „Proposal Game“ dar. In dieser Partie messen sich zu Saisonbeginn die NHL-Frischlinge. Wer besonders gut drauf ist und so die Spielerbeobachter auf sich aufmerksam macht, verschafft sich eine bessere Ausgangsposition beim sogenannten „Draft“, der Nachwuchsrekrutierung: Ergo sind gute Clubs schärfer darauf, euch zu verpflichten.
Arcade-Charakter
Wenngleich sich sowohl NHL 10 als auch NHL 2K10 mittels Schieberegler stufenlos anpassen lassen, sodass sie als reine Spaßveranstaltung durchgehen: Das zweitgenannte Spiel liefert mehr Arcade-Flair. Auch deshalb, weil es Modi wie „Pond Hockey“ (4 gegen 4 in einer Freiluftarena) und „Mini Rink“ (2 gegen 2 auf einer Zwergeisfläche) bietet. Wer sich ähnlichen Blödsinn (positiv gemeint!) im EA-Universum wünscht, muss sich die kostenpflichtige Version 3 on 3 Arcade (eurogamer.de)herunterladen.
Meine bessere Hälfte ist ferner förmlich ausgetickert, weil sie in den Drittelpausen von NHL 2K10 sogar Eismaschine auf Zeit fahren darf. Frauen sind also doch relativ einfach zu befriedigen. Wegen des höheren Fun-Charakters geht David gegen Goliath 2:3 in Führung.
Realismus
Beide Spiele lassen sich in den Optionsmenüs auf realistischer trimmen. NHL 10 kann dies einen Tick besser. 3:3-Ausgleich! Erstmals gibt es mehrere komfortable Voreinstellungen. Im „Hardcore“-Modus bestimmt ihr sogar die Passstärke – je nachdem, wie lange ihr den Knopf gedrückt haltet. Schade ist nur, dass gewiefte Lupfer nach wie vor zu wenig ausgebaut sind. Bei NHL 2K10 klebt der Puck förmlich am Schläger, was Realismusfanatiker gar nicht gern sehen.
Spielfluss
In NHL 10 kommt es häufiger zu Abspielfehlern und Unterbrechungen, was auch an der neuen (und realitätsfördenden) „Precision Passing“-Funktion liegt. Früher genügte es, die Richtung des Passes ungefähr mit dem linken Stick anzugeben, schwupps, schon hatte der Mitspieler die schwarze Hartgummischeibe. Meistens jedenfalls.
Nun müsst ihr exakte Bewegungen ausführen, weil das Spiel die 360-Grad-Rundum-Funktion des Eingabegeräts unterstützt (abstellbar). Selbst gezielte Pässe in den freien Raum oder via Bande sind möglich. Die höhere Komplexität beim Spielaufbau sehen Profis als Vorteil, Gelegenheitsspieler eher nicht.
Eine weitere Neuerung von NHL 10 beeinträchtigt den Spielfluss aber auf jeden Fall: Es ist nett gemeint, dass es nun auch nach dem Schiedsrichterpfiff möglich ist, zu rangeln und zu stänkern. Was sich hochtrabend „Post Whistle Action“ nennt, hält letztlich nur auf oder führt zu Strafzeiten.
Das gilt auch für das von EA gehypte neue Kampfsystem in der Ich-Perspektive. Es ist hübsch anzusehen. Wettkampf-Spieler schalten es garantiert ab. NHL 2K10 präsentiert sich so fluffig leicht, es schwimmt eventuell sogar in Milch. Hier sind längere Pass-Stafetten fast an der Tagesordnung. Ihr habt auf den Rücken gebundene Arme und heißt Ray Charles, seid also blind und tot? Egal, der Puck kommt fast immer an. Das bedingt weniger Unterbrechungen und oft schönere Spielzüge, was NHL 2K10 mit 3:4 in Führung bringt.
Spielmechanik
NHL 10 sieht aus wie Eishockey, hört sich so an, spielt sich so und würde wohl sogar nach Männerschweiß riechen, gäbe es Geruchskonsolen. Wie gut die Spielmechanik funktioniert, zeigt ein kleines neues Feature, das sich „Boardplay“ nennt und Zweikämpfe an der Bande aufwertet. Damit könnt ihr gegnerische Kufencracks festnageln, den Puck sichern und gegebenenfalls mit dem Schlittschuh weiterleiten. Was nach Kleinkram klingt, entfaltet überraschend viel Tiefe.
Spieler-Balancing
Die Stärkewerte der virtuellen NHL-Profis liegen in NHL 10 (von Ausnahmen abgesehen) zwischen 70 und 90. Das Spiel nutzt die 100er-Bandbreite also kaum. Im Grunde nicht verkehrt, schließlich ist die Leistungsdichte in der stärksten Liga der Welt sehr hoch.
Werte zwischen +/- 50 und 90 in NHL 2K10 arbeiten die Stärke von Starspielern besser heraus, machen Unterschiede deutlicher. Das mag nicht so realitätsnah sein, es gibt einem aber ein gutes Gefühl, wenn man gerade mit einem Superstar durch die gegnerischen Reihen wedelt. Von mir bekommt der EA-Konkurrent den Punkt zum 4:5.
Künstliche Intelligenz
Die Spieler in NHL 10 stehen besser als im Vorjahr an der blauen Linie, machen die Räume eng, sodass euch mehr Verantwortung zukommt, wollt ihr ins gegnerische Drittel eindringen. Nach wie vor anfällig sind die Pixelbrüder selbst im höchsten von vier Schwierigkeitsgraden, wenn man über die Flügel attackiert und nach innen passt. Doch das ist im Vergleich zu NHL 2K10 jammern auf hohem Niveau.
Besonders auffällig: Die Torhüter im Pendant von EA haben sich verbessert. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich deutlich weniger „Eier“ einfangen – von Bauerntricks abgesehen. Die Keeper von NHL 2K10 sind wohl der größte spielerische Schwachpunkt, weil sie einfach insgesamt zu viele Treffer schlucken. Summa summarum bedeutet das den 5:5-Ausgleich.
Grafik und Präsentation
Beide Titel versprühen tolle Fernseh- und Stadionatmosphäre. Während der automatischen Zeitlupen nach Toren macht NHL 2K10 die bessere Figur: Die Entstehung der Treffer ist besser zu sehen. NHL 10 zeigt meist nur den letzten Pass vor dem Torerfolg. Wegen der insgesamt besseren Grafik geht das EA-Spiel trotzdem erstmals in Führung (6:5). Vor allem die Animationen geben den Ausschlag: Bei NHL 2K10 bewegen sich die Akteure auf dem Eis etwas hölzern. Das neu gestaltete Publikum von NHL 10 kommt klasse rüber.
Sound und Musik
Hier liefern sich die Konkurrenten ein enges Rennen. Tobende Fans, krachende Schlagschüsse und andere Feinheiten sorgen für Stimmung. Mir gefällt die poppigere Musik von NHL 2K10 besser (Time to Pretend von MGMT ftw!). Der Konkurrent fährt mit Papa Roach und Nickelback die größere, härtere Prominenz auf. Es mag sein, dass mich NHL 10 dennoch weniger antö(r)nt, weil ich bei den Scorpions grundsätzlich die Krätze kriege. Pur mit Abenteuerland wäre kaum schlimmer gewesen.
Letztlich kommt es aber vor allem auf die Effekte und die in beiden Fällen englischen Kommentatoren an: NHL 2K10 wirkt soundmäßig manchmal leicht überzogen und bei der Sprachausgabe hin und wieder etwas leidenschaftslos. NHL 10 erhöht auf 7:5.
Mehrspielermodi
Grundsätzlich nehmen sich die beiden Spiele im Mehrspielermodus nichts. Fast jede Variante des Soloparts lässt sich offline mit bis zu je vier Teilnehmern vor einer Konsole und online mit bis zu zwölf Eishockeyverrückten bestreiten. Doch auch hier wirkt sich aus, dass NHL 10 inhaltlich mehr bietet. „Be a Pro“ mit fünf Bekannten rockt! Und mit dem 8:5 ist die Vorentscheidung gefallen.
Langzeitmotivation
Gelegenheitsspieler haben mit NHL 2K10 lange Spaß. Eishockeyfreaks wählen besser NHL 10 – wegen der höheren Optionsvielfalt und des herausfordernderen Schwierigkeitsgrads. Meine Wenigkeit spielt es wohl mehrmals durch: Es motiviert immer wieder neu, zunächst den Stanley Cup, dann die Deutsche Meisterschaft und schließlich den WM-Titel zu holen.
Außerdem reizen Karrieren als Spielmacher, Bodyguard und Torhüter im „Be a Pro“-Modus. Und wenngleich ich es für unverschämt halte, dass man bei Spielen heutzutage für den Mehrspielpart monatlich extra 6,99 Euro latzen muss (Gold-Mitgliedschaft bei Xbox 360), komme ich wohl auch um die Teilnahme an einer Online-Liga nicht herum. NHL 10 zieht wegen der deutlich höheren Langzeitmotivation auf 9:5 davon.
Preis
NHL 10 kostet rund 60 Tacken, NHL 2K 10 lediglich faire 40 Steine. Wer also hier die Nase vorn hat, ist klar. Wenngleich das selbstverständlich nur Ergebniskosmetik zum Endstand von 9:6 darstellt.
Die NHL-2K-Fans werden mich bespucken, kreuzigen und beschimpfen (in dieser Reihenfolge), aber in dieser Saison sieht „ihr Spiel“ gegen NHL 10 kein Land. Dabei muss man im Hinterkopf behalten, dass eine Bewertung von 6 gemäß unserer Philosophie noch im guten Bereich liegt. NHL 2K10 ist wahrlich nicht übel! Es erinnert aber doch nur an die dunkle Seite der Macht: Es verführt Unerfahrene mit schnellen Erfolgen, scheint anfangs vielleicht cooler. Am Ende gewinnen aber die Guten. Außerdem ist NHL 2K10 der launige Quickie unter den Sportspielen – auf Dauer jedoch befriedigt mich nur eine lange, glückliche Beziehung. Innovation sucht ihr ohnehin mit dem Elektronenmikroskop.
Konkurrent NHL 10 bietet keine bahnbrechende Neuerung wie im vergangenen Jahr mit dem „Be a Pro“-Modus. Doch nie war ein Klugscheißerspruch so wertvoll wie heute: Kleinvieh macht auch Mist! Warum das EA-Werk keine 10/10 ist? Nun, manche mögen behaupten, dass an diesem Spiel kaum mehr etwas zu verbessern ist.
Ich aber wünsche mir für NHL 11 unter anderem die neu gegründete Kontinental Hockey League, einen Offline-Mehrspielermodus für „Be a Pro“, endlich übersichtliche Menüs, eine Managament-Variante für die DEL, einen richtigen Gesichtseditor und eine Ich-Perspektive nicht für Kämpfe, sondern während der Spiele. Jajaja, glaubt ihr nur, ich hätte jetzt komplett den Verstand verloren. Als ich vor Jahren gefordert hatte, dass ich nur einen Spieler steuern und auch in Echtzeit auf der Bank rumhocken will, haben auch alle gelacht ... und dann kam „Be a Pro“.
NHL 10:
NHL 2K10:
NHL 10 ist für Xbox 360 und PlayStation 3 erschienen. NHL 2K10 folgt am 25. September, in diesem Fall zusätzlich für die Wii.
Bei XBlaster ist die Welt, wie wir sie kennen, Vergangen- heit. Als Mechpilot kämpfst Du zur Belustigung der Menge und monatlich 10.000 € zum Spiel...
NHL 10 im Test.
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