Gesamtwertung9/10 |
Verdammte Paranoia. Es ist so selten geworden, dass die eigenen überzogenen Erwartungen erfüllt werden, dass man es gar nicht glauben mag, wenn es dann passiert. Also verbrachte ich ein paar sehr skeptische Extrastunden mit Forza 3, um doch noch den großen Knackpunkt zu finden. Irgendwo muss doch der Hänger sein, der die Spielerfahrung ruiniert, der diese augenscheinlich perfekte Rennspielwiese für alle mit Motorenröhren im Tinnitus und Benzin im Blut abwertet.
Und ja, ein paar klitzekleine, lächerlich minderwertige Macken ließen sich finden. Ein wichtiger Punkt in einem Rennspiel ist eben auch das kompromisslose Mittendrin-Gefühl. Ihr im Cockpit auf der Piste. Und die Cockpitperspektive, so gut sie sich auch lenken lässt, so nett die Interieurs den Vorbildern nachgeahmt wurden, in Forza 3 bleibt sie doch ein wenig kalt und unemotional. Wo GRID oder NfS: Shift auf rabiate Gefühle setzen, die Sicht verschwimmen lassen und euch ordentlich durchrütteln, gibt sich Forza 3 ebenso präzise und unspektakulär wie sein großer Direktkonkurrent GT5: Prologue. Die Geschwindigkeit wird wie in allen anderen Perspektiven auch angemessen vermittelt, es fährt sich hervorragend, die Blickwinkel stimmen, es macht Spaß. Nur das letzte Quäntchen, um das Gefühl für das wirklich Sitzen in einem Wagen zu geben, stellt sich nicht so richtig ein. Manchmal muss es vielleicht ein bisschen übertrieben sein, um die vollendete Wirkung zu erzielen.
Das gilt wohl auch für das Schadensmodell. Sicher, wir wissen inzwischen, dass die Hersteller keine brennenden Wracks mit verwüsteten Fahrerkabinen sehen wollen, aber ein wenig mehr als die paar Kratzer hätten es schon sein dürfen. Und nehmt das mit den „realistischen“ Schadensauswirkungen bloß nicht zu ernst. Erst der zweite 200-Sachen-Frontalcrash sorgte dafür, dass mein Bugatti sich nicht gar mehr rührte. Und ausgesehen hat er immer noch ganz gut, trotz Überschlag. Wenn ein echter Bugatti das könnte, würde ich sagen, dass er sein Geld mehr als wert wäre.
Auf der Piste beim Fahren selbst sind Forza 3 solche Kompromisse völlig fremd. Warum auch nicht, wofür sonst hat man 360-Hz-Physikberechnung bei festgemeißelten 60 Hz. Das klingt jetzt erst mal nach einem im Rahmen des Tagesgeschäfts bedeutungslosen Mütze-Glatze-meine-Hertz-Zahl-ist-höher-als-Deine-Spielchens. Aber weit gefehlt. In jeder Kurve, die ihr wirklich am Limit fahrt, kurz bevor dieses schöne Gefühl des Zugs der Fliehkraft dann in das unschöne, mäßig kontrollierte Herausdriften umschlägt, merkt ihr präzise, wie die Stoßdämpfer jedes Wagens liegen. Wie der Grip des Reifens beißt. Die Masse geradezu verwerflich exakt den Wagen in Kurvenrichtung zerrt. Ein vergleichbares Gefühl der Kräfte, die den Wagen in diesen Sekunden bewegen, bietet kaum ein anderes Spiel. Vielleicht sogar gar keins.
Es sind aber auch kleine Momente, auf die man ein wenig achten muss, um sie zu bemerken, vor allem, weil sie einem so natürlich erscheinen. Eine der Pisten scheint aus einzelnen Betonplatten zusammengelegt zu sein und beim Überfahren jeder Fuge merkt ihr exakt beide Achsen mit ihren Dämpfern so arbeiten, wie es dem Wagen angemessen ist. Endlos viele dieser Feinheiten zeugen von dem absoluten Fanatismus Turn 10s, mit dem sie ihr perfektes Physikmodell umsetzen. Nun, die Mühe lohnte sich, denn nichts anderes auf irgendeiner Konsole fährt sich so bis in die winzigste Unwichtigkeit genau und präzise. Wer es nicht glaubt, kann die ganze Telemetrie auf Druck des D-Pads aufrufen und in Echtzeit studieren. Und dabei wahrscheinlich schnell einen Crash produzieren.
Wer nicht mit ständiger Live-Metrik fährt, hat also mehr vom Leben und auch der Umgebung. Diese machte einen deutlichen Sprung zum Vorgänger, lässt jetzt aber auch nicht die Konkurrenz allein im Regen stehen. Mit kräftigen Farben leuchten die 22 Kurse – darunter Montserrat, Les Mans, Silverstone oder Suzuka – in ihren über 100 Ausgestaltungen im besten Licht. Leider nur bei Sonnenschein, denn auf Wetterwechsel sowie Regen und Schnee wurde verzichtet. Mit den Details hat man ebenfalls nicht übertrieben und auch die Fahrzeuge strotzen zwar vor Polygonen, aber das erwartet man heute auch. Forza 3 lässt sich am einfachsten mit "schön, aber nicht umwerfend" beschreiben. Es dürfte ein Tausch von Grafikspielereien gegen Fahrphysik gewesen sein. Angesichts der im Ergebnis immer noch sehr schicken Präsentation war es ein guter Tausch.
Eine Stelle, an der es sich dagegen wieder ein ganz klein wenig und auf höchstem Niveau kritteln lässt, findet sich vor, hinter und auch mal neben dem eigenen Wagen. Die Computerfahrer und ihre künstliche Intelligenz. Um es erst einmal ganz deutlich zu sagen: Forza 3 wartet mit einer der aktuell brauchbarsten KIs auf und zwar insoweit, dass sie sich in einem gewissen Rahmen glaubwürdig verhält.
Die Fahrer überholen einander so, wie es auch Menschen tun würden. Sie belegen nicht mit letzter Sturheit und ohne Rücksicht auf Verluste die Ideallinie, wenn ihr da sein solltet, und auch die Anpassung der Fahrweise hält sich zum Glück in Grenzen. So leicht bringt ihr sie nicht aus der Ruhe, da könnt ihr drängeln, wie ihr wollt. Ein absolutes Highlight dürfte das keineswegs immer wieder gleiche Verhalten in Standardsituationen sein. Es kommt vor, dass ein Fahrer in der letzten Runde auch mal mehr riskiert und vor Kurven verzögert bremst oder eine Schikane etwas schwungvoller nimmt, um euch nicht doch noch aufholen zu lassen.
Bei der Bissigkeit hakt es allerdings ein wenig. Selbst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad bremsen sie hinter euch ein wenig zu sehr ab, um nicht aufzufahren und gehen mitunter auch sehr konservativ um die Ecken. Profis werden sich in den ersten Stunden auf den unteren beiden Schwierigkeitsgraden langweilen und selbst auf dem dritten und höchsten nur selten ans Limit gehen müssen. Das Bild ändert sich dann nach dem ersten Drittel der Solokarriere deutlich. Die Wagen werden schneller, die Kurse härter und die KI legt zwar nicht viel zu, aber ihr braucht schon wesentlich mehr Routine, um überhaupt diesen F50 vage fehlerfrei durch die Runden der Amalfi-Küste oder des von mir so leidenschaftlich gehassten Nürburgrings zu ziehen. Trotzdem, ein ganz klein wenig mehr Aggressivität hätte dieser ansonsten fantastischen KI gut zu Gesicht gestanden.
Harte Profis suchen die Herausforderung aber sowieso am liebsten unter ihresgleichen und messen sich Online. Lags scheinen auch gegen acht Spieler kein großes Thema und eine Vielzahl von Modi und Leaderboards befriedigen jeden kompetitiven Geschmack. Spielt Katz und Maus, rutscht im online-exklusiven Driftmodus herum oder findet die kürzeste Strecke statt der besten Zeit. Genug zu tun findet sich immer und auf Hindernisse wird ganz verzichtet. Ihr müsst nicht neidvoll gucken, wie jemand in seinen mit maßlos viel Credits freigeschalteten McLaren F1 GTR steigt, während ihr selbst noch ein Leben neben dem Karrieremodus pflegen und euch so offline mit dem kleinsten Klassenvertreter begnügen müsst. Online habt ihr Zugriff auf alle 400 Fahrzeuge, so dass es keine Ungerechtigkeiten gibt. Auch keine vergeudete Zeit, falls für euch der Onlinemodus den Sinn und Zweck eines solchen Spiels ausmacht. Überhaupt will Forza 3 so wenig wie nur irgendmöglich eures kostbaren Lebens vergeuden und macht euch alles denkbar einfach.
Der mit 200 Events ausufernde Karrieremodus kümmert sich wie ein guter Manager um alle eure Bedürfnisse. Ihr habt ein Auto und er guckt, welche Rennen damit zu fahren sind. Euer Wagen muss getunt werden, also fragt er kurz, ob ihr die Credits freigebt, damit er das Beste daraus machen kann. Die Einstellungen sind nicht ganz optimal, also dürft ihr entweder selbst in die wahrhaft abenteuerlichen Schrauberuntiefen abtauchen oder ihr lasst arbeiten, schwingt euch ein, zwei Tastendrücke weiter ins Cockpit und seid wieder unterwegs.
Das Versprechen, dass sich hinter diesen wirklich sehr sinnvollen Vereinfachungen für die Masse der Spieler das ganze Räderwerk einer Simulation verbirgt, war kein leeres. Wie zu besten Gran-Turismo-Zeiten können Werkstättenlehrlinge an jedem Regler schieben, jedes der vielen Tuningteile selbst kaufen und einstellen und den Wagen zu wirklich ihrem eigenen machen. Oder es dem Computer überlassen und einfach nur fahren. Ein sehr eleganter Weg, um den Hardcore-Anspruch mit absoluter Zugänglichkeit zu verbinden, ohne Kompromisse an eine Seite machen zu müssen.
Dass die Zugänglichkeit sowieso dieses Mal ein großes Thema ist, machte Turn 10 ja schon im Vorfeld klar und liefert jetzt auch wie versprochen. Wer keine Lust auf irgendwelches Drumherum hat, davon sich vielleicht überfordert fühlt, der lässt es einfach, drückt auf den Knopf und legt einfach los. "Einfach" bedeutet in diesem Falle, dass vor Kurven sogar gebremst wird, das Fahrverhalten bietet alles an Hilfen auf, was geht, und die KI spart Rechenzyklen und damit wahrscheinlich sogar Strom. Schäden am Fahrzeug bleiben rein optischer Natur und wer hier keinen einzigen Sieg holt, sollte vielleicht noch einmal Videospiele als Hobby überdenken. Es fehlt dann wohl einfach das Händchen dafür.
Insbesondere, wenn man bedenkt, dass euch Forza 3 die Chance gibt, jeden Fehler beliebig auszubügeln. Ihr könnt solange ihr wollt zurückspulen, immer in 10 Sekunden Schritten und notfalls bis zum Start des Rennens. Ganz ohne Strafe, ohne Abzüge und Reue. Natürlich nicht im Onlinemodus, aber sonst wo, wann und so oft ihr wollt. Ruiniert das nicht die Spielerfahrung? Nicht im Geringsten. Es gibt einfach diese blöden Fahrfehler in der letzten Runde, die drohen, euch Lebenszeit zu rauben und die sechs Runden Nürburgring wiederholen zu lassen. Hinfort mit ihnen. In „sauberen“ Ranglisten finden sich die Harten wieder. Die Normalos freuen sich auch so. Anfänger werden voller Dankbarkeit sein. Ab jetzt sollte jedes Rennspiel dieses Feature haben. Außer vielleicht GTR. Das spielen eh nur die Krassen.
Reicht es einmal nicht für den ersten Platz, bestraft euch Forza aber sowieso nicht über die Maßen. Alle Events bestehen aus mehreren Rennen, in denen man die Fehler einer vergurkten Fahrt wieder ausbügeln kann und Erfahrungspunkte gibt es auch für hintere Ränge. Der positive Einfluss eines RPG-Elements macht sich in jedem Spiel bemerkbar, selbst wenn das Hochleveln scheinbar nicht so viele Effekte hat. Es könnte sein, dass die KI etwas mit der Zeit zulegt, aber das könnte ich mir auch einbilden. Sicher ist, dass ihr mit jedem Aufstieg einen neuen Wagen geschenkt bekommt und so letztlich nicht einmal unbedingt in den Shop müsst, um an neue Wagenklassen zu kommen.
Wagt ihr euch doch dorthin, findet ihr ein hübsches, wohlstrukturiertes, aber bei der schieren Masse an Wagen in Einzelmomenten sperriges Menü. Von Alfa bis Zonda durchzuscrollen dauert halt schon mal ein wenig, aber die Mühe lohnt sich. In allen Klassen finden sich neben den üblichen Verdächtigen auch ein paar Exoten und einige in der Redaktion wird es freuen, dass sich hier der neue Twingo wie auch ein frischer Mustang findet. Eine Aufzählung bei über 400 Wagen spare ich mir, es ist für jeden was dabei. Wer die volle Auswahl genießen will, muss allerdings die zweite DVD auf der Platte installieren. 2 Gigabyte geben euch etwa 100 Autos und ein paar Strecken. Das mag nicht ganz elegant gelöst sein, aber wohl besser so, als ganz darauf verzichtet.
Wer kreativ werden möchte, kann natürlich wieder im Bodyshop mit Decals und Lackspray so lange hantieren, bis er vergisst, dass es ja auch noch Rennen zu fahren gab. Der Komfort der Designmöglichkeiten könnte immer noch ein wenig optimiert werden, aber zu viel Schweiß muss nicht investiert werden, um ein wirklich individuelles Gefährt zu schaffen. Dieses lässt sich dann im Forza-Auktionshaus in Credits umwandeln und, sofern euer Design den Massengeschmack trifft, werden gute Preise erzielt. Mein eigener Grobi-Beetle brachte fast das Doppelte seines Kaufpreises. Das Bietsystem hält euch mit einem funktionalem Pseudo-Mail-System auf dem Laufenden und es lacht das Herz, wenn nach einem Sieg auch noch ein Schnäppchen geschossen wurde.
Und so bleibt man letztlich ewig in Forza 3 hängen. Es gibt immer etwas zu unternehmen und etwas zu fahren, aber nie wird euch das Spiel vorschreiben, was ihr zu tun oder lassen habt. Einsteigerfreundlichkeit und Hardcoreanspruch, gelenkte Bahnen und völlige Freiheit, Forza 3 verbindet offenbare Gegensätze mit lässiger Eleganz zu einem beinahe vollendeten Gesamtwerk. Zwischen den Stärken der Strecken- und Fahrzeugvielfalt, dem Rewind-Feature und der schlauen Gegner-Ki, den umfangreichen Onlinerennen und der Designorgie im Decal-Modus gibt es ein Feature, das besonderer Erwähnung bedarf: die Fahrphysik.
In diesem Punkt lässt Forza 3 alles hinter sich, was es auf dem Markt gibt. Alle Aspekte von Auto, Fahrbahn, Lenkung und Umsetzung fallen perfekt zusammen und schenken euch ein Gefühl für Straße und Fahrzeug, das sich mit einem Wort beschreiben lässt: perfekt. Kleine Mängel sind da schnell vergeben. Die KI könnte am Limit etwas aggressiver sein, das Schadensmodell ruhig mehr in die Vollen gehen oder die Cockpitperspektive dynamischer wirken. Aber ehrlich, im Bild des Ganzen ist das nichts, worüber man zu viel nachdenken sollte. Letztlich sind es Fehler, die ich nur deshalb aufliste, weil ich keine echten finden konnte. Forza 3 holt sich den Titel des besten Rennspiels dieser Konsolengeneration. Yamauchi und sein Team müssen sich mächtig ins Zeug legen, damit sich Gran Turismo 5 gegen solche Konkurrenz durchsetzen kann.
Nicht dass ich etwas gegen den Erfolg von GT5 hätte, und der beste Weg Forza 3 zu überholen, vielleicht sogar der einzige, ist es, etwas zu bieten, das es im Genre noch nicht gab. Bei all seiner Perfektion muss sich Forza 3 den Vorwurf gefallen lassen, das es alles mit Exzellenz, aber nur wenig Eigeninitiative liefert. Aber das ist wohl so, als wenn man auf die Kronjuwelen hoffte und sich beschwert, dass man am Ende „nur“ einen faustgroßen, perfekt geschliffenen und fehlerlosen Diamanten bekam. Forza 3 ist DER Racer dieser Generation. Jetzt zeigt uns, was die Nächste bringt.
Forza 3 erscheint am 23. Oktober für die Xbox 360.
Du bist Gladiator, der Held der Spiele im Kolosseum. Besiege Deine Gegner und erkämpfe Dir die Cance auf 10.000 €. zum Spiel...
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