Gesamtwertung8/10 |
Gerade mal zehn Minuten hat es gedauert, die Warenauslage des Einkaufszentrums in ein Schlachthaus zu verwandeln. Mit viel Liebe zum Detail hat Valve die Splatterbegeisterung bei der ungeschnittenen Left-4-Dead 2-Version auf die Spitze getrieben. Jede Schrotflintenladung reißt Fleischbrocken aus den Untoten, verwandelt die hirnfressenden Monster in glänzendes Gulasch und pflastert den Boden mit verstümmelten Leichen. Körperteile fliegen durch die Luft, zerstörte Körper werden von Schrotladungen brutal nach hinten gerissen und Köpfe zerplatzen wie überreife Früchte. Das Chaos, die Angst und die Ausweglosigkeit explodieren in einem Ausbruch von Bildschirm-Gewalt, die ihresgleichen sucht. Doch was Zombie-Fans für stimmig und atmosphärisch halten, ist für die Jugendschützer ein Albtraum.
Die schlechte Nachricht zuerst: Die deutschen Fans bekommen von dem Blutbad rein gar nichts mit. Die meisten grafischen Verbesserungen verschwinden gemeinsam mit den Leichen mitten in der Luft. Kein grünes Blut, sondern abgehackte Animationen und ein gestörtes Treffer-Feedback vermiesen zumindest zu Beginn die Stimmung. Es sind Schnitte, die stören, die man aber Valve nicht zum Vorwurf machen kann. Sie sind ein Kompromiss, um die Zombie-Apokalypse überhaupt in Deutschland zu veröffentlichen. Eine Verbeugung gegenüber unserem Jugendschutzsystem, das in diesem Fall auch die Erwachsenen trifft.
Doch nun die gute Nachricht: Left 4 Dead 2 ist nicht, wie befürchtet, ein schaler Abklatsch des kongenialen ersten Teils geworden. Es hat sich mit fünf beeindruckenden Kampagnen, neuen Spielmodi, erstklassigen Ideen und einem deutlich komplexeren Gameplay die „2“ hinter dem Namen redlich verdient. Es spielt sich deutlich anspruchsvoller, verlangt euch ständig neue Entscheidungen ab und setzt auf den AI Director 2.0. Die übermächtige künstliche Intelligenz, die als Big Brother diesmal sogar die Level-Geometrie verändern kann, verwandelt jeden Durchgang in ein einmaliges Ereignis.
Selbst bei der Story hat sich etwas getan. Die fünf Kampagnen erzählen beim zweiten Teil eine Geschichte. Playboy Nick, Black-Beauty Rochelle, Ex-Footballer Coach und Redneck Ellis versuchen, irgendwo im Süden der USA den übermächtigen Zombie-Horden zu entkommen. Ein Virus hat die Untoten in blitzschnelle Jäger verwandelt, die sich nach Hirn und schlagenden Herzen sehnen. Den Anfang nimmt die Geschichte in der Episode Dead Center. Das ungleiche Quartett versucht sich in ein Einkaufszentrum vorzukämpfen, von wo sie später mit einem Auto abhauen wollen. Doch bevor sie den symbolischen Hort der Verschwendung und Sinnlosigkeit betreten, müssen sie sich durch ein brennendes Hochhaus kämpfen.
Valve hat diesmal viel Wert darauf gelegt, ungewöhnliche, fordernde Situationen wie diese zu liefern. Eingeschlossen durch Feuer, behindert durch Rauch und gerade mal mit ein paar Baseballschlägern und einer Pistole bewaffnet, stolpern die Überlebenden zu Beginn durch das Abenteuer. Den überraschend intelligent agierenden Spezialzombies bieten sich schon hier Dutzende Überfall-Möglichkeiten. Der AI Director kann dabei den Verlauf des Feuers ändern, die Platzierung der Waffen, Verbandskästen und Angreifer. Jeder Anlauf stellt die vier Helden vor neue, unverbrauchte Aufgaben.
Unterstützt wird seine Arbeit durch ein paar Neuzugänge: Während der Spitter mit seiner Säure-Spucke vor allem campende Helden aus ihrer Ecke vertreibt, versucht der Charger eng zusammenarbeitende Teams auseinanderzureißen. Der Mini-Tank rennt in die Gruppe, schnappt sich eine der Hauptfiguren und befördert sich mit einem satten Schlag an die gegenüberliegende Wand. Und last but not least schnappt sich der Jockey einen Überlebenden und „reitet“ ihn, im wahrsten Sinne des Wortes, in gefährliche Situationen. Bewährte Taktiken sollen so im Keim erstickt werden. Man muss sich neue Ansätze und frische Taktiken erarbeiten, um den zweiten Teil des Zombie-Apokalypse zu überleben.
Dieser unverbrauchte und auch deutlich kompliziertere Gameplay-Ansatz wird aber bei einigen Left-4-Dead-Fans für Magenschmerzen sorgen, denn die schön blutige Zombie-Welt ist auch kniffliger geworden. Ständig müsst ihr euch entscheiden, welche Waffe, welche Ausrüstung und welches Spezialmittel ihr mitnehmt. Es gibt Explosiv-und Brand-Munition, Adrenalinspritzen, Defibrillatoren, diverse Nahkampfwaffen, doppelt so viele Knarren, einen Granatwerfer und chemische Lockstoffe. Das Gameplay ist noch einen Tick hektischer geworden, dafür hat auch die Spieltiefe gehörig zugelegt. Dutzende Taktiken buhlen in eurem Hirn um die Vorherrschaft.
Nehme ich mir nun eine Nahkampfwaffe oder setze ich auf eine Magnum mit unendlich Munition? Verarzte ich lieber meine Kollegen mit dem Verbandspaket oder hole ich sie mit den Schockpaddles wieder zurück ins Leben? Besorge ich mit den Schmerzstillern ein kleines Gesundheitspolster oder attackiere ich mit der Adrenalin-Spritze gleich doppelt so schnell? Setze ich auf den klassischen Molotov-Cocktail oder lieber auf die Boomer-Kotze, mit der ich die Spezialzombies in eine Zielscheibe für normale Infizierte machen kann? Für die meisten Fans dürften diese Entscheidungen die Faszination des zweiten Teils ausmachen, doch es wird auch Unzufriedene geben, die für eine einfachere, linearere Spielerfahrung auf den ersten Teil zugreifen müssen.
Ergänzt werden die neuen Gegenstände, Zombies und Waffen durch frische Gameplay-Elemente, etwa das Finale der ersten Kampagne. Endlich im Einkaufszentrum angekommen, finden die vier Hauptfiguren einen Sportwagen, der leider unaufgetankt auf seiner Präsentationsfläche steht. Um zu entkommen, müssen sich die Überlebenden nun Benzinkanister schnappen (Anzahl steigt mit dem Schwierigkeitsgrad) und zum Fahrzeug bringen. Leider sind die Lebensretter über drei Stockwerke verteilt und ihr werdet währenddessen die ganze Zeit von Zombies attackiert.
Anstatt die Situation wie im Vorgänger einfach in einer Ecke auszusitzen, gilt es, im Team zusammenzuarbeiten und so langsam euer Fluchtgefährt auf Vordermann zu bringen. Während ein Zweier-Team die Benzinkanister aus den oberen Stockwerken nach unten wirft, versuchen die beiden anderen den Tank zu befüllen.
Mit jeder Angriffswelle und sinkender Lebensenergie steigt der Adrenalinspiegel. Hektik kommt auf. Ein Rennen gegen die Zeit, das euch alles abverlangt. Und das außerdem als Grundlage für den Scavenge-Modus dient. Basierend auf dem Versus-Modus müssen hier zwei Teams abwechselnd die Rolle der Überlebenden oder der Untoten übernehmen. Wer mehr Kanister einfüllt beziehungsweise schneller damit fertig wird, hat gewonnen.
Von Kampagne zu Kampagne steigern sich die Szenarien. Statt einfach nur eine andere Staffage zu bieten, liefert jeder Abschnitt einen anderen Gameplay-Fokus. Ihr verfolgt das illustre Quartett bei ihrer Flucht von Katastrophe zu Katastrophe. In Dark Carnival müsst ihr euch zum Beispiel durch einen verlassenen Jahrmarkt kämpfen. Untote Clowns nähren nicht nur die Angst aus den Kindertagen, dass hinter diesen seltsamen Wesen eben doch ein Monster stecken, sondern locken durch ihre quietschende Nase außerdem andere Zombies an. Ihr metzelt euch durch Fahrgeschäfte, hetzt die Gleise einer Achterbahn entlang und stellt euch am Ende auf einer gewaltigen Konzertbühne den anstürmenden Horden. Left 4 Dead 2 spielt sich dadurch deutlich abwechslungsreicher als der sowieso schon geniale Vorgänger.
Mein persönlicher Höhepunkt: Die zweite Hälfte von Hard Rain. Nachdem ihr euch durch Wohnsiedlungen, Fabrikanlagen und eine Horde herumlaufender Witches geschlagen habt, beginnt es zu regnen. Mit Benzinkanistern auf dem Rücken schleppt ihr euch wieder in Richtung rettendes Boot. Doch den Sturm nimmt an Kraft zu. Langsam füllt sich der Boden mit Wasser. Jede Bewegung fällt schwer. Quälend langsam schleppt ihr euch durch die tobenden Elemente. Blitze zucken herab und ihr seht kaum die Hand vor Augen. Noch nie wurde ein Unwetter beeindruckender, prächtiger umgesetzt. Eine atmosphärische Meisterleistung.
Abseits dieser Höhepunkte sind es vor allem die kleinen Details, die begeistern. Im ersten Abschnitt jagen euch Zombies in Schutzanzügen. Feuerfest wanken sie unverletzt durch schwellende Brände und machen euch die Hölle heiß. Im Hard-Rain-Abschnitt trefft ihr dagegen auf Bauarbeiter mit Schutzhelm und Ohrenschützern, die mehr als einen Kopftreffer aushalten und sich nicht von Rohrbomben anlocken lassen. Und in The Parish machen ehemalige Polizisten mit Bombenschutzanzug die Gegend unsicher. Von vorne sind diese fast unverwundbar. Nur durch Schüsse in den Rücken lassen sie sich schnell ausschalten.
Ähnlich detailverliebt präsentiert sich auch der Realismus-Modus. Einmal angeschaltet, verändert er die Spielerfahrung und macht Left 4 Dead 2 noch eine ganze Portion knackiger. Zombies nehmen deutlich weniger Schaden am Körper, das Leuchten um die Charaktere verschwindet und Mitspieler bleiben tot, wenn ihr sie nicht mit dem Defibrillator wieder zum Leben erweckt oder das nächste Safe House erreicht. Außerdem trefft ihr auf deutlich mehr Witches und müsst euch den Waffen stark nähern, um sie aufnehmen zu können. Gerade für erfahrene Teams eine echte Herausforderung. Zum Glück könnt ihr diesen Modus aber auch auf dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad spielen. Das Spiel bleibt trotzdem schaffbar.
Neben dem frischen Scavenge-Modus feiert auch das Versus-Szenario sein Comeback. Von Anfang an könnt ihr euch hier durch alle fünf Kampagne kämpfen und auch die neuen Zombies ausprobieren. Allein die Witch bleibt dem AI Director vorbehalten, der aber wie immer einen hervorragenden Job macht. Das frische Blut auf der Infizierten-Seite sorgt für mehr Abwechslung und begeistert auf Anhieb. Geschickt lassen sich mit Spitter, Jockey und Charger starke Teams auseinanderreißen. Man hat das Gefühl, den Helden endlich ebenbürtig zu sein. Vorausgesetzt man arbeitet zusammen und lockt die menschlichen Gegner in einen Hinterhalt.
Für all die einsamen Kämpfer da draußen gibt es noch immer den Singleplayer-Modus, der je nach Schwierigkeitsgrad ca. fünf bis sieben Stunden in Anspruch nimmt. Hier kämpft ihr euch mit den geschickt agierenden KI-Mispielern durch die Gegnermassen. Im Vergleich zum Online-Koop trotz dezent aufgemöbelter Story eindeutig die schlechtere Spielerfahrung. Und natürlich hat es auch der Survival-Modus ins Spiel geschafft. Ein netter Zeitvertreib für Zwischendurch, in dem ihr bestimmte Locations gegen anstürmende Zombies verteidigt. Und gegen die Zeit. Für Medaillen.
Zum Schluss noch ein paar Worte zu den oben erwähnten Schnitten. Splatter-Fans müssen jetzt gaaaaanz stark sein. Problem 1: Die Gegner verschwinden nach einem tödlichen Treffer praktisch in der Luft. Das sieht nicht nur seltsam aus, sondern nimmt vielen Momenten die Spannung. Es ist sofort klar, wenn ein Gegner gestorben ist. Keine Unsicherheit mehr, wenn ihr einen Gegner mit Schüssen in den Bauch erledigt habt. Keine Angst, dass die Leiche wieder aufsteht.
Problem 2: Es fehlen ganze Trefferanimationen. Gerade auf Entfernung ist es oft unklar, ob ihr den Zombie nun erwischt habt oder nicht. Außerdem sieht es selten dämlich aus, wenn die Gegner unmotiviert durch die Gegend zucken und dann einfach verschwinden. Was uns zu Problem 3 führt: Steckt ihr einen Zombie in Brand, schlägt dieser nur hilflos auf seinen Körper ein. Die Flammen bleiben unsichtbar. Bei der wertvollen Brand-Munition ein echtes Problem.
Zusammengenommen sind dies nicht nur Atmosphäre-Killer, sondern echte Gameplay-Mängel. Viele entscheidende Faktoren für den Spaß eines solchen Zombie-Shooters werden damit ad absurdum geführt. Die meiste Zeit seid ihr nun mal mit Ballern beschäftigt. Da ist es äußerst unbefriedigend, wenn gerade das Probleme bereitet. Zum Glück vergisst man im Eifer des Gefechts diese Mankos und kann auch mit der deutschen Version jede Menge Spaß haben. Zumindest bis ein Besitzer der englischen Vollversion von den prächtigen Treffern und bis ins Detail zerlegbaren Zombies erzählt. Da helfen auch keine exklusiven Counter-Strike-Waffen, die es nur in der deutschen Version gibt.
Ach ja: Die Xbox-360-Fassung sieht hervorragend aus, steuert und spielt sich flüssig. Ich ziehe Maus, Tastatur und hohe Auflösungen vor, doch es gibt einige Kollegen, die spielen lieber vom Sofa aus mit ihrem Joypad in der Hand. Und zum Glück ist wenigstens die deutsche Übersetzung gelungen. Die Sprecher machen einen hervorragenden Job. Was aber angesichts der recht überschaubaren Dialoge auch keine echte Herausforderung war.
Schweren Herzens muss ich die deutsche Version abwerten. Die Schnitte sind diesmal leider nicht nur kosmetischer Natur, sondern beeinflussen das Gameplay. Ohne vernünftiges Treffer-Feedback, nachvollziehbare Todesanimationen und eine dicke Portion Splatter-Atmosphäre bleibt unterm Strich einfach das schlechtere Spiel. Auch wenn es Valve gelungen ist, durch hervorragende Gameplay-Ideen, prächtige Kampagnen und mehr Spieltiefe das Stigma eines überteuerten Add-Ons abzulegen, macht ihnen die USK hier zumindest in der gekürzten Fassung ein Strich durch die Rechnung.
Das Ergebnis: Während die englische Variante trotz des immer noch ausbaufähigen Umfangs, der Minimal-Geschichte und der nicht ganz aktuellen Grafik-Engine wieder eine 9 ergattert, reicht es für die deutsche Version gerade mal so zu einer 8. Ja, Valve kann nichts für die deutsche Jugendschutzproblematik, doch bei solchen Kürzungen fragt man sich, ob am Ende eine beschnittene Version überhaupt noch sinnvoll ist. Und abschließend noch eine kleine Warnung: Das Spiel verliert durch die neuen Elemente etwas von seinem geradelinigen Aufbau. Das Gameplay gibt sich deutlich komplexer, hektischer und erfordert mehr Einarbeitungszeit. Ich für meinen Teil begrüße diese Entwicklung, verstehe aber auch einige Freunde, die mit diesem neuen, schnelleren und vor allem auch komplizierteren Left 4 Dead einfach nicht zurechtkommen.
Englische Version:
Deutsche Version:
Left 4 Dead 2 ist über Steam und im Laden für Xbox 360 und PC erhältlich.
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Left 4 Dead 2 im Test.
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