Band Hero

Review
Plattform
PS3
Vertrieb
Activision
Genre
Andere
PS3: Band Hero

Gesamtwertung

8/10

PS3: Band Hero

Band Hero ist ein etwas obskures Produkt, aber es hat seine ganz großen Momente, das muss ich ihm lassen. Als wir zu dritt Poisons „Every Rose has a Thorn“ spielten – ich mit Headsetmikro und Gitarre – war ich für einen Moment wieder 17 und cruiste mit meinem damals besten Freund in seinem heruntergekommenen XR4i und wir hörten Musik, die so was von unhip war und die wir so sehr liebten. Hätte ich in diesem Moment Band Hero bewerten müssen, wäre ihm die 10 sicher gewesen. Aber so viel Größe hält nicht lange und natürlich versprüht nicht jeder Track so viel Magie und schon gar nicht für jeden von euch. Damit ist die Songliste das Kriterium, an dem ihr leicht festmachen könnt, ob es sich lohnt, dieses Guitar Hero anderen Namens zu kaufen.

Und die ist wirklich seltsam genug. In den USA mag der Anspruch des Super-Mainstream-Pop-Sortiments aufgehen. Dort gehört eben Poisons Ballade genauso zum allgemeingängigen Kulturgut wie Big Countrys „In a Big Country“ und die Counting Crows sind dort Stadionfüller, hierzulande allgemein betrachtet ein vergangenes One-Hit-Wonder. Dass ich keine Ahnung hatte, wer Taylor Swift ist oder Joss Stone keine Jazzpianisten der 40er, ist meine eigene Schuld, und diese Leute sind wohl genauso internationaler Mainstream wie Hilary Duff und Lily Allen. Was sollen deren Fans aber mit „Honky Tonk Woman“ der Stones, Everclears „Santa Monica“ oder den Mighty Mighty Boss Tones anfangen? Euer Musikgeschmack muss weit gefächert sein, um hier breiten Zugang zu finden. Ich persönlich mag Abwechslung, kann mich mit 80 Prozent der Sachen anfreunden und würde niemanden einen Vorwurf machen, der dabei nicht mitzieht.

Pop heißt das Konzept, nur kann ich es nicht erkennen. Das ist nicht schlimm, die Songs sind gut, aber vieles würde auch als Trackpack für Guitar Hero herhalten können. Wenn es schon eine eigene Serie sein soll, dann müssten doch ein paar mehr Anpassungen drin sein, als nur neue Songs undurchsichtiger Zusammenstellung. Nehmt zum Beispiel „American Pie“. Dort spielt ihr fröhlich den Klavierpart auf einer Plastikgitarre. Ok, dass Activision ein Plastikklavier nachreicht, fehlte gerade noch, aber zumindest auf der Bühne hätte doch eines stehen können. Überhaupt scheint die Gitarre ein wesentlich versatileres Instrument als bisher angenommen zu sein. Über die Strecke der 65 neuen Songs übernahm sie mehrfach die Rolle besagten Klaviers, ein paar Synthie-Einlagen, diverse Saxofon-Soli und noch ein paar weitere artfremde Einsätze.

Das Witzige dabei ist, dass es richtig Spaß machte. Neversoft hat raus, wie man Noten verteilt und selbst dermaßen Absurdes lässt sich schnell vergessen. Aber immer noch: wozu ein neuer Name? Der gelungene Song Editor nennt sich immer noch GH Editor, die Band ignoriert die größere Instrumentenvielfalt, die üblichen Verdächtigen wie Johnny Napalm hängen auch hier rum, der Sieg-Spruch lautet „You Rock!“. Ok, „You Pop“ wäre seltsam, aber trotzdem. Das fühlt sich hier alles nicht nach einem neuen Franchise, sondern einfach nach einer Variation von Guitar Hero 5 an.

Was ja keine Beleidigung ist. Guitar Hero 5 nannte ich vor kurzem noch das aktuell beste Gerüst für ein Musikspiel und daran hat sich nichts geändert. Eine exakte Kopie dessen, eine wie Band Hero, profitiert damit von vielen Stärken der Vorlage. Der Aufbau aus „Macht doch, was ihr wollt, wie ihr wollt“ bewährt sich erneut. Vier Hobby-Sänger? Ohren zu und durch! Alle wollen Lead spielen? Kein Thema. Drei Drums und ein Bassist? Warum nicht, macht doch. Freaks. Alle Konstellation, alle Schwierigkeitsgrade, alles lässt sich mixen, keiner bleibt außen vor. Anfänger und Profis arbeiten sich Seite an Seite durch Carl Douglas „Kung-Fu Fighting“ – wieder ein gutes Beispiel für den Gitarrenmissbrauch – und alle haben Spaß. Nur: Warum Band Hero und nicht einfach Guitar Hero: Pop?

Ich werde diese Frage nicht mehr beantworten können. Auf Xbox 360 und PS3 ist es nämlich genau das. Eure heruntergeladenen Songs lassen sich auch hier runterreißen. Songs aus World Tour und 5 lassen sich importieren, so wie sich immerhin auch etwa 60 Songs aus Band Hero zu Guitar Hero 5 transportieren lassen. Das setzt wie immer einen kleinen Unkostenbeitrag voraus, aber zumindest müsst ihr nicht doppelt zahlen. Meine gegen Entgelt bereits zu GH 5 übertragenen GH:WT–Songs konnten gleich genutzt werden, ohne irgendwelche weiteren Aufwendungen.

Dass Band Hero nicht ganz zum Track Pack verkommt, verdankt es auch seinen hübschen neuen Stages – der Satellit im Orbit und der Riviera-Klub sind meine Lieblinge – und seinen kleinen Videofilmchen bekannten Stils über den Aufstieg eurer Truppe. Einen Karrieremodus mit Fan-Sammeleien werden einige sicher vermissen, ich bevorzuge jedoch die Schlichtheit des Aufbaus, die auch schon GH 5 auszeichnete. Hat euch das nicht gefallen, dann hält Band Hero nicht viele gute Neuigkeiten in dieser Richtung für euch bereit. Wer übrigens noch vom Lästern über Schnitte nach Modern Warfare 2 nicht genug hat, kann hier gleich weitermachen, aber auf einem ganz anderen Level. „Fuck“, „Whiskey“ und „Gun“ sind drei Wörter, die ihr hier nicht hört. Radio-Beep-Edit. Beep.

Und dann ist da ja noch die DS-Version. Die Guitar Heros des DS haben uns ja bereits Demut gelehrt, was die Soundqualität angeht. Wir sind bescheiden geworden, wenn es zur Länge der Trackliste kommt und DIE KLAUE stellt sich immer noch ein, denn der Guitar Grip ist der gleiche. Es steht sogar Guitar Hero auf dem Grip. Hasst Activision eigentlich sein eigenes neues Franchise, dass es ihm mit so wenig Respekt begegnet? Dabei hat sich hier trotz alter Problemchen so vieles geändert.

Erstmals kommen alle vier Instrumente zum Zug: Lead, Bass, Vocals und Drums. Nur dass ihr die Vocals vergessen könnt. Entweder ihr singt richtig laut oder ihr habt zusätzlich zur KLAUE bald DEN BLICK – bitte wieder mit Edgar Wallace Betonung. Das Mikro scheint zu schwach, um aus einer sinnvollen Entfernung eure Stimme brauchbar erkennen zu können. Ab der Distanz, wo die Akustik mitspielt, also etwa 10 bis 15 cm vom Mund entfernt, müsst ihr schon mächtig schielen und zwinkern, um die Tonhöhe oder gar den Text erkennen zu können. Macht das zwei Songs lang und DER BLICK ist nicht mehr fern.

Für die Drums findet ihr eine Art Plastikschutzhülle für den unteren Teil des DS Lite. Besitzer des DSi oder Alt-DS haben Pech gehabt. Zumindest ist das basisdemokratisch: Nur die Mitte hat Chancen. Aufgezogen habt ihr jetzt links und rechts jeweils zwei farbige große Tasten. Drückt sie gemäß der Noten und trommelt so vor euch hin. Die echte Überraschung dabei lautet, dass das sogar Spaß macht. Zumindest auf den mittleren Schwierigkeitsgraden. Vielleicht ist es ja nur mein Gehirn, aber ich habe Probleme, in einer Linie angeordnete Kuller den übereinander angeordneten Köpfen zuzuordnen, wenn das Tempo so richtig anzieht. Trotzdem, erstaunlich gut und ohne zu großen Hardwareaufwand gelöst.

Das beseitigt aber nicht die zu Anfang angesprochenen Punkte. Die Trackliste ist mit knapp 30 Songs verdammt kurz, einiges wurde aus anderen Guitar Heros recycelt und wie die entsprechenden Instrumente fühlt sich weder der Gitarrengrip noch der Drumaufsatz an. Band Hero auf dem DS ereilt das gleiche Schicksal wie seine Guitar Hero-Kollegen: spielbar, als Rhythmus-Spiel ok, weit weg vom Spaß oder Anspruch der Originale.

Die Geräte Nintendos haben aber noch zwei echte Joker im Gepäck, aber nur, wenn sie sich zusammen in einem Raum befinden. Der Playlist-Modus ist dabei nur der Anfang. Die Wii-Version transferiert die Playlist der kommenden Tracks auf den DS – kein Modul nötig – und ein Fünfter kann die nächsten Songs bestimmen, während die Vierer-Band ohne Unterbrechungen rocken kann. Sehr nett.

Der wahre Kracher ist aber der Roadie-Modus. Ihr braucht eine Wii, ein Band Hero für besagte Wii, zwei DS und vier Leute. Zwei spielen ganz normal Gitarre. Die anderen beiden haben ein DS in der Hand und sind die Roadies der beiden Gitarristen. Jeweils ein Instrument und ein Roadie bilden ein Team. Diese normalerweise gut gebauten Gesellen können jetzt entweder den gegnerischen Gitarristen „angreifen“, indem sie mittels kleiner Minispiele das Tempo verdoppeln, den Schwierigkeitsgrad heraufsetzen oder die Notenfolge umdrehen. Oder sie „verteidigen“ via weiterer Minigames, die eben genau diese Effekte bei eigenen Gitarristen aufheben, sollte euch der gegnerische Roadie zuvorgekommen sein.

Die Chemie dieses Spielmodus ist unglaublich. Die Gitarristen fluchen, die Roadies beleidigen sich gegenseitig, während sie selbst immer nur von ihrem eigenen Gitarreros niedergemacht werden. Alle ackern und kämpfen und neben Hektik und Chaos auf Seiten des Musikers ist bei den Roadies echte Taktik gefragt. Bei welcher Passage greife ich an, wo halte ich mich bereit? Dies ist – hands down, verzeiht mein Englisch – der bisher beste Multiplayermodus in einem Musikspiel überhaupt und rechtfertigt sogar den erhöhten Hardwareaufwand. Schlicht brillant.

Was also macht man aus Band Hero? Ganz einfach: Auf Xbox 360, PS3 und Wii guckt man sich die Trackliste an und überlegt, ob man das ins Plastik hämmern möchte. Ich für meinen Teil kann diese Überlegung mit einem „Ja, auf jeden Fall“ beantworten. Band Hero verpasst allerdings die Chance, sich als eigenes Franchise ernsthaft abzusetzen. Ein paar neue Grafiken und die neue Songliste schaffen ein neues Guitar Hero, aber keine neue Serie. Nun, es mag eine Kopie sein, aber man nahm sich das aktuell beste Musikspiel als Vorlage und leistet sich keine Schwächen in der Umsetzung. Band Hero funktioniert als Guitar Hero-Abwechslung wunderbar.

Auf dem DS bin ich weniger freundlich gestimmt. Das Drum-Gummi erweitert das Konzept nett, der Karaoke-Modus kann bleiben, wo die Mumien liegen, und keine der alten Schwächen auf Nintendos Kleinstem wurden adressiert. Spaß macht es grundsätzlich schon, klingen tut es immer noch minderwertig und nach Instrumentenspiel fühlt sich weder Gitarre noch Drum an. Eine eher überflüssige Erweiterung der Reihe.

Dafür bildet die Kombo aus Wii und DS einen echten Gewinner. Playlist- und Roadie-Modus bereichern das Wii Spiel ungemein. Gut, dass ihr dafür keine extra DS-Module braucht. Damit darf sich die Wii über einen Extrapunkt freuen und trägt den Sieg davon. Hatten wir eigentlich überhaupt einen Wettbewerb? Egal. Wii, 12 Points. Also doch Pop.

Xbox 360 / PlayStation 3 / Wii (ohne DS):

DS:

Wii + 2 DS + 4-5 Spieler:

Band Hero ist ab sofort für Xbox 360, PS3, PS2, Wii und DS erhältlich. Entweder einzeln oder im Instrumenten-Bundle.

 

 

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