Nein, diesmal langweile ich Euch nicht mit der Geschichte meiner gescheiterten Tennis-Karriere – einmal pro Woche reicht. Dabei war es total lustig, als ich 1988... Ok, ich hör ja schon auf. Hoffnungen, Träume und Wünsche wurden damals begraben, aber es geht ja um das Hier und Jetzt.
Und das rauscht passend zum Thema, in Form von Top Spin 3, als waschechte Tennis-Simulation in Eure Laufwerke. Ein Update, das nicht einen kleinen, sondern einen großen Schritt nach vorne macht und endlich die ausgetretenen Pfade des Arcade-Tennis verlässt. Vorbei sind die Zeiten des lustigen Ball Hin und Hers. Top Spin 3 ist ein forderndes Biest, das Euch deutlich mehr abverlangt als die weichgespülte Konkurrenz.
Das geschickte Bearbeiten der Knöpfe bringt Euch nur bedingt weiter. Vielmehr höre ich nach den ersten Gehversuchen mit dem dritten Teil meinen Trainer sagen: „Junge, die Stellung zum Ball und damit die Laufarbeit sind beim Tennis der Schlüssel zum Erfolg. Nur wer richtig steht, kann die Filzkugel optimal treffen und so Druck aufbauen. Nicht, dass du das auf die Reihe bekommst, aber zumindest verstehst du jetzt, warum du jedes Spiel verlierst.“
Mal ganz abgesehen von seiner freundlichen, direkten Art, beschreibt der alte Saufkopf, der immer mit einer Fahne beim Training erschien, recht treffend das Prinzip hinter Top Spin 3. Steht man hier zu weit vom Ball entfernt, erreicht nur ein Wackelschlag die andere Seite und im schlimmsten Fall landet er im Netz oder Aus.
Deshalb wird in der Realität stundenlang das perfekte Stellungsspiel geübt, bis das Gefühl für den Platz, die Einschätzung, wo der Return des Gegners landet, und eine Idee, welche Taktik erforderlich ist, vorhanden sind.
Top Spin 3 setzt auf eine ganz ähnliche Lernkurve. Vor allem Veteranen der ersten beiden Teile werden zu Beginn ganz schön dumm aus der weißen Tennis-Wäsche schauen, wenn sie einen Ball nach dem anderen ins Netz bugsieren – falls sie das gelbe Etwas überhaupt treffen. PAM Development hat nämlich das Timing der Schläge geändert und fordert so auch von gestandenen Profis ein Umdenken.
Anstatt den Schlagknopf erst loszulassen, wenn der Ball schon am Schläger ist, beginnt diesmal mit dieser Aktion erst die Ausholbewegung. Die Stärke wird wie bei den Vorgängern durch die Dauer des „Vorhaltens“ bestimmt. Im Gegenzug könnt Ihr Euch mit gedrücktem Knopf über den halben Platz bewegen, da Präzision und Spin von Eurer Position abhängen.
Das Endergebnis sind sehr realistisch wirkende Ballwechsel, die zum Teil etwas langsamer ablaufen als noch im zweiten Teil. Die erste halbe Stunde gelingt fast gar nichts, dann, nach und nach, steigt die Anzahl der vernünftigen Treffer und Ihr werdet von Ballwechsel zu Ballwechsel sicherer. Bis zur Perfektion ist es aber ein langer und steiniger Weg, der Euch viel Übung kostet. Als kleine Hilfe bewegt sich Euer Spieler bei gedrücktem Knopf ein wenig in Richtung des optimalen Punktes.
Wer sich aber allein darauf verlässt, wird keinen Blumentopf gewinnen. Die Unterstützung kann nur ein Krückstock für die ersten Stunden sein, danach solltet Ihr die Figur per Hand perfekt positionieren können.
Als gäbe es nicht schon genug zu lernen, wurden auch Aufschlag und Lob mit einem neuen System ausgestattet. Um einen besonders harten Aufschlag oder einen präzisen Lob einzusetzen, müsst Ihr den rechten Analogstick zum Ausholen nach hinten drücken und dann nach vorne ausholen. Im Notfall könnt Ihr die beiden Schläge auch ganz normal mit einem Knopf bedienen, mit dem Stick ist aber eine deutlich präzisere Kontrolle möglich.
Beim Service ist es sogar möglich, dem Ball einen Spin mitzugeben und durch einen optimalen Treffer die Stärke zu erhöhen. Auch die Risiko-Schläge haben ihren Weg in den dritten Teil gefunden. Sie sind inzwischen noch schwerer auszuführen und liefern nicht genug Gegenleistung. PAM Development ist hier ein Stück über das Ziel hinausgeschossen und schränkt damit die Spielweise etwas ein. Mit genug Übung meistert Ihr natürlich auch die Risiko-Schläge, doch so viel Zeit werden nur absolute Profis investieren.
Im Karriere-Modus das gleiche Bild: Auf der einen Seite sammelt Ihr endlich während der normalen Partien Erfahrungspunkte und müsst Euch nicht zwingend mit den Trainingseinheiten beschäftigen, andererseits sind die Übungsstunden ganz dem Rotstift zum Opfer gefallen. Entspanntes Aufleveln zwischendurch entfällt also komplett.
Nach einer kleinen Qualifikationsrunde, in der Ihr mit den gesammelten Erfahrungspunkten erste Fähigkeiten verbessert, steigt der Schwierigkeitsgrad mit dem ersten Saisonturnier rapide an. Da ist es doch wunderbar, dass Euch der Titel jeden Monat die Wahl zwischen einem extrem harten oder einem nahezu unschaffbaren Turnier lässt.
Wundert Euch also nicht, wenn es wie im richtigen Leben eine Weile dauert, bis Ihr mit einer dicken Portion Losglück Eure ersten Erfolge feiert. Mit steigendem Level schwindet die gegnerische Dominanz und sogar der erste Turnier-Sieg ist fällig. Die Punkte, die Ihr dort erhaltet, wirken sich auf die Rangliste aus. Erreicht Ihr am Saisonende einen vernünftigen Platz, dürft Ihr eine Klasse höher weitermachen.
Was auf den ersten Blick wie eine Leveltretmühle klingt, wird durch die unterschiedliche Spielweise der Gegner abgemildert. Während Virtua Tennis und Co. die Abwechslung im Karriere-Modus aus lustigen Nebenaufgaben und Spielchen zieht, will Top Spin 3 Euch durch die individuelle Spielweisen der Gegner bei der Stange zu halten. Oft genügt ein Blick auf das Datenblatt Eures Kontrahenten, um seine Vorgehensweise zu erahnen. Wenn zum Beispiel eine der Fantasy-Figuren mit starken Aufschlags- und Volley-Werten auftrumpft, müsst Ihr Euch wohl kaum auf lange Grundlinienduelle einstellen.
Eine Sonderstellung nimmt dabei die Ausdauer ein. Je nachdem, wie hoch dieser Wert ist, könnt Ihr viel laufen, ohne dass Euer Pulsschlag die Skala durchbricht. Gerade auf Sandplätzen ein nicht ganz unwichtiger Faktor, da mit extremen Werten Eure Fehlerhäufigkeit zunimmt. Im späteren Verlauf verliert dies leider immer mehr an Bedeutung, weil die Matches in der Karriere nur auf drei Sätze beschränkt sind. Ausdauernde Spieler profitieren von ihrer Spezialität nur im Online-Modus.
Tadellos ist dagegen die Charaktererstellung. Das System erreicht bei der Komplexität neue Höhepunkte und trumpft mit individuellen Animationen, Gesten und Sprüchen auf. Nach etwas investierter Zeit ist es diesmal sogar möglich, eine menschenähnliche Figur auf den Court zu stellen. Schade, dass dies den Entwicklern bei den unlizenzierten Gegnern nur selten gelungen ist. In der ersten Saison schlägt dieser Uncanny-Valley-Effekt (de.wikipedia.org)gleich mehrmals zu.
Ein Manko, das durch die Detailverliebheit des virtuellen Tenniszirkus wieder ausgeglichen wird. Neben einer realistischen Schweißentwicklung findet Ihr Sandspuren auf Eurer Tennishose, seht Wolkenschatten über den Platz ziehen und ergötzt Euch an den wunderhübschen Tennisplätzen.
Auf den ersten Blick mag der realistische Stil nicht so spektakulär wirken wie zum Beispiel in Virtua Tennis 3, doch in Kombination mit den lebensechten und abwechslungsreichen Animationen entsteht eine nahezu perfekte Kopie der Realität. Optisch gleichen sich Xbox 360- und PS3-Fassung wie ein Ei dem anderen. Nur bei der Framerate zieht Sonys Supercomputer den Kürzeren, was bei dem recht pingeligen Spielsystem immer wieder zu unvermeidbaren Punktverlusten führt.
Online zieht Ihr wie gehabt mit Eurem Karriere-Spieler in die Schlacht und könnt Euch in Einzelspielen und umfangreichen Wettkämpfen die Filzkugel um die Nase hauen. Doppel-Ranglistenspiele sucht Ihr vergebens. PAM Development hat sich auf Einzelmatches konzentriert und lässt Euch nur im freien Online-Spiel gemeinsam in die Filzballschlacht ziehen.
Die Qualität des Matchmaking-Systems war mit der Testversion nicht überprüfbar, angesichts der Erfahrungen aus den letzten Teilen müsst Ihr Euch aber kaum Sorgen machen. Die Integration in die Karriere ist immer noch einmalig und alleine der Online-Modus dürfte Euch über viele Monate beschäftigen. Vorausgesetzt, die Entwickler bekommen das Balancing auf die Reihe.
Für ein entspanntes Spiel zwischendurch wartet auch diesmal der Exhibition-Modus auf Euch. Dort könnt Ihr mit Eurem eigenen Charakter oder mit Profis selbst definierte Spiele austragen. Besonders hervorzuheben sind hier Tennislegenden wie Boris Becker und Björn Borg. Vor allem die Umsetzung ihrer Spielweise ist erstklassig gelungen. Wer möchte, stellt ein Match auf die Beine und klärt ein für alle mal, ob Boris Becker gegen Roger Federer eine Chance gehabt hätte.
Bevor Ihr Euch diesen Titel zulegen wollt, solltet Ihr Euch die Gewissensfrage stellen: Arcade oder Simulation? Die Lernkurve ist happig, das System fast zu realistisch und der Weg zur Weltspitze verdammt weit. Wer sich nicht intensiv mit dem Spielsystem beschäftigt, wird schnell das Handtuch werfen.
Selbst nach vielen Stunden gelingt es kaum, einen Risikoschlag vernünftig ins Feld zu bringen, geschweige denn immer perfekt den Ball zu treffen. Belohnung für die Mühe sind die wohl realistischsten Ballwechsel der Videospielgeschichte und eine unglaubliche Befriedigung, wenn man zum ersten Mal einen richtig guten Gegner bezwungen hat.
Der Titel zieht also einen Großteil seiner Faszination aus der Lernwilligkeit der Spieler. Eine entspannte Runde mit Freunden gelingt nur unter der Prämisse, dass auch diese bereit sind, sich zumindest eine gewisse Zeit mit dem Titel zu beschäftigen. Wem diese Einstiegshürde zu hoch ist, der sollte lieber auf einen Arcade-Titel zurückgreifen. Echte Tennisfreunde werden Top Spin 3 dagegen lieben. Nichts ist dem Zufall überlassen. Und nur Könner haben auch online eine Chance. Für sie sind selbst die kleineren Kritikpunkte, wie der abgespeckte Karriere-Modus, die deutlich zu komplizierten Risikoschläge und die harsche Lernkurve, irrelevant.
Top Spin 3 erscheint am 20. Juni für Xbox 360, PS3, PC, Wii und DS.
Top Spin 3 im Test.
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