New Super Mario Bros. Wii

Review
Plattform
WII
Vertrieb
Nintendo
Entwickler
Nintendo
Genre
Andere
WII: New Super Mario Bros. Wii

Gesamtwertung

9/10

WII: New Super Mario Bros. Wii

Zeitgenössische Videospiele können sich nicht einfach nur mit Dingen wie „guter Spielbarkeit“ oder einer „tollen Spielidee“ begnügen. Nein, sie müssen mehr bieten, viel mehr. Sie müssen eine Handlung erzählen, die mitreißt, aufwühlt und vielleicht sogar zum Nachdenken anregt. Sie sollen sich in ihrer Aufmachung kaum mehr von aktueller (Action-)Kinokost unterscheiden. Außerdem muss natürlich neben dem 100% überzeugenden, durchdachten und vor allem inhaltlich befriedigenden Solo-Erlebnis auch ein motivierender Online-Modus geboten werden, damit sie nicht nach den ersten Durchspielen gleich im Schrank oder, schlimmer noch, beim Gebrauchthändler landen.

Uncharted, Call of Duty und Co. sind die Paradebeispiele dieser Generation von Rundum-Entertainment mit Mehrwert und freuen sich nicht ganz grundlos über fulminante Verkaufszahlen und astronomisch hohe Wertungen. Wie kommt es also, dass ich jedes dieser XXL+-Abenteuer spontan vergesse und links liegen lasse, nur weil ein Spieleheld aus den frühen 80er Jahren mit seinem neuen Abenteuer lockt, das weder eine nennenswerte Story noch irgendeine Art von Dramaturgie und Botschaft bietet? Das so gar nichts mit dem Bruckheimer’schen Actionkino zu tun hat? Das ja nicht einmal den Sprung ins Internet geschafft hat?

Ganz einfach – weil der Held Mario heißt. Und weil Mario trotz Kart, Sport und RPG-Ausflügen immer noch in Hüpf-Hochform ist.

Gemeinsam mit Nervtöter Bowser Jr. haben die ungleich cooleren Koopa-Kids wieder einmal Prinzessin Toadstool entführt, zu allem Überfluss auch noch an ihrem Geburtstag. Gut, dass sich unter den Geschenken ihrer Hoheit nützliche neue Items wie der Propeller-Anzug, die Eisblume und das Pinguin-Kostüm befanden. Mit ersterem schraubt ihr euch hoch in die Lüfte und könnt euren Fall ähnlich wie früher per Waschbärschwanz oder Cape abbremsen.

Die Eisblume hilft, um Gegner tief zu kühlen und als begehbare Blöcke zu verwenden. Und das Pinguin-Kostüm unterstützt euch unter Wasser und beim Schliddern über vereiste, rutschige Flächen. Natürlich sind das nicht die einzigen Neuerungen. Andere Elemente werden ohne große Vorwarnung in den Levels selbst eingeführt. Auf einmal wirft Mario Fässer wie Alt-Rivale Donkey Kong und so manches Level besucht ihr noch einmal, um einen gefangenen Toad zu befreien.

Grafisch orientiert sich der neue Mario mit seinem 2,5D-Look am DS-Vorgänger, von Recycling kann hier aber keine Rede sein, sämtliche Figuren und Hintergründe wurden selbstverständlich neu gezeichnet oder modelliert. Der Look ist dabei bewusst sauber und übersichtlich gehalten. Gegen einen Grafikkracher wie Sonys LittleBigPlanet macht Mario damit natürlich keinen Stich – aber das hat er auch nicht nötig. So liebevoll und charmant das Sackboy-Abenteuer auch gemacht ist, so viel Potenzial die Editoren und die Community dort bieten, beim essenziellsten Kriterium von allen, der reinen Spielbarkeit, behauptet Mario auch weiterhin souverän die Spitzenposition im Genre.

Vor allem räumt Nintendo nun ein für allemal mit einem lästigen, hartnäckigen Klischee auf: 2D-Spiele sind kein Relikt längst vergangener Zeiten, sie sind keine Avantgarde-Titel, die nur von künstlerisch veranlagten Videospiel-Snobs mit Baskenmütze über Download-Portale degoutiert werden. Und sie sind vor allem auf keinen Fall eine minderwertige Form von Videospiel. Auch wenn die Grafik sehr einfach anmutet, wird schon nach kurzer Spielzeit klar, welchen Aufwand Nintendo hier betrieben hat. Die Levels sind perfekt entworfen, die Gegner absolut exakt positioniert und jede Herausforderung, jedes Geheimnis kann mit dem nötigen Grips und vor allem dem entsprechenden Fingerspitzengefühl gemeistert und gelöst werden. Diese spielerische Brillanz erreicht man nur durch endloses Feintuning, Monate-, wenn nicht jahrelange Betatests und natürlich gnadenlos talentierte Entwickler, die es verstehen, souverän auf dem feinen Grat zwischen Lust und Frust zu balancieren.

Genau das schafft New Super Mario Bros. Wii scheinbar mühelos. Um zu sehen, wie schwer diese Gratwanderung ist, vergleiche man nur das neue Abenteuer mit dem exzellenten, aber eben nicht endgültig brillanten, oftmals etwas gezwungen wirkenden New Super Mario Bros. für den Nintendo DS. Auch wenn sich die beiden Spiele auf den ersten Blick frappierend ähneln, bietet das neue Abenteuer genau das Quäntchen Inspiration, das dem Handheld-Vorgänger noch abging. Das Quäntchen Inspiration, das den Unterschied zwischen einem tollen Jump’n’Run und einem zeitlosen Klassiker vom Schlage eines Super Mario World oder Super Mario Bros. 3 ausmacht.

Die auffälligste und durchaus auch umstrittenste Neuerung im Marioversum ist der Vierspieler-Modus, war der es doch, der die Fans bei der ersten Präsentation des Spiels bei der diesjährigen E3 etwas skeptisch stimmte. Sollte der erste stationäre 2D-Mario seit dem großen Super Mario World etwa primär ein hektisches Mehrspieler-Gehopse mit pflichtbewusst drangehängtem Solo-Modus werden? Eine weitere Verbeugung vor der so hofierten neuen Nichtspieler-Zielgruppe? Mitnichten. Zu aller erst einmal ist New Super Mario Bros. Wii ein umfangreiches, kreatives und herausforderndes Solo-Abenteuer, das zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Kompromisse zugunsten des Multiplayer-Vergnügens eingeht.

Die acht Welten sind vollgestopft mit Extras und Geheimnisse. Wer die Unterlevels fleißig erforscht, der findet so manchen geheimen Ausgang, und Nintendo hat es meisterhaft verstanden, vertraute Mario-Elemente mit interessanten Wii-spezifischen Neuerungen zu vermischen. Bei der Floß-Tour über einen unterirdischen See bringt ihr durch entsprechende Neigung der WiiMote mit einem Scheinwerfer Licht ins Dunkel, ebenfalls durch Neigung kontrolliert ihr so manche kippende Plattform und um per Propeller-Anzug in die Höhe zu schnellen, genügt ein kurzer Ruck am Controller. Keine dieser Neuerungen wirkt ungelenk oder aufgesetzt. Natürlich bedeutet das im Gegenzug, dass der Einsatz von Classic- oder Gamecube-Controller nicht möglich ist, aber die seitlich gehaltene WiiMote hat sich ja mittlerweile in etlichen Titeln mehr als bewiesen.

Überhaupt ist der neue Mario überraschend kniffelig geworden: War der DS-Vorgänger New Super Mario Bros. den Hüpf-Veteranen doch eine Spur zu einfach, werden die Spieler, egal ob erfahren oder neu im Geschäft, hier in den späteren Levels endlich wieder gefordert. Die Altfans freut es und auch die Neueinsteiger müssen nicht verzweifeln. Dank der perfekt austarierten Lernkurve lernen sie ganz spielerisch die Feinheiten des Spiels. Und wenn ein Level mal partout zu schwer ist, dann ist das auch kein Grund zum Verzweifeln, hat Nintendo doch gleich ein doppeltes Rettungsnetz eingebaut. Und dabei zeigt sich ein weiteres Mal, wie wundervoll durchdacht der neue Mario ist.

Die für den Profi sportlichere Variante ist, einfach ein paar Mitspieler zu Hilfe zu rufen: Da ihr im Mehrspielermodus beim Lebensverlust nach kürzester Zeit gleich wieder in typischer Yoshi`s-Island-Manier ins Bild geschwebt kommt, entfallen die Rücksetzpunkte und auf diese Weise „ziehen“ die stärkeren Spieler ihre weniger erfahrenen Kumpanen einfach durch die kniffligen Stellen durch.

Die andere Methode ist Nintendos umstrittenes Autoplay-Feature. Ja, ihr könnt das Spiel tatsächlich auf einen Autopiloten stellen, damit es die biestige Herausforderung für euch meistert. Danach könnt ihr unmittelbar wieder selbst die Kontrolle übernehmen und den Level abschließen. Aber: Die Option steht nicht immer zur Verfügung. Erst wenn ihr wirklich Probleme mit einer Stelle im Spiel habt – übersetzt heißt das, wenn ihr in einem Level mehr als acht Leben verliert –, dürft ihr die Hilfsfunktion nutzen. Und natürlich zwingt euch niemand, Nintendos Angebot tatsächlich in Anspruch zu nehmen. Für eingefleischte Mariologen ist es selbstverständlich eine Frage der Ehre, sämtliche Widrigkeiten und Hindernisse selbst, sprich ohne die virtuellen Stützräder zu meistern.

Seit einigen Jahren schon arbeitet Nintendo am Videospiele-Äquivalent der berühmten Quadratur des Kreises. Einem Spiel, das erfahrene Spieler und Neulinge, jung und alt, überhaupt einfach jeder gemeinsam spielen kann, ohne dass eine der Zielgruppen dabei Kompromisse eingehen muss. Nun, mit New Super Mario Bros. Wii ist dieses Kunststück erstmals tatsächlich vorbehaltlos gelungen.

Der Schlüssel zu dieser Leistung liegt nicht nur in den beschriebenen Hilfs-Mechanismen, sondern vor allem in der Entscheidung, Mario wieder zu seinen zweidimensionalen Wurzeln zurückzuführen. So schön und flott die Navigation in einer 3D-Welt sich auch anfühlen kann, wirklich intuitiv ist sie nie. Nicht ohne Grund bot Super Mario 64 vor dem eigentlichen Spielbeginn ein großes Areal vor dem Schlosstor, in dem sich der Spieler mit der ungewohnten räumlichen Steuerung und vor allem den komplexen Kamera-Kontrollen vertraut machen konnte. All diese Themen stellen sich bei einem 2D-Spiel erst gar nicht. Jeder, aber auch wirklich jeder kann sofort die WiiMote in die Hand nehmen und loslegen. Steuerung und Spielprinzip sind innerhalb von Sekunden verstanden und verinnerlicht.

Musikalisch geht Nintendo bei New Super Mario Bros. Wii völlig andere Wege als noch beim Vorgänger Super Mario Galaxy. Wurde dort Marios intergalaktisches Abenteuer noch mit einem mal donnernden, mal verträumten und mal verspielten Soundtrack für Orchester und Theremin zelebriert, setzt Komponist Koji Kondo dieses Mal wieder auf leichtere, durchaus auch jazzigere Klänge, die schnell ins Ohr gehen und auch lange, nachdem ihr die Wii ausgeschaltet habt, noch dort bleiben.

Und nicht nur das: Die Musik ist nicht nur flott-gefällige Untermalung, ähnlich wie schon im DS-Vorgänger nimmt sie auch Einfluss auf das Spielgeschehen selber. Wer darauf achtet, der merkt schnell, dass die Gegner sich tatsächlich zur Musik bewegen. Fische legen eine kleine Pirouette ein, Goombas einen kleinen Hüpfer und so mancher Koopa Trooper unterbricht seinen Marsch von links nach rechts, um flott ein paar Tanzbewegungen vom Stapel zu lassen. Das ist Liebe zum Detail.

Der einzige Punkt, bei dem sich Nintendo vielleicht ein wenig zu sehr an den alten Zeiten orientiert hat, ist das Speichersystem. Richtig „fest“ speichern könnt ihr nur an bestimmten Stellen der Karte, und die wollen erst einmal erreicht werden. Meist stehen schon drei, vier oder fünf im späteren Spielverlauf durchaus knackige Levels zwischen zwei Speichermöglichkeiten. Zum Glück wurde als Ausgleich eine Quicksave-Funktion implementiert, so verliert ihr keinen Fortschritt, wenn ihr doch einmal spontan euer Spiel unterbrechen müsst und ihr noch ein gutes Stück von der nächsten Speichergelegenheit entfernt seid.

Trotzdem, was hätte es am Spielspaß und der Herausforderung geändert, hätte Nintendo nach jedem absolvierten Level die Möglichkeit geboten, den Spielstand festzuhalten? Davon abgesehen gibt sich New Super Mario Bros. Wii aber keine großen Blößen.

Auch nicht durch den Verzicht auf den heute oft obligatorischen Online-Modus. Zum einen wäre für die punktgenauen, Timing-intensiven Herausforderungen späterer Levels jeder minimale Lag sofort tödlich, zum anderen ist New Super Mario Bros. Wii nun mal kein Spiel für verbissene Online-Matches. Das Mehrspieler-Vergnügen ist hier einfach am größten, wenn die Mitspieler direkt in Reichweite sitzen.

Wie diese Multiplayer-Runden ausfallen, hängt natürlich ganz von der versammelten Mitspielern ab. Ziehen vier erfahrene Veteranen ins Abenteuer, bilden sie eine unaufhaltsame Front, der kein Koopa und kein Goomba etwas entgegen zu setzen hat. Sind jüngere Spieler am Start, artet das Abenteuer oft in ein fröhliches Chaos aus, bei dem der erfahrenste irgendwann automatisch die Quasi-Leitung übernimmt. Und wenn ein paar Volljährige Spieler zu fortgeschrittener Stunde in angeheitertem Zustand spielen... nun... ein Erlebnis ist das dann auf alle Fälle.

Ob ihr nun im Teamwork einen schweren Level meistert, oder euch gemeinsam in einer der früheren, einfacheren Stages wilde Kämpe um erledigte Gegner und Münzen liefert, es beeindruckt ungemein, wie natürlich sich der Mehrspielermodus anfühlt. So als ob er eigentlich seit jeher Teil aller Mario-Spiele gewesen wäre und nicht erst in der jüngsten Episode eingeführt wurde. Erneut lässt Nintendo eine eigentlich radikale Neuerung in der eigenen Vorzeigeserie absolut locker und mühelos aussehen.

Es tut einfach gut, Mario wieder einmal in absoluter Hochform zu erleben. New Super Mario Bros. Wii bietet schlicht reinen Spielspaß, egal ob im motivierenden Solo- oder im unverschämt spaßigen Multiplayer-Modus. In dieser Hinsicht ist Mario ein echtes Lehrstück. Nicht nur, weil es den perfekten Spagat zwischen alten Hardcore-Hasen und neuen Casual-Spielern überbrückt, nicht nur, weil Leveldesign, Steuerung und Spielbarkeit absolut gelungen und aufeinander abgestimmt sind. Vor allem erinnert uns Mario auch daran, was in einem sehr guten Geschicklichkeits- / Jump'n'Run-Spiel letzten Endes den Ton angibt. Nämlich der pure, unverfälschte Spielspaß. Und in dieser alles entscheidenden Kategorie schafft es der alte Schnauzbart mit der Plauze auch nach einem jahrelangen Hiatus zu zeigen, dass ein zünftiges 2D-Hüpfabenteuer auch im Jahre 2009 so aktuell, modern und motivierend ist wie vor 20 Jahren. Und dass diese wertvolle Lektion des Meisters so mühelos, so verspielt und so locker-leicht daherkommt, das macht sie nur noch besser.

New Super Mario Bros. Wii ist ab sofort für die Wii im Handel erhältlich.

 

 

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