DS: GTA: Chinatown Wars
Dicke, graue Spinnenweben zieren meinen weißen, leicht gelblichen DS – ahh, ist das Teil dreckig. Seit über einem Jahr habe ich das süße, sympathische Spielzeug nicht mehr in den Händen gehalten. Vorbei die Lust am Puzzeln, an den fordernden Advance Wars-Partien und an einer entspannten Runde Metroid Prime. Die Next Generation-Konsolen samt PC haben mich zuhause voll in ihrem Griff und kaum befinde ich mich auf Reisen, sehe ich mir lieber einen Film an oder lese ein Buch. Zu viel süße Figuren, nette Rätsler und langatmige Adventures.
Mir fehlen ein paar kernige Typen, erwachsene Themen und auch ein wenig entspannte Anarchie, die im Family-Wunderland von Nintendo viel zu selten vorkommt. Die wenigen Ausnahmen (Dead n Furious, Touch the Dead, Moon) bestätigen die Regel. Umso erfreulicher, dass Rockstar Games mit Grand Theft Auto: Chinatown War keine kinderfreundliche Mager-Version für ihren ersten Nintendo-exklusiven Titel auf die Beine stellen, sondern mit Stolz als erster DS-Titel in England eine „ab 18“-Einstufung einkassiert. Sex, Drogen und Gewalt besudeln die weiße Weste von Nintendos kleinstem Spross und führen die Serie zu ihren Wurzeln zurück.
Angesichts der doch eher eingeschränkten technischen Fähigkeiten des Handhelds erwartet Euch kein zusammengeschrumpftes GTA III, sondern eine Reminiszenz an die ersten beiden Teile. Aus einer leichte schrägen Vogelperspektive begeistert die Cell-Shading-Grafik vor allem in Bewegung und setzt fast ganz Liberty City ins rechte Licht. Nur Alderney musste dem Rotstift weichen. Dank stabiler Frameraten erstrahlen die beiden Doppel-Bildschirme und verwandeln den Titel in ein echtes Grafikhighlight. Ohne Sprachausgabe, dafür aber mit einer umfangreichen Musik-Auswahl, entsteht schon nach wenigen Minuten das typische GTA-Feeling und zieht Euch mit seinen Comic-Zwischensequenzen tief in die Geschichte hinein.
Hauptdarsteller dieser neuen Gangster-Ballade ist der chinesische Einwanderer und Sproß einer Triaden-Dynastie Huang Lee. Nach dem Tod seines Vaters reist er mit einem antiken Schwert in Richtung Liberty City, um es seinem Onkel Wu aka Kenny Lee zu überreichen. Doch gleich am Flughafen verwandelt sich der Botenjob in eine Katastrophe. Bewaffnete erschießen die Bodyguards, verletzen unseren Nachwuchs-Gangster und klauen das wertvolle Familien-Erbstück. Zum Glück kann unser Anti-Held entkommen und zu seinem Onkel fliehen, sonst würde die Geschichte ein sehr frühes Ende finden.
Wie es sich für ein GTA gehört, muss sich der Hauptdarsteller mit Botenjobs, Mord-Aufträgen und Drogen-Deals langsam nach oben arbeiten. Gleichzeitig versucht Huang auch den Mörder seines Vaters zu finden, der noch frei in der Stadt der Albträume herumläuft. Gesteuert wird der Held mit dem Digitalkreuz. Um die Fahrten durch den dichten Verkehr angenehmer zu gestalten, hat Rockstar Leeds (Grand Theft Auto: Liberty City Stories) eine Art Autokorrektur eingebaut, die Euer Fahrzeug beim Beschleunigen an der Mittelspur ausrichtet. Nicht gerade die eleganteste Variante, aber dringend notwendig und vor allem sehr effektiv. Orientieren könnt Ihr Euch anhand einer Mini-Karte und abschaltbarer, eingeblendeter Richtungspfeile. Besser geht’s nicht.
Der Touchscreen kommt dagegen beim Granaten-Werfen und bei diversen Mini-Spielen zum Einsatz. Während Ihr bei den explosiven Überraschungen mit dem Stylus die Entfernung und Richtung bestimmt, fügen sich die kleinen Geschicklichkeitsaufgaben hervorragend in die Spielwelt ein. So müsst Ihr, um Autos zu knacken, Kabel verbinden, Sperren lösen und mit einem Schraubenzieher die Zündung überlisten. Vor dem Einsatz eines Scharfschützengewehrs müsst Ihr erst einmal die Einzelteile zusammensetzen und um aus einem sinkenden Auto auszubrechen, Scheiben durch Antippen zerschlagen. Durch leichte Variationen und die kurze Dauer gehen einem die Sequenzen eigentlich nie auf den Keks.
Auch das Ballern geht dank Lock-On überraschend einfach von der Hand. Einige Waffen, zum Beispiel die Schrotflinte, wirkten zwar noch etwas übermächtig, dafür verströmen die Gefechte genau die Portion Chaos, die die GTA-Reihe groß gemacht hat. Kleine Körper fliegen durch die Gegend und rote Farbklecks markieren Euren Weg, in kurzer Zeit habt Ihr die Stadt in ein Schlachtfeld verwandelt und die Polizei hängt sich an Eure Fersen. Statt wie beim vierten Teil aus einem Radius zu fliehen, müsst Ihr je nach Fahndungslevel eine bestimmte Anzahl von Einsatz-Fahrzeugen aus dem Weg räumen. Gelingt Euch dies, ohne selbst in die Luft zu fliegen, könnt Ihr Euch dem Griff der Verfolger entziehen.
Die bisher gezeigten Missionen rangieren von einfachen Botengängen über kleine Endgegnerfights (ein Gangster-Boss mit Gatling-Gun), bis hin zu komplexen Bankraub-Szenarien, in denen Ihr diesmal den Fluchtwagen fahrt. Auch eine Sniper-Mission wartet auf Euch, die Ihr ja bereits aus den anderen Versionen kennt.
Besonders spaßig waren aber zwei Missionen, die Euch gemeinsam mit einem NPC-Partner durch die Häuserschluchten der Mini-Großstadt jagen. Bei der ersten sitzt Ihr am Steuer eines Pick-Ups, während ein Freund auf der Ladefläche hockt, der mit einer Gatling-Gun munter in die Gegnermenge schießt. Eure Aufgabe, alle Mitglieder einer gegnerischen Gang zu erledigen, entpuppt sich dabei als beinhart. Ihr werdet von allen Seiten beschossen und könnt das Fahrzeug auch nicht reparieren. Nach drei Versuchen war aber auch das geschafft und es ging in die Luft.
Per Hubschrauber jagt Ihr mit einem korrupten Bullen in Richtung Zielgebiet und schleudert Dutzende Molotov-Cocktails. Dabei müsst Ihr wie bei den Granaten genau zielen, um die ballernden Feinde schnell aus dem Weg zu räumen. Entkommt zum Beispiel ein Kämpfer mit Raketenwerfer, jagt er Euch explosive Grüße entgegen und Ihr landet schnell als blutiger Matsch auf dem Asphalt.
Zum Abschluss findet sich noch ein Gefecht gegen einen anderen Hubschrauber ein, der auf durchschlagkräftige Maschinengewehr setzt, nach ein paar Treffern mit unseren improvisierten Super-Waffen aber schnell den Geist aufgibt.
Abseits der Aufträge wartet Grand Theft Auto: Chinatown Wars mit einem Drogen-Meta-Game auf. Um an Geld zu kommen, müsst Ihr die kleinen Hausmittelchen günstig ein- und teuer verkaufen. Manipulieren könnt Ihr den Preis, in dem Ihr in der Stadt verteilte Überwachungskameras klaut und so den Verkauf erleichtert. Vertickt Ihr die Ware dann in einem überwachten Gebiet weiter, lassen sich dicke Gewinne einfahren und Ihr werdet von Mal zu Mal reicher.
Zusätzlich wurden viele Komfort-Elemente aus dem Vorgängern übernommen. Ein PDA ersetzt Telefon und Computer und ermöglicht Euch, Emails zu verfassen und Leute zu kontaktieren. Um die Wege abzukürzen, könnt Ihr bei Missionen die Anfahrten überspringen und bei einer Niederlage sofort von vorne beginnen. Wie gehabt wird nicht während den Missionen gespeichert und auch die Taxi-Fahrten haben es nicht in Nintendos Kleinsten geschafft. Dafür gibt es jede Menge Neben-Beschäftigungen, wie Taxi fahren, Polizei-Aufträge und Feuerwehreinsätze. Ach ja und Huang Lee kann sogar schwimmen, das konnte vor ihm nur Nico Belic, Vic und CJ.
Beim Thema Multiplayer hielt sich Rockstar - mal wieder - bedeckt. Ja, es gibt ihn und er lässt sich über den PDA aktivieren. Ob er nur lokal oder auch Online funktioniert, war genauso wenig aus ihnen herauszupressen wie die Spieleranzahl und die passenden Modi. Wenn man bedenkt, was Rockstar für einen einmaligen Job bei Grand Theft Auto IV geleistet hat, muss man sich wohl keine Sorgen machen. Außerdem sind Nintendo DS-Besitzer in dieser Hinsicht ja nicht sonderlich verwöhnt. Hauptsache, man kann gemeinsam ein wenig Chaos anrichten, mehr braucht der Grand Theft Auto-Fan bekanntlicherweise nicht zum Glücklichsein.
"Zurück zu den Wurzeln" heißt es bei Rockstar Leeds und die anarchische Herangehensweise tut dem Titel wirklich verdammt gut. Selten hatte ich auf Nintendos Taschenkonsole solch einen Spaß und konnte mich gleichzeitig an einer so erwachsenen Story, interessanten Charakteren und einer dicken Portion schwarzem Humor erfreuen. Allein bei den vielen asiatischen Namen könnte es zu den einen oder anderen Verwechslungen kommen. Auch der Grafik-Stil überrascht durch seine dichte Atmosphäre und nahezu perfekte Umsetzung. Wer bei Comics leichte Übelkeit erfährt, wird zwar schreiend davon laufen, doch um die Schwächen des Systems zu umgehen, ist es wirklich die ideale Lösung.
Noch besser hat mir das Gameplay gefallen. Weg von dem eher ernsten, realistischen Ansatz des großen Bruders, hin zu einem wieder entdeckten Mut zu Chaos und Zerstörung. Selbst die oft nervigen Mini-Spiele wurden diesmal ansprechend und vor allem abwechslungsreich umgesetzt. Sie lockern das Spielgeschehen gehörig auf und gehen durch die Kürze nie auf die Nerven. Ungewöhnlich auch die Möglichkeit, Drogen zu dealen. Das gab es bei der Grand Theft Auto-Reihe noch nie. Rockstar Leeds lehnt sich damit weit aus dem Fenster und wird vermutlich abermals für einigen Wirbel sorgen. Ich werde auf jeden Fall meinen DS sauber machen und für Chinatown Wars vorbereiten. Wenn alles gut geht, werde ich nach Jahren mal wieder ein DS-Spiel zu Hause zocken.
Grand Theft Auto: Chinatown Wars erscheint im März 2009 exklusiv für den Nintendo DS.




