Robert Ludlum's Das Bourne Komplott

Review
Plattform
PS3
Vertrieb
Sierra Entertainment
Entwickler
High Moon Studios
Genre
Action
PS3: Robert Ludlum's Das Bourne Komplott

Gesamtwertung

7/10

PS3: Robert Ludlum's Das Bourne Komplott

Militärischer Nahkampf hat nichts, aber auch gar nichts mit klamaukigen Kneipenschlägereien gemeinsam. Jedes Körperteil wird zu einer Waffe. Jeder Schlag zu einem Tötungsversuch. Und am Ende landet einer im Sarg. Finger bohren sich in Nervenknoten, Handkanten zerdrücken Luftröhren und zuletzt brechen meist ein paar Halswirbel als seien sie Zahnstocher.

Nur selten gelingt es einem Film oder Spiel, diese Kompromisslosigkeit ordentlich in Szene zu setzen. Fantasievolle Spezialattacken und teils lächerliche Waffen geben sich die Hand. Unglaubwürdige Kräfteverhältnisse lassen übermächtige Nahkämpfer gleich gegen Hunderte Gegner antreten – und sie auch noch bezwingen, da sie sich schön brav hintereinander dem Helden zum Kampf stellen. Kein Wunder, dass am Ende dann doch wieder geschossen wird und die Faust die schlechtere Alternative darstellt.

Robert Ludlum's Die Bourne Verschwörung geht hier einen komplett anderen Weg. Um die Tötungsmaschine aus der Filmtrilogie glaubhaft darzustellen, wird das Gefecht Mann gegen Mann mit knochenbrechender Rasanz präsentiert. Selbst mitten in einem Feuergefecht könnt Ihr auf den Gegner zustürmen und ihn in einen Nahkampf zwingen. Aufpassen müsst Ihr in diesem Moment nur auf die anderen Bösewichter, denn diese schauen nicht unbeteiligt zu.

Weiter entfernte Feinde halten Euch unter Beschuss und wer in Schlagdistanz ist, versucht Euch in den Rücken zu fallen. Den Kugeln könnt Ihr durch einen Wechsel der Stellung aus dem Weg gehen. Einfach den Schergen als Schutzschild verwenden und er darf für Euch das Blei einfangen. Hinterhältige Nahkampf-Attacken müsst Ihr mit einer Quicktime-Aktion abblocken. Gelingt dies nicht, bekommt Ihr zum Beispiel einen Schlagstock zwischen die Rippen.

Gegen trainierte Gegner ist Blocken unerlässlich. Erledigt Ihr bei anderen Titeln normale Kontrahenten mit wenigen Attacken, kann Euch bei Bourne selbst ein normaler Soldat in das Land der Träume schicken. Nur auf dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad reicht es aus, den Kampf mit schnellen Faustschlägen zu Euren Gunsten zu entscheiden. Wagt Ihr Euch an den Agenten- oder Attentäter-Modus, müsst Ihr geschickt auf die Angriffe reagieren, mit Tritten und Blocks Euer Adrenalin auffüllen, um den Feind mit einem so genannten „Takedown“ endgültig aus dem Weg zu räumen.

In den ersten Stunden stürzt Ihr Euch dank der einmaligen Inszenierung dieser „Finishing Moves“ mit viel Begeisterung in die Schlacht. Da die brutalen Angriffe je nach Umgebung anders verlaufen, werden sie nie langweilig. Mal befördert Ihr den Feind mit viel Schmackes in in einen Glastisch, werft ihn über die Reling eines Bootes oder zieht ihm einen herumstehenden Feuerlöscher über den Kopf. Jede Quicktime-Abwehr passt sich perfekt in das Kampfgeschehen ein, der Übergang ist nahtlos. Und noch besser: Erstens verdecken nicht dicke Buttons die Sicht auf die sehenswerten Animationen. Und zweitens muss nicht innerhalb von Millisekunden reagiert werden. Man hat – im Vergleich zu anderen Titeln – ein wenig Zeit und kann dem Geschehen folgen, anstatt konzentriert auf Icons zu starren. Das verbessert den cinematischen Eindruck, den das Spiel ohnehin von der ersten bis zur letzten Minuten hinterlässt.

Erst mit der Zeit schleicht sich dann eine Routine ein, die sich wie ein Schlagbohrer in Eure Motivation frisst. Echte Variationen im Gameplay gibt es nämlich nur selten. Und die sehen dann so aus: Ein Endgegner zieht auf einmal ein Messer und Ihr müsst ständig Quicktime-Angriffe abwehren, die Euch sonst jede Menge Lebensenergie kosten. Oder Euer Gegenüber blockt jeden normalen Schlag ab und Ihr müsst einen gut getimten, nicht blockbaren Kick ansetzen, um ihn aus der Balance zu bringen.

Das reicht aber trotzdem nicht, um die Kämpfe über acht Stunden hinweg interessant zu gestalten. An sich wäre das unproblematisch, schließlich steht ja noch mehr auf dem Programm: Schießen, Auto fahren, halsbrecherische Verfolgungsjagden. Doch all diese Elemente sind leider zu seicht ausgefallen und bieten einfach nicht genug Substanz, um die zentrale Rolle der brachialen Zweikämpfe sinnvoll zu ergänzen.

Und irgendwie ist auch das Konzept dann nicht mehr stimmig. So sehr man sich im Nahkampf noch als außergewöhnlich empfindet, so schnell holt einen die Normalität bei den Schusswechseln ein. Ganz wie bei der Konkurrenz kann Bourne zwar aus der Schulterperspektive mit dem Standard-Waffenarsenal gezielt Schüsse anbringen, trifft aber ohne Zoom-Funktion auf weite Entfernung oft nur die Wand. Das gleiche Spiel bei der Deckungsmechanik: Da der Protagonist kein Superheld ist und nach ein paar Gewehrtreffern auf dem Boden liegt, müsst Ihr fast bei jedem Gefecht hinter Säulen und Kisten in Deckung gehen.

Wirklich schade, dass der gute Mann zum Beispiel nicht blind feuern kann oder sich spektakulär in Schussposition bringt. Die Gefechte sind so einfach zu gewöhnlich und sie ziehen sich auch viel zu lang hin. Steht Ihr unter Zeitdruck steigt schnell der Frustfaktor. Immerhin wurde das „Takedown“-System sinnvoll auf die Feuergefechte übertragen. Ganz wie im Nahkampf sammelt Ihr mit jedem Abschuss Adrenalin und könnt so bis zu drei Kontrahenten auf einen Streich erledigen. Davon hätte es mehr geben müssen.

Über den Fahrlevel breiten wir lieber einen Mantel des Schweigens. Da ihr nur einmal hinter das Steuer müsst, zieht er den Titel aber auch nicht wirklich nach unten. Die Verfolgungssequenzen bestehen aus schnellen Sprints und umfangreichen Quicktime-Aktionen. Dazwischen muss man noch ein paar Daten von einem Computer herunter laden oder eine Waffe klauen. Diese Elemente wirken aber eher aufgesetzt und tragen nichts Besonderes zum Spielkonzept bei.

Inhaltlich bekommt Ihr nicht die gekürzte Filmfassung präsentiert, sondern alle Details aus dem ersten Buch „Die Bourne Identität“. Neben den Szenen aus dem Film, bekommt Ihr so auch jede Menge Attentats-Missionen zu Gesicht, die Euch um den halben Globus führen. Leider müsst Ihr auf Matt Damon als Bourne verzichten, weil der gute Kerl zwar viel von brutalen Filmen, aber nicht ganz so viel von brutalen Spielen hält. Statt seinem Allerweltsgesicht, bekommt Ihr also ein fiktives Allerweltsgesicht geliefert, dass sich nach einer Weile hervorragend in die Hintergrundgeschichte einfügt.

Die Handlung wird dabei strikt linear umgesetzt. Zu Beginn einer Mission suggeriert Euch der Titel oft einen Moment der Freiheit, eine Sekunde später, werdet Ihr aber ohne Umwege wieder direkt in einen Levelschlauch geworfen. Falls Ihr Euch trotz des recht übersichtlichen Areals mal nicht zurecht findet, könnt Ihr Euch mit der Bourne-Vision das nächste Missionsziel und versteckte Gegner anzeigen lassen. Aber Vorsicht: Ab dem Agent-Schwierigkeitsgrad kostet Euch diese Hilfestellung Adrenalin-Energie, wer sie also zu oft zu Rate zieht, kann weniger „Takedowns“ nutzen.

Unterstützt wird die packende Inszenierung durch eine gelungene Grafik auf Basis der Unreal Engine 3. Den Entwicklern ist es gelungen, dass Spiel eben nicht wie Gears & Co. aussehen zu lassen. Gerade die Charaktere strotzen nur so von Details und überzeugen mit glaubhaften Animationen. Wie von der Engine gewohnt, gibt es immer mal wieder eine Stelle, an denen Texturen zu spät geladen werden. Im Eifer des Gefechts fallen die kurzen Hänger aber kaum auf und Ihr bekommt im späteren Verlauf echte optische Höhepunkte geliefert. Unterschiede zwischen den beiden Systemen müsst Ihr mit der Lupe suchen, die Framerate ist stets stabil und bis auf minimale Details sehen beide Versionen gleich ansprechend aus.

Trotz seiner brillanten Aufmachung ist Bourne ein Spiel voller verpasster Chancen. Natürlich möchte der Titel weniger Hardcore-Shooter und mehr packender Thriller sein, doch mit so wenig Tiefgang reicht es nicht ganz, die Spannung bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Vor allem den Schusswechseln, aber auch den Faustkämpfen mangelt es an sinnvollen Variationen. Hier ein Konter, dort eine Zoom-Funktion oder andere, fordernde Elemente und Bourne hätte auch spielerisch auf ganz Linie überzeugen können.

Was bleibt, sind abwechslungs- und ideenreiche Level, eine gelungene, bugfreie Grafik und herrliche Kampfsequenzen, die in ihrer Wucht einmalig sind. Wer sich im Kino lieber einen Popcorn-Film als ein französisches Beziehungs-Drama reinzieht, sollte Bourne eine Chance geben. Nur selten kann man so entspannt eine packende Action-Sequenz nach der anderen genießen, ohne sich im Joypad fest zu beißen. Vielleicht beherzigen die Entwickler ja die Kritikpunkte, dann steht uns mit dem zweiten Teil ein echter Höhepunkt ins Haus, der beweist, dass Buch/Film-Umsetzungen sehr wohl die Qualitäten der Vorlage einfangen können.

Robert Ludlum's Das Bourne Komplott erscheint am 27. Juni für Xbox 360 und PlayStation 3.

 

 

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