X360: Too Human
Das größte Manko von Too Human hat wenig mit dem eigentlichen Spiel zu tun. Es ist Gründer und Präsident Denis Dyack, der mit seinen visionären Ideen und fast größenwahnsinnigem Auftreten die Branche in zwei Lager spaltet.
Auf der einen Seite die Fans, die sein Gedankenkonstrukt zu einer Ein-Konsolen-Zukunft (eurogamer.de)lieben und sich freuen, dass er sich auch mit etablierten Kräften anlegt. Auf der anderen Seite seine "Feinde", wie zum Beispiel die gesamte NeoGAF-Gemeinde, die seine paranoiden Spielchen und überheblichen Aussagen (eurogamer.de)zur Qualität von Too Human einfach nicht mehr hören können.
Gerade mit letzterem hat er die Erwartungen ins Unendliche geschraubt und so eine objektive Betrachtung des Titels fast unmöglich gemacht. Kein Wunder also, dass die ersten Blogger die recht plumpe Geschichte samt der Abziehbildchen-Charaktere in Grund und Boden geschrieben haben. Wer sich mit der Internet-Gemeinde anlegt, kann am Ende eigentlich nur verlieren. Eine Lektion, die Denis Dyack unbedingt lernen sollte, damit seine Spiele nicht unter seiner aggressiven Art leiden müssen. Zumal Too Human deutlich besser ist als sein Ruf.
Es ist natürlich richtig, dass Geschichte, Charaktere und vor allem die deutsche Sprachausgabe trotz der Integrierung der nordischen Göttersagen nicht mit anderen Blockbustern mithalten können. Wer gesehen hat, was Bioware bei Mass Effect leistet, wird über den Helden Baldur und seine überzüchteten Götter-Freunde nur schmunzeln können. Auch die Mischung der Sagenwelt mit Science Fiction-Elementen wird nicht bei allen Spielern für Begeisterung sorgen. Auf diese Weise konnten die Entwickler, wie in Action-Rollenspielen so üblich, zwar auch geschickt Fernkämpfe in den Stoff einarbeiten, trotzdem wirkt der Stoff so oft aufgesetzt und deplatziert.
Es ist natürlich Geschmackssache, ob der Brücken-Wächter Heimdall in einem schwerelosen Büro residieren sollte, in dem eine dickbusige Sekretäring Euch per Headset ankündigt. Oder Grendel, der eigentlich aus einer anderen Sagenwelt stammt, als fleischfressender Roboter dargestellt wird und zusammen mit mechanischen Goblins in einer HighTech-Stein-Höhle lebt. Dank der recht schicken Grafik und der grundsoliden Vorlage, gleitet das Geschehen nur selten ins Lächerliche ab und bietet massenhaft Intrigen und Verrat. Fans der Materie werden aber trotzdem laut aufstöhnen und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Ähnlich wird es Euch anfangs beim Gameplay gehen. Die Eternal Darkness-Macher Silicon Knights werfen mit einem Schlag einen der Standards der modernen Third-Person-Spiele über den Haufen. Statt mit dem rechten Analogstick die Kamera zu steuern, startet Ihr damit Euren Nahkampf und bestimmt die Angriffsrichtung. Fast wie bei Geometry Wars könnt Ihr so recht ansehnliche Kombinationen hinlegen, die gerade in einer Masse von schwachen Gegnern einen dicken Adrenalin-Kick abliefern und in den besten Momenten an Spiele wie Devil May Cry erinnern.
In Kombination mit verschiedenen Spezialmanövern entsteht nach einer langen Eingewöhnungszeit ein beeindruckender Spielfluss, der aber auf Kosten des Überblicks geht. Die Kamera macht eigentlich nie, was Ihr wollt. Und selbst die Zentrierung hinter Eurem Charakter oder die Wahl einer Pseudo-Iso-Perspektive lässt viele Wünsche offen.
Auch sonst wirft Euch Too Human zu Beginn recht ahnungslos ins kalte Nass. Das komplexe Gameplay mit Kombo-Attacken, Finishing-Moves, einem hochkomplexen Aufrüstungssystem und diversen Fertigkeiten wird kaum erklärt und wirkt überladen. Nach einer Weile steigt man zwar hinter die sechs Waffenkategorien, die vielen Statistiken der zufallsgenerierten Items, die Waffenmuster und das Runensystem, doch intuitiv geht anders. Immerhin stellt sich recht schnell die Sammelleidenschaft ein und einige Automatismen erleichtern die Action-Rollenspiel-Alltag.
Held Baldur nimmt nicht nur automatisch alle fallengelassenen Ausrüstungsteile auf, sondern macht auch den ganzen überflüssigen Kleinkram zu Geld. Kaum ist nämlich Euer Inventory voll, landet statt einem schwachen Brustpanzer der entsprechende Betrag auf Eurem Konto. Stundenlange Inventory-Sessions fallen damit fast komplett flach. In diesem Punkt hat sich Silicon Knight selbst übertroffen.
Deutlich langweiliger fällt die Charakter-Entwicklung aus. Auf den Pfaden der unterschiedlichen Klassen (Rollenspiel-Standards: Kämpfer, Berserker, Verteidiger, Fernkämpfer, Heiler) gibt es kaum zusätzliche Spezialattacken. Die Fähigkeiten rüsten vielmehr Eure Angriffe auf, stärken Eure Rüstung oder sorgen für Elementar-Angriffe. Ohne Heilung haben es so gerade einige Kämpferklassen recht schwer, da der Lebensenergie-Nachschub nur durch fallengelassene Heil-Objekte und den Levelaufstieg gewährleistet ist.
Aufgrund des gesalzenen Schwierigkeitsgrades müsst Ihr zumindest in der Einzelspieler-Kampagne viele, viele Tode sterben. Netterweise gibt es hier keine Erfahrungspunkte-Strafe und Ihr werdet am letzten, oft recht nahe gehaltenen Speicherpunkt wieder abgesetzt. Die nervige, nicht abbrechbare Wiederbelebungsanimation dürfte allerdings bei ungeduldigen Naturen für einige Wutanfälle sorgen.
Weitaus erfreulicher muten die taktisch anspruchsvollen Zwischengegner an. Sie leiden zwar genau wie ihre Standard-Freunde unter ihrem geklonten Äußeren, dafür bieten sie verschiedene Trefferzonen und erfordern ganz unterschiedliche Taktiken. Während also die Massenkämpfe durch das ungewöhnliche Steuerkonzept recht locker von der Hand gehen, ist bei den Bossen Euer Grips gefragt.
Ihr könnt selbst entscheiden, ob Ihr die Troll-Roboter lieber nach und nach auseinander nehmt, ihnen ihre Waffen oder Bewegungsfähigkeit stehlt oder sie schlicht mit Eurem explosiven Spinnenroboter in die Luft jagt. Kommt es dann zu Kämpfen mit richtigen „Endgegnern“ werden immer wieder neue Elemente hinzugefügt, die den Kampf trotz der dünnen Spezialeffekte auch nach vielen Stunden zu einer spannenden Herausforderung machen.
Zwischen den Auseinandersetzungen könnt Ihr im Herrschaftssitz der Götter herumwandern. Neben Shops, Gesprächspartnern und einigen Itemstationen könnt Ihr von dort auch die Welt der Nornen betreten. Diese illustre Damengesellschaft sind Seher und Götter zugleich. Sie reichern die Geschichte mit einer dicken Portion Mysterie an und liefern eine Art Cyberspace, auf das Ihr auch während Euren Missionen zugriff habt. Baldur muss hier Schalter verschieben und Durchgänge schaffen, um in der realen Welt Türen zu öffnen und Schutzschilde zu deaktivieren.
Leider hat Silicon Knights dabei jede Menge Potential verschenkt. Statt aus diesen kurzen Ausflügen richtige kleine Rästel zu schmieden, reicht oft nur ein Knopfdruck und die Aufgabe wird erfüllt. So erscheint dieses „Mini-Spiel“ überwiegend wie Zeitverschwendung, die Idee trotz der 10 Jahre Entwicklungszeit irgendwie nicht richtig durchdacht.
Ein Gefühl, das einem auch bei der Grafik überkommt. Ob Animationen, Texturen oder Effekte, die Qualität unterliegt ständigen Schwankungen. Mal ganz abgesehen von dem gewöhnungsbedürftigen Design, krankt Too Human derzeit noch an starken Clipping-Effekten und streckenweise ruckartigen Animationen. In anderen Leveln bekommt Ihr dagegen großartige Bauwerke und in den meisten Zwischensequenzen detaillierte Gesichtstexturen geliefert, die speziell für ein klassisches Action-Rollenspiel viel Epik transportieren. Unterm Strich und gerade im Vergleich zur Konkurrenz sieht Too Human aber trotz seiner Macken klasse aus und macht seinem Next-Generation-Debut trotz der langen Entwicklunsggeschichte alle Ehre.
Die uns vorliegende Version schien übrigens weitgehend komplett zu sein. Große Änderungen oder Verbesserungen gibt es bis zum August nicht zu erwarten. Dummerweise konnten wir mit der Debug-Konsole keinen Blick auf den umfangreichen 4-Player-Coop-Modus werfen, der dem Spiel nochmal einen dicken Motivationsschub geben könnte. Zerbrechliche Nahkampfklassen wie der Berserker werden enorm von den Heilfähigkeiten eines Bio-Ingenieurs profitieren und Fernkämpfer werden sich über einen Verteidiger freuen, der ihnen die lästigen Nahkämpfer vom Hals hält. Wenn der Netzwerkcode hier nur einigermaßen funktionieren sollte, dürfte der Titel für Fans der Materie und des Microsoft Online-Dienstes zu einem wahren Freundenfest werden. Spätestens zum Test wissen wir mehr.
Mit Too Human geht es einem ähnlich wie mit Denis Dyack. Es gibt geniale Momente, die einen förmlich an das Joypad fesseln und einige überhebliche Gameplay-Entscheidungen, die diesen genialen Augenblicke wieder zunichte machen. Mal ganz abgesehen von der für ein Action-Rollenspiel recht kurzen Spielzeit von ca. 12 Stunden, gibt es zumindest im Moment noch zu viele Macken, um den Titel zu einem würdigen Diablo-Konkurrenten zu erheben. Dank der soliden Grafik, dem ungewöhnlichen Gameplay und einem hoffentlich spaßigen CoOp-Modus ist der Titel aber schon jetzt deutlich besser, als uns einige Online-Blogs weismachen wollen.
Ja, man muss mit recht dämlichen Charakteren und einer sehr seltsamen Mischung aus Science Fiction und nordischer Sagenwelt leben, doch im Gegenzug bekommt man ein paar frische Ideen und das immer spaßige Item-Sammelspielchen geliefert, das uns selbst an mittelmäßigen Kram wie Silverfall und Legends fesselte. Zieht man dazu noch in Betracht, dass es sonst eigentlich keine Xbox 360 Action-Rollenspiel gibt, werden Fans des Genres wohl kaum an Too Human vorbeikommen. Unentschlossene sollten aber trotzdem unseren Test abwarten. Der Titel hat noch so einige Macken, die bis zum Release hoffentlich noch ausgebügelt werden.
Too Human erscheint am 29 August für die Xbox 360.




