Fairytale Fights

Preview
Vertrieb
Playlogic
Entwickler
Playlogic
Genre
Abenteuer
PC: Fairytale Fights

PC: Fairytale Fights

Das kann nicht sein! „Doch, wir verwenden für Fairytale Fights die Unreal Engine 3“, bestätigt Rick van Beem noch einmal. Der Spiel-Präsentator des Amsterdamer Entwicklers Playlogic wirkt nicht wie jemand, der gerade einen Witz reißt. Aber wo stecken dann die muskelbepackten Anabolika-Helden in ihren futuristischen Kampfstrampelanzügen? Wo sind die postapokalyptischen Betonruinen, gegen die selbst Gandalf der Graue wirkt wie ein Gandalf der Bunte?

Was hier auf dem Fernseher flimmert, ist herzallerliebste Cartoon-Grafik – so süß, dass man vom bloßen Hinsehen Zahnschmerzen bekommt. Ach was, die Bonbon-Optik frisst nach wenigen Augenblicken wahre Krater in euren virtuellen Zahnschmelz! Ein Märchen zum Mitmachen. So etwas hat vorher in der Tat noch niemand mit der Unreal Engine programmiert. Dennoch eignet sich das Spiel keineswegs für Kinder: Im Gegensatz zum Aussehen ist das Geschehen nämlich derber als eine Ausbildung zur Fleischereifachverkäuferin!

Das kleine Mädchen mit dem roten Kopftuch hüpft vergnügt über die grüne Wiese. Das also ist eure Spielfigur. Richtig gehört, ihr lenkt tatsächlich Rotkäppchen durch die mehr als 20 Levels. Unter den großen, blauen Kulleraugen kleben ihr zwei Herzchen im Gesicht. Abseits des Weges grasen Ziegen auf einer Lichtung. Im Hintergrund stapft gemütlich ein Riese durch ein Tal. Die Märchen-Idylle scheint perfekt.

Nicht dass der Koloss in der Kulisse für den Spielablauf aktuell von Relevanz wäre, aber ich beobachte ihn trotzdem eine Weile. Als er näher kommt, fällt sein Blick auf die beiden Zicklein. Der Bursche scheint ein Tierfreund zu sein. Doch mit einer Handbewegung greift er plötzlich eine der Ziegen, wirft sie sich in den Mund, kaut kurz, schluckt und stapft weiter. Eine Aktion typisch für den Humor von Fairytale Fights.

Wer Castle Crashers (eurogamer.de)kennt, ist mit dem Spielablauf bereits grob vertraut. Größtenteils verprügelt ihr diverse Gestalten, kombiniert Schläge und weicht Fallen aus. Alles im Grunde ein Relikt aus dem seit Jahren scheintoten Genre der Durchlaufprügler. Prima! Das freut den Retro-Spieler mit latentem Hand zur Comic-Gewalt! Ihr springt unter anderem im sogenannten Candy Castle auf sinkenden Keksen über den Limo-Fluss, weicht den Klauen von merkwürdigen Maschinen aus und betrachtet wie ein Lebkuchen-Männchen fette Kinder in den Brause-See stößt.

„Die Kinder, die du hier siehst, kann man natürlich töten, aber man muss es nicht tun“, erklärt Beem. „Auf der Xbox 360 hatten wir dazu einen freischaltbaren Erfolg, aber die USK hatte etwas dagegen. Wir arbeiten mit der USK zusammen, um eine Freigabe Ab 18 Jahren zu bekommen. Es sieht aus, als ob es klappt.“ Die von links nach rechts führenden Schlauchlevels sind gespickt mit kleinen, zuckersüßen Gemeinheiten. Recht so.

Zunächst fühlt es sich ein wenig merkwürdig an, in die Kleider von Rotkäppchen zu schlüpfen. Das Gefühl legt sich, wenn ihr seht, was Rotkäppchen mit den Bewohnern der Märchenwelt anstellt. Jeder, der sich ihr in den Weg stellt, wird mit Lollies, Hackebeilen, Brandeisen, Sägen und hundert weiteren Waffen in bester Itchi-&-Scratchy-Manier zu Hackfleisch verarbeitet. „Schau dir diese Gehirne an“, kommentiert van Beem eine Szene, in der er gerade einen Holzfäller in seine Einzelteile zerstückelt.

In einem Bild-im-Bild-Fenster sieht man die grausigen Details, die von scheibchenweise abgetrennten Gesichtern und Gliedmaßen bis hin zu den benannten Hirnen führen. Besonders stolz sind die Entwickler auf ihr „Dynamic Liquid System“, also ihr dynamisches Flüssigkeiten-System. „Nur um das Spiel ein bisschen schlüpfriger zu machen“, kommentiert van Beem den Umstand und fordert mich erneut auf genau hinzusehen. Mit seinem Rotkäppchen springt er auf ein blutiges Körperteil, das gerade am Boden liegt. Der Schwung lässt das Kind wie auf einem Surfbrett über den Untergrund schlittern. Hinter sich her schmiert es einen dicken, roten Streifen über den Rasen. Die junge Dame könnte mit Alex Mercer aus Prototype (eurogamer.de)verwandt sein. Das Spiel wirkt, als ob Clive Barker ein Kinderbuch für Erwachsene geschrieben hätte. Grotesk.

„Ihr steuert eine Märchenfigur, deren Ruhm etwas verblasst ist. In Fairtytale Fights sollt ihr der Verschmähten zu neuem Ansehen verhelfen“, fasst van Beem die Story des Actionspiels zusammen. Wer sich mit den Gebrüdern Grimm & Co. ein wenig auskennt, entdeckt dementsprechend viele Zitate. Bereits im Menü lümmelt sich der Gestiefelte Kater, der Wolf wird durch einen Fleischwolf gedreht und ihr lauft später zum Beispiel über die mit Mausefallen bestückten Regale im Schloss des bereits angesprochenen Riesen Tulpe aus „Hans und die Bohnenranke“.

Playlogic treibt für Fairytale Fights einen enormen Aufwand, wie van Beem betont: „Etwa 100 Leute arbeiten an dem Spiel.“ Das überrascht sogar Kenner. Sicher, das Spiel sieht gut aus, aber 100 Personen? Selbst an Wolfenstein (eurogamer.de)oder Risen (eurogamer.de)arbeiten weniger. Das erklärt zwar, warum Fairytale Fights zum Vollpreis auf DVD und nicht als kostengünstiger Download-Titel wie Castle Crasher veröffentlicht werden soll, aber auf den ersten Blick wirkt Fairytale Fights trotzdem nicht, als ob sich der Aufwand rechnet.

„Ich liebe Castle Crashers. Aber das ist im Grunde doch nur ein besseres Flash-Spiel", rechtfertigt van Beem. „Wir haben da mehr zu bieten.“ Das stumpfe Dauergeprügel bei der Präsentation ließ aber dennoch an der Langzeitmotivation zweifeln. Auch an noch so blutigen Hinrichtungen sieht sich der Splatter-Fan irgendwann satt. Aber gut, ich lasse mich gern überzeugen.

Einen Trumpf hat Fairytale Fight nämlich in der Hinterhand – den Vier-Spieler-Modus. Genau: Vier Spieler dürfen gleichzeitig vor dem Fernseher ran. Nett auch, dass man sich dabei gegenseitig die Ohren langziehen kann. „Ob wir es schaffen, dass sich auch online vier Spieler gleichzeitig in das Abenteuer stürzen können, wissen wir momentan noch nicht“, dämpft van Beem die Vorfreude.

„Wir arbeiten daran. Besonders das dynamische Blut bereitet uns allerdings noch Schwierigkeiten. Auf jeden Fall lässt es sich mit drei Spielern vor einem Fernseher und einem Freund online spielen.“ Immerhin. Und da der zweite Mitstreiter als Schneewittchen antritt, braucht sich der Rotkäppchen-Spieler auch nicht mehr alleine albern vorkommen. Die übrigen zwei Spielfiguren will Playlogic auf der Spielemesse Gamescom in Köln enthüllen.

Mascara Massacre nennt sich ein Level. Rotkäppchen und Schneewittchen stehen auf einem Floß. Aus dem Wasser taucht ein Biber auf, der offenbar seit frühester Kindheit Wachstumshormone genascht hat. Schneewittchen und Rotkäppchen wirken wie Fußgänger vor dem Empire State Building. Mit irrem Blick lässt das Nagetier seinen buschigen Schwanz über die Holzbalken kreisen. Jetzt sind Nerven gefragt. Nur wer rechtzeitig springt, überlebt. Als die Schwanz-Attacke nicht zum Tod der Spieler führt, reißt der Biber sein Maul auf und brüllt. Phase 2 beginnt. Die zwei Spieler sammeln Schwertfische vom Boden und schleudern sie dem Levelboss in den Rachen. Einen nach dem anderen. Eine Mahlzeit, die dem Biber offenbar schlecht bekommt.

Mit einem monströsen grünen Strahl verteilt er seinen Mageninhalt über die Planken. Erneut ist Ausweichen angesagt. Lachen bilden sich. Als der Biber sich mit gequältem Gesichtsausdruck und heraushängender Zunge eine Auszeit gönnt, prügeln die beiden Spielfiguren auf das Vieh ein als gäbe es kein Morgen. So lange, bis es mit einem letzten Haken in den rotierenden Sägeblättern des angrenzenden Sägewerks landet. Wieder ist ein Stück Ruhm im Märchenland zurückerobert und ein Level gemeistert.

Fairytale Fights ist märchenhaft. Allerdings nicht vom regulären Spielablauf her, der wirkt bisher eher gewöhnlich. Märchenhaft sind die unglaublich kranken Spieldesigner-Fantasien, die es hier tatsächlich in ein Spiel geschafft haben. Die überzogene Kombination aus Bonbon-Grafik und Kettensägen-Massaker verleiht der Prügelei das Flair eines Kindergeburtstags, bei dem man Drogen in die Torte gemischt hat. Einzigartig. Daran wird man sich noch in Jahren erinnern.

Ehrlich gesagt: Als ich Fairytale Fights vor einem Jahr auf einer Spielemesse in einem Hinterzimmer gesehen habe, hätte ich nicht gedacht, dass es jemals erscheint. Zu inkompatibel für den Massenmarkt wirkte die Märchenvergewaltigung für den Otto-Normal-Spieler. Ich habe mich geirrt. Ob das Spiel jedoch mehr als ein Geheimtipp für verkappte Märchenonkels wird, hängt von zwei Dingen ab: 1. Schaffen es die Entwickler, die Levels mit genügend Abwechslung zu füllen? 2. Werden die vier Mitspieler auch online antreten dürfen? Wegen der mutigen Aufmachung drücke ich persönlich die Daumen. So fest bis sie bluten.

Erscheinen soll Fairytale Fights im Oktober für Xbox 360 und Playstation 3. Eine PC-Version folgt voraussichtlich im ersten Quartal 2010.

 

 

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