Pro Evolution Soccer 2009

Review
Plattform
PS3
Genre
Strategie
PS3: Pro Evolution Soccer 2009

Gesamtwertung

7/10

PS3: Pro Evolution Soccer 2009

Wenige Wochen, nachdem das Internet über den Traumnoten für das neue FIFA (eurogamer.de)explodiert ist, ist für Pro Evo-Fans nun der Tag der Wahrheit gekommen. Die beiden einzigen Teilnehmer des Turniers um die Schale mit der Gravur „Bestes Fußballspiel“ stehen auf dem Feld. In neuen Trikots, Stutzen und Schuhen. Die Frage ist nur, ob sich bei der derzeitigen Entwicklung wirklich noch jemand für den Nachzügler interessiert? Das neue FIFA ist gut. So gut, dass es als On- und Offline Gesamtpaket das letztjährige Pro Evo viel älter aussehen lässt, als es ist.

Und das verändert die Situation deutlich: Früher verzichtete man für Lizenzen und Eyecandy eben auf eine logische Ballphysik (FIFA) oder begnügte sich umgekehrt mit Kmala, Kruger und Pomatski zugunsten höherer Spieltiefe (PES). Mit FIFA 09 - und das konnte nach dem passablen, aber schnarchigen 08er keiner ahnen - gibt es nun ein Spiel, das beides kann. Es ist daher relativ schwierig, ein neues Spiel einer objektiven Betrachtung zu unterziehen, wenn auf einmal ein Konkurrenzprodukt daherkommt, das einiges bietet, was man sich schon seit Jahren bei seinem Favoriten wünscht – und auch mit dieser Ausgabe wieder nicht bekommen wird.

Im Fall von PES sind das maßgebliche, neue Lizenzen - trotz Champions-League-Lizenz, Konami verspricht aber einige Namen und Kader per Download nachzureichen - und vor allem eine neue Engine. Denn auch in der Saison 08/09 bekommt man wieder nur eine Überarbeitung des alten PES-Motors geboten. Die Spieler können sich nur in acht Bahnen (mit Zwischenschritten beim Sprint) bewegen und nicht wirklich im Kreis laufen. Das Animationssystem überzeugt bei Kleinigkeiten und einzelnen Bewegungen zwar nach wie vor, macht bei den Übergängen aber einen gewohnt ungelenken Eindruck – insbesondere, wenn man zuvor drei Wochen lang FIFA 09, in all seiner Motion gecaptureten Pracht, gespielt hat.

Immerhin: Die Farbpalette, die im 08er an billiges, chinesisches Plastikspielzeug erinnerte, gibt es nicht mehr, die Rasenflächen und Feldlinien sehen deutlich hübscher aus als im letzten Jahr (wenngleich Konami leider an Grasmustern gespart hat) und an den Spielergesichtern und -modellen wurde einige Feinarbeit geleistet. Die fällt sicher nicht Jedermann auf, aber sie ist da.

Wenn man dann aber einen Blick durch die Stadien wirft und hinterm Tor flache Zuschauerbitmaps und dieselben Papp-Fotografen entdeckt, mit denen man schon seit Jahren per Du ist, hat man nicht das Gefühl, dass sich hier allzu viel getan hätte. Dafür ist die Bildrate sehr stabil (meistens 60 Bilder pro Sekunde) und die neuen digitalen Bandendisplays vermitteln zumindest einen Hauch internationaler Klasse.

Über all der Enttäuschung, auch dieses Jahr also wieder „nur ein Update“ bekommen zu haben (und mal ehrlich: hat nach den ersten Screens ernsthaft jemand mit etwas anderem gerechnet?), kann man daher leicht übersehen, dass PES 09 das mit Abstand umfangreichste und beste Pro Evo dieser Generation ist. Denn man hat das Gefühl, dass die Spielbalance endlich wieder „richtig“ ist. PES 08, mit seinem Mordsbonus für kräftige Angreifer und dem Fokus auf Dribblings und explosive Antritte, war zu seiner Zeit ein kurzweiliger und willkommener Ausflug in Arcade-Territorium. Nutzte sich aber auch schneller ab, als das Profil eines Hallenfußballschuhs auf Asphalt.

Irgendwie fing man sich immer ein Gegentor ein, wenn ein Muskelpaket alà Ibrahimovic auch nur einen Ellenbogen Vorsprung vor seinem Verteidiger hatte. Und weil das jeder wusste, überspielten alle das Mittelfeld möglichst schnell, bevor sich der Gegner formieren konnte. Damit gingen Matches eigentlich nur noch von Strafraum zu Strafraum – eben in die Länge. Das lag auch daran, dass hohe Bälle und Flanken aufgrund des frenetischen Tempos mehr Glückssache waren als Können. Irgendwann hat man auf Hereingaben einfach verzichtet.

Das liest sich jetzt wie eine Beerdigung des 08ers, soll es aber nicht sein. Es ist nun mal so: Wenn man ein Spiel ein ganzes Jahr massiv spielt, fallen solche Marotten immer stärker auf und fangen irgendwann an zu nerven. Vielleicht ist es auch dieser Umstand, dass es jährliche Sportspiel-Updates überhaupt gibt. Sie sind wie Fisch. Sie schmecken gut, solange sie frisch sind, aber irgendwann fangen sie an zu stinken. Doch das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls ist es wirklich ein Segen, dass endlich wieder die Breite eines Teams eine Rolle spielt. Endlich darf der Ball wieder gehalten und ein bisschen quer geschoben werden, wenn der Gegner mauert. Die Suche nach der Lücke ist wieder wichtiger als die Suche nach dem gebrechlichsten Verteidiger des Gegners. Das ist Taktik und Spielrealismus, der der letzten Inkarnation abging. Klar, noch immer geht die Spieleröffnung beim Einwurf oder vom Torwart zu träge und unflexibel vonstatten. Und noch immer reagieren die Verteidiger in Tornähe oft nicht schnell genug auf harte Abpraller oder freie Bälle und sorgen damit für brandgefährliche Situationen, für die der Gegenspieler nicht einen Zeh krümmen musste (heften wir es einfach an die lange „To do-Liste“ für die neue Engine). Aber das hier ist in Sachen Balance ganz einfach das variabelste und flexibelste Pro Evo seit Jahren.

Unfaire Vorteile von „Uber-Teams“ wie Inter sind nun weniger ausgeprägt. Nicht zuletzt, weil auch mittelmäßige Verteidiger wieder ihr Handwerk durchaus verstehen. Flüchtende Angreifer werden des Öfteren noch eingeholt, dann wird mit Power spürbar dagegenhalten, bis der Feind das Leder verzieht. In der Offensive wird der „Durch-die-Wand“-Ansatz des Vorgängers durch die klüger postierte Abwehr, die die Räume besser eng macht und öfter mal noch einen Fuß dazwischen hält, zu Grabe getragen. Das wird Online wie Offline für ausgeglichenere Partien sorgen.

In Sachen Ballkontrolle hat sich ebenfalls etwas getan. Das angenehmere Spieltempo sorgt dafür, dass man bei Dribblings mehr Zeit hat, auf heranstürmende Gegner zu reagieren. Wo man im 08er auf der Suche nach einer Anspielstation vom nächststärkeren Gegenspieler ordentlich umgesprintet wurde, macht man solchen Kraftmeiern im PES 2009 spielend eine lange Nase. Dank der neuen Tricksteuerung hat man nun nämlich auch rechtzeitig die passende Aktion parat. Alle Flair-Moves liegen jetzt auf dem Steuerkreuz, beziehungsweise dem für die Bewegung zuständigen Analogstick. Und nur selten müssen die Schultertasten zur Hilfe genommen werden. In PES 09 sind einfache Aktionen nun also auch einfach auszuführen.

Wer den Ball mit der Sohle zurückziehen will, drückt auf dem Steuerkreuz einfach zweimal schnell nach hinten. Das fühlt sich deutlich natürlicher an und geht vor allem schneller, als wenn man auf den rechten Stick umgreifen müsste. Und ganz nebenbei eliminiert das auch noch den mit einem gesonderten „Trick-Stick“ verbundenen Kontrollverlust über die Buttons. Bei aller Liebe für das exzellente neue FIFA: Mit dem rechten Stick plus gehaltenem linken Trigger ist zwar sehr viel möglich, aber es ist nicht wirklich einfach oder intuitiv in das laufende Spiel einzubinden. Der Punkt geht an PES. Zumal sich die Spieler hier immer noch einen Tick individueller anfühlen als bei der Konkurrenz.

Nachdem Konami FIFA jahrelang gezeigt hat, wie man es richtig macht, hat sich das PES-Team nun erstmals entscheidend von der Konkurrenz beeinflussen lassen. Mit dem „Become a Legend“-Modus gibt es jetzt auch in Pro Evo eine Fußballer-Einzelkarriere zum Nachspielen. Hier steuert Ihr den Mittelfeldspieler oder Angreifer einer No Name-Truppe aus dem fußballerischen Niemansland heraus, wechselt von Klub zu Klub, bis Ihr irgendwann die internationale Klasse besitzt, um dem digitalen Ibrahimovic die Grätsche des Jahrhunderts reinzudrücken. Das war jedenfalls mein Ziel.

Dieser Modus ist mit einem völligen Verzicht auf optische Hilfen, was oder wo man es gerade machen sollte, zwar nicht ganz so rund (und vor allem hübsch) geraten wie das EA-Vorbild, ist aber dennoch eine willkommene und gelungene Ergänzung zur gewohnt tollen (aber insgesamt doch sehr unveränderten) Meisterliga-Karriere. Sogar Online darf Euer Schützling im „Legenden“-Modus auflaufen, was ich durchaus für eine gute Idee halte, allerdings ist es fraglich, ob dieser nicht doch ein Schattendasein neben dem normalen Online-Spiel fristen wird.

Stichwort Online-Modus: das bisher bekanntermaßen größte Sorgenkind von PES-Afficionados. Seit PES 4 will der einfach nicht lagfrei funktionieren. Mit einer Latenz, die der Verzögerung im Netzwerkbetrieb in nichts nachsteht, hat Konami nun endlich ein neues Serversystem auf die Beine gestellt (auf der von uns getesteten PS3-Version mal wieder über das etwas unhandliche Konami ID- und Game ID-System), das mit zahllosen, nach Ländern geordneten Lobbies eine gute Performance zumindest verspricht. Die von mir gespielten Partien liefen allerdings noch recht wechselhaft, was vermutlich daran liegt, dass Konami derzeit Wartungsarbeiten an den Servern durchführt. Für die nächsten Wochen (am 23. enden die Arbeiten) bin ich aber sehr zuversichtlich.

So ist PES 2009 also wieder „nur“ ein Update. Und das würde ihm vermutlich auch gar nicht zum Nachteil gereichen, wenn FIFA die Gemeinde der fußballvernarrten Zocker – mich eingeschlossen – nicht so dermaßen mit seinem modernen, analogen und einfach frischem Videospielfußball überrascht hätte.

Ganz für sich genommen ist Konamis aktueller Kader nämlich immer noch sehr gut aufgestellt, hat mehr Verbesserungen erfahren als die letzten beiden Jahre zusammen und kann in Sachen KI, Direktheit und Spielerphysik erneut einige Glanzpunkte setzen. Dass zudem der Online-Modus komplett umgeschmissen wurde, um endlich lagfreies Spielen zu ermöglichen (der Beweis steht allerdings noch aus), stimmt auf jeden Fall zuversichtlich für die kommende Saison.

Kommen wir also auf meine einleitende Frage zurück: Wer interessiert sich nach so einem starken FIFA noch für PES? Es sind diejenigen, die es immer tun: Die Fans, die PES die Treue geschworen haben. Und die freuen sich zu recht über eine Ausgabe, über die man in einigen Jahren noch von „dem besten Pro Evo seit dem fünften Teil“ spricht und mit dem sie eine Menge Spaß haben werden. Ziemlich genau bis nächstes Jahr um diese Zeit.

Aber: Wenn Team PES 2010 noch im internationalen Geschäft mitmischen will, muss eine neue Engine her. Also gebt Euren Fans eine. Sie haben es sich verdient!

 

 

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