Gesamtwertung7/10 |
World of WarCraft, oder genauer gesagt das erstklassige Addon Wrath of the Lich King, hat mich verdorben. Einst gestählt durch stundenlanges Level-Grinden in Everquest, Dark Age of Camelot oder Star Wars: Galaxies, packt mich bei Quest-Lücken und Level-Stillstand nun die Langweile. Ich brauche am laufenden Band epische Missionen, packende Geschichten und ein nahezu perfektes PvE-System. Ich möchte mich vor allem als Held fühlen und nicht als einfacher Laufbursche. Nur so kann mich ein MMO monatelang fesseln. Deshalb war und ist der Weg in WoW von Level 70 zu 80, mit seinen genialen Instanzen, umwerfenden Charakteren und erstklassigen Gebieten, für meinen bescheidenen Geschmack noch immer das Nonplusultra des MMORPG-Genres.
Aion tut sich hier deutlich schwerer. Viele Quests stammen aus der MMORPG-Hölle. Monster töten, Felle einsammeln und Nachrichten überbringen. Genau der übliche Krampf, den man im Jahre 2009 eigentlich nicht mehr ertragen möchte. Doch dann mit Level 6 das erste Highlight: Ihr bekommt als junger Abenteurer eure Zukunft gezeigt, fliegt mit euren mächtigen Schwingen durch die beeindruckende PvPvE-Welt des Abyss und ergattert damit einen Vorgeschmack auf das gelungene Endgame. Es macht Hoffnung.
Die ersten 18 Level gibt es immer wieder solche einmaligen Momente. Ihr folgt interessant gestalteten Kampagnen-Quests, verdient euch eure ersten Flügel oder wagt euch erstmals mit einer Gruppe in ein beinhartes Elitegebiet. Das ist gelungene, zum Teil großartige MMORPG-Unterhaltung. Doch danach ist der Weg mit einigen wirklich nervtötenden Frustmomenten gepflastert. Immer wieder fällt man in ein Quest-Loch, in dem das Grinding-Monster schnell jede Motivation auffrisst.
Vor allem die Schritte bis zum Level-25-PvP-Gebiet ziehen sich mittels exorbitanter Erfahrungspunkte-Barrieren und mageren Quest-Belohnungen ewig in die Länge. Und auch später bekommt man ohne viel Durchhaltevermögen und eine eigene Gilde, hier Legion genannt, kaum etwas von den wirklich interessanten Spielinhalten zu sehen. Im Endgame mit seinen Instanzen, gewaltigen Festungs-Belagerungen und Worldbossen steckt jede Menge Potential, doch reicht das, um auch einen „normalen“ MMORPG-Spieler, wie mich, zu überzeugen?
Um zu verstehen, wie Aion funktioniert und es zu solchen Problemen kommt, braucht ihr noch ein paar Hintergrund-Informationen. Die einmalige Kulisse der Elyos und Asmodier erblickte vor ca. einem Jahr in Korea als waschechter Asia-Grinder – Synonym für Quest-arme MMOs, die vor allem das Monster-Töten zelebrieren – das Licht der Welt. Angetrieben von der CryEngine 1 lieferte NCSOft eine unverbrauchte und vor allem bildschöne Fantasy-Welt ab, die sich zum Glück deutlich von dem westlichen Herr-der-Ringe-Einerlei unterscheidet. Es wird die Geschichte eines gespaltenen Volkes erzählt, das auf den beiden Hälften der ebenso gespaltenen Welt Atreia lebt. Während die Elyos die Sonne ihres zerklüfteten Planeten genießen, müssen die Asmodier auf der Schattenseite zurechtkommen.
In der Mitte, dem sogenannten Abyss, bestreiten die beiden engelsgleichen Völker auf schwebenden Felsformationen einen endlosen Kampf um die Vorherrschaft. Als weiterer Katalysator für diese Auseinandersetzung dienen die Balaur. Ein drachenähnliches Volk, das mit seinen riesigen Festungen und futuristischen Raumschiffen für Tod und Zerstörung sorgt. Gleich zu Beginn müsst ihr euch für eine Seite entscheiden und am Ende in die Auseinandersetzung eingreifen. Um diese brachialen PvP-Gefechte fair zu gestalten, darf es nur 2% mehr Elyos als Asmodier oder umgekehrt geben. Ist diese Zahl erreicht, müsst ihr euch entweder für das andere Volk entscheiden oder einen anderen Server wählen.
Nach der Generierung eures Charakters stehen euch vier archetypische Klassen zur Auswahl: Krieger, Magier, Priester und Späher. Bis Level 10 schnetzelt ihr euch dann in einem relativ linearen Gebiet durch das übliche Kleinvieh, versorgt Händler mit Pelzen oder sucht nach verschwundenen Kindern. Aion liefert hier über weite Strecken 08/15-MMO-Kost. Ein wenig Grinding, Ressourcen sammeln, viel Gelaufe und ein nettes Quest-Helper-System, das gesuchte Monster, Zielpersonen und Locations anzeigt. Am spannendsten sind noch die Kampagnen-Missionen. Diese Serie von Aufträgen wird meist mit kurzen Zwischensequenzen eingeleitet und bietet besondere Belohnungen und eine große Portion Geschichte.
Der erste große Einschnitt kommt dann mit Level 10. Endlich steigt ihr zu einem Daeva auf, bekommt eure Flügel verpasst und müsst euch für eine Spezialisierung entscheiden. Aus Kriegern werden eher Tank-lastige Templer oder auf Schaden ausgelegte Gladiatoren, aus Priestern extrem stark heilende Kleriker oder Auren spendende Kantoren. Magier entpuppen sich zu Elementar-Zauberern beziehungsweise mächtigen Beschwörern. Und auch die letzte Klasse, der Späher, darf sich in zwei unterschiedlichen MMO-Archetypen austoben. Als Jäger sorgt ihr mit Bogen und Fallen für Chaos, und als Assassine vernichtet ihr eure Opfer aus dem Hinterhalt mit vergifteten Klingen.
Das Kampfsystem selbst strotzt nur so vor Kettenfertigkeiten, die ihr hintereinander einsetzen müsst. Die meisten Klassen unterliegen hier recht starren Angriffsfolgen. Nach einem festgelegten Schema verteilt ihr Debuffs (Schwächungszauber), betäubt euer Gegenüber und setzt mächtige Gott-Fähigkeiten ein, die ihr erst durch Kills aufladen müsst. Diese festgelegte Reihenfolge kann in den oft langen Zeiträumen zwischen einem Level-Up und den dazu passenden neuen Fähigkeiten schnell langweilig werden. Einige Klassen, wie etwa der Templer, spielen sich da etwas abwechslungsreicher. Der Schildträger muss gegnerische Angriffe nämlich erst einmal abblocken.
Leider fehlt es momentan noch an UI-Erweiterungen, weshalb es zum Beispiel Priester extrem schwer haben, eine große Gruppe punktgenau zu heilen. Auch als Templer-Tank verliert man immer wieder die Aggro, weil Fähigkeiten mit Flächen-Schaden und Gruppen-Spots fehlen. Das Zusammenspiel der einzelnen Klassen wirkt noch lang nicht so ausgefeilt wie zum Beispiel bei World of WarCraft. Schick sind dafür die Kämpfe auf jeden Fall. Animationen, Effekte und Charakter-Modelle sehen wirklich fantastisch aus. Kein Vergleich zu den doch etwas plump wirkenden Angriffen der restlichen MMORPG-Konkurrenz.
In diesem Zusammenhang muss man auch erwähnen, dass die Charaktergenerierung wirklich erstklassig ist. Wie auch immer ihr euch euren Streiter vorstellt, ihr könnt ihn genauso formen. Im Endgame kann man die wunderhübsch gestalteten Gesichter und Körper der Figuren unter all der Rüstung zwar kaum noch erkennen, aber gerade im Startgebiet präsentiert sich die Auswahl an Mitstreitern als spannend und abwechslungsreich. Überhaupt begeistert die Welt von Aion. Ihr durchstreift eine mit viel Detailreichtum und Fantasie bedachte Welt mit leuchtenden Wälder, monumentalen Felsformationen und herrlichen Sumpfgebiete.
Während die Elyos-Abschnitte deutlich heller und offener daherkommen, sorgen einige Asmodier-Bereiche für Gruselstimmung. Da sich auch die Thematik der Quests deutlich unterscheiden, lohnt es sich auf jeden Fall, auch ein Blick auf die andere Seite zu werfen. Ihr bestaunt schillernde Reptilien, struppige Wölfe und in den Instanzen wirklich beeindruckende Endbosse. Die leichte Manga-Optik ist zwar Geschmackssache, doch technisch und künstlerisch liefert NCSoft eine erstklassige Arbeit ab. Noch dazu sind die Systemanforderungen wirklich moderat. In den Hauptstädten kann es allerdings durch den enormen Andrang zu Performance-Problemen kommen. Hier kann man aber per Knopfdruck die Charakter-Modelle der Mitspieler entfernen.
Spielerisch bietet Aion dafür über weite Strecken wenig Neues. Lediglich die Flügel eurer Spielfigur heben den Titel von seiner vielfältigen Konkurrenz ab. Ab Level 10 dürft ihr in speziellen PvE-Gebieten und später in der Abyss eure Schwingen ausbreiten und das Spielgeschehen damit in die Dreidimensionalität befördern. Insbesondere im PvP bieten die komplexen Kämpfe auf mehreren Ebenen taktisch interessante Ansätze und zum Teil brutale Schlachten.
Leider seid ihr in den ersten 25 Leveln die meiste Zeit zu Fuß unterwegs. Die Wege ziehen sich so extrem in die Länge, auch wenn ihr dank eurer Schwingen Abhänge hinuntergleiten könnt. Es gibt Flugpunkte und Teleporter, trotzdem wäre einem manchmal sogar ein Esel recht, um nicht wieder 10 Minuten zum nächsten Spawn-Gebiet zu latschen.
Noch dazu kommen die eingangs erwähnten Questlöcher und Balancing-Probleme. Zum Beispiel müsst ihr euch zwischen 17-20 in ein Elite-Gebiet wagen, in dem euch mächtige Jäger und Zauberer in Grund und Boden stampfen. Wer hier nicht gemeinsam mit einer Gruppe antritt, wird nach wenigen Versuchen frustriert die Flügel strecken und sich heulend wieder in Richtung WoW verziehen. Nur zusammen mit ein paar menschlichen Mitspielern kann man diese Hürde überwinden und einen ersten echten Endboss legen. PvE-Instanzen gibt es erst ab Level 25. Die passenden Belohnungen für das Töten der Bosse fallen eher mager aus. Richtige Rüstungs-Sets sucht ihr vergeblich.
Leider hat NCSoft auch bei der Erfahrungspunktevergabe Bockmist gebaut. In Richtung Endgame gibt es immer wieder Momente, in denen Monster auf dem gleichen Niveau weniger Erfahrungspunkte bringen als noch ein paar Level zuvor. Da sich die Quest-Belohnungen später kaum lohnen und ihr euch so weiter durch die zum Glück recht fix auftauchenden Monster schnetzelt, als für ein paar Goldstücke und magere Erfahrungspunkte in die Stadt zu stiefeln, schlägt hier der große Grind-Hammer zu. Mehrfach wiederholbare Metzel-Quests sorgen aber immerhin dafür, dass ihr nie ganz ohne Quest-Unterstützung durch die Gegend marschiert.
Auch bei den Berufen muss sich NCSoft Kritik gefallen lassen. Das Schneidern von Rüstungen, die Erstellung von Tränken und das Schmieden von Waffen lohnt sich zwar schon ab dem ersten Level, doch das System dahinter verlangt erneut Sitzfleisch von euch. Das Erhöhen eurer Fähigkeiten kann eine Ewigkeit dauern. Kleiner Tipp: Vor dem Schlafengehen die Generierung von Stahlbarren in Auftrag geben, spätestens am Morgen dürften diese dann fertig sein.
Außerdem gibt es auch hier Sammel-Lücken. Während ihr in den ersten Gebieten bis Level 20 genug Ressourcen mit unterschiedlichen Anforderungen geliefert bekommt, ist auf der Asmodier-Seite damit ab Morheim erst einmal Schluss. Wer ein paar Sammel-Level zurückhängt, muss sich also wieder zurück teleportieren und das Versäumnis nachholen. Im Gegenzug gibt es keine Berufs-Beschränkung. Ihr dürft gleichzeitig Waffen und Rüstungen schmieden, Lederklamotten schneidern, Tränke basteln oder spezielle Gegenstände zusammenbauen. Trotzdem solltet ihr euch auf 1-2 Fähigkeiten konzentrieren, sonst verliert ihr zu viel Zeit auf dem langen Weg nach oben.
Dank der langen Beta und dem frühen Start in Korea hielten sich die Probleme beim Launch in Grenzen. Auf den stark frequentierten Servern kam es zwar zu enormen Warteschlangen, dafür blieb man von Server-Abstürzen und starken Lags außerhalb der Städte erst einmal verschont. Außerdem recht hilfreich bei Performance-Problemen war die Möglichkeit, den Game-Kanal zu wechseln. Auf Knopfdruck kann man so in den Startgebieten eine Kopie der Welt betreten, in der sich mit etwas Glück weniger Mitspieler und vielleicht sogar ein gesuchter Gegner aufhält. Durch das Zuschalten solcher Ausweichmöglichkeiten hat NCSoft inzwischen die Warteschlangen in den Griff bekommen. Selbst auf stark frequentierten Servern ist eigentlich immer ein Platz frei.
Als MMORPG-Weichei wollte ich bei Aion gleich mehrmals die Segel streichen. Ohne ein nettes Team und eine ebenso hilfsbereite Legion hätte ich nicht einmal meinen aktuellen Level erreicht. Immer wieder kommt es zu großen Quest-Lücken und schlecht ausblancierten Level-Bereichen. Besonders dramatisch ist es zwischen 18-20 und 22-25. Da man zu diesem Zeitpunkt weder auf PvP noch auf Instanzen ausweichen kann, dürften an dieser Stelle einige Spieler frustriert zu World of WarCraft zurückkehren. Doch auch im Abyss gibt es immer wieder Momente, in denen man sich über das Balancing und die magere Instanzen-Auswahl ärgert. NCSoft sollte hier unbedingt nachlegen, sonst hat es bald mit einem ähnlichen Problemen wie Warhammer Online und Age of Conan zu kämpfen.
Aber ich muss zugeben, zwischendurch wurde ich immer wieder gut unterhalten. Die Kampagnen-Quest bieten epische Geschichten, die Kämpfe wurden trotz einiger Redundanzen packend inszeniert und die PvPvE-Gefechte in der Abyss sind wirklich einmalig. Vor allem die frische Spielwelt, aber auch die Dreidimensionalität durch den Einsatz der Flügel, sorgen für genau die Portion Abwechslung, um über weite Strecken das nervige Gegrinde zu vergessen. Mit etwas mehr Inhalt und einem Schub Richtung Balancing kann Aion sich ohne Probleme eine höhere Note erarbeiten. Wer sich an diesen Problemen und den Grind-Phasen nicht stört, darf ruhig aber schon jetzt zugreifen. Der Titel birgt eine Menge Potential, hoffentlich gelingt es NCSoft, dieses in den nächsten Wochen und Monaten abzurufen. Wir kommen wieder und erstatten euch natürlich Bericht.
Aion – Tower of Eternity ist explusiv für den PC erhältlich.
Tauche ein in die Welt der Stars und bring Deine Fans auf der Bühne zum kochen. Neben Ruhm winkt einer der Megapreise im Gewinnspiel! zum Spiel...
Aion im Test.
Was halten Sie vom neuen Spiel von NCsoft?
Teilen Sie Ihre Meinung mit anderen Yahoo!-Usern.