Tabula Rasa

Review
Plattform
PC
Vertrieb
NCsoft
Entwickler
Destination Games
Genre
Action
PC: Tabula Rasa

Gesamtwertung

8/10

PC: Tabula Rasa

Der Begriff „Tabula Rasa“ lässt sich auf verschiedenste Art und Weise interpretieren, normalerweise steht er jedoch für „unbeschriebenes Blatt“ oder auch „leere Tafel“. Ein unbeschriebenes Blatt ist Richard Garriott nun wahrlich nicht, aber mit seinem neuesten Werk Tabula Rasa macht der Altmeister so einiges anders als die Konkurrenz.

Einige Star Wars Galaxies-Veteranen erinnern sich wahrscheinlich noch daran, dass LucasArts und Sony Online Entertainment im Jahr 2005 fast das gesamte Spiel umgekrempelt hatten und dem MMO somit ein wesentlich rasanteres Gameplay verpassten. Fortan erinnerte der Spielablauf eher an einen Third Person-Shooter mit RPG-Elementen. Dummerweise schlampten beide Unternehmen jedoch bei der Umsetzung und vergraulten viele Spieler. Und ausgerechnet Richard Garriott und Destination Games zeigen ihnen ganze zwei Jahre später, wo der Hammer hängt.

Für Tabula Rasa hat man nämlich ein fast identisches System ausgetüftelt, in dem Ihr mit Eurem Charakter wie in einem Actionspiel agiert, gleichzeitig aber ebenso die MMO-typischen Quests erledigt, Items sammelt oder Erfahrungspunkte verdient. Verpackt wurde dieses Spielerlebnis in eine durchaus ansprechende und interessante Hintergrundgeschichte.

Ein wichtiger Punkt dabei: Es ist kein Fantasy-Szenario. Davon gibt es mittlerweile sowieso mehr als genug. Stattdessen führt Euch Tabula Rasa auf fremde Welten, denn die Erde wurde von den Bane – einer aggressiven außerirdischen Rasse – platt gemacht. Während somit ein Großteil der Menschheit nicht mehr unter den Lebenden weilt, wählte eine streng geheime Organisation schon im Vorfeld zahlreiche Personen für eine besondere Aufgabe aus. Glücklicherweise entdeckte man nämlich vor geraumer Zeit die Wurmloch-Technologie und konnte die wenigen Überlebenden so in Sicherheit bringen, bevor der Kontakt mit dem blauen Planeten endgültig abbrach. Was erst nach einer Niederlage klingt, ist in Wirklichkeit aber eher ein Neuanfang. Die verbliebenen Menschen sammeln sich fortan unter dem Banner der AFS (Allied Free Sentients) und wollen die außerirdischen Angreifer aus dem Weltall pusten.

In diese Welt verschlägt es Euch wiederum als unbeschriebenes Blatt. Und als solches will natürlich zuerst ein eigener Charakter (nur Menschen stehen zur Auswahl) erstellt werden. Die üblichen Details wie Haut- oder Haarfarbe, Frisur, Zubehör und Panzerung (für Anfänger) dürfen natürlich nicht fehlen – selbst wenn die Optionen weit weniger umfangreich sind als in Star Wars Galaxies oder EverQuest II. Neu ist hingegen die Tatsache, dass man den gewählten Nachnamen für sich und seine Klone behält.

Moment mal, Klone? Richtig, Klone! Die dienen in Tabula Rasa quasi als Spielstand und können vor einer weiteren Spezialisierung in einem bestimmten Beruf angelegt werden. Jeder Klon bekommt einen eigenen Vornamen und lässt sich in Sachen Aussehen und Geschlecht frei anpassen. Wer zwischendurch weitere Fortschritte speichern möchte, kann sich Klonkredite auch über mehrere Quests verdienen. Insgesamt stehen Euch 16 Slots für Charaktere und Klone zur Verfügung.

Erwähnenswert ist in dem Zusammenhang die Art der Berufswahl. Zu Beginn ist jeder Spieler einfach nur ein Rekrut mit identischen Fähigkeiten. Man wählt also nicht wie in World of WarCraft oder EverQuest II zwischen Magiern und Kriegern. Mit dem Erreichen von Level 5 entscheidet Ihr Euch für die erste Spezialisierung: Soldat oder Spezialist. Folgen wir an dieser Stelle mal dem Beispiel des Soldaten. Die nächste Entscheidung wird bei Level 10 von Euch verlangt. Der Kommandosoldat geht mehr in Richtung schwere Waffen, während der Aufklärer teilweise aus der Entfernung agiert und besser getarnt ist. Bis zur endgültigen Entscheidung mit Level 30 dauert es dann anschließend ein Weilchen länger. Hier könnt Ihr zwischen Grenadier/Gardist (Kommandosoldat) und Scharfschütze/Spion (Aufklärer) wählen.

Die einzelnen Berufszweige bieten logischerweise ein jeweils anderes Spielerlebnis, denn Ihr habt Zugriff auf unterschiedliche Waffen oder Fähigkeiten. Raketen- und Granatwerfer darf etwa nur der Kommandosoldat mit ins Gefecht nehmen, während der Ingenieur sich auf dem Schlachtfeld Geschütztürme oder Bots zur Unterstützung zusammenschraubt. Die diversen Waffen nutzen übrigens verschiedene Schadensarten. Je nach Feind eignet sich etwa eine Schall- besser als eine Laserwaffe, während der nächste Gegner jedoch schon wieder immun dagegen sein könnte. Am besten verstaut man deshalb gleich mehrere Schießeisen im Rucksack und in den fünf dafür vorgesehenen Slots am unteren Bildschirmrand. Davon hätten es aber gut und gerne noch ein paar mehr sein können.

Shooter-Freaks oder Counter-Strike-Profis haben im Kampfsystem von Tabula Rasa übrigens keine Vorteile, denn man zielt automatisch auf den fixierten Gegner. Den effektivsten Schaden richtet man aber immerhin an, indem man sich hinkniet und den Feind aus der optimalen Entfernung (je nach Waffe) aufs Korn nimmt. Simpel, aber effektiv.

Eine weitere Besonderheit sind die so genannten Logos-Elemente, die überall in den Spielabschnitten von Tabula Rasa verstreut sind und von Euch eingesammelt werden müssen. Diese Logos sind ein Vermächtnis einer alten Spezies und als Voraussetzung für das Erlernen beziehungsweise Benutzen bestimmter Skills nötig. Um die Fähigkeit „Verstärkung“ (transportiert einen Mitspieler zu Euch und wieder zurück) verwenden zu können, benötigt Ihr zuvor die Elemente „Freund“, „Herbeirufen“ sowie „Hier“. Für das Polaritätsfeld (umgeht Schilde) sind hingegen „Verteidigen“, „Transformieren“ und „Negativ“ erforderlich. Sämtliche Fertigkeiten schaltet Ihr über Ausbildungspunkte frei, die Ihr mit jedem Levelaufstieg sammelt. Attributspunkte verteilt man derweil auf die Bereiche „Körper“, „Verstand“ und „Geist“, die dann wiederum die maximalen Lebenspunkte oder die Regenerationsrate erhöhen.

Neben Skills und Waffen braucht der gut ausgerüstete Soldat von morgen natürlich auch eine Rüstung. Die kauft Ihr entweder bei einem Händler oder verdient sie Euch in verbesserter Form durch das Erledigen von Quests. Die zahlreich vorhandenen Aufgaben bieten erfreulicherweise viele Vorteile: Panzerung sowie weitere Items mit zusätzlichen Eigenschaften (zum Beispiel Laserresistenz), viele Erfahrungspunkte und natürlich Geld. Das Spektrum der Aufgaben deckt dabei die üblichen Bereiche ab. Ihr eskortiert NPCs, sammelt Gegenstände, tötet Gegner oder zerstört Anlagen des Feindes. Das alles passiert in einer von MMOs gewohnten offenen Welt, die wiederum mit mehreren Instanzen gespickt ist. Darin wird hauptsächlich die Hintergrundgeschichte von Tabula Rasa weitergeführt. Eine Gruppe benötigt man dafür zu Anfang übrigens nicht zwingend. Mit der richtigen Ausrüstung und dem passenden Level lassen sich die Instanzen sogar alleine bewältigen. Dauert zwar etwas länger, funktioniert aber.

Besonders erwähnenswert sind darüber hinaus die dynamischen Schlachtfelder. In Tabula Rasa haben die Entwickler neben festen Basen und Dörfern noch mehrere Kontrollpunkte verteilt. Sowohl Menschen als auch Bane können diese einnehmen. In regelmäßigen Abständen greift dann eine Vielzahl von NPCs diese Stützpunkte an und will ihn für sich erobern. Eure Aufgabe ist es, die Basis zu verteidigen oder – sofern von den Bane kontrolliert – sie einzunehmen. Das ist sogar zwingend nötig, wenn Ihr vor Ort einen Quest angenommen habt und wieder den Auftraggeber erreichen wollt.

Generell ist auf den Schlachtfeldern eine Menge los. In regelmäßigen Abständen laufen Euch immer ein paar Feinde über den Weg, hin und wieder befinden sie sich sogar in Gefechten mit NPCs der AFS. Die Atmosphäre eines umfassenden Konflikts wird so gut auf den Bildschirm transportiert. Steuerbare Fahrzeuge oder Mechs sucht man momentan leider vergeblich, aber immerhin dürft Ihr Euch per Teleporter von Stützpunkt zu Stützpunkt beamen. Vorher müsst Ihr das Ziel jedoch bereits einmal zu Fuß erreicht haben.

Aber selbst ein Tabula Rasa ist keineswegs frei von Kritikpunkten. Aktuell gibt es etwa kein Auktionshaus, weswegen sämtlicher Handel nur über den dafür vorgesehenen Chat-Channel und persönliche Treffen abläuft. Das Crafting-System ist stellenweise recht unübersichtlich und unkomfortabel geraten. Im Abschnitt „Concordia-Kluft“ gibt es zwar mehrere Replikatoren zum Erschaffen, Verbessern und Auseinandernehmen von Gegenständen, aber weit und breit keinen Händler mit speziellen Materialien, die man für einige Items benötigt. Im gleichen Abschnitt findet sich zwar auch noch eine Kaserne mit Lagerkisten, allerdings ist diese einige Meter vom Replikator entfernt. Das resultiert in teils unnötigen und nervigen Laufwegen.

Ebenfalls recht umständlich: Wenn Ihr Items in die Kiste steckt, werden identische Materialien leider nicht automatisch zusammengeführt. Da öfter gleiche Icons verwendet werden, müsst Ihr sie somit zeitraubend per Hand sortieren und stapeln. Ansonsten läuft Tabula Rasa aber recht problemlos, obwohl in einem MMO natürlich der eine oder andere Bug unvermeidbar ist. Als schwerwiegend stellt sich jedoch keiner davon heraus.

Grafisch ist Tabula Rasa weit von einer neuen Referenz entfernt, im Gegenzug aber keineswegs hässlich. Am ehesten könnte man es mit World of WarCraft vergleichen: Eine schicke Optik, die ihren Zweck erfüllt und deswegen selbst auf etwas älteren Rechnern noch ordentlich läuft. Die Charaktere sind derweil recht schön gestaltet, was vor allem an den vielen unterschiedlichen und mit ebenso zahlreichen Farben individuell anpassbaren Rüstungen liegt. Sämtliche Bewegungen und Animationen der Figuren wirken nachvollziehbar – mit Ausnahme des Sprungs. Von neuen Maßstäben ist man jedoch selbst hier noch ein Stückchen entfernt. Ladezeiten sucht Ihr in der normalen Welt übrigens vergebens. Eine kleine Verschnaufpause gewährt man Euch lediglich beim Betreten einer Instanz oder beim Wechsel des Schauplatzes.

Auf ähnlichem Niveau bewegt sich die Vertonung. Tabula Rasa wurde komplett übersetzt und synchronisiert. Die Questgeber sowie einige NPCs verfügen teilweise über Sprachausgabe und klingen allesamt recht passabel. Eher unauffällig verhält sich die Musik. Sie passt sich zwar dem Geschehen an, bleibt jedoch ohne Höhepunkte. Ein besonderes Lob gebührt den Entwicklern im Gegenzug für die Lautsprecherdurchsagen in der Foreas-Basis. Neben normalen Kommentaren bekommt man regelmäßig allerlei witzige Statements zu hören, zum Beispiel “Bitte bergen Sie alle Verletzten und alle auf dem Schlachtfeld gefundenen Körperteile. Es könnten Ihre eigenen sein“ oder „Das Wurmloch ist kein Müllschlucker! Die Leute auf der anderen Seite haben sich beschwert.“

Ich muss gestehen, dass ich gerade mal einen Tag mit der Beta von Tabula Rasa verbracht habe. Damals ruckelte das Spiel noch etwas mehr und der Lag war auch ziemlich störend. Beides kommt allerdings in der Verkaufsversion gar nicht oder nur noch selten vor. Abgesehen davon hat mich Tabula Rasa nach meiner kaum vorhandenen Begeisterung in der Beta schon ein wenig überrascht, denn Richard Garriotts neuestes Machwerk ist schnell, actionreich und relativ leicht zu beherrschen. Perfekt für Einsteiger und Gelegenheitsspieler.

Sofern Ihr Euch also nicht in ein komplexes Online-Rollenspiel hineinarbeiten möchtet, hin und wieder mal nur für eine einzige Stunde Spaß haben wollt, Euch mit einer von Third Person-Shootern entliehenen Steuerung anfreunden könnt und zugleich noch Science Fiction-Szenarien mögt, solltet Ihr Tabula Rasa eine Chance geben.

Die fremden Welten in Tabula Rasa dürft Ihr bereits seit dem 2. November erkunden. Allerlei Impressionen findet Ihr in unserer Galerie

.

 

 

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