Gesamtwertung6/10 |
Die Entwickler von den Black Sea Studio haben ihr Ziel erreicht: WorldShift ist nicht etwa der Tausendste Command & Conquer-Klon oder eine müde Starcraft-Kopie, sondern stellt zumindest Online mit einem Schlag das Strategie-Genre auf den Kopf. Sie haben sich Innovation auf die Fahne geschrieben und sie auch pflichtbewusst abgeliefert. Doch gleichzeitig haben sie einen entscheidenden Fehler begangen: Sie haben die Grundlagen vernachlässigt und den Spieler in einer komplexen Welt der neuen Möglichkeiten komplett allein gelassen.
Ohne Tutorial, mit einem verwirrenden Intro und einer extrem seltsamen Geschichte, bleibt die Welt nach der Apokalypse ein Ort voller Fragezeichen. Wie ein Fisch in fremde Gewässer werdet Ihr zu Beginn in einen gigantischen See voller spielerischer Untiefen und Motivationskiller geworfen. Hier lauern Verwirrung, Langweile und Frust. Nur eine falsche Bewegung und Ihr werdet gefressen, kräftig durchgekaut und enttäuscht am Ufer liegen gelassen.
Eine tragende Rolle spielt dabei die Online-Single-Player-Kampagne, die Euch mit ihren gerade zu Beginn öden Missionen, der kaum nachvollziehbaren Geschichte und dem am Ende extrem harschen Schwierigkeitsgrad ähnlich einem schwarze Loch die Motivation entzieht. Fast die Hälfte der Missionen seid Ihr nur mit mageren drei Helden unterwegs, schleicht Euch durch besetztes Gebiet, müsst zähe Kämpfe austragen und ärgert Euch über das seltsame Speichersystem. Mal abgesehen von den spaßigen Endgegnerkämpfen, gibt man sich wirklich alle Mühe, potentielle Fans zu vergraulen.
Im Minutentakt werdet Ihr mit jeder neuen Mission auch mit neuen Namen bombardiert, erfahrt in Halbsätzen dramatische Wendung, versteht aber nie so ganz, um was es eigentlich geht. Die Hintergrundgeschichte mit einem außerirdischen Artefakt, das die Erde mit seiner Ankunft komplett verwandelt hat, wird nur angerissen. Statt spannender Zwischensequenzen werden Texte von demotivierten Sprechern vorgelesen. Statt aufregenden Charakteren wirken die Figuren wie blasse Abziehbildchen. WorldShift schubst Euch, was die Präsentation angeht, wieder zurück in die Neunziger.
Es ist bezeichnend, dass die kleine Fangemeinde, die sich seit dem Release Tag für Tag auf dem Server tummelt, nur die Kampagne spielt, um an ein paar der Coop-Karten heranzukommen. Auch im unspektakulären Deathmatch-Modus, der mit seiner einzelnen Basis und globalen Zaubersprüchen zumindest etwas Innovation bietet, werdet Ihr nur wenige Gegner finden. Das Balancing ist in der aktuellen Version nicht ausgewogen und es gibt einfach zu viele bessere Alternativen. Die Spieler konzentrieren sich lieber auf das Herz dieses ungewöhnlichen Titels, den von WoW und CO. inspirierten Coop-Modus, der mit seinen anspruchsvollen Spezialkarten für einen gehörigen Motivationsschub sorgt.
Hier brecht Ihr aus dem starren Konzept eines klassischen Strategietitels aus und begebt Euch zusammen mit bis zu zwei Kollegen auf eine große Reise. Auf neun Karten gilt es vor allem, hühnenhafte Zwischen- und Endgegner zu besiegen, die jeweils ganz unterschiedliche Taktiken erfordern. Wie in einem Online-Rollenspiel müsst Ihr deshalb Aufgaben verteilen, perfekt im Teamplay arbeiten und Euch langsam nach oben arbeiten.
Statt einem einzelnen Charakter stellt Ihr vor Eurer Reise ein Team aus unterschiedlichen Einheiten zusammen. Jede der drei Rassen besitzt dabei eine andere Ausrichtung. Während die Menschen mit ihrem starken Helden hervorragend als Tank fungieren, mit ihren Assassinen und Sturmrobotern aber auch gut austeilen können, setzen die Stämme auf mächtige Zauberer, die mit ihren Flächenzaubern stattliche Gegnerhorden ins Jenseits befördern. Die letzte Rasse, der Kult, erfordert die meiste Aufmerksamkeit. Seine variablen Monster und brutalen Nahkämpfer teilen zwar viel Schaden aus, segnen aber ohne starke Heiler schnell das Zeitliche.
Wollt Ihr auch die höheren Level bestehen, müsst Ihr je nach zugewiesener Rolle Eure Truppe vor dem Kampf anpassen. Über spezielle Items, die Eure Werte verbessern, und umfangreiche Spezialisierungen wird ein gewisser Grad an Flexibilität erreicht. Da aber jede Rasse nur einen Helden besitzt, sind Euren Möglichkeiten Grenzen gesetzt. Gegen besonders starke KI-Gegner besitzt nur der menschliche Commander genug Durchhaltevermögen, um als Tank zu fungieren. Wer es dagegen mit vielen kleinen Gegnern zu tun bekommt, wird sich über die Crowd-Control-Fähigkeiten der Stämme oder die ausgewogene Truppe des Kults freuen.
Als Belohnung für eine erfüllte Mission gibt es die oben genannten Items, die wie in einem Online-Rollenspiel in verschiedenen Stärken vorkommen. Die Farbpalette wurde dabei dreist von World of Warcraft übernommen. Graue Items bringen kaum Nutzen, während lila Gegenstände auch im Kampf deutlich spürbar sind. Benötigt Ihr die Fundstücke nicht mehr, könnt Ihr sie in Scherben umwandeln, die wiederum die Spezialisierungen aktivieren. Habt Ihr dann den Talentbaum frei geschaltet, könnt Ihr Eure Truppe noch besser auf Ihre Aufgabe vorbereiten.
Leider sind dieser Entwicklung Grenzen gesetzt. Schon nach zwei Tagen intensiven Spielens war mein Menschen-Team voll ausgebildet. Meine einzige Chance auf Verbesserung lag in noch stärkeren Items, die aber nur extrem schwierig zu bekommen sind. Auch die Beschränkung auf einen Helden und die recht übersichtliche Einheitenpalette schmälert die Langzeitmotivation. Dem Spiel fehlt es einfach an High-Level-Content.
Immerhin bieten die Spezialkarten genug Abwechslung und taktische Tiefe, um dieses Manko zumindest zum Teil auszugleichen. Egal ob Ihr auf eine tödliche Safari geht und ein gewaltigen Gegner nach dem anderen ausschaltet, in der Dünenstadt nur zu zweit auf Trophäenjagd geht oder aber auf dem ROM-Stützpunkt gegen einen mächtigen Roboter antretet, die Aufträge werden nie langweilig.
Ein weiterer Pluspunkt ist die gelungene Grafik, die sowohl genügsam ist als auch über ein einmaliges Design verfügt. Gewaltige Säulen und Bäume behindern zwar manchmal die Sicht, aber zumindest technisch müssen sich die bulgarischen Entwickler keine Vorwürfe machen. Gerade die phantasievollen Endgegner erfreuen das Auge mit prächtigen Attacken und einigermaßen gelungen Animationen. Wenn Ihr zum Beispiel einem dämlichen Muskelprotz begegnet, der sich Bill der Raketenwissenschaftler nennt und dem eine Rakete in der Brust steckt, werdet Ihr Euch das Lachen kaum verkneifen können.
Ganz anders sieht es da bei der Bedienung aus. Viele Kommandos und Tastaturkürzel wurden vom Branchenvorbild Warcraft 3 übernommen, die eigenen Ideen gingen aber gründlich in die Hose. Ein Beispiel: Da die Einheiten keine Kollisionsabfrage besitzen, behindern sie sich zwar nicht an Brücken oder anderen Engstellen, laufen aber auch regelmäßig ineinander. Einzelne Figuren auszuwählen und zum Beispiel aus dem Kampf zurück zu ziehen, wird dadurch unnötig erschwert.
Den Todesstoß versetzt der Steuerung das Verhalten der Fern- beziehungsweise Nahkämpfer. Da es keine Formationen gibt, sollten sie sich einigermaßen an das Kampfgeschehen anpassen. Stattdessen rennen Heiler an die Front, stürmen Nahkämpfer unkontrolliert in Fallen und unser tankende Held bleibt im Hintegrund. Mit genug Feinarbeit könnt Ihr diese Probleme per Hand korrigieren, komfortabel sieht aber anders aus. Die Entwickler sind sich den Problemen natürlich bewusst und haben, wie auch beim Umfang, Besserung gelobt.
Traurig, aber wahr: Erst durch Hilfe aus der Community ist es mir gelungen, die versteckten Qualitäten von Worldshift zu entdecken. Momentan tummeln sich zwar noch recht wenig Spieler auf den Servern, die sind dafür aber umso hilfsbereiter. Nach der katastrophalen Einzelspielerkampagne hatte ich dadurch für ein paar Tage jede Menge Spaß. Die wirklich fordernden Coop-Missionen, die Upgrades für die eigene Truppe und die schicke Grafik halten einen bei der Stange.
Doch es hapert an der Langzeitmotivation. Es gibt einfach zu wenig Einheiten, Karten, Fähigkeiten und Helden. Die Bedienung ist absolut suboptimal, der PvP-Modus unausgewogen und die Auswirkung der Items zu minimal. Es fehlt der berühmt berüchtigte High-Level-Content, der auch schon anderen Online-Spielen, wie etwa Tabula Rasa, den Kopf gekostet hat. Die Anlagen sind da und der Coop-Modus eine echte Bereicherung. Das nächste Mal aber bitte mit etwas mehr Sorgfalt und Umfang, dann klappt das auch mit der Genre-Revolution und einer besseren Wertung.
Worldshift ist für den PC erhältlich.
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