Gesamtwertung7/10 |
Mögt Ihr Kerzen? Ich mag es, mit ihrem zerronnenen Wachs zu spielen. Damit kann man in einem Lokal ganze Abende verbringen. Melvin, der Titelheld, findet Kerzen nicht so interessant, aber weil es gerade Hunde und Katzen regnet, geht er trotzdem in einen Kerzenladen und trifft auf einen wahrlich schrägen Typen. Der zaudert dann auch nicht lange und attestiert, dass Melvin ganz großartige, magische Kräfte habe. Und nur wenige Sekunden nach dem Spielstart wird der etwas spleenige Teenie Melvin in eine Zauberwelt geschickt.
Dort, genauer gesagt in der kleinen, idyllisch-mittelalterlichen Stadt Tallen, soll er eine Art magischen Selbstfindungstrip hinter sich bringen und dabei nicht weniger als seine größten Ängste überwinden und nebenbei das Dorf aus einer misslichen Lage befreien. Gemeint sind nicht die Gartenzaun-Streitereien der alten Leute, mit denen Ihr in den ersten Spielminuten zu kämpfen habt, sondern die Verwandlung in ein Nest voller Wahnsinniger, die Tallen nach jedem Sonnenuntergang durchmacht.
Nach einer etwas zähen Startphase, in der man etwas orientierungslos einfach mal die Welt erkundet und kleinere Rätsel löst, dürft Ihr zwischen Tag und Nacht wechseln. In der Nacht treiben es die Tallener bunt. Alte Omis werden zu gefährlichen Nymphomaninnen, friedfertige Hippie-Bräute schießen magische Geschosse auf Kapitalisten-Ausbeuter, mucksmäuschenstille Postbeamte verfallen in einen Amok-Wahn und sogar süße Hündchen kläffen einem plötzlich als hüfthohe „Werpudel“-Bestien entgegen.
Die Charaktere von Everlight sind dabei detailliert ausgearbeitet. Da ist zum Beispiel der skrupellose Kapitalist (der in der Nacht zum Bettler wird), der ausgebeutete Postbeamte (der im Mondschein nach Blut dürstet), der brummige Einsiedler (der abends allzu materiellen Freuden fröhnt) oder der redliche Schmied (spielender Suffkopf). Sie alle sind logisch aufgebaut und einigermaßen tiefgängig, aber sie haben auch alle eines gemeinsam: Sie sind nichtsdestotrotz wenig originell.
Alle bis auf Fenny, Melvins Wegbegleiterin über die gestochen scharfen Renderhintergründe. Fenny ist eine vorlaute kleine Elfe mit Tattoo, die gerne mal bissige Kommentare abgibt und selten das Erwartbare sagt – was aber andererseits schnell dazu führt, dass man genau das erwartet. Ein seltsames Dilemma.
Wenn man einfach nur etwas seichte Unterhaltung typisch-deutscher Machart will, dann wird das aber kein großes Gewicht haben. Wer das mag, wird trotzdem über die offensichtlichen Anspielungen auf die Echtwelt lachen – über die Kinder, die mit zerfetzt aussehenden Designerklamotten rumlaufen, über alte Menschen, die über den Schatten eines Baumes streiten und über die Elfin, die den Protagonisten nach Strich und Faden verarscht.
Woran Everlight wirklich krankt, das ist Melvin. Der kleine Harry Potter-Verschnitt zeigt einfach zu wenig Kontur. Exemplarisch dargestellt: Man stelle sich Guybrush Threepwood in der Scumm Bar von Melee Island vor, wie er bei den drei Piratenmeistern vorspricht und sagt „Ich möchte Pirat werden, ODER SO.“. Das klappt nicht! Melvin tut das. Er benutzt diese unsägliche „oder so“-Phrase hin und wieder und verstärkt damit noch den Eindruck ein passiver, antriebsloser Hauptcharakter zu sein.
Fenny ist hingegen diejenige, die das Spiel an sich reißt und ab und an auch das über die Hauptfigur sagt, was man sich als Spieler denkt. Vielleicht hätte sie die Hauptfigur sein müssen - oder ein besserer Melvin. Jedenfalls nicht der brave, kleine Melvin, dem erst noch Haare auf der Brust wachsen müssen.
Dessen Passivität dürfte der Grund sein, warum man sich bei Everlight an einigen Stellen fast ein wenig zum Weiterspielen zwingen muss. Und das ist wirklich schade, wegen all den Dingen, die das Spiel so richtig macht, dass man den Schöpfern von Silver Style dafür die Backe küssen möchte.
Da wären nicht nur die Komfortfunktionen zu nennen: Melvin kann wahlweise laufen oder gehen, die Steuerung funktioniert mit zwei Maustasten denkbar einfach, es gibt schnelle Bildschirmwechsel, mit nur einem Klick darf man auf eine Übersichtskarte wechseln und per Tastendruck kann man alle Gegenstände und Ausgänge eines Bildschirms anzeigen lassen. Dazu wird auch noch ein perfektes Hilfe-System serviert, das Everlight auch für Leute interessant erscheinen lässt, die Adventures wegen der frustrierenden Hänger-Perioden nicht mögen. Sprich: Immer wenn Ihr nicht weiter wisst, wechselt Ihr einfach in Fennys Notizbuch und seht Euch ihre Tipps an. Zu jedem der meist einleuchtenden Rätsel könnt Ihr Euch bis zu drei Hinweise geben lassen – wie oft das insgesamt funktioniert, entscheidet der anfangs gewählte Schwierigkeitsgrad.
Die Synchronisation ist schlichtweg gut gelungen. Die Stimmen passen zu ihren virtuellen Mündern und besitzen meist die richtige Würze. Etwas irritierend mag für manche der leichte deutsche Akzent sein, den man ab und zu durch hört, aber wie schon gesagt, ist Everlight insgesamt ohnehin ein typisch deutsches Spiel. Umso irritierender ist da, dass im Hintergrund permanent dieselbe liebliche Musik dudelt, die frappierend an den französischen Film „Die fabelhafte Welt der Amelie“ erinnert. Die ist zwar an sich sehr schön, aber im Gegensatz zum vermeintlichen Vorbild viel zu abwechslungsarm. Nach einigen Spielstunden nerven die immer wieder kehrenden Stücke einfach.
Sieht man sich die Rückseite der Everlight-Box, stutzt man. Einen 2 Gigahertz-Prozessor als Mindestanforderung für ein Adventure? Ob das eine zielgruppengerechte Entscheidung ist? Wahrscheinlich hätte Silver Style das mit viel technischer Optimierung noch ein wenig runterdrehen können, aber wenn man die wiederverwendete Simon the Sorcerer 4-Engine in Aktion erlebt, dann versteht man die Systemvoraussetzungen.
Auf den detailreich gerenderten Hintergründen wandern fotorealistisch anmutende 3D-Figuren. Die Entwickler haben viel getan, um den Szenen Leben einzuhauchen: Schatten- und Nebeleffekte ziehen über das Bild, während Wolken über den Himmel wandern, Mäuse wuseln am Boden und die Kamera wechselt vor allem in den Gesprächen immer wieder die Position. Manchmal wirkt es komisch, wenn ein massiver Eisenkäfig im Wind schaukelt, während die Blätter eines Baums sich nicht bewegen. Aber das sind unwesentliche Details, die nur beim pedantischen Hinsehen auffallen. Grafisch gehört Everlight somit in die höchste internationale Klasse.
Bemerkbar macht sich das nicht nur bei den Anforderungen an den PC, sondern auch in etwas längeren Ladezeiten beim häufigen Ortswechsel. Fünf bis 15 Sekunden sind einfach zu viel, wenn man wie in Everlight viel zu rennen hat. Dadurch werden die Laufwege insbesondere auf Mittelklasse-Rechnern neben Melvins Passivität zum zweiten und letzten wesentlichen Motivationskiller.
Everlight macht prinzipiell sehr viel richtig, und nur ganz wenig falsch. Und doch vermochte es mich nicht so ganz zu packen. Über die langen Ladezeiten könnte ich wohl hinwegsehen, und auch die repetive Musik ist mit Sicherheit nichts, was man als Spieler nicht schon zu ignorieren gelernt hätte. Also liegt es wohl am zu mutlosen Babyface-Hauptcharakter, der einfach nicht den nötigen Drive vermittelt. Aber das ist bestimmt auch ein wenig Geschmackssache. Trotzdem ist Everlight einen Blick wert – insbesondere dann, wenn Ihr typisch deutschen Humor mögt und Euch mit einem Fantasy-Szenario anfreunden könnt, das sich selbst nicht allzu ernst nimmt.
Everlight ist im Handel erhältlich.
Mach Dir einen Namen im Dark Orbit. Allein oder mit Verbündeten wagst Du Dich in weit entfernte Sternen- systeme vor und kämpfst um 10.000 € zum Spiel...
Everlight im Test.
Was halten Sie vom neuen Spiel von The Games Company?
Teilen Sie Ihre Meinung mit anderen Yahoo!-Usern.