Gesamtwertung8/10 |
Eigentlich ist Softmax´ Magna Carta 2 das ideale Rollenspiel für ein kleines, lustiges Trinkspielchen unter Erwachsenen: Jedes Mal, wenn man das Spiel bei einem typisches RPG-Klischee ertappt, kippt man sich gepflegt einen Klaren hinter die Binde. Eigentlich eine witzige Sache. Das Problem dabei ist nur: Nach spätestens zwei Stunden werdet ihr unweigerlich mit einer ausgewachsenen Alkoholvergiftung ins nächstgelegene Krankenhaus eingeliefert. Glaubt ihr mir nicht? Na dann machen wir doch einmal die Probe aufs Exempel.
Juto, ein junger Mann mit einer ungesunden Vorliebe für bauchfreie Outfits (1) lebt ohne große Sorgen, aber auch ohne Gedächtnis (2) auf einer kleinen abgelegenen Insel, weit entfernt vom Bürgerkrieg (3), der im Lande Lanzheim tobt. Der fiese Kanzler Schuenzeit hat die Königin ermordet und die Macht an sich gerissen (4), aber Prinzessin Rzephilda konnte entkommen und nun organisiert sie gemeinsam mit dem etwas zwielichtigen Graf Alex (5) den Widerstand (6). Als auf Jutos Insel ein uralter mechanischer Wächter (7) entdeckt wird, gerät die kleine Insel auf einmal zwischen die Fronten und ein Ereignis nach dem anderen kommt ins Rollen.
Erst wird sich Juto einer verborgenen Kraft in seinem Inneren bewusst (8), dann, nur kurz darauf, zerstören Schuenzeits Truppen sein Heimatdorf (9) und töten obendrein seine beste Freundin (10). Voller Zorn schwört Juto Rache (11) und schließt sich Rzephilda und ihren Mitstreitern an (12). Und das war nur der Anfang... Na denn mal Prost!
Glaubt ihr mir jetzt? Selten hat sich ein Rollenspiel-Plot so ausgiebig und freimütig im großen Buch der RPG-Klischees bedient. Vorwerfen will ich das Magna Carta 2 aber nicht. Nicht jedes Spiel muss ein frisch-unverbrauchtes Setting á la Brütal Legend ins Feld führen, um zu überzeugen. Und genauso wie sich ein Uncharted 2 bei den Actionfilm- und ein Halo 3: ODST bei den gängigen Shooter-Normen bedient, so schöpft Magna Carta 2 eben bei den RPG-Klischees aus dem Vollen. Und das tut das Spiel gekonnt und durchaus auch mit Gusto. Charaktere und Situationen sind allesamt eigentlich bekannt, trotzdem folgt ihr der Handlung interessiert, freundet euch langsam mit den Protagonisten an und bevor ihr euch verseht, seid ihr bereits im „nur noch einen kurzen Subquest“-Status angekommen.
Aber so sehr sich Magna Carta 2 inhaltlich an den gängigen Klischees entlang hangelt, so sehr geht es gleichzeitig auch eigene Wege. Da ist zum Beispiel das Design der Helden, deren Kleidung, Rüstungen und Frisuren noch eine Spur exorbitanter ausfallen als in einem normalen Rollenspiel fernöstlicher Machart. Die Monster haben noch ein paar mehr Zähne, die exotischen Waffen sind noch ein Stück exotischer und die Frauen sind noch etwas üppiger gebaut als ihre japanischen Cousinen. Der koreanische Illustrator Hyung-Tae Kim macht in seiner Arbeit keinen Hehl aus seinen persönlichen Präferenzen beim weiblichen Geschlecht.
Auch spielerisch gibt sich das Abenteuer von Juto und Co. weit weniger Regel-konform als inhaltlich. Hier werden fröhlich Elemente aus japanischen und westlichen Rollenspielen zusammengewürfelt. Aus hiesigen RPGs wurde beispielsweise das Quest-System entliehen: An allen Ecken und Enden stehen NPCs herum, die kleinere und größere Aufträge für euch parat haben. Mal sollen ein paar Monster eliminiert werden, dann dürft ihr etwas Proviant zu einem Trupp Soldaten schaffen und ein anderes Mal gilt es, eine bestimmte Kampftechnik bei einem bestimmten Gegner anzuwenden.
All diese Quests werden in einem praktischen Tagebuch festgehalten und können jederzeit nachgeschlagen werden. In Verbindung mit der Karte, die euch stets das nächste Ziel anzeigt, ist hier nie die Gefahr gegeben, dass ihr nach einer Spielpause nicht mehr wisst, was gerade ansteht und wo ihr hin müsst. Außerdem werdet ihr für die Quests nicht nur mit Gegenständen und Geld belohnt, auch ordentliche Mengen an Erfahrungspunkten winken. Das minimiert das lästige Level-Grinden. Fühlt ihr euch einmal zu schwach für eure Gegner, könnt ihr so auf abwechslungsreiche Art und Weise eure Truppe hochleveln, ohne dass ihr stundenlang im Kreis rennt und Kleinvieh zu Kleinholz verarbeitet.
Und auch wenn sie nicht der alleinige Fokus des Spiels sind, so zeigt Magna Carta 2 seine stärksten Seiten doch in den Kämpfen. Dort vermeiden die koreanischen Designer fast jeden klassischen Faux Pas, den so manch traditionsbewusster japanischer Entwickler immer noch in Ehren hält. Obwohl vielleicht manche Monster-Beschwörungen im späteren Spielverlauf etwas länger dauern, sind die allseits verhassten Zufallskämpfe ebenso Fehlanzeige wie ein lade-intensiver, separater Kampfbildschirm.
Die Monster verdrescht ihr übergangslos beim Erkunden der weitläufigen Szenarien, ein kurzer Druck auf die linke Schultertaste und die Helden ziehen die Waffe. Ein wenig erinnert das an Square Enix´ Final Fantasy XII, im Gegensatz zum PS2-RPG nimmt euch hier aber kein Gambit-System die Arbeit ab.
Stattdessen schlagt ihr direkt zu und wechselt im Flug die aktive Figur. Brauch ihr einen flotten Feuerzauber, schlüpft ihr per Richtungstaste in die Haut von Feuermagier Crocell, löst den entsprechenden Angriff aus und gebt dem Monster dann mit Schwertkämpfer Juto den Rest. Dabei ist das Wechseln ausgesprochen wichtig: Jede Figur hat nur eine begrenzte Ausdauer, an der jeder Schlag und jede Spezialattacke zehrt. Ist die Ausdauer aufgebraucht, geht ihr für einen Moment in den Overdrive-Modus, in dem ihr besonders hart zuschlagt. Direkt danach muss sich eure Figur aber erst einmal ein paar Sekunden erholen und ist dem Gegner schutzlos ausgeliefert.
Das verhindert auf äußerst effektive Art und Weise sinnlos-ermüdendes Buttonmashing und bringt das richtige Quäntchen Taktik ins Spiel. Denn wer mit dem richtigen Timing die Figur wechselt, der erreicht schließlich einen Chainbreak. Selbiger tut dem Gegner nicht nur ordentlich weh, er verschafft den beiden beteiligten Figuren auch sofort die nötige Erholung, so dass sie gleich wieder aktiv werden können. Kurz: Es sorgt für interessante Kämpfe und minimiert gleichzeitig den Nerv-Faktor.
Leider hat der sich aber trotzdem noch hinterrücks ins Spiel geschlichen, getarnt als die allseits gefürchtete Unreal Engine. Sicher, man kann mit der Engine schon so einiges stemmen, vorausgesetzt man arbeitet bei Entwickler Epic. Alle anderen haben meist ihre liebe Not mit der teuren Lizenz-Engine, was man Spielen wie The Last Remnant oder Rise of the Argonauts mehr als deutlich anmerkt. Texturprobleme, Pop-Up und Ruckeleien sind der offensichtliche Teil des Problems, erst bei genauerem Hinsehen fällt aber ein gewisser Einheitslook auf, den auch Magna Carta 2 in so manchen Szenen nicht ganz verbergen kann.
Und zu guter Letzt ist auch die Inszenierung manchmal etwas altbacken geraten. Wo Final Fantasy XII seine Dialoge mit richtiger filmreifer Kamera-Arbeit inszeniert, stehen sich hier meist statische Figuren gegenüber, die sich während eingeblendeter Großaufnahmen unterhalten. So etwas lässt sich heute wirklich eleganter lösen. Überhaupt hätte die Kamera teilweise etwas Feinarbeit vertragen können. Die verrichtet in den meisten Fällen zwar brav ihren Dienst, entwickelt in beengten Verhältnissen und bei Kämpfen gegen XXL-Bosse aber schnell mal einen eigenen Kopf und sorgt dann für jede Menge Verwirrung.
Aber genug gemeckert. Auch wenn Magna Carta 2 technisch ein paar Macken aufweist und die Story ausgiebigst in den gängigen Klischees der letzten 15 RPG-Jahre badet, überzeugt das koreanische Abenteuer mit einem feinen Kampfsystem, komfortabler Bedienung, jeder Menge Nebenaufgaben und sehr ordentlichem Umfang. Magna Carta 2 ist deutlich besser als Last Remnant, interessanter als Infinite Undiscovery und ist bei weitem nicht so übertrieben zuckerig wie Star Ocean: The Last Hope. Kurzum: Genau das richtige RPG-Futter, um passionierte Rollenspieler für die nächsten 40 Stunden vor die Xbox zu fesseln.
Manga Carta 2 ist für die Xbox360 im Handel erhältlich.
Bei XBlaster ist die Welt, wie wir sie kennen, Vergangen- heit. Als Mechpilot kämpfst Du zur Belustigung der Menge und monatlich 10.000 € zum Spiel...
Magna Carta 2 im Test.
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