Odin Sphere

Preview
Vertrieb
Square Enix
Entwickler
Atlus USA
Genre
RPG
PS2: Odin Sphere

PS2: Odin Sphere

Das Spiel geht eigentlich los wie so viele andere. Auf einem Schlachtfeld. In diesem Fall rollt das zerrüttete Kriegsgebiet aber platt und von rechts nach links an uns vorbei. Wie zu 16-Bit-Zeiten, nur ungleich hübscher schweift unser Blick über eine gemalte Landschaft in sagenhaft vielen Ebenen. Zunächst prallen einige bärtige Axtkrieger kurz, aber heftig aufeinander, etwas weiter wird ein riesiger Fell behangener Barbar von einen Ritter in blitzender Einhorn-Rüstung niedergestreckt. Und noch ein Stück später werfen einige Zwerge archaische Bomben in Richtung stürmender Walküren.

Soweit normaler Fantasy Standard. Doch dann passiert etwas, dass mich ein bisschen auf dem falschen Fuß erwischt. Die Kamerafahrt endet in einem zerstörten Tempel. Stille. In der Mitte des Bildes liegt reglos eine zarte Gestalt am Boden. Es ist eine der Walküren. Eine zweite Kriegerin, ebenfalls eine Walküre, betritt die traurige Szene. „Prinzessin“, ruft sie und eilt zu der Verletzten zu Hilfe, stützt sie. Nach einem kurzen Monolog der tödlich Getroffenen über Ehre und die nun hoffentlich endlich gewonnene Liebe ihres Vaters, fällt eine Träne, nur einen winzigen Pixel groß, unscheinbar aus dem Gesicht der Helfenden. Die Prinzessin fragt schwach: „Weinst Du, Schwester?“

Gänsehaut.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die die größte Wirkung hervorrufen. Unmerkliche Gesten, bei denen man sich im ersten Moment noch fragt, ob man sie sich nur eingebildet hat und die man vielleicht verpasst hätte, wenn man geblinzelt hätte. Ein kurzer Augenblick des Innehaltens oder eben ein verschwindend kleiner, todtrauriger weißer Bildpunkt, der fast schwerelos gen Boden fällt, in der Gefühlslandschaft dieses Betrachters aber einen riesigen Krater hinterlässt. Odin Sphere schlägt gern und häufig diese Sorte Töne an, thematisiert Liebe und vor allem das Fehlen dieser sehr prominent und fühlt sich trotzdem kein bisschen gestelzt oder schwülstig an.

Und Odin Sphere ist schön. Sogar ganz oberflächlich betrachtet kann man hier von einer Schönheit sprechen, die man sich bei einem 3D-Spiel irgendwie nicht vorstellen kann. Es ist schwer zu beschreiben, aber Vanillaware’s Liebe zu traditionell gezeichneten 2D-Spielen wird in jeder einzelnen Einstellung des Action-Rollenspiels sichtbar. Es ist, als hätte man die letzten 13, 14 Jahre der Grafik-Evolution einfach unter den Tisch fallen lassen und stattdessen schlicht die von Hand gestaltete Darstellung perfektioniert. Odin Sphere sieht so aus, wie man sich um 1990 herum, vor der dreidimensionalen Revolution, die Grafik der Zukunft vorgestellt hat.

Als hätte das Neo Geo damals die Konsolenkriege gewonnen, zieren hier Bildschirmfüllende, flüssig animierte Zeichentrick-Figuren, wie man sie nie zuvor in einem Spiel erlebt hat, ihre Kreise vor liebevoll gestalteten und prachtvoll bewegten Bühnenbildern. Vanillaware schlägt vor Euren Augen ein digitales Märchen-Bilderbuch auf, dessen Gestaltung alleine dafür sorgt, dass Ihr eifrig weiterblättert, es regelrecht verschlingt. Nur die in der vorliegenden Fassung noch teils bösen Slowdowns erinnern daran, dass man hier ein Spiel vor sich hat.

“Buch“ ist übrigens ein gutes Stichwort, denn eigentlich findet die Spielhandlung auch nur in den Schmökern statt, die Alice, ein kleines Mädchen im lila Kleidchen und mit blonden Zöpfen, bei Kerzenlicht auf ihrem Dachboden studiert. Fünf Bände, die nacheinander verfügbar werden („Walküre“ ist der erste Band), erzählen von der nordisch angehauchten Welt Erion.

Der Clou dabei: Die Hauptcharaktere jedes Buches entstammen jeweils einem anderen der teilweise miteinander verfeindeten Königreiche. Hier und da überschneiden sich die Ereignisse und kreuzen sich die Wege der Protagonisten. Viele Geschichten werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln gezeigt, Eure Loyalität damit teilweise auf den Kopf gestellt. Und nur wer auch das fünfte Buch beendet, erfährt alles über Erion. Jede verhinderte Liebschaft, jede perfide Intrige und jedes noch so sinistere Motiv.

Spielerisch gibt sich Odin Sphere ebenfalls sehr traditionell. Von dem Wohnsitz des jeweiligen Hauptcharakters aus geht es stets in thematisch klar umrissene Dungeons, die ihrerseits aus einem Netz kleinerer Untersektionen bestehen. Jeder dieser Abschnitte ist seitwärts in beide Richtungen begehbar, ringförmig angelegt und über eins bis vier Ausgänge mit den nächsten oder vorigen Sektionen verbunden. Wer also lange genug in eine Richtung läuft, findet sich irgendwann am Anfang der Stage wieder.

In bester Action-Rollenspiel Manier habt Ihr nichts weiter zu tun, als allen Feinden eines Kreisels am Boden und in der Luft mit der Quadrattaste die Schlechtigkeit aus dem Leib zu prügeln und dann in den nächsten Ring vorzustoßen, bis Ihr vor dem Endgegner steht. Mehr nicht. Wirklich interessant ist dabei, wie in Odin Sphere die Charakterentwicklung voran getrieben wird. Anstatt einfach nur schnöde für besiegte Feinde Erfahrungspunkte gutzuschreiben, die an festgelegten Schwellenwerten zu einer linearen Verbesserung der Spielerwerte führen, werden hier Lebenskraft und Angriffsfähigkeiten / Zauberkräfte getrennt entwickelt.

Gefallene Feinde setzen unterschiedliche Mengen an Phosonen frei, geisterhafte Leuchterscheinungen, die Ihr mit Eurer Waffe per Druck auf R1 absorbieren könnt. Einerseits sorgen diese ätherischen Feindesreste dafür, dass sich Eure Waffe und folglich auch der Schaden, den Ihr damit anrichtet, weiterentwickelt und andererseits sind sie der Sprit für Eure magischen Attacken, von denen Ihr mit wachsender Waffenstufe immer mehr erlernt.

Es ist aber nicht immer ratsam, nur stumpf Euren Prügel mit den freien Phosonen zu füttern. Eure Lebenskraft entwickelt sich nämlich nur über die Nahrungsaufnahme. Und die wiederum wird ebenfalls durch die Phosonen begünstigt. Schließlich sind diese der Dünger für diverses Saatgut, das Ihr findet oder bei fahrenden Händlern erstehen könnt. Wer auf dem Schlachtfeld etwa einen „Mangukern“ einpflanzt, erntet die Lebenskraft und Erfahrungspunkte für die Lebensanzeige-Leiste spendende Frucht schon kurz nach dem fünften Phoson, das die Pflanze absorbiert.

Das alles ist nicht besonders tiefgründig, zugegeben. Dafür ist das System schnell begriffen und durchaus Sucht erzeugend. Eine zusätzliche Möglichkeit zum Experimentieren bietet noch die Alchemie. Regelmäßig findet Ihr Materie, die Ihr durch Mischen mit Alraunen – lebendem Gemüse – Nahrung, anderer Materie oder Tränken zu Cocktails mit unterschiedlichster Wirkung vermischen könnt. Anders als die meisten Action-Rollenspiele dreht sich in Odin Sphere also nicht alles um das Finden der wertvollsten Ausrüstung (diese spielt fast gar keine Rolle, da es nur einen Equipment-Slot gibt), sondern darum, seine knappen Ressourcen richtig einzuschätzen und sie optimal zu nutzen.

Und dann gibt es da noch die Bosse. Endgegner, die ihren Namen noch verdienen. Nicht weil sie sich am Ende jedes Dungeons finden, sondern weil sie bockschwer sind, riesengroß und nur mit der richtigen Taktik zu besiegen. Nicht selten habe ich ein halbes Dutzend Anläufe gebraucht – verschiedene Mixturen meines kläglichen Restes an Materie durchprobiert und in höchster Not Saatgut gepflanzt – in der Hoffnung, der drei Bildschirme lange Drachen würde mich nicht vor der rettenden Ernte zu einem menschlichen Streichholz verarbeiten. Diese finalen Konfrontationen sind der verdiente Höhepunkt jedes Dungeons und jeden Versuch wert, den man investiert - und scheitert er noch so kläglich.

Odin Sphere ist also weit mehr als nur ein hübsches Bilderbuch zum Mitspielen. Es ist ein Denkanstoß wie Spiele heute aussehen könnten, hätten nicht D***, Tomb Raider und Mario 64 die Grafikweichen in die Tiefe des Raumes gestellt. Aber last but not least ist Odin Sphere ein stellenweise beinahe zärtlich inszenierter Süchtigmacher der alten Schule.

Zu haben ab dem 13. März für die PlayStation 2

 

 

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