Ninja Blade

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Microsoft
Entwickler
From Software
Genre
Andere
X360: Ninja Blade

Gesamtwertung

8/10

X360: Ninja Blade

Ich kann mich noch gut an das erste Mal The Matrix erinnern. Es war eine audio-visuelle Erfahrung, nach der man das Kino verließ und endlich wieder einmal sagen konnte, dass man heute etwas gesehen hat, das es in dieser Form noch nicht gab. Dabei lassen wir jetzt mal den zumindest zu Beginn der Saga noch netten Stroryansatz komplett außen vor. Ich beziehe mich hier nur auf die optische Freude beim Erstkontakt mit Bullet-Time. Neo, der Kugeln duckt, die Hubschrauberszene, und Carrie-Anne Moss´ latexbespannter Hintern, der sich keine zehn Minuten in den Film bereits in bis dahin unmöglichen Zeitlupen dreht. Es war einfach etwas Neues, was einen richtig von den Socken haute. Und mit einem solchen Flash überrennt Euch auch Ninja Blade.

In den ersten ein oder zwei Stunden werdet Ihr nicht genau wissen, wie Euch geschieht. Erst danach beginnt sich das Hirn langsam an das Tempo zu gewöhnen. Ein von der ersten Minute an wilder Ritt lässt keine Euch Verschnaufpausen zu, während Ihr drei Bossbattles ausfechtet, ein Hochhaus vertikal herunter stürzt, dabei fliegende Mutanten zerschnetzelt und das Haus praktisch entzwei bricht. Das alles noch, bevor der Titelscreen seine Aufwartung macht und in optischer Brillanz, die man so von From Software seit dem Xbox-Dämonenschnetzler Otogi nicht mehr kannte. Offenbar las man in den letzten zwei Jahren noch mal das Entwicklerhandbuch der 360 und brennt nun ein in feste Frameraten zementiertes Feuerwerk im nächtlichen Tokio ab, das keine Vergleiche scheuen muss.

Dem kommt sicher entgegen, dass Euch Ninja Blade nur wenige Momente lässt, in denen Ihr Gelegenheit haben werdet, alles bis zum letzten Detail aufzunehmen, bevor sich der Held erneut irgendwo hinunter stürzt, entlang schwingt oder einen epischen, auf die richtige kitschige Übergröße gezogenen Kampf besteht. Vergleiche mit den Autobahnszenen aus dem zweiten Matrix bieten sich an, nur halt schneller, wilder und sehr viel durchgeknallter.

Immer wenn man denkt, dass einen nichts mehr überraschen kann, kämpft man einen halben Kilometer über einem Riesenwurm, der dem Ninja brennende Busse und ein Motorrad entgegen spukt. Dieses schnappt Ihr Euch aus der Luft und in einer Serie aus wilden Sprüngen und Stunts, die Evel Knievel das Herz unter die Hose rutschen lassen würden, geht es im Sturzflug dem turmhohen Biest entgegen. Und hier sind wir gerade mal in Level zwei.

In diesem Feuerwerk geht aber noch mehr unter als nur die Tatsache, dass trotz aller Schönheit der Bewegung sicher nicht alle modernen optischen Tricks und Lichtspiele genutzt wurden. Die Handlung muss recht früh explodiert oder von einem Supermutanten verspiesen worden sein. Anfangs werden noch ein paar Versprechungen gemacht, diese reduzieren sich dann im Laufe des Geschehens auf kurze Andeutungen zwischen dem urbanen Chaos und werden erst ganz zum Schluss kurz wieder halbwegs ernsthaft aufgegriffen.

Es ergibt sich ein Plot um Superninjas im 2015er Tokio, eine Variation des T-Virus, zumindest wenn man einen Blick auf das Ergebnis wirft, die die Welt beherrschen möchte , und eine ganze Menge totalen Action-Stuss, der aber auf seine Korea-Movie Art perfekt passt. Es fällt nicht weiter auf, dass dieses Macho-Festival harter Kerle praktisch ohne weibliche Besetzung auskommt. Wozu auch, Frauen würden nur versuchen, hier einen Sinn hinein zu interpretieren. Uns Kerlen reicht es völlig, dass Tokio von Monstern überrannt wird. Gehirn aus, Action an und einfach mit dem Flow gehen.

Neben dem ersten Wunder, uns aus der optischen Lethargie üblicher aktueller Technikschlachten zu reißen, gelingt Ninja Blade noch ein zweites. Es fand einen Weg, Quicktime-Events in Spielspaß zu verwandeln. Und damit ist nicht das nur sehr seltene Drücken von zwei Tasten beim Bosskampf gemeint. Ninja Blade erklärt die Anwendung der richtigen Taste im richtigen Moment zu einer seiner drei tragenden Säulen und liegt damit gegen alle Wahrscheinlichkeiten absolut richtig.

Euch bleibt genug Zeit zum Reagieren. Sobald eine Quicktime-Sequenz beginnt, werdet Ihr durch ein dramatisches Zoom auf das Auge des Ninja gewarnt, bevor es zur Action übergeht. Die folgenden Zeitfenster zum Ausführen der Aktionen hielt man großzügig. Nicht so sehr, dass Ihr schlafen dürft, aber doch ausreichend, um auch Spielern eine Chance zu geben, bei denen der Anblick einer der vier Farben nicht sofort ein pawlowsches Zucken im Finger auslöst. Je besser Ihr das Drücken abpasst, desto höher fällt das Rating zum Ende des Levels aus, so dass alle, die nicht den Beinnamen Blitzfinger tragen, auch eine faire Chance und lediglich weniger Punkte bekommen.

Solltet Ihr mal die Taste verfehlen – und bei teilweise bis zu 30 Aktionen in Folge passiert dies sicher schnell und mehr als einmal –, wird die Sequenz nicht komplett wiederholt sondern ganz ohne lästige Wartezeiten ein paar Sekunden zurückgedreht, und Ihr müsst praktisch nie mehr als drei Quicktimes wiederholen, was sich gut aushalten lässt.

An keiner Stelle seid Ihr damit minutenlang beschäftigt, endlose Sequenzen auswendig zu lernen, womit sich dieses normalerweise meist frustige Element entspannt und spannend gleichzeitig spielt. Es funktioniert dank der Fairness und der Bildgewalt im Hintergrund. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass Quicktimes ab heute zu meinen Favoriten zählen, aber hier funktioniert es.

Das zweite Spielelement dürfte das unkritischste, aber auch das am wenigsten aufregendste in Ninja Blade sein. In eher durchschnittlicher Kulisse auf Häuserdächern, Flugzeugflügeln oder Tunnelhöhlen vermöbelt Ihr Mutanten mit Schwert und Supershuriken. Drei in Stufen ausbaubare Klingen mit verschiedenem Angriffstempo und Durchschlagskraft ergeben ein staatliches Repertoire aus eher optionalen Kombos, während Ihr recht gut mit ein wenig Buttonsmashing durchkommt. Zumindest solange Ihr kurz überlegt, welche Waffe in diesem Moment die Geeignete sein könnte. Es bleibt ein spielerisch durchaus befriedigender und kompetenter Brawler, ohne allerdings wirklich irgendwo überraschen zu können. Einfacher, simpler Spaß, dessen Glück darin besteht, nie so lange anzudauern, dass sich Langeweile einschleichen könnte.

Bevor das passiert, absolviert Ihr entweder eine eingestreute Renn- und Springsequenz im Stile alter Prince of Persias oder ballert für ein paar Minuten mit einem Fahrzeuggeschütz. Dies sind aber nur kurze Sequenzen, die zum dritten dominierenden Spielelement führen. Bosskämpfe. Jeder der neun Abschnitte fährt nie nur einen Riesenmutanten auf und praktisch auf Schritt und Tritt stellt Euch ein Monster zum Duell. In diesen epischen Kämpfen heißt es, alte Arcade-Reflexe auszupacken.

Studiert die Angriffe, wartet auf Eure Gelegenheit und schlagt zu. So das Grundkonzept. Ninja Blade gelingt es, dieses einfache Schema stets neu zu variieren, dass Ihr jedem Kampf frisch und erwartungsvoll entgegenblickt. Mit billigen Smashing wird hier nichts gewonnen. Stattdessen wollen alle verschiedenen Schwerter und Techniken genutzt werden, um den variierenden Taktiken der Riesen beizukommen. Wenn man diesen grundsätzlich überlebensgroßen Kämpfen etwas vorwerfen kann, dann dass sich die notwendigen Manöver zu leicht ablesen lassen und dass zwar jeder Boss mit seiner eigenen Angriffsstrategie aufwartet, er diese innerhalb eines Kampfes aber nur minimal wechselt. Habt Ihr erst einmal raus, wie es geht, dann befindet Ihr Euch schon auf der sicheren Siegerstraße. Große Adaptionsfähigkeiten sind nicht gefragt. Aber da der nächste Koloss keine 20 Minuten entfernt wartet, lässt sich das verschmerzen.

Diese drei Elemente – Quicktime-Action, Brawling und Bosse – wechseln sich in einem erstaunlich geschickt gewählten Tempo ab, so dass Ihr nie eines der Elemente überdrüssig werdet. Keins von den Dreien erfindet spielerisch die Welt neu, nur in dem Tempo, in dem sich Ninja Blade bewegt, stört dies nicht wirklich. Ihr arbeitet Euch von einem halsbrecherischem Stunt zum nächsten und seid bis zum nach geschätzt zehn Stunden erreichten Ende immer aufs Neue gespannt, welchen hirnrissigen und gleichzeitig großartigen Blödsinn Euch Ninja Blade als nächstes entgegenwirft.

Beim Wiederspielwert reduziert es sich leider auf die Frage, ob Ihr willige Punktejäger seid. Die linearen Levels bieten zwar ein paar Verstecke für Bonusitems in Form neuer Ninja-Outfits, gänzlich neue Spielwege braucht Ihr im zweiten Anlauf aber gar nicht erst zu suchen. Es bleibt beim Reiz, die Waffen perfekt auszubauen und mit dem bestmöglichen Ranking die Levels abzuschließen. Damit Ihr das nicht ganz zum Selbstzweck erklären müsst, dürft Ihr Eure Scores auf internationale Leaderboards hochladen. Auf einen Multiplayer wurde komplett verzichtet.

Ninja Blade reitet Euch zehn Stunden lang hart durch die Hölle und zurück, ohne große Pausen, Langeweile oder Anspruch. Dem Spiel gelingt es nicht nur, die sonst von mir eher geschmähten Quicktime-Events zu einer spaßigen Kunst zu erheben, sondern Euch auch den Rest der Zeit lässig und routiniert mit eigentlich sehr vertrauten Spielelementen gekonnt zu bespaßen.

Ninja Blade mag nicht die Offenbarung sein. Dafür aber der krachende, testosterongesteuerte Sommerblockbuster, der Euch von der ersten bis zur letzten Sekunde in den Sessel und Euer Hirn in die Ecke drückt, bevor Ihr wieder mit einem glücklichen Grinsen zurück in das normale Tempo der Spielewelt entlassen werdet.

Ninja Blade ist derzeit nur für die Xbox 360 zu haben. Eine Umsetzung ist nicht gänzlich auszuschließen, da From Software auch andere Titel schon für die PS3 mit (deutlicher) Zeitverzögerung veröffentlichte.

 

 

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