PC: Bionic Commando / BC Rearmed
Wenn es um die im Haus so herumliegenden Franchise-Namen geht, dann wünscht sich sicher so manche Entwicklerschmiede so aufgestellt zu sein wie Capcom. Devil May Cry, Breath of Fire, Mega Man, Resident Evil… lasst mich kurz Luft holen… Street Fighter, Monster Hunter, Onimusha....die Liste ließe sich noch fortsetzen. Und dann schlummern neben all diesen großen Namen auch noch Schläfer aus der Vergangenheit im Backcatalogue, die geduldig ihrer Rückkehr harren.
Konami belebte Metal Gear erst nach 10 Jahren – 1997 auf der PS1 – wieder, Capcom hatte es mit Bionic Commando noch weniger eilig. Satte zwei Dekaden hat eines der besten NES-Games nichts mehr von sich auf den großen Plattformen hören lassen. Selbst bei dem Großteil der Fans dürfte inzwischen die Altersdemenz fürs Vergessen gesorgt haben und so weiß eigentlich kaum noch jemand, was das für ein Spiel war.
Vielleicht will man die langen Jahre aufholen, vielleicht soll nur mehr Geld in die Kasse oder vielleicht hat Capcom auch einfach seine die Fans gerne: Neben einer völlig neuen und zeitgemäßen Fortsetzung – zu dieser gleich mehr – wird Bionic Commando Rearmed erscheinen. Für die Fans, die sich noch erinnern können und die all die geliebten Level in neuem Glanze wiedersehen möchten.
Rearmed bietet Euch auf den ersten Blick wenig mehr als ein Remake eines der spaßigsten und fordendsten 2D-Plattformer der 8-Bit-Ära. Eigentlich auch 16-Bit, denn bis auf Contra erreichte nur weniges diese Qualität. Der Held, Nathan Spencer, ist die letzte Verteidigungslinie der freien Welt gegen einen bösen Diktator. Mit auszuwählendem Arsenal bestückt, arbeitet Ihr Euch nach und nach näher an den Oberschurken selbst heran und ballert auf alles, was er an Schergen aufzubieten hat.
Bis hier wäre das Ganze ein Ripoff von Konamis zuvor erschienenem Contra, also musste Capcom sich ein gewisses Extra einfallen lassen: Statt Sprungkünsten bekam Nathan einen Greifarm mit auf den beschwerlichen Weg. Ihr könnt über Abgründe hangeln, Euch an der Decke hochziehen, dabei sonst fast nicht zu treffende Feinde auf Korn nehmen oder ihnen einfach den Greifer an den Kopf schleudern, was sie vorübergehend außer Gefecht setzt.
All diese zu Recht im Original geliebten Features werdet Ihr auch in dem kommenden Downloadgame für Xbox 360 und PS3 finden, plus eine an das Vorbild angelehnte, aber natürlich auf HD getrimmte Optik. Dazu kommen dann noch ein paar neue Granaten, die Möglichkeit zum Waffenupgrade und die Freude mit dem Arm Dinge - wie zu Beispiel gelähmte Feinde - zu greifen und auf andere Dinge – bevorzugt nicht gelähmte Feinde - zu werfen.
Besondere Freude dürfte der neue Coop-Modus bringen, leider aber nicht als Online-Variante. Das dieses eigentlich so offensichtliche Vergnügen fehlt, liegt daran, dass schon der Offline-Coop eigentlich nur ein Versehen war, als ein Programmierer ein zweites Sprite-Outfit testen wollte.
Um einen solchen Testfall auch Online zu gestalten, müsste man bei Capcom noch einmal vieles von Grund auf neu beginnen. Worauf man nicht so recht Lust hatte. Schließlich hatte man ja noch mit einem anderen Bionic Commando Projekt - dieses in Arbeit auf Xbox 360, PS3 und PC - gut zu tun. Einem von Grund auf neuen Nachfolger. In 3D.
Und hier beginnen die Dinge normalerweise schief zu laufen. Castlevania gab den Kampf mit 3D praktisch auf, Pitfall stürzte irgendwo ab und verschwand für immer, klassisches 2D gekonnt eine Dimension hochzuschrauben ist nicht leicht. Wie setzt man die simple und präzise Greifarm-Sprung-Mechanik in 3D um?
Indem man einfach von einer normal bewährten Third Person–Perspektive startet und innerhalb des normalen Fadenkreuzes noch ein kleines, orangefarbenes einfügt. Sobald es zu sehen ist, könnt Ihr Nathan zugreifen und sich hochziehen oder schwingen lassen. Ein graues Kreuz zeigt an, dass der Punkt greifbar, aber noch außerhalb Eurer Reichweite ist. In der NES-Version konntet Ihr Euch an fast jeder Kannte und Decke entlang hangeln und diese Freiheit will Capcom auf jeden Fall beibehalten. Nur wenige Stellen, diese meist aus Gründen des Leveldesigns, lassen sich nicht mit dem Haken anvisieren.
Eine einfache Bedienung der Greifmechaniken bedeutet aber keineswegs, dass damit auch sofort Bionic Commando ein kleiner Spaziergang im Park wird. Es legt Euch einfach nur keine Steine dabei in den Weg, wie Ihr durch einen Level manövriert. Der meisterhafte Umgang mit dem Greifhaken und all seinen Möglichkeiten will dagegen geübt und gekonnt sein. Einfach nur einen Hüpfer machen, kann jeder. Gekonnt mit 10 Schwingern einige eingegrabene Feinde umkreisen und ihnen in den Rücken fallen, wird Euch anfangs sicher mehr als nur einen Fehlversuch kosten.
Die Nutzung des Arms reduziert sich aber nicht auf Fortbewegung, auch im Kampf leistet er Euch wertvolle Dienste. Hier ließ man sich von den Neuerungen im Rearmed-Remake inspirieren und auch in 3D werdet Ihr im Laufe des Spiels immer größere Objekte greifen und als Projektile einsetzen.
Sollte Euch dies zu grob und krud erscheinen, dürft Ihr elegantere Techniken anwenden. Peilt einen unachtsamen Soldaten an, schnappt ihn und lasst dann Nathan auf diesen Feind zuschnellen. Mit einem kräftigen Dropkick streckt er den Gegner zu Boden und stößt sich dabei ab. Schon im Flug solltet Ihr versuchen, den Nächsten zu greifen und ebenso auszuschalten. Und dann den Nächsten. Und noch einen. Kombokills, Bionic Commando-Style.
Solche direkten Kontakte funktionieren natürlich nur bei den Standardfeinden. Der ebenfalls schon vorgestellte Biomech zeigte sich von den Hüpfereien unbeeindruckt und wischt Euch einfach unsanft zur Seite. Hier hilft dann wieder das Ausmanövrieren, um hinter seinen Rücken zu gelangen und das etwas empfindlichere Panel des Mini-Mechs zu demolieren. Auch größere Gegner werden Nathans Weg kreuzen, für jeden müsst Ihr Euch Taktiken aus Greifen und Schießen überlegen, da ihre wunden Punkte nicht immer an den gleichen Stellen liegen werden.
Geschossen wird natürlich auch, das aber relativ konventionell. Pistolen, MGs, der Raketenwerfer, das, was man kennt, wird mit von der Partie sein. Von dem, was die Entwickler allerdings bisher zeigten liegt die Betonung aber klar auf der Ausnutzung der vielfältigen Schwingmöglichkeiten. Schließlich war dieses Feature ja auch im Original der wichtige Schritt von guter Contra-Clone zu eigenständiger Klassiker.
Nicht-Linearität wird dabei das Design der Spielwelt von Ascension City bestimmen. Zunächst werdet Ihr zwar einige der Areale auf recht gerade Wegen durchforsten, dann aber später wieder zu diesen zurückgeführt werden. Teilweise geschieht dies aus Storygründen, teilweise nur, wenn Ihr Lust auf einen neuen Versuch habt. Schließlich verbessern sich nicht nur die Waffen, sondern auch der Greifer und neue Wege stehen plötzlich zur Erkundung offen.
Weitere Hoffnung für die Fortsetzung dürfen Fans aus der Tatsache ziehen, dass das Team sehr viel Wert auf ihre Meinung legt. So wurde ein düster-verwaschener Look gegen die lebendige und leuchtende Farbkulisse getauscht, die sich jetzt vor allem in dem gezeigten Wald/Parklevel präsentiert. Und auch bei der Handlung hörte man angeblich vor der Planung den Fans zu.
Während Rearmed sich trotz kleinerer Zugeständnisse an die Gegenwart als Remake versteht, erwartet Euch mit Bionic Commando – auch ohne die sonst obligatorische 2 im Titel – eine Fortsetzung, die inhaltlich 10 Jahre nach dem ersten Teil beginnt. Eine Dekade nach Nathans erstem Trip sitzt er, natürlich eigentlich unschuldig, im Gefängnis. Vor den Knastmauern rebellieren die ehemaligen Träger solcher Bioimplantate wie seinem Greifer, denn ihre Körperzusätze wurden von der Regierung zwangsentfernt. Zu gefährlich. Für sie selbst und vor allem für andere.
Nur leiden die ehemals Verbesserten ohne die Implantate Höllenqualen, einige sterben auf grausigste Art, jetzt rebellieren sie und fordern ihr Recht auf die ihnen entrissene Biotechnik. Bionic Commando zeichnet diesmal nicht in schwarz und weiß, sondern setzt einige moralische Akzente. Schließlich ist Nathan, der lange ohne seinen Greifer auskommen musste, das Leid der angeblichen „Terroristen“ nicht so fremd.
Ein interessanter Ansatz, aber reicht beim Spieldesign ein Greifarm, um Bionic Commando die Eigenständigkeit zu geben, die es in der 8-Bit-Welt genoss? Wahrscheinlich nicht. Zu viele ähnlich wirkende Titel kamen und gingen über die Jahre, viele Helden klammerten sich per Seil oder sonst was an Kanten und Ecken. Wird Bionic Commando deshalb ein schlechteres Spiel? Wohl auch nicht, vorausgesetzt die Greiferei funktioniert in der Praxis so flüssig wie in der bisher gezeigten Theorie. Viele Freiheiten gemischt mit interessanten Kampftaktiken sind schließlich jederzeit in meinen Laufwerken willkommen. Und dann ist da ja noch Rearmed. Sollten alle Stricke reißen, muss es halt der Klassiker retten.
Bionic Commando soll im dritten Quartal 2008 für Xbox 360, PS3 und PC erscheinen. Rearmed kommt etwas früher: Bereits Ende Mai soll der Download in den USA auf dem Xbox-Marketplace und im Playstation-Store bereitstehen. Einen genauen Termin für Deutschland gibt es noch nicht.




