Marvel Ultimate Alliance 2: Fusion

Review
Plattform
PS3
Genre
Action
PS3: Marvel: Ultimate Alliance 2

Gesamtwertung

7/10

PS3: Marvel: Ultimate Alliance 2

Superhelden begleiten mich seit meiner Jugend. Die Sehnsucht, größer, stärker und einfach anders zu sein, manifestierte sich schon mit neun Jahren. Das erste Comic: Spiderman. Doch dabei blieb es nicht. Anfangs noch von Condor als kleine Paperbacks mit schlechtem Papier und wenig Farbe verlegt, entdeckte ich mit 14 einen kleinen Comic-Laden mitten in Mannheim, der mit seinen US-Importen mein Weltbild veränderte. Mit einem Schlag wurde aus diesem fast schäbigen Hobby eine Obsession, die heute mit Hunderten Bänden meine 08/15-Billy-Regale füllt.

Doch während sich die damals oft eindimensionalen Superhelden-Comics in den letzten 20 Jahren zu einer Kunstform emporgeschwungen haben, sieht es bei der Versoftung ihres Wirkens deutlich düsterer aus. In den letzten zehn Jahren erschien eine ganze Menge Schund, der seine oft berühmten Vorlagen in den Dreck zog. Angefangen von Titus' Superman für das N64, das regelmäßig Top-Plätze bei den schlechtesten Spielen aller Zeiten belegt, bis hin zu SEGAs Iron Man, dessen Gameplay und Grafik vielleicht auf der ersten Xbox für Begeisterung gesorgt hätten.

Aber natürlich gibt es auch Ausnahmen der Regel. Nicht zuletzt Batman: Arkham Asylum, aber auch Spiderman 2, Hulk: Ultimate Destruction oder Activisions Marvel-Serie. Alles gelungene Titel, die die Atmosphäre ihrer Vorlage zum Teil perfekt einfangen konnten. Auch Activisions Marvel-Reihe hat sich, basierend auf dem Action-Rollenspiel-System des Klassikers Baldurs Gate für die PlayStation 2, in den letzten Jahren zu einem Verkaufschlager gemausert. Vor allem in der letzten Generation sorgten die Zusammenkunft der Helden und das einfache Prügel-Spielprinzip für begeisterte Zocker.

Auf den Erstling X-Men: Legends folgte X-Men: Legends 2. Auf den Nachfolger Marvel: Ultimate Alliance erscheint nun Marvel Ultimate Alliance 2. Fast wie bei FIFA hat sich am grundlegenden Gameplay seit der Urfassung kaum etwas verändert. Aus der Iso-Perspektive kloppt ihr euch durch Gegnerhorden, sammelt Upgrade-Gegenstände und Erfahrungspunkte und löst auf Knopfdruck eure Fähigkeiten aus. Innovationen finden nur zaghaft ihren Weg in das Spiel. Die Grafik-Engine hinkt hinterher und die Abwechslung versinkt im repetitiven Gehacke des Standardangriffs. Aber immerhin seid ihr inzwischen nicht mehr allein unterwegs.

In Marvel: Ultimate Alliance 2 schlagt ihr euch wie im Vorgänger mit vier Charakteren durch die Gegnerhorden, könnt ständig die Kämpfer wechseln und eure Freunde mit ins Boot holen. Wenn ihr keine Comic-Nerds findet, die sich für Strampelanzüge, bunte Karneval-Outfits und Prügelstrafe interessieren beziehungsweise sich zehn Stunden neben euch setzen, ladet einfach online ein paar Wahnsinnige ein. Im Koop macht das Spiel doch eine ganze Menge mehr Spaß und wird auch nicht so schnell langweilig. Ein Feature, das dem Titel am Ende noch einmal den Arsch rettet.

Die Zahl der Kämpfer wurde um vier erhöht. Satte 24 Superhelden stehen somit zur Auswahl. Mit dabei sind echte Schwergewichte wie Iron Man, Hulk, Captain America, Spider-Man oder Wolverine. Aber auch ungewöhnlich viele unbekannte Nebenfiguren, beispielsweise Iron Fist, Luke Cage, Deadpool oder Penance. Der Grund: Activison vermischt in Ultimate Alliance 2 gleich zwei erfolgreiche Marvel-Serien, um eine spannende und überraschende Story zu erzählen.

Secret War – Die Geschichte eines kleinen Undercover-Teams unter der Leitung von Nick Fury, das versucht, Doom-Nachfolgerin Luciana von Barda das Handwerk zu legen. Gemeinsam mit dem Tinkerer rüstet sie ehemals eher mäßig erfolgreiche Superschurken mit mächtigem Equipment aus, was zu einigen unschönen Zwischenfällen samt dutzenden Toten führt. Diese Sequenz dauert ca. anderthalb Stunden und dient gleichermaßen als Tutorial und Prolog. Ihr probiert die ersten beiden Superattacken der Helden aus, lernt die unterschiedlichen Gegner und Bosse zu töten.

Civil War – Während Secret War nur ein paar Bände umfasst und besonders durch seine erstklassigen Zeichnungen zu einem modernen Klassiker wurde, setzt Civil War auf politisch brisante Themen. Durch eine alberne Superhelden-Reality-TV-Show werden über 200 Menschen getötet. Ein Superschurke explodiert mitten in einer Kleinstadt und das Volk verlangt Konsequenzen. Von nun an müssen sich alle Superhelden registrieren und für die Regierung arbeiten. Big Brother is watching you – sozusagen.

Doch während sich Iron Man, Reed Richards und Co. mit den neuen Gesetzen abfinden, rebelliert Captain America und sammelt eine Gruppe von Gleichgesinnten um sich. Es kommt zum Kampf Held gegen Held. Am Ende setzt die Regierung sogar skrupellose Bösewichte ein, um nicht-registrierte Helden zu jagen. Eine epische, dramatische Geschichte, die im Spiel mit einer harten Entscheidung eingeleitet wird. Kämpft ihr für die Regierung, müsst ihr eure ehemaligen Kollegen jagen und auf Rebellen-Charaktere wie Captain America, Iron Fist und Luke Cage verzichten. Und umgekehrt.

Auch die Missionen, euer Hauptquartier und die Zwischensequenzen unterscheiden sich. Ein zweiter Durchgang lohnt sich auf jeden Fall. Durch einen geschickten Kniff mussten die Entwickler aber nicht alle Inhalte austauschen. Während die rebellierenden Helden im Comic wirklich auf sich allein gestellt waren, kämpfen bei Ultimate Alliance 2 übergelaufene Soldaten auf eurer Seite. Dadurch ergeben sich zwar andere Storysequenzen und Endgegner, aber der eigentliche Spielablauf ist von dem Wechsel kaum betroffen.

Wie eingangs erwähnt, prügelt und ballert ihr euch durch die Abschnitte, gewinnt so Erfahrungspunkte und steigt im Level auf. So könnt ihr nach und nach eure Fähigkeiten verstärken, neue Kräfte freischalten und mit speziellen Abzeichen eure Teamfähigkeiten verbessern. Wie es sich für ein Rollenspiel gehört, lösen eure Angriffe ab einer gewissen Stufe zusätzliche Effekte aus. Hulks Bodenstampfer wirft auf einmal Gegner in die Luft, Iceman friert seine Gegner ein und Wolverine macht Schaden über Zeit. Falls ihr euch verskillt, könnt ihr jederzeit die Kräfte zurücksetzen.

Für die Teamfähigkeiten besitzt ihr drei Slots. Insgesamt gibt es 200 dieser Abzeichen zu entdecken, die zum Beispiel Fusionskräfte verstärken oder euren Lieblingshelden einen Bonus verleihen. Trotz dieser taktischen Note liefert der Titel über weite Strecken Button-Gemosche bis der Arzt kommt. Gerade zu Beginn, ohne genug Energie und mit nur zwei Superangriffen, müsst ihr viel mit den normalen Schlägen zulangen, euch als Stärke-Held Gegenstände zum Werfen besorgen und kräftig blocken.

Später verwandelt ihr mit eurem vollen Arsenal und genug Energie den Bildschirm in ein rauchendes Trümmerfeld. Dank Havok-Physik-Engine schleudert ihr Figuren wie Puppen durch die Gegend, zerlegt Autos und reißt Metalltore ein. Der Hulk löst mit einem Schlag auf den Boden seismische Schockwellen aus, Iceman produziert massive Eisspitzen, die den Gegner von unten aufspießen, und Wolverine verwandelt mit seinem Wirbelangriff dutzende Feinde auf einmal in Schaschlik.

Schade nur, dass einige Kräfte durch stärkere Varianten obsolet werden und andere wie ein Schweizer Taschenmesser bei jedem Gegner funktionieren. Trotzdem eine äußerst befriedigende Erfahrung, die viel von der Faszination des Titels ausmacht, auch wenn sie sich nach einer Weile abnutzt.

Höhepunkt der Zerstörungsorgie: Die durchschlagkräftigen Fusionskräfte. Habt ihr genug Kombo-Punkte gesammelt, müsst ihr nur noch einen Partner auswählen und schon räumt ihr kräftig auf. Ein kleines Beispiel: Iron Man lädt seinen mächtigen Repulsorstrahl auf und schießt damit auf Wolverine. Dieser teilt den Strahl mit seinen unzerstörbaren Adamantium-Klauen und lenkt ihn auf die versammelten Gegner. Wichtig: Während des Aufladens müsst ihr durch schnelles Knöpfchen-Drücken den Wirkungsradius erweitern.

Das Endergebnis ist verheerend. Alles was nicht niet- und nagelfest ist, wird durch die Luft geschleudert, verbrannt und verstümmelt. Leider gibt es keine 576 unterschiedliche, theoretisch mögliche Kombinationen. Viele Fähigkeiten doppeln sich. Wolverine zerteilt eben nicht nur Iron Mans Repulsorstrahl, sondern auch Storms Blitze und den Flammenstrahl der lebenden Fackel.

Kleines taktisches Detail: Es gibt drei unterschiedliche Fusionstypen. Manche Kräfte verursachen nahezu auf dem ganzen Bildschirm Schaden, sind dafür aber nicht so stark. Die gezielten und lenkbaren Angriffe wiederum hauen zum Beispiel deutlich heftiger rein, erfordern jedoch eine ruhige Hand.

Optisch macht Ultimate Alliance 2 mal wieder einen kleinen Schritt nach vorne. Speziell die Figuren wurden überraschend detailliert umgesetzt. Deutlich schlechter sieht es bei der Umgebung aus. Ein wenig Bump-Mapping, nette Partikel-Effekte und glaubwürdige Schatten machen eben noch kein Next-Generation-Spiel aus.

Man sieht dem Titel das Alter seiner Engine an. Keine Totalkatastrophe, aber deutlich schlechter als zum Beispiel Batman: Arkham Asylum, inFamous oder Prototype. Enttäuschend sind auch die Zwischensequenzen. Euer eigener Charakter redet gar nicht und auch euer Gegenüber quaselt eher unmotiviert vor sich hin. Hier gibt es viel Nachholbedarf.

Marvel Ultimate Alliance 2 verbreitet FIFA-Stimmung. Anstatt auf eine Generalüberholung zu setzen, vertraut Entwickler Viscarious Visions auf Detailverbesserungen. Hier ein wenig mehr Story, da ein interessanter Seitenwechsel und natürlich die Fusionskräfte. Ohne den immer noch genialen Koop-Modus, die schicken Physik-Effekte und das erprobte Upgrade-System hätte der Titel aber trotzdem keine 7 verdient. Das streckenweise stupide Button-Gehämmere, die immer noch gesichtslosen Gegner und die zum Teil zweitklassigen Szenarien machen hier selbst gestandenen Marvel-Fans einen Strich durch die Rechnung.

Natürlich macht es Spaß, die ganzen Helden freizuspielen und mit den Superkräften die Umgebung zu zerlegen, aber ohne zeitgemäße Grafik, ein paar frische Ideen und eine offenere Spielwelt werde ich beim nächsten Mal nicht mehr beide Augen zudrücken. Gerade bei der Storypräsentation wäre deutlich mehr drin gewesen. Der Civil War gehört mit zum Besten, was Marvel in den letzten Jahren auf den Markt gebracht hat. Diesem Anspruch wird Ultimate Alliance 2 leider nicht gerecht. Nichtsdestotrotz sollten Comic-Fans zugreifen. Insbesondere mit ein paar Freunden ist und bleibt der Titel, Mängel hin oder her, eine einmalige Erfahrung.

Marvel: Ultimate Alliance 2 erscheint am 25. September für Xbox 360, PS3, Wii, PSP und den DS.

 

 

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