Gesamtwertung9/10 |
Was für ein Ritt: 32 Stunden Borderlands in zwei Tagen liegen hinter mir. Ich habe gefühlte 2.000 Gegner erledigt, hunderte Kilometer in einem Buggy zurückgelegt und mich durch Millionen von Waffen, Schilde und Modifikationen gewühlt. Auf der Suche nach dem besten Fundstück habe ich extreme Umwege in Kauf genommen, mich nochmal im Koop durch ganze Abschnitte geschlagen und bis um 5 Uhr morgens an den letzten Leveln samt brachialem, aber auch etwas enttäuschenden Ende gesessen. Trotzdem juckt es mich schon wieder in den Fingern, während ich diesen Artikel schreibe.
Borderlands macht zwar nicht alles richtig, nervt immer mal wieder mit Redundanzen und ein bis zwei nicht zu Ende gedachten Features, doch der Suchtfaktor ist wirklich gewaltig. Die Jungs von Gearbox haben nämlich meine beiden absoluten Lieblingsgenres geschickt miteinander kombiniert und mir so den Titel praktisch auf den Leib geschrieben. Extrem dynamische, taktische Schusswechsel aus der Ego-Perspektive, zum Teil prächtig inszenierte Endgegner-Gefechte und vor allem eine geniale Rollenspielmechanik samt zufällig generierten Gegenständen und einem durchdachten Elementarsystem passen einfach wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.
Dabei gewinnt das Spiel mit der Geschichte keinen Blumentopf. Als einer von vier Schatzsuchern werdet ihr auf dem Wüstenplaneten Pandora abgesetzt, wo ihr euch auf die Suche nach einer mysteriösen, außerirdischen Kammer begebt. Über weite Strecken müsst ihr von minimalen Storyfetzen leben. Irgendeine mysteriöse Lady begleitet euch durch Videoübertragungen bei eurem langen Weg durch heruntergekommene Grenzstädte, verrostete Fabrikanlagen und verlassene Wüstenareale.
Ihr nehmt Quests von den Bewohnern an, ballert euch durch ständig regenerierende Monster und fahrt mit Geländefahrzeugen durch die Gegend. Ein paar Aufgaben geben euch kleine Hinweise auf den außerirdischen Ursprung der Kammer. Ihr findet die omnipräsenten Audio-Logs, mysteriöse Alien-Waffen und sogar eine bewachte Artefakt-Kammer.
Doch wie beim Action-Rollenspiel-Klassiker Diablo 2 ist die Geschichte nur das Vehikel für das Loot-orientierte Gameplay. Im Zentrum stehen die vier Klassen, die sich zum Teil erheblich unterschiedlich spielen, auch wenn die zugrunde liegende Shooter-Mechanik gleich ist. Während Brick, der Berserker, als Mann fürs Grobe besonders in Nahkampf hervorragend austeilt, setzt der Scharfschütze Mordecai auf eine ruhige Hand, einen angriffslustigen Adler und einen gewaltigen Damage-Output.
Vervollständigt wird die illustre Viererrunde noch durch den Allrounder Roland, der als Soldat im Koop lustigerweise auch als Heiler fungiert, und die Elementar-Expertin Lilith. Die Dame ist eine Meisterin im Umgang mit Schock-, Feuer-, Säure- sowie Explosiv-Waffen und kann per Phasenverschiebung nicht nur blitzschnell aus der Gefahrenzone fliehen, sondern durch den Wiedereintritt auch mächtig austeilen.
Wie es sich für ein Rollenspiel gehört, steigt mit jedem Level – maximal Level 50 -, das ihr durch das Erledigen von Feinden und Abgeben von Quests erreicht, eure Lebenenergie und eure Feuerkraft. Zusätzlich bekommt ihr ab Level 5 eine Spezialfähigkeit, die ihr aufmotzen könnt, und für jedes Upgrade einen Skillpunkt. Diesen könnt ihr wiederum in drei Skill-Trees investieren, die zum Beispiel euren kritischen Schaden erhöhen, eure Schilde verbessern oder aber eure Schussgeschwindigkeit erhöhen. Noch dazu gibt es Artefakte, Waffen-, Charakter- und Granaten-Modifikationen.
Zum Glück greift euch Borderlands im Statistikdschungel etwas unter die Arme: Feuert ihr eure Waffe auf einen Gegner ab, wird der entstandene Schaden als Zahl dargestellt. Trefft ihr eine Schwachstelle, wird ein kritischer Treffer ausgelöst, der bis zu 200 Prozent mehr Schaden macht. Zusätzlich entstehen durch Elementarwaffen Grafikeffekte, die sich unterschiedlich auswirken. Säure-Waffen fressen sich zum Beispiel durch Panzerung, während Schock-Waffen blitzschnell die feindlichen Schilde entleeren.
Noch dazu bekommt ihr einen Bonus, wenn ihr einen Waffentyp besonders häufig einsetzt und einen Malus, wenn ihr zu starke Monster angreift. Anfangs ist man zwar von den ganze Statistiken und Elementen etwas überfordert, doch nach und nach versteht man die Zusammenhänge und freut sich über den enormen taktischen Tiefgang.
Die eigentlichen Hauptdarsteller des Spiels sind aber die Waffen. Ganz wie bei Diablo und Co. setzt Borderlands aus verschiedenen Elementen zufallsgeneriert Waffen zusammen. Aufgeteilt in sieben Klassen – Scharfschützengewehre, Maschinenpistolen, Maschinengewehre, Schrotflinten, Pistolen, Revolver und Raketenwerfer – und basierend auf dem Level des Fundortes, entstehen so die angekündigten 500.000 Varianten. Mit und ohne Zielfernrohr, mit verschiedenen Elementar-Effekten, mit unterschiedlicher Feuergeschwindigkeit, diversen Magazingrößen, einer angepassten Zielgenauigkeit und einem maximalen Schadensausstoß verwandelt sich jede geöffnete Kiste in ein Weihnachtsfest.
Gleichzeitig wird der Forscherdrang angeregt: Gearbox hat selbst in der hintersten Kartenecke geheime Waffenlager, Tresore und Spezialkisten versteckt. Um keine neue Superwaffe zu verpassen, begibt man sich auf Entdeckungsreise und durchsucht selbst die stinkenden Verdauungsprodukte der einheimischen Fauna. Farbcodiert wie bei World of WarCraft, erkennt man oft auf den ersten Blick, ob sich in den Munitionskisten ein besonders wertvolles Stück versteckt. Zusätzlich lassen die Endgegner besonders durchschlagskräftige Zerstörungswerkzeuge liegen. Doch Vorsicht: Je nach Spielweise, der Charakterklasse und den eigenen Vorlieben, kann auch eine Otto-Normal-Knarre überzeugen. Ein Blick auf die Statistiken ist also unerlässlich.
Aber nur um das klarzustellen: Jeder Charakter kann jede Waffe einsetzen. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, mit Roland zu snipern oder Brick eine Maschinenpistole in die Hand zu drücken. Ist die Waffe stark genug und der Gegner entsprechend schwach, erzielt man mit jeder Kombination ein gutes Ergebnis. Erst im Team, mit deutlich aufgemotzten Feinden, ist es sinnvoll, dass man die eigene Rolle ausfüllt und zum Beispiel als Scharfschütze nicht in den Nahkampf rennt. Auch ist es recht angenehm, eben nicht mit vier Soldaten herumzurennen, sondern mit einer sich ergänzenden Truppe aus Tank, Damagedealern und einem Heiler.
Das bringt uns zum Koop-Modus, der die gelungene Singleplayer-Erfahrung bei Weitem in den Schatten stellt. Seid ihr alleine unterwegs, vermittelt Borderlands zwar recht erfolgreich die Einsamkeit eines Abenteurers und die Trostlosigkeit des heruntergekommenen Niemandslandes, doch es fallen auch die spärlich charakterisierten NPCs und die dünne Story ins Auge. Zusammen mit einem menschlichen Mitspieler verschwinden diese Mankos in dem genialen Zusammenspiel der unterschiedlichen Charaktere. Ihr könnt dick gepanzerte Gegner umgehen, fest installierte Geschützstellungen austricksen und euch gegenseitig wieder auf die Beine helfen.
Da mit jedem Mitspieler der Schwierigkeitsgrad exponentiell steigt, werden Rambos von den übermächtigen Gegnern schnell in Grund und Boden gestampft. Speziell zum Ende hin, wenn ihr euch knallharten Spezialtruppen stellen müsst, ist es hilfreich, Brick als Tank vorzuschicken, ihn von Roland durch Friendly Fire heilen zu lassen und mit dem Rest der Truppe Schaden auszuteilen. Auch die zum Teil beinharten Endgegner verlieren im Zusammenspiel ihren Schrecken. Während man sich allein oft von einer teuren Wiederbelebung zur anderen schleppt, können zwei eurer Kollegen den Bösewicht ablenken, während der dritte euch wieder auf die Beine hilft.
Ohne Mitspieler könnt ihr kurz vor eurem Ableben um euer Überleben kämpfen. Wenn es euch gelingt, innerhalb von ein paar Sekunden noch einen Gegner zu erledigen, wird eure Schildenergie wieder aufgefüllt und es geht nahtlos weiter. Trotz eines gelungenen Speichersystems eine wirklich geniale Idee, die den Spielfluss erheblich verbessert.
Außerdem ist es jedes Mal ein einmaliges Gefühl, wenn ihr euch in letzter Sekunde noch rettet und euch so ein paar Minuten Laufweg erspart. Leider gibt es bei den Endbossen ein bis zwei Aussetzer, die sich zu leicht oder zu schwer aus dem Weg räumen lassen. Die First-Person-Perspektive und das relativ weitläufige Areal machen hier einem stark Taktik-orientierten Ansatz zunichte.
Auch die Fahrzeug-Abschnitte wurden nicht ideal gelöst. An speziellen Stationen könnt ihr zwei verschiedene Fahrzeugtypen generieren, die sich aber nur marginal unterscheiden. Spannend wird dieses Feature erst im Koop-Modus. Wenn ein Mitspieler an den zwei unterschiedlichen Bordkanonen Platz nimmt, wird aus dem durchwachsenen Einzelspieler-Erlebnis eine spaßige Koop-Erfahrung. Es gibt sogar einen Endgegner, der auf Fahrzeugkampf ausgelegt ist, aber trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack. Falls es eine Fortsetzung gibt, sollte Gearbox hier dringend nachlegen.
Die Gegner-KI geht in Ordnung. Die meisten Monster stürmen einfach wild auf euch zu und versuchen, euch in Grund und Boden zu stampfen. Zum Glück sorgen Säure-spuckende Spinnenmonster, Kreisel-Insekten und Kamikaze-Flugwesen für etwas Abwechslung. Richtig spannend gestalten sich dagegen die Gefechte gegen menschliche Gegner. Die oft Schild-geschützten Banditen und Soldaten suchen sich Deckung, umgehen eure Stellung und werfen euch Granaten vor die Füße.
Da die Feinde die gesamte Waffenpalette ins Feld führen und auch mal grünen oder blauen Knarren durch die Gegend rennen, könnt ihr euch selten auf eine Taktik einstellen. Ab und zu gibt es zwar Aussetzer, etwa keinerlei Reaktion, doch über weite Strecken bietet der Titel erstklassige Feuergefechte in gewaltigen Arealen.
Spielentscheidend: Das Balancing. Wenn ihr euch nicht nur an die Hauptquest klammert, sondern auch ein paar Nebenaufgaben erfüllt, seid ihr fast immer stark genug für die nächste Herausforderung. Insbesondere im späteren Verlauf gibt es immer genügend Missionen, um sich nicht nur die wiederkehrenden Monster grinden zu müssen. Nur ganz selten trefft ihr auf zu hochlevelige Gegner und müsst euch wieder zurückziehen. Diese werden mit einem dicken, gelben Ausrufezeichen markiert und sind besonders hart zu knacken. Ab drei Stufen Unterschied macht ihr kaum noch Schaden. Wer hier nicht auf die Schwachstellen zielt, zieht ganz schnell den Kürzeren.
Die Grafik habe ich ganz bewusst an das Ende des Tests gepackt. Viel wurde über den Stilwechsel geschrieben, gejammert und geflucht. Meiner Meinung nach war es die richtige, weil konsequente Entscheidung. Statt dem Unreal-Einerlei bekommt ihr einen charismatischen Comic-Look vorgesetzt, der hervorragend zu dem leicht abgedrehten Szenario passt. Das Endergebnis überzeugt aber nicht nur durch witzige Details und ein stimmiges Design, sondern auch durch ein paar einmalige Panoramen samt erstklassigem Wasser und einer dichten Atmosphäre.
Ihr könnt fast den Staub schmecken, wenn ihr über die verdorrten Dünen rast, den Gestank riechen, wenn ihr euch durch eine Müllhalde kämpft, und das Adrenalin schmecken, wenn ihr den Bau eines Monsters betretet. Noch dazu nimmt sich das Spiel nicht allzu ernst. Neben den durchgeknallten Robotern, die ihr aus den Trailern kennen dürftet, sorgen auch die abgedrehten Endgegner mit Genial-Kanone und Profilierungssucht für ein paar herzhafte Schmunzler.
Zum Abschluss darf natürlich nicht der obligatorische Vergleich der Versionen fehlen. Und oh Wunder: Die PC-Version sieht am besten aus. Doch das liegt nicht an zusätzlichen Grafikeffekten, besseren Texturen oder der höheren Auflösung, sondern an der weitaus besseren Performance. Sowohl auf der Xbox, aber ganz besonders auf der PS3 müsst ihr bei besonders harten Gefechten mit kurzen Rucklern zurechtkommen.
Das Ganze wird nicht unspielbar, doch speziell im letzten Areal geht es gehörig auf die Nerven. Im Gegenzug lassen sich nicht alle PC-Menüs mit der Maus steuern. Hier müsst ihr wohl oder übel mit der Tastatur ran. Und nachdem die Koop-Probleme auf der PS3 weggepatcht wurden, nervt eigentlich nur noch das Gamespy-System für euren Heimcomputer. Unterm Strich bleibt es aber Geschmacksache, wo ihr zugreift.
Mit viel Liebe zum Detail, einem einmaligen Grafikstil und einem erstklassigen Balancing ist Gearbox endlich der große Wurf gelungen. Borderlands leidet zwar noch unter ein paar kleinen Macken, könnte etwas mehr Story und spannendere Fahrzeuge vertragen, doch der Kern des Spiels, das eigentliche Gameplay, funktioniert hervorragend. Vor allem mit ein paar Freunden macht Borderlands einen Heidenspaß. Die taktischen Gefechte gewinnen im Koop-Modus noch an Tiefe und begeistern durch ihre knallharte Inszenierung. Aber auch allein wird die Jagd nach neuen Gegenständen zu einer treibenden Kraft, die euch Stunde um Stunde immer tiefer in das Spiel hineinzieht.
Das Ergebnis: Auch nach über 30 Stunden freue ich mich richtig darauf, nach dem Beenden dieses Textes zu Borderlands zurückzukehren. Es warten noch ein halbes Dutzend Missionen, zwei unerforschte Areale und 17 Level-Ups auf mich. Und da Gearbox intelligent genug war, euch am Ende der Reise wieder zurück auf die Piste zu schicken, muss ich noch nicht einmal von vorne anfangen. Für so viel Begeisterung gibt es von mir eine 9. Trotzdem eine Warnung: Erwartet keine packend inszenierten Zwischensequenzen oder ungewöhnlichen Storywendungen. Ein großer Teil der Faszination basiert auf dem Loot-System. Es ist ein integraler Bestandteil des Spiels. Und wer sich nicht für einen dicken Raketenwerfer mit Brandraketen, vierfach Zielfernrohr und 630 Schaden begeistern kann, hat bei Borderlands leider nichts verloren.
Borderlands ist für Xbox 360 und PS3 erhältlich. Die PC-Version erscheint am 30. Oktober.
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