Burnout Paradise

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Electronic Arts
Entwickler
Criterion Games
Genre
Andere
X360: Burnout Paradise

X360: Burnout Paradise

Kaum war die Demo von Burnout Paradise verfügbar, ging es auch schon hoch her. Viele Fans meldeten sich zu Wort. Sie vermissten den 'Crash'-Modus. Die Möglichkeit, ein Rennen abbrechen und sofort neu starten zu können. Und überhaupt passe dieser 'Open World'-Ansatz nicht zur Serie. 'Ihr habt Burnout getötet', 'Ich bin raus' oder 'R.I.P. Burnout'. Ginge es nach der Meinung der Wortführer in dieser hitzigen Debatte, hätte Criterion sein jüngstes Werk direkt auf den Schrottplatz fahren können. Machten sie aber natürlich nicht. Stattdessen bemühte sich Alex Ward, die Konzeption genauer zu erklären und bat darum, dass sich jeder selbst ein Urteil bilden solle – und das nicht zwangsläufig anhand der Demo.

Ich muss gestehen, ich habe die ganze Aufregung nur ansatzweise verstanden, aber beileibe nicht vollumfänglich. Ja, es ist mehr als ärgerlich, dass der 'Crash'-Modus nicht enthalten ist. Schließlich war er unterhaltsam, manche bezeichnen ihn sogar als 'Das Beste!' am gesamten Spiel. Das lass ich mal dahin gestellt. Tatsächlich ist es so, dass gerade dieser Modus in feinster HD-Optik natürlich ein Kracher gewesen wäre. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber es ist natürlich auch das gute Recht eines Entwicklers, eben nicht einfach Altes aufzuwärmen und als neue Mahlzeit auf den Tisch zu stellen. Schade, aber vielleicht passt es ja das nächste Mal ins Konzept, Criterion.

Rennen lassen sich nicht abbrechen und/oder sofort neu starten, nachdem man sie verloren hat. Das ist richtig. Und das hat mich anfangs auch ungemein genervt. Die Zeiten, in denen man einen Film zurückspulen musste, sind schließlich vorbei. Darüber müssen wir bestimmt nicht streiten. Aber obwohl ich dieses Feature nach ein paar Stunden überhaupt nicht mehr vermisst habe, so ist der Kritikpunkt dennoch nachvollziehbar und es hätte sicherlich die Gemüter beruhigt, wenn man es doch irgendwie mit der 'Open World' hätte vereinen können.

Die 'Open World'. Ich finde sie super. Nicht weil ich 'GTA ist super alles muss wie GTA sein' vertreten würde. Beileibe nicht. Alles hat sein Für und Wider. In Burnout Paradise überwiegt für mich jedoch das Für. Weil es Criterion geschafft hat, eine ausgefeilte Spielwiese aus Beton und Stahl zu erschaffen, der mit jeder Menge Blech Leben eingehaucht wird. Paradise City ist sicher nicht von überwältigender Größe. Und trotzdem wird diese Stadt nicht so schnell langweilig. Es ist der Detailgrad, mit dem bei den einzelnen Distrikte zu Werke gegangen wurde, der einen immer wieder etwas Neues entdecken lässt. Die Stadt wirkt nicht, wie aus ein paar Polygonen und Texturen zusammengeklöppelt. Eher wie organisch gewachsen. Gebäude und Landmarks hinterlassen den Eindruck, sorgsam gestaltet und anschließend platziert worden zu sein.

Vielleicht hätte sich Criterion hier gar nicht so viel Mühe geben müssen, denn schließlich kriegt man bei Tempo 200 das meiste davon sowieso nicht mit. Aber es ist ja eine 'Open World'. Und dazu gehört auch, einfach mal die Gegend zu erkunden. Einfach ziellos zu fahren. Und hier zahlt das Stadtbild natürlich stark in die Glaubwürdigkeit ein.

Das einzige Manko bei der tadellosen Umsetzung von Paradise City ist eigentlich gar kein Manko: Es wird ausschließlich von Autos bewohnt. Es gibt keine Menschen. Weder hinter den Steuern noch auf den Gehwegen. Sie sind einfach nicht existent. Aber das ist natürlich beabsichtigt, denn mal ehrlich, die Crashs sehen so fies realistisch aus, dass ich mir gar nicht ausmalen möchte, was mit Passagieren passieren würde. Oder bei einem Zebrastreifen. So gesehen ist die Abstinenz der Menschheit eine gute Sache. Hier werden Autos im Sekundentakt zerlegt. Mehr nicht.

Zurück zum eigentlichen Kritikpunkt gegenüber der 'Open World'. Rennen lassen sich nicht einfach beliebig oft wiederholen, bis man sie gewonnen hat. Ich glaube, wie man das beurteilt hängt einfach stark davon ab, was man von dem Spiel eigentlich will. Klar, wenn man möglichst schnell alle Wagen frei spielen möchte, dann führt dieser Punkt sicherlich zu einem Knock Out. Darüber kann man gar nicht diskutieren. Mir ist es jedoch anders ergangen. Mir war es ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach furchtbar egal, ob ich ein Rennen sofort neu starten kann oder nicht. Verloren? Macht nichts. Was ist das denn für eine Sprungschanze? Die muss ich ausprobieren. Ah, eine Kreuzung mit einer Stunt-Challenge. Mach ich. Burnout Paradise bietet auf diese Weise eine gelungene Mischung aus, ich nenne es mal, Chill & Thrill.

Criterion hat die einzelnen Herausforderungen schon clever über die Karte verteilt. So lauern am Zielpunkt eines Rennens nicht gleich drei bis vier weitere Aufgaben der gleichen Art, sondern eben etwas andere. Also zum Beispiel 'Marked Man', in dem man sich bis ins Ziel retten muss, bevor man von seinen Kontrahenten völlig zerstört wird. Oder 'Road Rage', in dem man eine vorgegebene Anzahl an Takedowns erzielen muss. Oder ein 'Stunt Race', bei dem zerstört und gesprungen wird. All das sorgt für viel Abwechslung. Aber selbst das ist manchmal gar nicht notwendig. Ich habe mich auch oft dabei ertappt, wie ich minutenlang versucht habe, die richtige Geschwindigkeit am Ende einer Schanze zu erreichen, um einen tiefen Graben zu überwinden. Nicht weil es Punkte geben würde. Einfach nur weil ich es schaffen wollte.

Zum Teil auch, weil man durch die Optik belohnt wird. Burnout Paradise sieht ja ohnehin schon unbeschreiblich gut aus. Die Farben wurden toll gewählt, die Texturen sehen klasse aus und die Autos stehen stets im Mittelpunkt; sie sind die Stars. Effekte werden mit Bedacht eingesetzt, was sich natürlich positiv auf die Glaubwürdigkeit auswirkt. Das alles mit nicht weniger als 60 Frames pro Sekunde. Egal auf welcher Plattform.

Das Sahnehäubchen sind aber ganz klar die Crashs. Hier ist Paradise ganz Burnout. Und noch mehr. Die Wagen deformieren sich ausgehend von dem Punkt, an dem die Karosserie eingeschlagen ist. Scheiben zersplittern in hunderte Einzelteile. Achsen brechen, Reifen lösen sich und fliegen durch die Luft. Das alles in Zeitlupe und Schwarz-Weiß. Nur die Hauptdarsteller bleiben in Farbe getüncht. So wird ein Crash nicht zur Bestrafung, sondern zur Belohnung. Und manche sind wirklich so außergewöhnlich absurd, dass sie sich im Gedächtnis festsetzen, stets abrufbereit, sobald das Stichpunkt Burnout fällt. Das ist einzigartig.

Der motivierende Faktor hinter Burnout Paradise sind – neben allerlei Statistiken – natürlich die 75 Wagen, die es frei zu spielen gilt. Und auch hier setzt Criterion auf Abwechslung. In aller erster Linie erhält man neue Fahrzeuge dadurch, dass man die gestellten Aufgaben erfüllt, Rennen gewinnt oder zum Beispiel Takedowns ausführt. Aber immer mal wieder taucht ein neuer Wagen in Paradise City auf. Natürlich nicht einfach so. DJ Atomica, die ich persönlich ganz unglücklich gewählt finde, kündigt das Fahrzeug an. Dann gilt es Augen offen halten und im richtigen Moment abschießen, schon gehört der Bolide Euch.

Die Fahreigenschaften sind dabei unterschiedlich genug, dass man immer die ersten paar Minuten damit beschäftigt ist, die Grenzbereiche der neuen Errungenschaft auszuloten. Heck- und Frontantrieb sind hier die größten Unterscheidungsmerkmale, aber auch das Gewicht und die Höhe spielen eine Rolle bei Lastwechselreaktionen. Dennoch: Burnout Paradise ist weit davon entfernt, eine Simulation zu sein. Das Fahrverhalten ist generell gutmütig und verzeiht kleine Fehler. Es muss wenig Arbeit in das Handling gesteckt werden, vielmehr geht um kurze Reaktionszeiten.

Das gilt auch für die Rennen. Wer schneller denkt, ist meist auch schneller am Ziel. Oder besser: Wer sich schneller auf veränderte Bedingungen einstellen kann. Das liegt zum großen Teil an den kaum vorhandenen Navigationshilfen. Das Ziel wird fast schon verschämt auf einem kleinen Kompass in der Mitte des oberen Bildschirmrands angezeigt. So weiß man wenigstens, ob man überhaupt noch in die richtige Richtung fährt. Die Mini-Map rechts unten hilft zwischen den Rennen mehr als mittendrin. Daran orientieren kann man sich kaum. Etwas mehr Unterstützung wäre hier schon wünschenswert gewesen, denn nichts ist ärgerlicher als in Führung liegend eine falsche Abzweigung zu nehmen und dann als letzter über die Ziellinie zu rollen.

Auf der anderen Seite fördert das auch die Kreativität. Einem 'Jetzt ist es auch schon egal' folgt meist ein gewagter Sprung auf eine untypische Route, völlig abseits jeglicher Konkurrenz. Zum Beispiel durch einen Eisenbahntunnel. Wenn das dann auch noch gelingt und man sich plötzlich an der Spitze wiederfindet, dann ist das doppelt zufriedenstellend.

Eine besondere Erwähnung verdient der Multiplayer. Zunächst einmal ist es möglich, mit der Xbox Live Vision-Kamera oder PlayStation Eye sein eigenes Konterfei aufzunehmen und damit sein Profil zu individualisieren. Gespielt wird dann gegen bis zu acht Kontrahenten, wobei nur derjenige, der die Partie gestartet hat, volle Kontrolle darüber hat, welche Herausforderung als nächstes auf dem Programm steht. Alle anderen Mitspieler haben hier eine passive Rolle. Das hätte man sicher besser und frustfreier konzipieren können. Der wahre Clou ist jedoch, dass man jederzeit zwischen Single- und Multiplayer hin und her springen kann. Dazu muss Paradise City nicht verlassen werden. Über das Steuerkreuz wird einfach der gewünschte Online-Modus ausgewählt und los geht’s. Und genauso umgekehrt: Zurück in den Singleplayer funktioniert per Tastendruck in Sekundenschnelle.

Die einzelnen Herausforderungen haben mit denen aus dem Singleplayer nichts zu tun. Hier geht es darum, wer am längsten durch die Luft fliegt. Oder wer am längsten unfallfrei durch den Gegenverkehr fährt. Eine sehr gute Idee, weil dadurch der Unterhaltungswert des Multiplayers enorm steigt. Unverständlich ist hingegen, dass weder 'Road Rage' noch 'Marked Man' zur Verfügung stehen, obwohl diese Singleplayer-Modi doch für mehrere Spieler prädestiniert erscheinen.

Kein Crash-Modus. Eine offene Welt. Und dennoch ist Paradise für mich ein echtes Burnout. Weil es diesen ganz eigenen Nervenkitzel bietet, diese irre Geschwindigkeit, diese Crashs. Das ist es, was keine andere Rennspiel-Serie so kompromisslos in den Vordergrund rückt. Dazu kommt eine grafische Umsetzung, über die ich ein Gedicht schreiben würde, wenn ich ein Poet wäre.

Für mich hat Burnout Paradise daher fast alles, was Racing ausmacht. Alles, was stört, hat einen so niedrigen Nervfaktor, dass es den hervorragenden Gesamteindruck kaum schmälern kann. Sicher, im Multiplayer hätte man hier und da noch einen Schritt weiter denken und vielleicht mehr in der Praxis erproben können. Dann wiederum machen die Herausforderungen so viel Spaß, dass man diese kleinen Schönheitsfehler gerne verzeiht. Wer seine Rennspiele laut, schnell und brachial mag, der kommt an Burnout Paradise kaum vorbei.

Burnout Paradise ist ab heute für PS3 und Xbox 360 erhältlich.

 

 

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