Dragon Age: Origins

Preview
Vertrieb
Electronic Arts
Entwickler
BioWare
Genre
Andere
PC: Dragon Age: Origins

PC: Dragon Age: Origins

Bioware hat sich in den letzten 14 Jahren vor allem der Verwirklichung fremder Träume gewidmet. Erst wurde dem Dungeons & Dragons-Universum mit Baldur's Gate ein Denkmal gesetzt, dann erfolgreich die Geschichte der Alten Republik aus Star Wars erzählt, nur um im letzten Jahr SEGA-Maskottchen Sonic in ein eigenes Rollenspiel zu verfrachten. Den Kanadiern gelang es dabei stets, der Marke ihren Stempel aufzudrücken. Dank frischer Ideen und einer akribischen Verbesserung der Spielkonzepte entstanden echte Meisterwerke, die mit ihren glaubwürdigen, fast vertrauten Charakteren und ihrer herrlichen Spielwelt noch immer für feuchte Augen bei Rollenspiel-Fans sorgen.

Doch den Kanadiern war das nicht genug. Sie wollten etwas eigenes erschaffen und sich nicht auf den Lorbeeren anderer ausruhen. So entstand 2005 Jade Empire, das mit seiner chinesischen Hintergrundgeschichte zwar keine Verkaufrekorde brach, aber erneut die Genialität von Bioware unter Beweis stellte. Statt einfach nur mehr des Selben zu liefern, wurde wie bei den Vorgängern ein neues Spielelement (Martial Arts) eingebaut, das im Verbund mit den selbst gesetzten Standards das Gameplay bereicherte und begeisterte Fans ankarrte.

Mit ihrer zweiten Original-Franchise Mass Effect wurde diese Tradition fortgesetzt. Geschickt bauten sie innovative Shooter-Elemente ein, sponnen eine epische Handlung und legten eine fast filmreife Präsentation hin. Das Prinzip der moralischen Entscheidungen wurde von Knights of the Old Republic übernommen, aber um einiges erweitert. Die Interaktion mit der Party geht dagegen bis auf ihren Erstling zurück. Doch wo uns bei Baldur's Gate nackte Texte entgegen blickten, wartete Biowares Science-Fiction-Drama mit perfekter Sprachausgabe und pikanten Sex-Szenen auf.

Dragon Age: Origins ist deshalb eine Ausnahme. Die dritte Eigenentwicklung versteht sich als eine Art Best-of des Bioware-Universums. Anstatt ein neues Spielelement in den Vordergrund zu rücken, ist die Fantasy-Saga praktisch das Ergebnis von 14 Jahren Entwicklungsarbeit. Das Kampfsystem aus Baldur's Gate, die moralischen Entscheidungen aus Knights of the Old Republic und die Inszenierung aus Mass Effect werden hier zu einem größeren Ganzen verschmolzen. Der Schritt nach vorne bleibt verwehrt, man sammelt nun die Früchte der jahrelangen Entwicklungsarbeit ein.

Auch bei der Erschaffung der Fantasy-Welt Ferelden betritt Bioware kein Neuland. Viele Motive wurden aus Fantasy-Klassikern übernommen oder direkt aus dem eigenen Fundus integriert. Ähnlich wie bei Mass Effect muss der Held der Geschichte zusammen mit seinem Team die Welt vor dem Bösen schützen. Die Gruppe heißt nun die „Grauen Wächter“ statt „Specter“ und das Böse nennt sich „Blight“ statt „Reaper“. Einen Schritt weiter geht Bioware dagegen bei der Herkunft Eures Hauptcharakters. Nicht umsonst trägt der Titel den Untertitel Origins. Während sich bei der Science-Fiction-Saga die Unterschiede bei der eigenen Herkunft nur für ein paar Gesprächsoptionen, andere Fähigkeiten und einige wenige Zusatz-Quest beschränkten, sollen die sechs unterschiedlichen Karrieren von Dragon Age das komplette Spiel verändern.

Egal ob Elf, Zwerg oder Mensch, jeder Charakter bringt eine eigene Hintergrundgeschichte mit. Während zum Beispiel der Dalish-Elf aka Wald-Elf sein Leben der Wanderschaft widmete und bisher wenig mit Menschen am Hut hatte, musste der Stadtelf seine Kindheit unter der Knute der Menschen verbringen. Erst als sein Lehnsherr in der Hochzeitsnacht sein „Recht“ auf die Braut einfordert, wagt es die Hauptfigur, sein Volk in die Unabhängigkeit zu führen.

So könnt Ihr Euch als kastenloser Zwerg einen Platz in der Gesellschaft erkämpfen, als adliger Bartträger die politischen Ränkespiele Eurer Verwandtschaft durchbrechen, als menschlicher Nachwuchsmagier endlich zum Großmeister aufsteigen oder aber als Fürstensohn die Familienehre retten. Dabei ist die Auswahl des Hauptcharakters erst der Anfang. Ständig müsst Ihr bei Dragon Age Entscheidungen treffen, die für die Geschichte und die Entwicklung Eures Charakters von enormer Bedeutung sind. Ein Beispiel bekamen wir bei der jüngsten Präsentation hautnah vermittelt.

Unser Grauer Wächter trifft im Wald von Ferelden den Dalish-Elf Zathrian, der als Anführer einer kleinen Gemeinde unter den Attacken von Werwölfen zu leiden hat. Wie auch die restlichen Charaktermodelle glänzt Euer Gegenüber durch fantastische Texturen und eine glaubwürdige Mimik. Ein Detailreichtum, bei dem leider die Umgebung nicht ganz mithalten kann. Gerade die Pflanzen wirken momentan noch etwas „platt“, Bioware Geschäftsführer Ray Muzyka betont aber, dass an diesen Details noch ausgiebig gearbeitet wird.

Da unsere Hauptfigur selbst ein Dalish-Elf ist, wird er freundlich aufgenommen. Mit anderen Figuren kann es schon mal zu Spannungen kommen, die Euch im schlimmsten Fall in einen Kampf, statt in die nächste Quest führen. Doch diesmal gibt uns Zathiran die Aufgabe, das Werwolf-Oberhaupt Witherfang zu töten. Als Belohnung winkt ein wenig Geld, Ausrüstung und vielleicht die Möglichkeit, den Elfen-Anführer für die eigene Sache zu gewinnen. Gemeinsam mit dem Schurken Zeoran, dem Templer Alistair und der Zauberin Morrigan macht Ihr Euch natürlich sofort auf den Weg, das Monster und seine Untergeben zu vernichten. Auf dem Weg zur Höhle kommt es dann zu ersten Auseinandersetzungen.

Das Kampfsystem scheint direkt aus Baldur's Gate entliehen. In Echtzeit wählt Ihr Sprüche und Angriffe aus, positioniert Eure Kämpfer und beobachtet die prächtigen Animationen. Ihr habt jederzeit die Möglichkeit, den Kampf anzuhalten und so verschiedene Fähigkeiten gleichzeitig zu aktivieren. So wird ein Werwolf erst mit Allisters Schild Schlag betäubt, dann mit einem Feuerball belegt und mit einem Finishing-Move des Schurken blutig in den Werwolf-Himmel befördert. Apropos blutig: Den düsteren Anspruch der Serie kann man nach ein paar Kämpfen auf der Rüstung ablesen. Eure Figuren, vor allem die Nahkämpfer, sehen nach kurzer Zeit wie Metzgergesellen aus, die eine ganze Rinderherde zerlegt haben.

Mal abgesehen von der Kamera funktioniert das System hervorragend. Das Zusammenspiel der Fähigkeiten erinnert an ein gutes Online-Rollenspiel. Die Charaktere ergänzen sich und Ihr müsst eine ganze Menge Taktik-Entscheidungen treffen, die sich gelungen in das westliche Rollenspiel-Ambiente eingliedern. Habt Ihr Euch dann endlich zum imposanten Witherfang vorgekämpft, kommt es zu einer überraschenden Wendung. Das monströse Biest kann nämlich nicht nur sprechen, sondern besitzt auch einen ungewöhnlichen Fürsprecher. Die Herrin des Waldes, eine wunderschöne, halbnackte Dryade, erklärt uns, das Zathrian für das Chaos selbst verantwortlich gewesen ist. Nachdem seine Tochter von menschlichen Räubern getötet wurde, hat er die Menschen mit einem Fluch belegt, der sie in diese grausamen Bestien verwandelt.

Nun steht Ihr vor der Entscheidung, gemeinsam mit den Werwölfen Zathrian zur Vernunft zu bringen oder das Biest samt Herrin des Waldes abzuschlachten. Keine einfache Wahl, schließlich herrscht auch in Eurer Party Uneinigkeit, wie man vorgehen soll. Während Euch Schurke Zeoran zum Angriff gegen die Monster drängen will, sieht Zauberin Morrigan die Schuld bei den Elfen. Alle glücklich machen, geht nicht. Ihr müsst Euch entscheiden und so nicht nur den Zorn der Gegner, sondern auch den eines Mitstreiters auf Euch ziehen.

Da die sexy Dryade so lieb schaut, schlagen wir uns natürlich auf die Seite der Werwölfe. Gemeinsam mit den monströsen Nahkämpfern zieht Ihr in Richtung Elfen-Dorf, um die Sache vielleicht doch noch friedlich beizulegen. Zathrian bleibt jedoch stur und es kommt zu einer pompösen Schlacht, an deren Ende das halbe Dorf in Schutt und Asche liegt. Zauber-Fallen, Eiswinde, Feuerbälle und brutale Nahkampf-Attacken sorgen auf beiden Seiten für Opfer. Wir haben gewonnen, doch der Tod der zum Teil unschuldigen Elfen lässt den Sieg bitter schmecken. Zudem ist Zathrian als Party-Mitglied damit im wahrsten Sinne des Wortes gestorben. Und die Moral von der Geschichte: Bei Dragon Age gibt es kein richtig oder falsch, schwarz oder weiss. Wie im realen Leben finden sich viele Grauabstufungen, die Dragon Age in ein erzählerisches Feuerwerk verwandeln. Wir wollen mehr. Bald.

Auch wenn Dragon Age für meinen Geschmack in vielen Momenten zu sehr an Baldur's Gate erinnert und auch bei der selbst entworfenen Fantasy-Welt ganz sicher kein Neuland betritt, wird erzählerisch ganz großes Kino geboten. Wobei Bioware ja noch einen Schritt weiter geht. Statt nur Zuschauer zu sein, schreibt man selbst an der Geschichte mit, verändert durch seine vielen kleinen und großen Entscheidungen die Welt von Ferelden.

Auch Grafik, Steuerung und Vertonungen machen schon jetzt einen hervorragenden Eindruck. Die Landschaft kann derzeit zwar nicht ganz mit den erstklassigen Charakteren mithalten und auch ein Physik-System wäre wünschenswert gewesen, trotzdem bekommen Baldur's Gate-Fans auch ohne AD&D Lizenz und Unreal Engine 3 ein stimmiges Gesamtkonzept serviert. Man merkt Bioware an, dass sie sich freuen, endlich frei zu sein. Momentan können und wollen sie sich noch nicht ganz von ihren alten Meisterwerken trennen, doch Titel wie Mass Effect und nun Dragon Age machen Lust auf mehr.

Dragon Age: Origins erscheint Ende 2009 für die Xbox 360, PS3 und den PC.

 

 

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