Noby Noby Boy

Review
Plattform
PS3
Entwickler
Namco Bandai
PS3: Noby Noby Boy

Gesamtwertung

8/10

PS3: Noby Noby Boy

Was zur Hölle soll das sein? Ist es ein Spiel, eine Studie, eine Demo? Hat es einen Sinn? Was kann ich tun, warum sollte ich es tun? Gibt mir das was? Wie lange muss man das machen, führt das irgendwo hin? Wer denkt sich so was aus?

Meine Gedanken in der ersten Stunde von Noby Noby Boy zeugen von einer komplett falschen Herangehensweise an das neueste Werk des Katamari-Erfinders Keita Takahashi. Im Gegensatz zum Ball-rollenden Prinzen nimmt Euch Noby Noby Boy nicht an die Hand. Es zeigt Euch nicht, was Ihr tun sollt, es gibt Euch keine Ziele, keine Zeitlimits und keine Aufgaben. Eigentlich gibt es Euch bis auf ein kurzes und gefühlt trotzdem zu langes, weil nerviges Tutorial nichts auf den Weg mit.

Es ist definitiv kein Videospiel im traditionellen, zielorientierten Sinn. Solltet Ihr ohne Aufgaben und Ziele, die für Euch gesteckt wurden, nicht leben können, dann braucht Ihr eigentlich gar nicht weiterlesen und könnt auch den lächerlich niedrigen Preis von 3,99 Euro im PSN-Store sparen.

Ihr müsst Noby Noby Boy als ein Spielzeug akzeptieren, mit dem Ihr Euch den Spaß selbst sucht. So wie damals in der Buddelkiste. Eure Eltern drückten Euch ein paar Matchbox-Autos in die Hand, dazu noch eine Schippe und den Rest übernahm Euer Wille und natürlicher Antrieb zu spielen, zu experimentieren. Aus Sand, Autos und Schippe entstanden Landschaften und Straßen, und auf diesen Abenteuer.

Ihr probiertet einfach mal aus, was sich machen lässt. Niemand gab Euch vor, es zu tun. Ihr spieltet das aus dem einfachsten Grund überhaupt: Weil es geht und Spaß macht! Und auf diesen natürlichen Drang zu spielen und zu versuchen, das Interesse an einer Sache zu verlieren und mal etwas anderes und dann noch einmal etwas anders zu probieren, alles mit dem selben Set an Spielzeug, baut Noby Noby Boy. War ja klar, dass das aus Japan kommen musste.

Aber was für ein Spielzeug bekommt Ihr mit Noby Noby Boy eigentlich an die Hand? Eure Figur ist eine Art Wurm namens BOY, der vorn und hinten getrennt gesteuert wird. Das vordere Ende futtert auf Trigger-Druck alles, was Ihr möchtet, das hintere entsorgt es mit Schwung. Ihr könnt ebenso getrennt voneinander Sachen anheben, um sie beispielsweise zu stapeln oder über den Rand der nicht zu großen Welten zu werfen. Gehüpft wird auch getrennt und durch Bewegung, Sprünge, Futtern und wer weiß was noch alles wächst Boy immer weiter in die Länge.

Mit so einem Wurm lassen sich die dusseligsten Sachen anstellen. Verputzt alle Bewohner der Welt, nur um sie dann wieder am hinteren Ende wohlbehalten auszupupsen, was Euch in ungeahnte Höhen katapultieren kann. Wickelt Euch um eine Reihe von Bäumen und bringt sie zum umfallen. Lasst ein Ende von Boy von der Karte baumeln, das andere Ende auf der anderen Seite der Welt. Und dann probiert unter der quadratischen Karte, die beiden Enden zu verknoten.

Hab ich probiert, kam cool. Warum tat ich es? Keine Ahnung! Eigentlich nur, weil es mir gerade einfiel. Und sobald Ihr diesen Punkt erreicht habt, habt Ihr Noby Noby Boy verstanden. Zumindest so weit das möglich scheint. Damit es aber nicht alles nur zum Selbstzweck verkommt, gibt es die Einbindung in die große, weite PSN-Community, in der jeder Spieler die erreichte Länge von BOY an die Sonne und dann an GIRL übergibt. GIRL ist die akkumulierte Länge aller BOY – mir ist bewusst, wie das klingt – und GIRL streckt sich damit zu den Sternen. Sobald GIRL neue Welten erreicht, könnt Ihr mit BOY auf diesen spielen.

Oder Ihr bleibt einfach auf der Erde und bewundert dort das Treiben, das jeden Surrealisten vor Vergnügen hätte schnalzen lassen. Der Stil der Welt mit seinen bausteinartigem Design, das eine übertriebene Freude für Primärfarben hegt, dazu die herumwuselnden, simplizistischen Männchen, fliegenden Fische, kullernden Schweine. Andy Warhol meets Bosch im Playmobil-Land.

Macht es einen Sinn, folgen die Wesen einer inneren Logik, einem zu erkennenden und nutzenden Muster? Nö, wozu auch? Es passiert halt und Ihr guckt, was kommt und macht das Beste daraus - was meist eine ganze Menge ist. Manchmal geschehen um Euch herum wirklich wilde Dinge. Es gibt auch Zeiten, in denen Ihr Euer Spielzeug eher lustlos herumschubst, nur um dann doch einen Impuls zu bekommen und schon experimentiert Ihr wieder weiter.

Wenn es ein Element gibt, das in Noby Noby Boy an ein traditionelles Spiel erinnert, ist es der Highscore, das absolute Urelement des Gamings. Die von Euch gesammelte Meterlänge aller Eurer BOY trägt zwar in erster Linie dem Wachstum von GIRL bei, aber es bricht als konkret gesammelte Zahl auch aus dem Konzept dessen heraus, dass nichts ein Spiel und alles zum Spielen ist. In einer babelhaften Kette seht Ihr Euren Wert und wenn Ihr schnell genug scrollt, hört Ihr die Sprache der Welt, wie Ihr sie vielleicht sonst nur auf dem Time Square auf Speed erleben könntet.

Was sich ebenfalls messen lässt. ist die programmtechniche Beschaffenheit dieses Spielzeugs, und hier sammelt Noby Noby Boy zwar sicher Punkte im Bereich Preis-Leistung, wer aber spart, muss meist auch Kompromisse eingehen. Es ist nicht der grafische Stil an sich, der zwar weniger geschäftig und überdreht wirkt als das hektischere Katamari, aber immer noch weit genug ins Fremdartig-Surreale geht. Auch nicht die Framerate, die an keinem Punkt zuckt. Schon gar nicht das digitalisierte Space-Eichhörnchen. Es ist die Kamera.

Manchmal scheitert absolutes Vergnügen und Simplizität an den offensichtlichsten Dingen und beim Spielen zu sehen, was Ihr eigentlich tut, ist nur bei der schönsten Sache der Welt optional. Hier müsst Ihr sehen, was BOY treibt, um GIRL glücklich zu machen – sorry, das war billig, ich entschuldige mich – und die Kamera macht Euch das wirklich nicht leicht. Mittels diverser Knopfdrücke und Sixaxis-Bewegungen versucht Ihr mit steigender Verzweiflung, BOY im Blick zu behalten. Aber spätestens der Versuch. ihn um einen fliegenden Riesendonut zu wickeln, scheitert daran, dass ein TV-Screen halt doch am Ende nur zweidimensional ist. Tiefe lässt sich nur schwer abschätzen und wenn irgendwo Frust aufkommt, dann hier.

Sollten Euch aber dann doch mal schicke Dinge gelingen, dürft Ihr sie für die Nachwelt festhalten und nicht nur als schnöde Bilder auf Eurer Festplatte ablagern, sondern sie sogar sofort als Filmchen Youtube-tauglich machen. Die simple Einbindung dieser Funktionalität lädt freundlich und ohne Zwang ein. Es ist wie ein hartnäckiger Elternteil, der neben der Buddelkiste filmt. Nur mit dem Unterschied, dass Ihr hier entscheidet, was die Verwandtschaft zu sehen bekommt.

Noby Noby Boy frisst vorn die gängigen Konventionen des Videospieldesigns und pupst sie getrennt gesteuert hinten wieder aus. Keine Ziele, keine Verpflichtungen, nur der Spaß, den Ihr selbst damit habt. Es liegt allein an Euch, ob Ihr Gefallen an so einem Spielzeug findet und Euch damit beschäftigen könnt und wollt. Solltet Ihr – wie ich anfangs auch – mit der Vorstellung von Katamari, nur anders, herangehen und dabei bleiben, werdet Ihr hier nichts finden, was Euch hält.

Es ist ein dusselig-geniales und typisch japanisches Experiment und angesichts des minimalistischen Designs und minimalen Preises möchte ich eigentlich aus purer Sympathie die Höchstnote zücken. Aber man muss nicht nur realistisch auf ein paar Mängel wie die umständliche Kamera blicken, sondern auch sagen, dass das Spaßpotential des BOY vermutlich nicht unendlich sein dürfte. Trotzdem, für den Preis eines Supersparmenüs dürft Ihr es ruhig riskieren und ein wenig zur Länge von GIRL beitragen.

Noby Noby Boy findet Ihr ausschließlich im Playstation Store für erstaunlich günstige 3,99 Euro.

 

 

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