X360: Midnight Club: Los Angeles
Midnight Club: Los Angeles hat mit Grand Theft Auto IV nicht nur die starke Grafik-Engine gemeinsam: Der einmalige Style, die belebte Spielwelt und selbst die gut umgesetzten Zwischensquenzen erstrahlen in bewährter GTA-Qualität und machen das Rennspiel zu einem würdigen Cousin des Konsolen-Blockbusters. Entwickelt von Rockstar San Diego entführt Euch der Titel auch bei der vierten Auflage in die Welt der Tuner, Street-Racer und Teilzeit-Poser, in ein virtuelles Los Angeles, das die Stimmung des Originals perfekt einfängt.
Die offene Welt ist zwar schon seit dem ersten Teil ein integraler Bestandteil der innovativen Serie, doch erst mit der Neuauflage erreicht Rockstar ein glaubwürdige Simulation ohne den Arcade-Wurzeln untreu zu werden. Halb Los Angeles samt Beverly Hills und Santa Monica wurde auf die DVD gepresst, um Euch eine Spielwiese zu liefern, die abwechslungsreicher nicht sein könnte.
Sanfte Hügel, breite Straßen und schnelle Autobahnen machen das Szenario zu einem Traum für Street Racer. Dank der neuen Grafikengine rast Ihr nicht auf leeren Boulevards und nackten Strecken durch die Gegend, sondern erlebt eine lebende, atmende Stadt mit Fußgängern, dichtem Straßenverkehr, aktiven Polizisten und einem stimmungsvollen Tag-Nacht-Wechsel.
Zu Beginn noch als namensloser Rookie auf der Suche nach dem Geschwindigkeits-Kick unterwegs, kombiniert Rockstar die an Need for Speed angelehnte Story mit einem attraktiven Open World-Szenario und gut gemachten Zwischensequenzen. Dabei bleibt es Euch überlassen, ob Ihr recht zügig der Geschichte folgt, Euch in der Raser-Szene einen Namen macht oder die vielen Renn-Herausforderungen angeht, die in dem mehrere Quadratkilometer großen Gebiet auf Euch warten. Freiheit wird bei Midnight Club: Los Angeles groß geschrieben und Freiheit ist sein bestes Asset.
Dank Original-Lizenzen kommt Ihr in den Genuss von internationalen Autos und Motorrädern, müsst aber im Vergleich zu Grand Theft Auto mit einem leicht abgeschwächten Schadenssystem leben. Außerdem ändert Eure rabiate Fahrweise nichts am Fahrverhalten der Blech-Boliden. Erst wenn sie zu viel Schaden einstecken mussten, fliegen sie mit einem satten Knall in die Luft. Nachdem Ihr die ersten Rennen mit einem 85er VW Scirrocco überstanden habt, bekommt Ihr immer stärkere Fahrzeuge, die Ihr mit erspieltem Preisgeld zu wahren Höllenmaschinen aufmotzt.
Die spielbare Demo bei Rockstar startete mit einem Mazda RX-8, der für seine klare Sportauslegung überraschend wacklig auf seinen Gummi-Beinen steht. Das Niveau eines Grand Theft Auto IV wird, Gott sei dank, zu keinem Zeitpunkt erreicht, in der frischen Cockpit-Perspektive – insgesamt gibt es 5 Varianten – solltet Ihr aber zumindest in den ungetunten Ami-Schlitten nicht anfällig für Motion-Sickness sein. Verstärkt wird dieses Elemente durch die gewohnt giftige Lenkung, die fein dosierten Impulse erfordert, damit Ihr nicht ständig in der Leitplanke hängt.
Im weiteren Verlauf durften wir glücklicherweise die Fahrzeuge mit härteren Federn ausstaffieren und sogar mit "echten" Rennmaschinen, wie einem Aston Martin Vantage, Gummi auf die Straße zeichnen. Der britische Supersportwagen begeisterte einerseits durch sein fantastisches Fahrverhalten und überzeugte andererseits mit einem brachialen Antritt, der Euch mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit durch die Häuserschluchten hetzt.
In der Garage, die sowohl als Wagenhändler als auch als Tuning-Station fungiert, gab es noch diverse Lamborghinis, Volkswagen-Modelle, Ducati-Rennhobel und Audi-Kutschen zu bewundern. Die Palette wirkt sehr ausgewogen, auch wenn bisher nur ein Teil der Geschosse einsetzbar war. Gerade in der Kombination mit dem umfangreichen Tuning erreicht Midnight Club: Los Angeles fast Forza Motorsport 2-Niveau und wird Auto-Enthusiasten für Wochen bei der Stange halten. Wirklich neu ist hier aber nur das Innenraumtuning, das neben diversen Lenkrädern auch frische Instrumente und Sitzmöglichkeiten im Programm hat. Den Rest gab es schon bei der gelungenen DUB-Edition zu bestaunen, die aber noch heute als konkurrenzlos gelten dürfte.
Ebenso wenig Neuerungen erwarten Euch bei den eigentlichen Rennen. Wie gehabt jagt Ihr nach einem kurzen Sprint zum Start, mit aufrüstbaren Nitros von Rauchsäule zu Rauchsäule, ladet im Windschatten einen Slipstream-Turbo auf und sucht nach Abkürzungen. Nur die Orientierungshilfe befindet sich nicht mehr direkt in Eurem Blickfeld, sondern auf der Minikarte – schön für die Optik, schlecht für die Orientierung.
Etwas Abwechslung liefern die Ampel-Rennen, bei denen Ihr wie bei Burnout Paradise einen eigenen Weg zum Ziel sucht sowie die neuen Freeway-Herausforderungen. Die Hochgeschwindigkeits-Wettkämpfe werden On-the-fly aktiviert und führen Euch mit 300 Sachen durch das gesamte Stadtgebiet.
Habt Ihr eine Ausfahrt verpasst, dürft Ihr im Gegensatz zum direkten Konkurrenten auf Knopfdruck das Rennen von vorne beginnen und im Anschluss eine Schnellreparatur durchführen, die Lücken im Blech mit stumpfen Ersatzteilen ausbessert. Komfortabler geht es kaum.
Durch die Teilnahme an den Wettkämpfen erhaltet Ihr Geld und Reputationspunkte. Während Ihr mit der Kohle Euer Fahrzeug aufmotzt, schaltet die Reputation weitere Wettkämpfe und Blechkarossen frei. Besonders mutige Asphalt-Junkies können später ihren Flitzer verwetten und sich so einmalige Geschosse erspielen. Aber Vorsicht: Verliert Ihr die Herausforderungsrennen, ist Euer liebevoll aufgemotzter Untersatz Geschichte. Und ohne Sieg bekommt Ihr ihn auch nicht wieder zurück. Da ist es fair, dass Ihr bei den restlichen Rennen selbst auf dem letzten Platz Reputation und Geld einstreicht. Laut Rockstar ist es sogar möglich, mit nur wenigen Siegen den gesamten Titel durchzuspielen.
Das Online-System war zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht komplett integriert. Es soll aber ein wenig an Burnout Paradise oder Test Drive Unlimited erinnern und einen fließenden Übergang zwischen Online- und Offline ermöglichen. Für kurze Rennen müsst Ihr einfach andere Online-Fahrer, die in Eurem Los Angeles auftauchen, per Lichhupe herausfordern. Oder aber Ihr nehmt an speziellen Events mit maximal 8/16 (Steht noch nicht fest!) Konkurrenten teil.
Diese können wie bei Grand Theft Auto IV direkt im Ingame-Menü auswählt werden und auch umfangreiche Turniere beinhalten. On- und Offline seid Ihr mit dem gleichen Account unterwegs und entscheidet so selbst, wie und wo Ihr Euch nach oben kämpfen wollt. Weitere Details werden auf der Games Convention vorgestellt.
Da Rockstar bei Midnight Club: Los Angeles durch die Konzentration auf die Fahrmechanik einige Ressourcen einspart, erstrahlen Texturen und Modelle in neuer Pracht. Die Fahrzeuge sehen wirklich fantastisch aus und fahren locker in der Oberliga mit. Auch Gebäude und Straßenschilder präsentieren sich in Bestform und machen die Illusion nahezu perfekt. Nur die Beleuchtungseffekte mussten ein paar Federn lassen, um stabile 30 Frames pro Sekunde zu erreichen. Titel wie Racedriver: GRID wirken hier deutlich spektakulärer, bieten aber auch keine offene Spielwelt. Unterm Strich sind das aber eher Details, die bei der hohen Geschwindigkeit kaum ins Gewicht fallen.
War für Burnout Paradise die offene Spielwelt eine kleine Revolution, ist die erste Next-Generation-Ausgabe von Midnight Club eher eine sinnvolle Evolution. Rockstar lässt sich wie schon bei Grand Theft Auto auf keine großen Experimente ein. Stattdessen verlässt man sich auf eine starke Grafikengine und die eigenen Meilensteine, die man mit den ersten drei Teilen gesetzt hat. Nach so viel Innovation ist es Rockstar natürlich vergönnt, sich auf den eigenen, noch immer genialen Ideen auszuruhen. Dafür müssen sie sich aber auch ein wenig Kritik gefallen lassen, schließlich ist die Konkurrenz deutlich härter geworden.
Egal ob Burnout Paradise, Project Gotham Racing oder Test Drive Unlimited, viele erstklassige Arcade-Rennspiele buhlen um die Aufmerksamkeit der Genre-Fans. Beim Tuning platziert sich Midnight Club zwar noch immer auf der Spitzenposition, in punkto Abwechslung, Fahrverhalten und Grafik liefern andere Titel inzwischen jedoch genauso viel. Nur wer auf Original-Lizenzen, umfangreiche Aufmotz-Aktionen und eine lebendige Stadt Wert legt, wird um diesen Titel kaum herumkommen. In Kombination mit dem preisgekrönten Rockstar-Style bietet das kalifornische Team damit ein erstklassiges Angebot, das schon in der Vorabversion bugfrei wirkt, im Vergleich zum Vorgänger aber einen deutlich kleineren Schritt nach vorne macht.
Midnight Club: Los Angeles erscheint am 10. Oktober für Xbox 360 und Playstation 3.




