PC: Alpha Protocol
Seit seiner Gründung steht Obsidian Entertainment im Schatten von Rollenspiel-Gigant BioWare. Viel Jahre musste das Studio, das von ehemaligen Black-Isle-Angestellten (Planescape Torment) gegründet wurde, für die Kanadier den Verwalter spielen. Während sich der Blockbuster-Schöpfer stets auf neue Marken und Titel konzentrierte, war Obsidian dazu auserkoren, Serien wie Knights of the Old Republic oder Neverwinter Nights im festgesteckten Rahmen des Auftraggebers fortzusetzen.
Erst in den letzten Jahren hat sich das Studio emanzipiert. Ihr erstes Projekt, das Alien-Rollenspiel für SEGA, wurde zwar inzwischen eingestellt, doch mit Alpha Protocol erblickt nun endlich eine eigene Spielwelt das Licht der Welt. Ein Agententhriller in der Form eines Action-RPGs. Eigentlich weit entfernt von den fantastischen Welten der Rollenspiel-Götter und doch so nah dran.
Schon nach wenigen Missionen hat man den Eindruck, auf einen Halbbruder von Mass Effect zu stoßen. Die filmhaften Dialoge, die Third-Person-Actionsequenzen und das klar definierte Skillsystem tragen die Handschrift von Bioware, obwohl die Entwicklung noch vor dem Release von Mass Effect begann. Selbst die Grafik erinnert dank Unreal Engine 3 an das Science-Fiction-Epos. “Wir haben lange Jahre mit BioWare zusammengearbeitet, es herrscht eine ähnliche Entwicklungskultur fort. Kein Wunder, dass sich die Spiele ähneln“, erklärt Producer Nathan Davies.
Er betont aber auch, welche Unterschiede es gibt: „In Mass Effect gab es vielleicht drei bis vier größere Entscheidungen, bei uns gibt es Dutzende, die auf den späteren Verlauf einen Einfluss haben.“ Auch sonst ist ein Vergleich mit Mass Effect keine Schande, schließlich hat sich BioWares letzter Streich nicht nur gut verkauft, sondern auch jede Menge Preise abgeräumt. Außerdem sorgt das James-Bond-meets-Jason-Bourne-Szenario für viele frische Gameplay-Momente, die den Plagiatsvorwurf im Keim ersticken.
Die Geschichte entführt euch ins Agenten-Milieu. Hauptdarsteller Michael Thornton wurde gerade frisch von der Geheimorganisation Alpha Protocol engagiert - einer Gruppierung, die außerhalb der üblichen Strukturen agiert. Weniger James Bond, mehr Jason Bourne. Ihr taucht ab in die Untiefen von Geheimoperationen, Waffendeals und harten Entscheidungen. Eine Welt voller Grautöne, die nur selten Gut oder Böse kennt. Ein klarer Unterschied zu Mass Effect: Ihr seid über weite Strecken als Einzelgänger unterwegs. Natürlich werden Zweckbündnisse geschlossen und ihr trefft auf Verbündete, die euch bei den Aufträgen helfen, doch die Dreckarbeit müsst ihr meistens alleine erledigen.
Als Zentrale für eure Aktivitäten dient ein Safe House. Ein komfortables Apartment, das für euch alle Annehmlichkeiten des Agentendaseins bereitstellt. Hier könnt ihr euch über euren nächsten Auftrag informieren, Waffen und Ausrüstung bestellen und modifizieren, euch mit eurer Kontaktperson in Verbindung setzen oder euch verkleiden. Auswirkungen auf das Gameplay haben die vielfältigen Veränderungsmöglichkeiten keine, dafür sieht Michael mit Sonnebrille und Vollbart einfach eine ganze Ecker cooler aus. Außerdem habt ihr an dieser Stelle Zugriff auf das Skillsystem. Wie bei Mass Effect könnt ihr nach einem Levelaufstieg in unterschiedliche Fähigkeiten investieren, die zum Beispiel die Streuung eurer Waffen verkleinern, eure Nahkampffähigkeiten verbessern oder Spezialfertigkeiten freischalten.
So könnt ihr in einer Art Superzeitlupe mehrere Gegner gleichzeitig anvisieren und dann per Knopfdruck mit einer Salve ins Jenseits schicken. Eine Fähigkeit, die übrigens nur mit Pistolen funktioniert. Wer es actionbetonter mag, kann mit einem entsprechend hochgerüsteten Charakter samt Sturmgewehr, Granatwerfer und Vollpanzerung mit Dauerfeuer in eine Location stürmen. Und schon verwandelt sich Alpha Protocol fast in einen klassischen Shooter. Im Gegenzug helfen Tarnfähigkeiten, eine schallgedämpfte Pistole und entsprechende Gadgets dabei, unerkannt wieder zu fliehen. Die ideale Vorgehensweise für Metal-Gear-Solid- und Splinter Cell-Fans. Obsidians Ziel: Die Spielerfahrung so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten.
Einen kleinen Eindruck von den weitreichenden Entscheidungen bekamen wir in einer Beispielmission. Michael muss den Verbleib von amerikanischen Stinger-Luftabwehr-Raketen überprüfen. In Moskau sollen sie meistbietend an Terroristen veräußert werden. Eine Schlüsselrolle spielt hierbei Informant Grigori. In einer Gesprächssequenz, die frappierend an Mass Effect erinnert, könnt ihr ihn je nach Geschmack bedrohen, sanft überreden oder schlicht zusammenschlagen.
An die benötigten Informationen kommt ihr so oder so, doch die Auswirkungen sind deutlich subtiler, als es auf der ersten Blick den Anschein hat. Wer mit ihm freundschaftlich umgeht, erhält zum Beispiel einen größeren Rabatt beim Waffenkauf, Zutritt zu besserer Ausrüstung oder die ein oder andere Zusatzmission.
Ganz anders reagiert zum Beispiel Spezialagentin „Sie“ (Ja, das ist ihr Name!) auf Arschkriecherei. Der vollbusige Tanya-Verschnitt (Alarmstufe Rot) mit M60-Maschinengewehr und einer ganzen Horde Schergen reagiert verächtlich auf Schmeichelversuche. Nur wer ihr knallhart die Meinung sagt, kann sie als Verbündete und später sogar als Sexualpartnerin gewinnen.
Nathan betont: „Erotische Abenteuer sind ein integraler Bestandteil von Alpha Protocol. Michael ist ein Agent, der auch Charme und Sex einsetzt, um ans Ziel zu kommen.“ Auf nackte Brüste müssen wir aber auch diesmal verzichten. Für den prüden amerikanischen Markt würde so viel nackte Haut Probleme mit dem Jugendschutz bedeuten. Schade, besonders für volljährige Spieler.
Im Anschluss an das Gespräch mit Grigori und das Bündnis mit „Sie“ kann Michael endlich die Ziellocation stürmen. Als er die Anlage der russischen Mafia betritt, ist diese schon in ein Feuergefecht mit den Verbündeten verwickelt. Figuren, Spezialeffekte und Schauplätze sieht man die Unreal-Engine-3-Herkunft an. Die Grafik ist gelungen, kann aber nicht ganz mit dem Charakterdesign von Mass Effect und Co. mithalten. Dazu sind die Figuren zu klischeebeladen und einfach strukturiert. Dafür läuft das Spiel schon jetzt flüssig und zeigt keine nachladenden Texturen.
Michael schleicht sich von Deckung zu Deckung, erledigt aus dem Hinterhalt die verdutzten Gegner und arbeitet sich langsam aber sicher bis zu den Raketen vor. Erledigte Feinde hinterlassen nur Geld und Munition. Wenn ihr andere Waffen braucht, müsst ihr vor dem Gefecht einen Spezialauftrag abschicken und schon bekommt ihr zum Beispiel mitten in der Mission ein Scharfschützengewehr geliefert. Die Möglichkeiten sind angesichts des umfangreichen Skillsystems, der kausalen Entscheidungsketten und den hunderten Ausrüstungsgegenständen nahezu unendlich.
Nachdem ihr die Waffen entweder in die Luft gejagt (schnell fliehen!) oder aber an eine andere Adresse (könnten in falsche Hände geraten!) geschickt habt, steht euch vielleicht noch ein Endgegnergefecht bevor. Je nachdem, wie ihr auf „Sie“ reagiert, teilt die Muskellady das Bett mit euch oder versucht euch in einen Schweizer Käse zu verwandeln. Mit einem M60-Maschinengewehr eine äußerst blutige Angelegenheit. Leider konnte oder wollte uns Nathan die beiden Optionen nicht live vorführen. Er versprach uns aber zur Gamescom heiße Szenen und knallharte Gefechte. Angesichts der bisherigen Qualität ein absoluter Pflichttermin.
Auch wenn es Obisdian nicht gerne hört: BioWares Geist schwebt sichtbar und deutlich über Alpha Protocol. Die verzweigte Missionsstruktur, die interaktiven Gesprächssequenzen, das Skillsystem und die actionbetonten Aufträge - alles Elemente, die Mass Effect zu einem Hit gemacht haben. Doch was bei anderen Titeln wie Kritik klingt, ist hier ein echter Ritterschlag. Obsidian gelingt es dank frischem Szenario, einem deutlich komplexeren Entscheidungssystem und einem breit gefächerten Ausrüstungssystem dieser Form des Action-Rollenspiels einen eigenen Stempel aufzudrücken.
Ja, beim Charakterdesign könnte Obsidian noch eine ganze Schippe drauflegen. Und was die Inszenierung angeht, hat Mass Effect immer noch die Nase vorn. Trotzdem wird Alpha Protocol bei James-Bond- und Jason-Bourne-Fans wie eine Bombe einschlagen. Wer wie meine Wenigkeit als kleines Kind schon immer mal Geheimagent werden wollte, bekommt im Oktober die Chance dazu. Sex mit schönen Frauen, ein voller Waffenschrank und hinterlistige Bösewichter. Agentenherz, was willst du mehr?
Alpha Protocol erscheint im Oktober 2009 für Xbox 360, PC und PS3.


