Pure

Review
Plattform
XBOX 360
Genre
Andere
X360: Pure

Gesamtwertung

7/10

X360: Pure

Mit atemberaubender Geschwindigkeit brettert ein ATV über tiefe Pfützen hinweg, furcht sich durch zähen Schlamm und schlittert dann wild um eine enge Kurve, nur wenige Zentimeter von einer scharfen Felskante entfernt. Das Vehikel rutscht und rutscht, der Fahrer scheint die Kontrolle zu verlieren, die Strecke zu verlassen, doch plötzlich tut sich neben ihm eine neue, fast versteckte Abzweigung auf. Schon gibt er wieder Gas und rast einen Berg hoch, scheinbar selbstmörderisch auf einen Abgrund zu. Doch anstatt zu bremsen, schaltet er sogar noch einen Boost hinzu, erreicht Höchsttempo und springt ab - ohne genau zu wissen, wohin.

In der Luft, während er haltlos in das tiefe Tal hinabfliegt, nimmt er die Beine vom Sitz und vollführt zwei halsbrecherische Tricks, die ihm zusätzlichen Boost einbringen. Kaum ist der Fahrer mit seinem Gefährt gelandet, aktiviert er erneut den Schub und prescht in letzter Sekunde an dem bisherigen Spitzenreiter vorbei, um als erster über die Ziellinie zu heizen.

Das, meine Damen und Herren, ist Disneys Rennspiel Pure.

Wollt Ihr wissen, was Pure noch ist? Nicht so spannend, wie es aussieht.

Weil Ihr Euch nach der zweifellos viel versprechenden Anfangsschilderung fragen werdet, warum zur Hölle, erkläre ich es besser der Reihe nach. Fangen wir also vorne an: Pure ist ein Arcade-Racer, in dem Ihr Euch mit ATVs actionreiche Rennen liefert. ATVs - oder auch Quads - sind diese Geräte, die an ein zu großes, motorisiertes Kettcar erinnern und vor allem Offroad, auf schwierigem Untergrund, zum Einsatz kommen. Folgerichtig findet Ihr Euch im Spiel in erster Linie in matschigen Wäldern und sandigen Wüsten wieder anstatt auf stabilem Asphalt.

Das allein klingt jetzt noch nicht besonders aufregend, weshalb das Renngeschehen mit besagten Tricks und Boosts gehörig aufgepeppt wird. Springt Ihr über eine Schanze oder einen Hügel, betätigt Ihr einen Knopf sowie den linken Analogstick, um einen Stunt auszuführen. Welcher Stunt das ist, hängt davon ab, in welche Richtung ihr den Stick drückt.

Gelingt er Euch, füllt sich eine Leiste auf, die eben jenes Boosten ermöglicht und an bestimmtem Punkten weitere, anspruchsvollere Tricks freischaltet. Die Krönung ist bei komplett gefüllter Leiste ein furioser Spezialstunt, der jedoch erst einmal gelandet werden will. Gelingt er nicht, gibt's natürlich Abzüge.

Kommt Euch das ziemlich bekannt vor, kennt Ihr möglicherweise die ATV-Offroad-Reihe. Die stammt im Wesentlichen von den gleichen Entwicklern und weist etliche Parallelen zu Pure auf - wäre sie ein bisschen populärer, würde man sie vermutlich als "spirituellen Vorgänger" bezeichnen, aber das nur am Rande.

Wichtiger ist, dass im Grunde lediglich zwei Spielvarianten existieren: Zum einen gewöhnliche Wettrennen, wahlweise auf großen Strecken mit vielen Sprüngen oder auf kleinen, die maximal zwei, drei Möglichkeiten für Stunts bieten. Zum anderen Freestyle-Events, in denen Ihr in einem Zeit- beziehungsweise Spritlimit möglichst viele Tricks vollführt, sie im besten Fall als Kombos aneinander reiht und nebenbei Power-Ups aufsammelt, um die höchste Punktzahl unter allen Fahrern zu erreichen.

Im Singleplayer-Part trefft Ihr diese beiden Varianten vorrangig im Welttour-Modus an, der sich aus zehn Mini-Serien mit jeweils vier bis sieben Events zusammensetzt. Für die Teilnahme will allerdings zunächst mindestens ein eigenes ATV gebastelt werden, für das Euch etliche Einzelteile zur Verfügung stehen. Die bringen logischerweise unterschiedliche Eigenschaften mit sich; manche sind eher auf Rennen ausgelegt, andere mehr aufs Freestylen. Ein paar Zahlenwerte verraten Euch genau, was Ihr mit dem Einbau eines Teils gewinnt oder einbüßt. Und ohnehin ist der Editor insgesamt enorm leicht zu bedienen.

Weitere Objekte für die heimische Werkstatt erhaltet Ihr, sobald Ihr auf der Welttour Erfolge feiert. Selbst, wenn Tuning sonst nicht so Euer Ding ist, kann der Quad-Bau daher eine Menge Spaß machen - und falls es gar nicht geht, erstellt das Spiel Euch auf Wunsch sogar automatisch ein ordentliches Fahrzeug.

Doch diese Werkstatt allein kann nicht über die zu schnell aufkommende Monotonie hinwegtäuschen. Rennen, Sprints und Freestyle sind schlichtweg nicht genug, um langfristig zu motivieren, obwohl es der Umfang der Welttour sowieso nicht annähernd mit vergleichbaren Spielmodi anderer Titel aufnehmen kann. Auch die immerhin zwölf Umgebungen, mit denen Ihr nach und nach Bekanntschaft macht, ähneln einander einen Tick zu sehr. Dafür ist das Streckendesign an sich für einige Überraschungen gut: Insbesondere die anfangs erwähnten Verzweigungen sind es, die Pures Rundkursen eine gewisse Einzigartigkeit verleihen, da Ihr mit ihnen beispielsweise kleine Fahrfehler ausgleichen könnt.

Doch dieses erfrischend erscheinende Feature birgt seine Tücken. Weil jeder einen anderen Weg wählen darf, könnt Ihr den Abstand zu Vor- und Hintermann (trotz grober Anzeige im HUD) oft nur einschätzen. Häufig seht Ihr selbst im Mittelfeld eine ganze Runde lang überhaupt niemanden in Eurer Nähe. Darunter leidet zwar nicht das überzeugende, rasante Fahr-, wohl aber das Renngefühl.

Mangels Streckenkarte könnt ihr zudem meist nur raten, ob Ihr nun gerade einen Umweg gefahren seid oder eine Abkürzung genommen habt. Sicher, es wäre möglich, jeden Kurs in Ruhe ein paar Mal abzufahren und vielleicht auswendig zu lernen. Aber seien wir ehrlich, so ein Spiel ist Pure einfach nicht.

Der zweite echte Schwachpunkt liegt in dem Trick- und Boostsystem begraben, das zwar dank des enormen Geschwindigkeitsgefühls und der hübsch animierten Stunts optisch einiges hermacht, letztendlich aber irgendwo nur dem Selbstzweck dient.

Weniger abstrakt formuliert: Ihr führt Tricks aus, um Boost zu gewinnen, den Ihr wiederum aufwendet, um neue, bessere Tricks auszuführen. Boostet Ihr zuviel, verbietet Euch das Spiel im Gegenzug diese besseren Tricks - so dass Ihr Euch wieder von unten hocharbeiten müsst, wenn Ihr den Tempobonus unmittelbar zum Überholen eines Gegners nutzen wollt. Klingt umständlich, eigentümlich und genauso fühlt es sich beim Spielen an. Eine unglückliche Design-Entscheidung.

Selbstverständlich macht Pure aber auch etliches richtig. Die Steuerung ist sofort erlernt und makellos, Online-Multiplayer gegen bis zu 15 Kontrahenten verspricht viel Spaß, die rockige Musikuntermalung passt perfekt zum rasanten Gameplay und die flüssige, schnelle, trotzdem detailreiche Grafik braucht sich vor niemandem zu verstecken.

Insgesamt aber ist Pure ein Titel, der dem Zuschauer mehr Spaß verspricht, als er dem Spieler gegenüber halten mag. Bei Mercenaries 2 schrieb ich vor kurzem, es sei ein sehr gutes Spiel in einer grottenschlechten Engine. Hier müsste ich im Umkehrschluss schreiben: Es ist ein "nur" nettes Spiel in einer genialen Engine. Und diese geniale Engine, der schicke Look, das Streckendesign und Tempo verdecken im ersten Moment die leider vorhandenen Schwächen.

Macht Pure Spaß? Ja. Doch gerade für Einzelspieler nicht ansatzweise soviel und solange, wie es sein sollte.

Pure ist ab dem 25. September für Xbox 360, PS3 sowie den PC erhältlich.

 

 

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