Haze

Preview
Vertrieb
Ubisoft
Entwickler
Free Radical Design
Genre
Shooter
PS3: Haze

PS3: Haze

Es ist schon fast zwei Jahre her, dass Ubisoft Free Radicals neuen Ego-Shooter ankündigte. Zunächst als Multiplattformentwicklung vorgestellt, war zwischenzeitlich PS3-Exklusivität veranschlagt. Zumindest zeitweise. Oder doch komplett? Was ebenfalls niemand so genau zu wissen schien, war, wann es eigentlich herauskommen würde. Bis gestern. Da gab Ubisoft nämlich bekannt, dass Haze erneut verschoben wurde. Und zwar auf das Geschäftsjahr 08/09. Wann das beginnt? Am 1 April.

Dass dies dennoch kein vorweg genommener April-Scherz ist, weiß wohl jeder der Journalisten, die David Doak, den Kopf der talentierten freien Radikale auf der Games Convention einen Besuch abstatteten. Denn was dort, im Sommer 2007, über den 50 Zoller flimmerte war in Sachen Schärfe ein gutes Stück entfernt von den ersten Screenshots, die mit einem wahnsinnig hochauflösenden Dschungel samt detailreicher, futuristischer Dropships ein fast schon steril-perfektes Bild von den bewaffneten Konflikten im Jahre 2048 zeichneten. Auch die Texturen und die Bildrate ließen zu wünschen übrig. Dieses Spiel brauchte einfach noch Zeit.

Die bekommt es nun. Wer sich Trailer und Spielszenen jüngeren Datums zu Gemüte führt, weiß, dass Haze technisch wieder auf dem richtigen Weg ist. Glücklicherweise haben weder die stille Presse-Ernüchterung nach der GC-Präsentation noch die immer wieder aufkeimenden Spekulationen, die PS3-Exklusivität von Haze würde früher oder später wieder fallen, den sympathischen Doak aus der Bahn geworfen.

Bis heute hat er große Freude daran, die Features seines Future-Shooters quer durch das Internet hinweg anzupreisen. Und wenn man ihm gut zuhört, begreift man, warum der Designer, der schon an Rares indiziertem Bond-Shooter und Perfect Dark mitgearbeitet hat, voll und ganz hinter diesem Projekt steht: Als einer der wenigen Shooter reflektiert Haze nämlich durchaus über sein kriegerisches Thema.

Ähnlich wie im kommenden Metal Gear Solid ist in der nahen Zukunft das Zeitalter der privaten militärischen Unternehmen angebrochen. Eines der größten ist die Mantel Corporation. Diese Mega-Company stellt Truppen, Fahrzeuge sowie sämtliche Ausrüstung und schlägt ganz nebenbei ein ganz neues Kapitel im Buch der biologischen Kriegsführung auf. Mithilfe von „Nectar“, einer synthetischen Droge, versucht man, aus normalen Soldaten die bestmöglichste Killermaschine zu machen.

Über einen Dosierer im Nackenbereich der persönlichen Rüstung findet Nectar seinen Weg in die Blutbahn des perfekt ausgerüsteten Söldners und sorgt dabei für drastisch verbesserte Leistungen: Gegner sind selbst durch Hindernisse hindurch noch auszumachen, die Zielgenauigkeit vervielfacht sich und die Bewegungen des kriegerischen Versuchskaninchens werden deutlich effizienter. Am wichtigsten aber ist die psychoaktive Wirkung des alles andere als göttlichen Gebräus: „Nectar“ optimiert die Realität der Soldaten. Blut und Gekröse werden nicht mehr wahrgenommen, sterbende Gegner blendet das Hirn eines unter Nectar-Einfluss stehenden Soldaten einfach aus. Die Jungs und Mädels von Mantel kämpfen einen augenscheinlich harmlosen und sauberen Krieg. Ohne Leid gibt es keinen Grund zur Reue, ohne Opfer keine Veranlassung zur Panik. Der perfekte Krieger bekommt all dies nicht mit. Denkt Mantel. Vielleicht sitzen im Vorstand ja die Leute, die die deutsche Version des ersten Half-Life zu verantworten haben...

Die Figur des Spielers gibt sich jedenfalls ebenfalls eine Zeit lang dieser verbesserten Kriegsrealität hin. Folglich erlebt der Haze-Endverbraucher den ersten Teils des Spiels aus der Sicht von Mantel. Später durchschaut Euer Shane Carpenter getauftes Alter Ego aber den chemischen Schleier.

Er schlägt sich nämlich auf die Seite der Rebellen. Zeit, den hochgezüchteten Supersoldaten die weniger angenehmen Seiten von Nectar zu zeigen. Schließlich liegt der Unterschied zwischen einer Medizin und einem Gift häufig lediglich in der Dosis. Der eigentliche Kampf dreht sich zu guten Teilen darum, die Reihen der Gegner durch eine gepflegte Überdosis des vermeintlichen Wundermittels schon im Vorfeld ordentlich zu lichten. Mit der Klinge in der Hand darf man gefallene Mantel-Angestellte ihrer Nectar Reserven berauben und zum Beispiel seinen scharfen Stahl in das gelbe Elixir tauchen. Der Adressat des folgenden Messerwurfs bekommt prompt die Folgen Eures freiwillig unverantwortlichen Umgangs mit der ungesunden Substanz zu spüren: Er rastet vollkommen aus, kann Freund und Feind nicht mehr unterscheiden und wird in einem Anflug von Größenwahn sogar zur Bombe auf zwei Beinen.

Eine andere Möglichkeit, sich diese Risiken und Nebenwirkungen, zu denen weder Packungsbeilage noch irgendein Apotheker Ratschläge parat haben, zu Nutze zu machen, ist die Nectar-Granate. Hierzu wird ein Nectar-Administrator einfach an eine – in dieser Zukunft – wohl handelsübliche Granate geheftet. Wer diese Kombination in ein Rudel Gegner wirft, wird Zeuge, wie in der schimmernden Nectar-Wolke ein bestialisches Massaker unter Verbündeten ausbricht. Und wenn ein Mantel-Soldat mit dem Rücken zu Euch steht, sorgt sogar schon ein gezielter Schuss auf den Administrator für das gewünschte Ergebnis.

Das ist zweifelsohne eine erfrischende Art und Weise, den Spieler an die Gefechte heran gehen zu lassen. Schon in BioShock war es erheiternd wie Munition sparend, die Gegner gegeneinander aus zu spielen. Da es drei unterschiedliche Wege gibt, diese Überdosis zu erzielen, muss Free Radical allerdings aufpassen, dass das Spiel dadurch nicht zu einfach wird. Viel von der Herausforderung und dem Gefechtsfeeling hängt davon ab, ob der Spieler die Nectar-Features als billige Hintertür missbrauchen kann. Wer selbst stark gesicherte Stellungen mit einer Handvoll Nectar-Granaten sich selbst zerstören lassen kann, hat nicht allzu viel zu fürchten. Sicher, auf die ansonsten übermenschlichen Fähigkeiten der chemisch optimierten Kampfmaschinen im finalen Spiel können wir bislang nur spekulieren. Von jemandem, der an oben genannten N64-Meilensteinen mitgewirkt hat, kann man in dieser Hinsicht aber durchaus einiges erwarten.

Wir kennen also eigentlich alle Features, nur das Gesamtbild von David Doaks Jüngstem liegt noch seltsam diffus im namensgebenden Dunst. Wir wissen zwar vom Vierspieler-Co-Op, kennen den Twist des geläuterten Bad Guys (gut erzählt ist diese Prämisse durchaus eine Bank – immer noch) und die interessanten Nectar-Features, die den Kampf um die Zukunft um eine willkommene Variable erweitern wollen. Wir haben vom Waffenklau gehört, bei dem der Schießprügel eines überraschten Mantel-Soldaten nach einem Schlag ins Gesicht den Besitzer wechselt und von der Möglichkeit, sich tot zu stellen, um aus der zensierten Realität der Mantel-Truppen ausgeblendet zu werden. Hier könnte Free Radical in Sachen Gefechtsdynamik wirklich neue Zeichen setzen.

Die Frage ist nur, ob diese spielerischen Kleinigkeiten am Ende zu einem guten, ja vielleicht sogar überragenden Ganzen zusammen kommen: Nähert sich das grafische Niveau wieder den frühen Bildern an? Stimmt die Balance in den Feuergefechten, oder hebeln die Nectar-Features die Kampflogik aus? Hat die Story noch mehr zu bieten als den Twist, der schon keiner mehr ist? Und verhindert die KI, dass die Mantel-Truppen zu leicht manipulierbaren Lachnummern verkommen? Das sind die Antworten auf die ich brenne. Und obwohl Ihr es vielleicht noch nicht wisst: Ihr doch auch!

 

 

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