X360: Forza Motorsport 3
Perfektion ist kein digitaler, sondern ein analoger Begriff. Ein sehr relativer und weit fassbarer noch dazu. Einer, der unendlich Abstufungen zwischen dem Idealen, unter besten Umständen Erreichbaren und dem, was die Internetgemeinde als Epic Fail kennt, bietet. Nimmt man zum Beispiel Turn 10s demnächst erscheinendes Forza Motorsport 3 und stellt es neben die Realität, dann wird das Rennspiel ziemlich lausig abschneiden.
60 Frames in der Sekunde, eine Physik-Umsetzung mit einer Wiederholrate von 360 Hz, das ist nichts. In der wirklichen Welt schwanken diese Werte je nach physikalischer und philosophischer Betrachtung zwischen viel mehr und unendlich. 1080p. Na und? Auf einen einzigen dieser Pixel reihen sich schon mehr als 1080 Atome auf und man darf streiten, ob denn die jetzt die Auflösung der Welt definieren oder es noch feiner geht. Etwas mehr als 400 Fahrzeuge unterschiedlichster Klassen stellt euch Forza 3 in die Garage. Die Autoindustrie spuckt das im Jahr aus. 100 Strecken und Streckenabschnitte lassen sich damit befahren. Wer im Internet ein wenig stöbert, wird schnell feststellen, dass es schon in den USA allein mehr als das gibt.
Ja, man kann ehrlich sagen, gemessen an den Maßstäben, die die Realität stellen kann, wird Forza 3 eine Niederlage. Gemessen jedoch an dem, was auf einer Spielkonsole der aktuellen Generation zu leisten ist, könnte es einer der größten Triumphe des Genres werden, den wir in dieser Runde der Konsolen zu Gesicht bekommen werden. Dabei ist es nicht einmal die Technik mit ihren stolzen Werten, die beeindruckt. Das Streamlining, das sich vom ersten Tastendruck an durch das gesamte Spiel zieht, erstaunt und verblüfft mit dem Geschick der Programmierer, die nichts geringeres als ein im wahrsten Sinne des Wortes „perfektes“ Rennspiel auf die Räder stellen wollen.
Es geht dabei weniger um die sowieso schon vorhandenen Qualitäten der Serie. Das Drehen der Runden, das Fahrfeeling an sich, das stimmte schon in den ersten beiden ziemlich gut auf den Punkt, und unabhängig davon, was einige ganz harte Fanboys gewisser Konkurrenzprodukte dazu äußern: Für den Hardcore-Racer war Forza 2 auf der 360 schon eine ziemlich stabile Alternative.
So bewegt man sich hier bei Turn 10 auch sehr vorsichtig und versucht vorsichtig, die Physik noch ein wenig in Richtung Wirklichkeit hochzuschrauben. Der Look auf der Piste wirkt geschliffen, dank der hohen Frameraten extrem flüssig und es mag den einen oder anderen geben, der Forza 3 als das aktuell hübscheste Ross im Stall der vielen Pferdestärken ausmachen könnte. Die Fahrzeuge werfen mit Polygonen um sich, die Modelle ziehen sich bis in die Radmuttern durch, das kennt man, das mag man. Und auch wenn es hier dem Begriff „perfekt“ noch näher kommt als beim Vorgänger, ist es nicht mehr als man von einem solchen Titel erwarten darf. Sehr viel also.
Auf dieser Linie gibt es keinerlei Bedenken und Probleme, dafür machte man solche bei etwas ganz anderem aus. Die Zugänglichkeit für Neulinge war seit Teil 2 praktisch nicht vorhanden. War Forza noch recht zugänglich, stellte der Nachfolger dann mit seinem verschlungenem Karriere-Modus und seinen endlosen Tuning-Optionen eher ein Objekt der Begierde für den versierten Fahr-Pro dar. Das bis ins Detail getrimmte Programm neigte ein wenig dazu, den Gelegenheitsspieler zu frustrieren. Also musste Forza 3 wieder schlanker werden und gleichzeitig die Komplexität wahren. Auftritt für das One-Button-System.
Mit dem A-Button allein könnt ihr alle Menüs und alle Einstellungen meistern, ohne jemals groß nachzudenken. Die Karriere startet auf Knopfdruck, mit einem weiteren wählt ihr einen der leicht angetunten Kleinwagen der Startrunden aus, und schon zeigt euch das Menü der 200 Rennevents nur die aktuell fahrbaren in grün an. Das am ehesten geeignete Event findet ihr bereits markiert. Ein letztes mal A angetippt und schon seid ihr auf der Piste, keine weiteren Fragen oder Hindernisse. Habt ihr den Schwierigkeitsgrad auf diesem kurzen Weg einfach auf leicht belassen, dann sollte jeder, absolut jeder, schnelle Erfolgserlebnisse feiern. Alle elektronischen Hilfen, die es gibt, und auch ein paar, die sich nicht im Katalog der Autohersteller finden, halten euren Wagen auf der Strecke. Gebremst wird automatisch und selbst heftige Kollisionen und Rempeleien, die übrigens nicht nur ganz ordentlich die Karosse verzerren, sondern sich auch ganz schön ruppig anfühlen, kratzen kaum am Ruhepuls.
Auf dem zweiten der drei Level fährt es sich schon etwas weniger locker-flockig, viele der Assistenzen, die einen 300PS-Boliden handlebar halten, bleiben allerdings noch aktiv. Die bekannte Ideallinie verrät euch weiterhin, wann ihr zu bremsen habt, selbst wenn ihr nun schon selber in die Eisen gehen müsst. Schwerlich das, was den Hardcore erfreut. Der dürfte auch auf dem dritten Level noch nicht ganz zufrieden sein.
Nur etwa 90 Prozent der Hilfen sind jetzt inaktiv. Um das letzte Quäntchen absoluter Kontrolle aus dem Wagen zu holen, müsst ihr ins jederzeit – auch mitten im Rennen – zugängliche Menü, wo ihr dann die ganze Reihe von ASP über ESP bis zu KI und vielem mehr in sehr feinen Abstufungen regeln dürft. Diese Zurückhaltung mit den inneren Werten von Forza 3 zieht sich durch alle Aspekte und auch durch das auf den ersten Blick nicht existente Tuning.
Ihr wollt in eine neue Klasse einsteigen? Fein, genug in den Rennen zu gewinnende Dollars vorausgesetzt, wählt ihr euren Traum aus und dazu schlicht Optimum als Ausstattung. Fertig. All die fiesen kleinen Feineinstellungen nimmt euch der Computer ab und das nicht ohne Grund. Im Gegensatz zu den beiden recht vergebenden Vorgängern wird euch Forza 3 keine Fehler bei Selberschrauben verzeihen. Mit 175 Reglern – ungefähr doppelt so vielen wie zuvor – fällt es leicht, einen Wagen zu Tode zu tunen und die Performance zu ruinieren. Echte Profis, die wirklich verstehen, wie ein schnelles Auto funktioniert, sollten hier die Erfüllung finden. Alle anderen dürfen diesen Part getrost ausblenden und sich in der Gewissheit zurücklehnen, dass sie auch so schon ganz knapp am oberen Limit des Möglichen kratzen werden.
Wer möchte, darf sich auch bei der Planung der Saison das Denken abnehmen lassen, und das sogar ganz unmerklich. Der Philosophie zufolge, dass ihr während eines solchen Spiels im Cockpit und nicht in Menüs eure Zeit verbringen wollt, wählt das Spiel für euch das nächste passende Event aus. Dabei wird berücksichtigt, welche Autos ihr habt, welche Strecken ihr wie gefahren seid, euer Stil wird analysiert und abgeschätzt, welches Rennen der Verfügbaren euch am meisten motivieren dürfte. Von eurer Seite ist nur erforderlich, dass ihr dem Spiel außerhalb des Wagens das Steuer in die Hand gebt. Dann wird Forza 3 zeigen, dass es weit tiefer geht, als es Forza jemals nur andachte, dabei aber niemanden zurücklässt. Ein häufig angestrebter Spagat, der hier gelingen könnte.
Auf den Spuren dieses Mottos liegt auch der Rewind-Modus, welcher euch auf Knopfdruck im Rennen einfach fünf Sekunden zurücksetzt. Und auf einen weiteren Druck dann noch mal fünf. Dann noch mal und weiter zurück, bis an den Start des Rennens, wenn es nötig sein sollte. Dieses Feature lässt sich zwar abschalten und auch ein paar Ranglisten für Rewind-freie Fahrer finden sich, ansonsten gibt es aber keine Strafen oder Beschränkungen beim Schwierigkeitsgrad. Am oberen Limit fahrt ihr ein paar mehr Dollar ein, das war es auch schon. Alles andere soll zu hundert Prozent euren Vorlieben überlassen bleiben.
Eines der wenigen Features, das man mit milder Sorge betrachten könnte, ist der Stressfaktor der KI-Fahrer. Das Drivatar-System, das im Vorgänger bereits für halbwegs glaubwürdiges Computerfahrerverhalten sorgte, wird jetzt dadurch erweitert, dass ihr Druck machen könnt. Je länger ihr dicht an einem Anführer dranhängt, desto unruhiger wird er. Nervöse Fahrer machen schneller Fehler, sie nehmen ein wenig zu früh die Kurve, sie bremsen ein wenig zu heftig ab. Alles zu eurem Vorteil. Auf leicht sorgt ihr schnell für Panik, auf hart lassen sie die Gegner kaum aus der Gelassenheit reißen. Nur ganz darauf verzichten, das wird wohl nicht möglich sein. Versagt dieses System, dann werden böse Erinnerungen an das mäßige R: Racing wach. Sollte es klappen, dann gehören die Ideallinienschlangen aus frühen Gran Turismos hoffentlich endlich der Vergangenheit an.
Ich hätte für das dritte Forza eigentlich ein Abdriften in den für Normalsterbliche unzugänglichen Racing-Hardcoresektor erwartet. Überraschenderweise möchte Turn 10 dem mit einer glatt geschliffenen, eleganten und intelligenten Menüführung und sinnvollen Automatikfunktionen begegnen. Gleichzeitig strebt man nach überbordendem Tiefgang für die Enthusiasten, die es wagen, einen Blick unter die Haube zu werfen. Ergänzt man das jetzt noch mit etwas, was aktuell nach technisch vollendeter Reife aussieht, sowie einem herausragenden Fahrgefühl mit dem Idealmaß zwischen Geschwindigkeitsrausch und Kontrolle, dann erhaltet ihr ein Spiel, das den Begriff Perfektion in diesem Genre für sich beanspruchen könnte. Ich weiß nicht, ob Forza Motorsport 3 besser wird als Gran Turismo 5. Aber sofern Polyphony Digital mitspielt und seinen Renner veröffenlicht, freue ich mich darauf, es bald herauszufinden und erwarte ein sehr knappes Rennen der beiden an die Spitze.
Am 23. Oktober soll Forza Motorsport 3 in Europa durchstarten, ein paar Tage später in den USA.


