Gesamtwertung8/10 |
Szene 1, Akt 1: Die Entwickler von tri-Ace stellen dem Vorstand ihres Publishers Square Enix ein neues Konzept vor.
Designer: „Wir hätten da was…Ein Rollenspiel mit nordischer Mythologie.“
Vorstand: „Klingt gut, Final Fantasy-Style verkauft sich immer, ein bisschen Mystik dabei, weitermachen.“
Designer: „Wir wollen aber die Bewegung in der Oberwelt als Sidescroller mit Jump´n´Run – Action - Elementen und ein richtig innovatives 3D-Kampfsystem, wie es so noch nicht da war.“
Vorstand: „…“
Designer: „Und wir haben keine Ahnung, ob das ein Erfolg werden kann.“
Vorstand: „…“
Designer: „Nun?“
Vorstand: „…na gut, versuchen wir es.“
Mutig.
Nun, ein bisschen Mut muss man für ein solches Projekt auch mitbringen, schließlich herrscht auf der PlayStation 2 ja nicht gerade einen Mangel an Rollenspielen. Das Feld ist gut und auch hochkarätig besetzt, jeder Plot geschrieben und jedes Spielsystem schon dagewesen. Jedes Spielsystem? Nicht ganz, ein paar neue Ideen hatte tri-Ace für sein Fantasyrollenspiel Valkyrie Profile 2: Silmeria dann doch noch in petto.
Wo steht zum Beispiel in Stein gemeißelt, dass jedes Rollenspiel heutzutage aus der '3D halb von schräg oben frei drehbar'-Perspektive zu sehen sein muss? Wieso habe ich grundsätzlich über eine eher langweilige Oberwelt zu laufen, in der nichts zu tun ist? Wer hat über die offensichtliche Tatsache entschieden, Kämpfe in Runden oder mit Action, aber fast nie beidem, zu servieren?
Valkyrie, thematisch in der nordischen Sagenwelt Midgard angesiedelt, wirft vieles über Bord, was sich als feste Größe im Genre etabliert hat. Zunächst einmal werdet Ihr auf festen Wegen durch traumhaft schöne Bilder geschickt, die nicht frei begehbar sind. Warum sollte das schlecht sein? Spielt es denn wirklich eine Rolle? Genau genommen hat die durchschnittliche Stadt des Fantasygenres zwei Läden, eine Schänke und ca. zehn Personen für den Small Talk. Diese Elemente findet Ihr auch in Valkyrie, nur dass sich halt der Sichtwinkel ein wenig verschoben hat und die Wege bequemer sind.
Ebenfalls sehr angenehm fällt der Verzicht auf eine frei begehbare Weltkarte auf. Es mag jetzt seltsam, gar nach Ketzerei klingen, dass ich hier den Verzicht auf Freiheit lobe, nur meist ist auf so einer Karte halt nichts zu tun, außer auf langen und öden Wegen zu marschieren. Valkyrie bietet eine große Landkarte, auf der alle interessanten Punkte direkt anzuspringen sind und das ganz ohne den üblichen Leerlauf.
Davon werdet Ihr hier sowieso kaum etwas finden und schon gar nicht in einem der zahlreichen Dungeons. Die Gegner verseuchten Areale Midgards präsentieren sich ebenfalls von der Seite und nutzen dies für einen Spielablauf, der sich am besten mit 'Action-Adventure-Roleplaying' umschreiben lässt. Die Hauptfigur Alicia springt und rennt in bester Castlevania-Manier durch die meist dunklen Katakomben, nur auf die Jump´n´Run-Kampfelemente hat man in Valkyrie Profile 2 zum Glück verzichtet.
Das wäre wohl auch zu weit gegangen. Stattdessen gibt es zahlreiche Rätsel- und Geschicklichkeitseinlagen, die den Spieler allerdings nicht immer positiv fordern. Die Steuerung wurde offensichtlich von einem Team gestaltet, dass zwar viel Erfahrung in der Auswahl von Menüpunkten hat, jedoch noch nie ein echtes Actionspiel designte. Bei aller Freude über den Versuch an sich, kann ich mich nicht dafür begeistern, mitunter 20 Minuten damit zu verbringen, Alicia einen bestimmten Feldvorsprung erklimmen zu lassen.
Von Zeit zu Zeit allerdings wird man für diese Mühe entschädigt und zwar in Form der wohl schönsten Bilder, zu der diese Konsole in der Lage ist. Die vorgerenderte Seitenansicht befreit sich von den Zwängen der schwachbrüstigen 3D-Hardware und zeigt Örtlichkeiten, die so gelungen sind, dass ich mich öfter dabei ertappte, einfach durch die Plätze zu streifen und die gebotene Pracht zu genießen. Die teilweise etwas einfallslosen Dungeondesigns sollen dabei gar nicht verschwiegen werden, aber selbst hier tritt mitunter der Fall ein, dass Ihr zum Hochleveln anmarschiert, jedoch für die Aussicht bleibt.
Es wäre auch eine Ungerechtigkeit gegenüber dem Komponisten Motoi Sakuraba, seinen schlicht genialen Soundtrack dabei einfach zu übergehen. Melancholisch, wenn es passt, dramatisch, wenn es sein muss, treibend in den Kämpfen, immer flexibel und sehr melodisch. Es wird selten vorkommen, dass ich Euch einen Spielesoundtrack wirklich ans Herz lege, aber dies ist einer der raren Momente, nicht zuletzt, weil er für europäische Ohren wesentlich eingängiger ist als zum Beispiel die Final-Fantasy-Pedants.
Die Schönheit muss dem Ernst des Rollenspieler-Lebens ein wenig weichen, sobald es dann zum ersten von sehr vielen Feindkontakten kommt. Wie in den restlichen Spielaspekten versucht Valkyrie Profile 2 in der 3D-Kampfarena passend zur jeweiligen Umgebung einiges ein wenig neu zu gestalten und das größtenteils mit beachtlichem Erfolg. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich mich an die seltsame Mischung aus Taktik-Bewegung und Echtzeit-Angriff gewöhnt hatte, konnte davon aber schon bald nicht mehr genug bekommen.
Bis beide Gruppen in Reichweite für einen Angriff sind, bewegen sich die Monster nur, wenn Eure Truppe zieht. Ist die nötige Distanz unterschritten, könnt Ihr zuschlagen, vorausgesetzt, der Feind kam Euch nicht zuvor. Während des Angriffes ist jedem der bis zu vier Charaktere eine Taste zugeordnet und diese vier lassen sich in den wenigen Sekunden des Schlagabtauschs zu langen, ungemein effektiven und sehr nett anzuschauenden Komboketten verbinden.
Das System hat dabei sehr viel Charme, schließlich werdet Ihr bei der generellen Wahl der Taktik nicht gehetzt, Gegenstände lassen sich in Ruhe einsetzten und wenn es dann losgeht, ist Fingerfertigkeit und ein wenig Kreativität bei der Zusammenstellung schneller Kombos gefragt. Der Teufel steckt wie immer im Detail und in einem sehr fieslichen noch dazu. Wie schon in den Dungeonsequenzen werden hier tri-Ace´s offensichtliche Defizite deutlich, wenn es um die Entwicklung einer wirklich guten Steuerung geht.
Eigentlich wolltet Ihr Euch nur ein wenig drehen, um das Schlachtfeld besser zu überschauen, und schon hat sich die eigene Truppe ein paar Meter in irgendeine, nicht unbedingt gewünschte Richtung bewegt. Die Monster lassen die Chance nicht ungenutzt verstreichen und fallen Euch in den ungedeckten Rücken. Solche Momente wecken Emotionen im Spieler, nur leider nicht die gewünschten.
Trotz aller Detailschelte, so viele gelungene Neuerungen und Variationen bekannter Schemata hat mir selten ein einzelnes Rollenspiel geboten und irgendwie fand ich den Blick auf den Unterbau von Valkyrie Profile 2 nach all der Veränderung da schon richtig beruhigend. Hier gibt es die klassischen Zutaten in Form zahlloser Mitstreiter, hunderter Fertigkeiten und magischer Sprüche sowie Tausender Gegenstände. Zahllose Monster wollen getötet und fast so viele NPCs angesprochen werden. Die Substanz des Spiels ist ein solider Grund aus Rollenspiel-Granit. Nichts Besonderes, aber sehr, sehr stabil.
Was Ihr hier aber nicht erwarten dürft, ist eine freie Spielwelt. Einhergehend mit dem Verzicht auf die Weltkarte blieb den Entwicklern allem Anschein nach kaum Platz für optionale Nebenaufträge in der Welt von Midgard. Valkyrie ist wahrlich nicht klein geraten, aber wer es einmal durch hat, wird folglich wenig finden, was ihn zurück lockt. Dabei werden einige schöne Ideen leider auch leichtfertig verschenkt.
Das System, gefallene Seelen als Mitstreiter einzusammeln und dann später von ihrem Dasein zu befreien und ins Leben zu rufen, ist genial und bietet, so sollte man wenigstens meinen, Erzählstoff für Tausend kleine Handlungsstränge. Leider liegt dieses Potential brach und weder die Vergangenheit der Krieger noch ihre Zukunft sind in den meisten Fällen besonders ausgefeilt. Schade, einige machten einen interessanten Eindruck…
Die Schwächen von Valkyrie 2 sind solche, die einen Tester wirklich aufregen. Jeder Kritikpunkt dieses Reviews ist offensichtlich und hätte sich sicher mit ein wenig mehr Feinarbeit ausbügeln lassen. Etwas weniger nervige Hüpfeinlagen, eine nicht ganz so überempfindliche Steuerung im Kampf, mehr Substanz bei den Nebencharakteren und ein paar Nebenaufträge, es kann doch wirklich nicht so schwer sein. Knapp vorbei ist zwar nicht immer daneben, aber halt auch nicht die volle Punkzahl.
Trotzdem muss man schon wirklich hartherzig sein, um Valkyrie dafür zu hassen, bietet es doch so viel Gutes. Zuvor verbrachte ich einige Abende mit Blue Dragon und nach dieser eher schalen Erfahrung ziehe ich schon wegen der neuen Ansätze vor den Entwicklern von Valkyrie meinen Hut. Die Mischung aus Innovation und solider Handwerksarbeit, eingebettet in eine erwachsene Handlung, ergibt ein gelungenes und frisches Rollenspiel-Spielgefühl, das mich mit weit mehr Enthusiasmus an den Screen bannte, als jeder andere Genrevertreter der letzten 12 Monate. Nur noch ein wenig Feintuning und für Teil 3 steht wahrer Göttlichkeit nichts mehr im Wege.
Valkyrie Profile 2 ist für die PS2 erhältlich. Das Spiel lief während des gesamten Tests auf der PS3 ohne Schwierigkeiten. Die Sony-Kompatibilitätsseite nennt gelegentliche Absturzprobleme, davon war jedoch nichts zu sehen.