Gesamtwertung8/10 |
Neun Stunden am Stück. Kein anderes (Offline-)Spiel konnte mich bisher auch nur annähernd so lange vor den Bildschirm fesseln. Sonic Chronicles hat einfach so vieles, was mich sofort in seinen Bann zog. Eine zauberhafte Optik. Schnelle, lebendige Gefechte. Ein durchdachtes Kampfsystem. Mindestens 20 Stunden Spielzeit. Und eine interessante Geschichte.
Auch die Tatsache, dass es kein wirkliches Hardcore-RPG ist, spielt dabei eine Rolle. Vertreter dieses Kalibers müssen nämlich schon außerordentlich ansprechend sein, um dauerhaft in meinem Laufwerk zu landen. Zuletzt war das bei Mass Effect so, wohingegen mich Titel wie Gothic, Neverwinter Nights oder Final Fantasy kaum hinter dem Ofen hervorlocken.
Aber wie so oft weist die Medaille neben der glänzenden Oberfläche eine Kehrseite auf, wodurch BioWares Handheld-Premiere aufgrund des einen oder anderen Makels getrübt wird. Eine suboptimale Speicherfunktion etwa. Oder mangelnder Komfort im Hinblick auf die Austattung der Gruppenmitglieder. Ein Absturz. Und eine anfänglich etwas schwächelnde Story, die mit der Zeit jedoch deutlich ansprechender ausfällt, sich weiter entfaltet und zu allerlei humorvollen und interessanten Begebenheiten führt.
Wie es sich für ein waschechtes Rollenspiel gehört, nimmt die Wahl der Gruppenmitglieder und die Nutzung ihrer jeweiligen Fähigkeiten eine wichtige Position ein. Neben dem blauen Igel schließen sich bis zu zehn Charaktere dem Abenteuer an, etwa Amy, Tails, Knuckles und Rouge. Über weitere Auftritte hüllen wir aus Spoiler-Gründen lieber den Mantel des Schweigens. In den Kämpfen reduziert sich die Zahl der maximalen Begleiter später auf drei, wobei man generell stets die vor sich liegenden Aufgaben mit einbeziehen muss.
Sonic beispielsweise ist an den dafür vorgesehenen Stellen gewohnt schnell unterwegs, sammelt Ringe ein und rast durch serientypische Loopings. Kann im Gegenzug aber weder fliegen noch Hindernisse zerschmettern. Und wer fliegt, versagt andernorts an Stellen, bei denen es auf die Kletterfähigkeit ankommt. Hier feiert Knuckles dann seinen Auftritt. Mit der Zeit entwickeln die Charaktere entweder zusätzliche, vorgegebene Fähigkeiten oder verbessern automatisch ihre vorhandenen auf die nächste Stufe.
Verfügt ein Gruppenmitglied etwa über den Zerschmettern-Skill Stufe 2, lassen sich damit entsprechende Hindernisse des gleichen Levels durchbrechen. Für eine, den Weg versperrende Kiste des Grades 3 muss erst fleissig nachgelevelt werden. Wer zwischendurch einen anderen Begleiter benötigt, ist aufgefordert, für den Wechsel zurück zu einem Stützpunkt zu reisen. Beispielsweise der Werkstatt in Central City. Ansonsten ist ein Tausch lediglich an vorherbestimmten Punkten im Storyverlauf oder dann möglich, wenn neue Charaktere ihre Unterstützung anbieten.
Zur Verbesserung der Fertigkeiten dient ein Rollenspiel-typisches Erfahrungspunktesystem. Für jeden gewonnen Kampf und jede erfolgreich bestandene Quest werden der Truppe weitere Zähler auf das Konto gutgeschrieben. Für schwächere Gegner selbstverständlich weniger, für harte Brocken mehr. Erreicht man nach gewisser Zeit einen neuen Level, verteilt man einen erhaltenen Punkt auf die Kategorien „Geschwindigkeit“, „Angriff“, „Verteidigung“ und „Glück“, die ihrerseits dafür sorgen, dass man Gegner besser trifft, feindlichen Attacken öfter ausweicht oder eine höhere Chance auf kritische Treffer hat.
Des Weiteren stehen pro Charakter eine ganze Reihe an Poweraktionen zur Verfügung. Mit jedem Levelaufstieg erhält man fünf Punkte und darf eben jene Aktionen in drei Stufen für fünf, zehn und 15 Zähler aufwerten. Das Repertoire umfasst etliche offensive Angriffe und ebenso zahlreiche defensive Manöver, inklusive Heilung. Sonics Axtkick verursacht in der ersten Stufe beispielsweise zweimal 150 Prozent des normalen Angriffsschadens, mit Stufe 3 erhöht sich der Wert auf 200 Prozent.
Rouges Juwelensturm trifft indes alle anwesenden Feinde. Mit 75 Prozent des gewöhnlichen Schadens (maximal 125 Prozent) fällt dieses Attacke zwar nicht ganz so effektiv aus, durchdringt dafür jedoch die Panzerung der Kontrahenten. Und damit man selbst keine Sternchen um den Kopf kreisen sieht, hilft Tails' Medibot weiter, der einen auserwählten Recken drei Runden lang mit frischen Lebens- und Powerpunkten versorgt.
Eine Besonderheit dieser Poweraktionen ist, dass man dadurch stets aktiv in die rundenbasierten Gefechte eingreift. Jeder Skill verlangt nach Interaktion mit dem Touchscreen. Entweder betätigt man wie in Elite Beat Agents auf dem Touchscreen eingeblendete Flächen, folgt ihnen mit dem Stylus über den Bildschirm oder klickt mehrere Male auf eine bestimmte Stelle. Mit ein wenig Übung schafft man das selbst im Halbschlaf, allzu komplex sind die Anforderungen eher weniger.
Selbiges gilt im Übrigen für entsprechende Reaktionen der Gegner. Nur, wer nahezu alle Flächen passend erwischt, weicht starken Angriffen gekonnt aus. Die Kämpfe fühlen sich somit wesentlich lebendiger, interessanter und vor allem spaßiger an als in vergleichbaren Titeln. Anstatt nach der Auswahl eines Angriffs lediglich dem Treiben zuzuschauen, muss man stets aufmerksam sein. Das Überleben der Gruppe hängt mit von der eigenen Fingerfertigkeit ab, was Sonic Chronicles eine erfrischende Komponente verleiht.
Oftmals sind diese Poweraktionen quasi das Ticket zum Sieg. Sie teilen nicht nur ordentlich Schaden aus, sondern können Gegner sogar vergiften, verwirren oder ihnen zu einem kleinen Schläfchen verhelfen. Inbesondere wenn es um Widersacher mit starker Panzerung geht, spielen sie eine wichtige Rolle. Wo reguläre Standardangriffe wie eine Fliege an einem Fenster abprallen, erzielen einige Spezialattacken die gleiche Wirkung wie ein großer Stein, der mit einem großen Knall das Glas durchschlägt. Eine geschickte Auswahl der Mitstreiter ist also zwingend nötig. Wer einen Trupp ohne panzerbrechende Manöver mit sich schleppt, kommt in Gebieten voller Gegner mit dicker Rüstung nicht sehr weit.
Speziell unter diesem Gesichtspunkt stört allerdings die Tatsache, dass innerhalb eines Kampfes die Infos zu den Auswirkungen einer Poweraktion nicht auf dem Bildschirm eingeblendet werden, während das bei Gegenständen wie Heilblättern der Fall ist. Die genauen Details muss man also zwingend im Kopf behalten. Ebenso wichtig: Viele der Spezialattacken setzen die Anwesenheit bestimmter Charaktere in der Gruppe voraus. Hat man die jeweiligen Begleiter im Stützpunkt gelassen, fehlt die entsprechende Fähigkeit in den Auseinandersetzungen. Das Ende vom Lied: Je nach Zusammenstellung vergrößert oder verkleinert sich die Auswahl der zur Verfügung stehenden Poweraktionen. Wer aber auf eine ausgewogene Mischung achtet, dürfte so gut wie keine Probleme bekommen.
Ein negativ verlaufendes Gefecht muss indes keineswegs dazu führen, dass man gleich zum letzten Spielstand greift. Diese Möglichkeit ist natürlich auch gegeben, alternativ darf man den soeben verlorenen Kampf nochmals absolvieren. Zumindest, sofern man genug Ringe eingesammelt hat, die kreuz und quer in der Welt verteilt sind, und die bei der Wahl dieser Option in einem gewissen Rahmen vom eigenen Konto abgezogen werden.
Leider verzichtet Sonic Chronicles auf eine automatische Speicherfunktion, die besonders dann schmerzlich vermisst wird, wenn man etwa zu wenig Ringe hat, der Kampf zu schwer ist oder das Spiel abstürzt. Letzteres passierte glücklicherweise nur ein einziges Mal, sorgte für einen Verlust von 30 Minuten Spielzeit und ließ sich anschließend – sehr zu meiner Freude – nicht reproduzieren. Eine kleine Erinnerung an die Speicherung ("Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um das Spiel zu speichern.") spricht Tails immerhin regelmäßig aus. Und man sollte auf ihn hören.
Ein weiteres zentrales Spielelement stellen die so genannten Chaos dar. Diese kleinen, niedlichen Kreaturen schlüpfen aus Eiern, die man im Spielverlauf in praktisch jedem Level vorfindet. Man trifft sie in „Gewöhnlicher“, „Seltener“ und „Einzigartiger“ Ausführung an. Gewöhnliche Chaos verfügen vornehmlich über normale Fähigkeiten, schützen den Charakter etwa mit einem Schild oder erhöhen leicht den Angriffswert. Fess hingegen zählt zu den seltenen Chaos und steigert die Chancen, dass seltene oder einzigartige Wesen aus den Eiern gekrochen kommen. Ebenfalls nicht zu verachten ist Ferox, ein einzigartiger Chao, der bewirkt, dass der ihm zugeteilte Charakter jedwede verwendete Poweraktion automatisch erfolgreich abschließt. Und dann gibt es da noch Spartoi. Mit ein wenig Glück sorgt er bei einem Standardangriff für einen sofortigen K.O. des jeweiligen Widersachers. Sehr nützlich!
Einige der Chaos lagern an gut versteckten Stellen, für die man die speziellen Fähigkeiten der Charaktere einsetzen muss. Und sie erzeugen vor allem einen Sammlertrieb, der an anderer Stelle fehlt. Man freut sich sichtlich über jede seltene und einzigartige Kreatur. Im selben Atemzug ist natürlich die Enttäuschung groß, wenn es „nur“ ein gewöhnlicher Chao ist. Sie sind im Grunde ein Ersatz für das mangelnde Arsenal an Kleidung und Gegenständen. Allen Figuren stehen lediglich drei Slots zur Verfügung – für Füße, Hände und ein anderes Objekt, etwa ein Kleid oder ein Ring mit Einfluss auf Angriff, Verteidigung, Geschwindigkeit sowie andere Attribute.
Dummerweise mangelt es dabei dem Menü ein wenig an Übersicht. Sollte man neue Gegenstände oder Chaos zuteilen wollen, fehlt eine direkte Vergleichsmöglichkeiten mit den aktuell angelegten Gegenständen. Dementsprechend muss man umständlich scrollen und sich die Werte merken. Des Weiteren glänzen simple Sortierfunktionen mit Abwesenheit. Warum ist es unmöglich, die Chaos nach Kategorien anzuordnen? Wieso werden die Zuteilungen für die einzelnen Figuren im Ausrüstungsbildschirm quer durcheinander angezeigt, wodurch es schwer fällt, den Überblick zu behalten? Es hätte mit ein wenig mehr Arbeit und einem simplen Button so viel einfacher sein können.
Optisch überzeugt Sonic Chronicles vor allem durch seine liebevoll gestaltete 2D-Map, auf der sich die 3D-Charaktere tummeln. In den Gefechten selbst geht es wiederum vollständig in kleinen 3D-Arealen zur Sache. Während hierbei speziell die Hintergründe meist ein wenig verpixelt rüberkommen, lässt sich über die Hauptprotagonisten nur wenig meckern. Für mehr fehlt dem DS einfach die Grafikpower. Zur Inszenierung der Story nutzt BioWare hauptsächlich unbewegliche Bilder, mehrere aufpoppende und wieder verschwindende Fenster und natürlich die obligatorischen Sprechblasen im Stile eines Comics. Davon hätten es auch gerne noch etwas mehr sein dürfen. Kleines Schmankerl für Sammelfreudige: Mittels der WiFi-Funktion darf man eifrig Chaos tauschen. Auch online.
Sonic Chronicles hat zweifelsohne seine Macken, die vor allem den Komfort ein wenig erschweren. Aufgrund der geringen Zahl an Items ist das in der Hinsicht noch verschmerzbar, die Speicherfunktion hätte man hingegen besser lösen können. Nichtsdestotrotz kann sich BioWares Handheld-Debüt sehen lassen und hat mich von Beginn an an die beiden Bildschirme des DS gefesselt. Sonic Chronicles ist einfach unkompliziert und macht Spaß. Ein echtes Hardcore-Rollenspiel dürft Ihr Euch allerdings eher weniger erhoffen, denn bei der Entwicklung hatte man vermutlich auch Einsteiger, Nicht-Rollenspieler, ein jüngeres Publikum und Sonic-Fans im Hinterkopf.
Auf Sonic Chronicles lässt sich dessen ungeachtet sehr gut aufbauen. Es bildet eine solide Basis für die Handheld-Abteilung des Entwicklers, die von dem Feedback der Käufer sicherlich bei zukünftigen Projekten profitieren wird. Ich bin sehr gespannt, was man uns als nächsten DS-Titel aus dem Hause der Macher von Mass Effect und Co. präsentiert.
Sonic Chronicles: Die Dunkle Bruderschaft ist ab dem 26. September erhältlich.
Bei XBlaster ist die Welt, wie wir sie kennen, Vergangen- heit. Als Mechpilot kämpfst Du zur Belustigung der Menge und monatlich 10.000 € zum Spiel...
Sonic Chronicles: The Dark Brotherhood im Test.
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