FIFA 10

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Electronic Arts
Entwickler
Electronic Arts Canada
Genre
Strategie
X360: FIFA 10

Gesamtwertung

9/10

X360: FIFA 10

Ich war gespannt, wie EA Sports FIFA nach der 09er-Version weiterentwickeln würde. In unseren Vorschauen (eurogamer.de)zeichnete sich ja bereits ab, dass man die letztjährige Variante nochmals deutlich übertrumpfen kann. Und ja, man hat es tatsächlich geschafft. Trotz, oder gerade wegen der verstärkten Konzentration auf die Verfeinerung drängt FIFA 10 seinen Vorgänger deutlich ins Abseits. Nach rund drei Wochen und schätzungsweise 40 bis 50 Stunden in FIFA 10 habe ich derzeit nicht mal mehr richtig Lust auf FIFA 09.

Die Gründe dafür sind relativ leicht auszumachen. Allen voran ist es die wesentlich präzisere Steuerung, die einem mehr Freiheit, mehr Kontrolle gewährt. Wirft man einen Blick zurück auf FIFA 09, fühlen sich die Bewegungen in der Vorjahresversion im Vergleich dazu fast steif an. In FIFA 10 reagieren die Spieler wesentlich agiler, geschmeidiger. Sie sind nicht mehr länger nur auf acht Richtungen beschränkt, sondern profitieren von den vollen 360 Grad, was sich gleich an mehreren Stellen bemerkbar macht. Zum Beispiel in den Dribblings. Schnellere Richtungswechsel und eine bessere Ballkontrolle sorgen auch ohne irgendwelche Tricks für bessere Chancen im Zweikampf.

Gleiches gilt für Flankenläufe. Während man FIFA 09 aufgrund der eingeschränkten Bewegungsfreiheit oftmals abbremsen musste oder dummerweise gleich mit dem Ball ins Aus lief, hat man in der aktuellen Fassung deutlich bessere Karten. Schnelle Akteure legen sich den Ball vor, sprinten dem Verteidiger davon und jagen die Kugel in den Strafraum. Mitunter kann man den Gegner an der Seitenlinie sogar einfach überlaufen. Die feineren Abstufungen in punkto Richtungswechsel machen es möglich, ohne dabei gleich eine komplett andere Route einzuschlagen und dadurch an Tempo zu verlieren. Tödliche Pässe in den freien Raum sind dabei keineswegs so oft möglich wie im letzten Jahr. Sie werden häufiger unterbunden und von den Verteidigern abgefangen.

Dank der verbesserten KI suchen sich die Mitstreiter dabei selbstständig Freiräume, gehen eigenständig nach vorne und warten auf den entscheidenden Pass. Wer im richtigen Moment abspielt, kann seinen Gegenüber ziemlich überrumpeln. Geschicktes Passspiel bringt einen nicht nur zum gegnerischen Strafraum, sondern führt mitunter zu hundertprozentigen Torchancen, die man dann nur noch nutzen muss. Was aber wiederum nicht immer ganz einfach ist. Die Keeper hechten nach dem Ball und fallen nicht mehr so oft auf Lupfer herein, wenn sie aus dem Tor kommen.

Zumindest versuchen sie oftmals noch, die Kugel zu erreichen, sobald sie gerade über sie hinweg fliegt. Hier kommt es beim Angreifer auf das richtige Timing an. Lupft er das Leder zu früh, kann der Torwart zurücklaufen, die Kugel fangen oder über den Kasten bugsieren. Ist man zu spät dran, fängt er das Spielgerät oder lässt es von sich abprallen. So oder so reagieren die Torhüter besser, etwas aggressiver. Sie pflücken sich den Ball aus der Luft, sofern er gerade in den Strafraum fliegt, oder fausten ihn weit aus dem 16-Meter-Raum hinaus. Patzer sind relativ selten, aber dennoch vorhanden.

Dadurch, dass die Kugel in FIFA 10 nochmal ein Stück eigenständiger reagiert, ergeben sich auch immer wieder neue Spielsituation, die man teilweise nur schwer vorhersagen kann. Abpraller von Spielern, einem Fuß, den Pfosten oder gar dem Schiedsrichter sind keine Seltenheit. Besonders bitter ist es natürlich, wenn man gerade mitten im Angriff ist, den Schiedsrichter anschießt und durch eben jenen abgefälschten Ball, der dummerweise zum Gegner rollt, eine gefährliche Situation entsteht.

Andere Situation: Über einen wunderbar gespielten Pass kommt ein Stürmer frei vor dem Tor in Schussposition, trifft allerdings nur den Keeper. Die Kugel rollt zurück, ein weiterer Angreifer haut das Ding an den Innenpfosten, von wo aus es an der Linie entlangkullert und in letzter Sekunde von einem Verteidiger weggeschlagen wird. Auch das Wetter hat leichten Einfluss. Bei Schnee oder Regen kommt der Ball speziell auf längeren Strecken früher zum Stehen, während er bei trockenem Wetter in der gleichen Situation vermutlich die Seitenlinie überschritten hätte.

Exakt durch solche unvorhersehbaren Aktionen spielt sich FIFA 10 deutlich dynamischer als die letztjährige Version, selbst in der Spielgeschwindigkeit „Normal“ bekommt man Tempofußball vom Feinsten serviert. Es geht stets nach vorne und wieder zurück, Zeit für Atempausen bleibt kaum, sofern man es nicht selbst etwas langsamer angehen lässt und in Ruhe nach vorne marschiert. Welche Kombinationen dabei möglich sind, zeigt selbst die KI immer mal wieder auf eindrucksvolle Art und Weise. Vor manchen Spielzügen kann man da wirklich nur den Hut ziehen. Da wird ein scheinbar verlorener Ball von einem herbeirutschenden Spieler in letzter Sekunde noch von der Torauslinie gekratzt, fliegt direkt in die Mitte und landet beim eigenen Stürmer, der ihn mit einem geschickten Kopfball ins Netz befördert. Wirft man selbst alles nach vorne, bleibt hinten natürlich ausreichend Platz für gegnerische Konter. Hier muss man vor allem mit langgeschlagenen Pässen rechnen. Reagiert man nicht schnell genug und schafft es nicht, den Angreifer von der Kugel zu trennen, ist der Weg für ihn frei.

Kommt es zum Zweikampf, streiten sich die Jungs heftig um den Ball. Sie drücken, schieben und laufen über Meter hinweg nebeneinander her. Es wird wirklich das Gefühl vermittelt, als würden die Spieler mit aller Entschlossenheit um die Kugel kämpfen. Irgendwann setzt sich dann einer von beiden durch. Oder einer hat zu viel gedrängelt und es kommt zum Freistoß. Die Vorteilsregel kommt dabei in diesem Jahr noch besser zum Zuge. Gibt der Schiri einen Vorteil, wird das für eine kurze Zeitspanne durch das gewohnte Symbol angezeigt. Während dieser Zeit führt ein Ballkontakt der Mannschaft, die das Foul begangen hat, nicht mehr zwangsweise sofort zum Freistoß. Grätscht ein Spieler den Ball weg, der dann aber dennoch beim Gegner landet, läuft das Spiel weiter.

Dank den verbesserten Animationen resultiert zudem nicht mehr jedwede Grätsche darin, dass ein Spieler getroffen wird. Oftmals springen sie über den vorbeirutschenden Kicker drüber und setzen ihren Weg unbeschwert fort. Verstärkt gepfiffen wird aber auch gerne mal bei kleineren Schubsern während der intensiven Zweikämpfe, ganz wie im echten Fußball. Und wie im realen Leben regt man sich auch manchmal (sehr) darüber auf, weil es einem wie eine Kleinigkeit erscheinen mag. Spieler können sich zudem auch bei scheinbar harmlosen Duellen eine Verletzung zuziehen, dazu ist keine Blutgrätsche mehr nötig.

Freistöße führen wiederum zu einem weiteren neuen Feature von FIFA 10, den Custom Set Pieces. In der Trainingsarena hat man die Möglichkeit, eigene Freistoß- und Eckballvarianten einzustudieren und diese in den passenden Situationen während eines Matches auszuführen.

Dazu wählt man in der Arena einfach den entsprechenden Modus, entscheidet sich für einen bestimmten von mehreren Sektoren rund um den Strafraum und kann dann Laufwege für die Kicker festlegen, die in der jeweiligen Situation vorne stehen werden. Ob man nun die Mauer des Gegners ausspielt, gänzlich ignoriert oder irgendetwas Verrücktes anstellt, bleibt ganz einem selbst überlassen.

Natürlich braucht es Zeit, um wirklich gefährliche Varianten auszutüfteln, zu testen und zu verfeinern, das geht nicht eben einfach mal so. Im Großen und Ganzen erhält man somit aber weitaus mehr Möglichkeiten, sich individuell zu entfalten und Freistöße auf andere Art und Weise zu lösen. Unter bestimmten Umständen hat man nach einem Foul auch die Gelegenheit, einen schnellen Freistoß auszuführen, während sich das andere Team noch auf dem Weg nach hinten befindet. Nicht immer, aber manchmal ergibt sich so die Chance zu einem schnellen Gegenstoß, mit dem man den ungeordneten Gegner überrumpeln kann.

Das Zeitspiel bleibt indes leider so wie es ist. Hält der Keeper den Ball zu lange in der Hand oder lässt sich beim Abstoß zu viel Zeit, wird zwar nach wie vor das gelbe Zeitspiel-Symbol eingeblendet, Auswirkungen ergeben sich dadurch allerdings nicht. Nach kurzer Wartezeit schlägt der Spieler den Ball einfach automatisch nach vorne. Normalerweise müsste es, wenn der Torwart den Ball im Strafraum hält, eine gelbe Karte sowie – sofern es kein Abstoß ist – einen indirekten Freistoß im 16-Meter-Raum geben. Da sich ab und zu selbst die KI mal etwas mehr Zeit genehmigt, wünscht man sich doch eine entsprechende Reaktion der Schiedsrichter.

Weiter ungeschlagen bleibt FIFA in Sachen Stadionatmosphäre. Die Fans singen im Hintergrund, Aktionen auf dem Platz werden bejubelt oder mit Pfiffen bedacht. Ähnliches gilt natürlich auch für die Tore. Erzielt die Heimmannschaft einen Treffer, ist die Menge verständlicherweise aus dem Häuschen. Trifft man hingegen als Auswärtsteam kurz vor dem Ende zur entscheidenden Führung, herrscht fast schon Totenstille, während die Spieler wie gewohnt feiern. In die Kategorie “Nettes Detail” fallen die Stadiondurchsagen im Hintergrund. Nicht etwa die, die das Spiel betreffen, sondern die, die an das Publikum gerichtet sind.

Neu hinzugekommen ist der Modus Virtual Pro – im Grunde genommen eine erweiterte Fassung von Be a Pro, was aber ebenfalls noch vorhanden ist. Hier hat man die Möglichkeit, seinen eigenen Kicker zu erstellen und im Spielverlauf nach und nach zu verbessern. Man kann sogar sein Gesicht dafür verwenden. Nicht per Kamera, sondern per Download, nachdem man ein Foto auf die Website von EA hochgeladen hat. Aber das ist eigentlich nur Spielerei, wichtiger sind die Attribute, die man mit jeder Partie verbessert. Der Spielmodus ist dabei egal, es werden in der Arena, in Be a Pro: Seasons oder auch in Freundschaftsspielen Punkte für erfolgreiche Aktionen gesammelt. Voraussetzung ist jedoch, dass man mindestens auf der Stufe Halb-Profi spielt.

Das Ganze ist zudem in verschiedene Kategorien unterteilt, etwa „Balltechnik“ oder „Schiessen“. Führt ihr bestimmte Manöver aus, verwandelt zum Beispiel einen Elfmeter in der Arena oder spielt fünf Flachpässe in Folge ohne Ballverlust, zeigt eine sofortige Einblendung an, dass diese Aufgabe erfüllt wurde.

Insgesamt warten mehr als 200 spezielle Herausforderungen darauf, dass man sie meistert. Als Belohnungen winken neben einer Aufwertung der Attribute, speziellen Eigenschaften wie „Zweite Luft“ (Extraportion Energie zum Spielende) auch Trikot-Accessoires oder spezielle Jubelanimationen. Auf jeden Fall ist man eine ganze Weile beschäftigt, bis man sämtliche Boni verdient und sich der eigene Kicker zum Star gemausert hat. Die ständige Verbesserung sorgt dabei für ausreichend Motivation, den Kollegen auch einzusetzen.

Grundlegend überarbeitet wurde außerdem der Manager-Modus von FIFA 10. Das Ziel: Mehr Realismus. Inbesondere die Ergebnisse sollten authentischer ausfallen, da man den Ausgang von Schwächen und Stärken der einzelnen Kicker abhängig machte. Das zeigt auch Wirkung. Die Ergebnisse sind durchaus glaubwürdiger, aber selbstverständlich gibt es immer mal wieder Ausreißer und Überraschungen. Die Verstärkung der Mannschaft ist auch nicht mehr ganz so simpel. Ein Arjen Robben wechselt eben nicht einfach mal so zu Mainz 05 oder Hoffenheim – selbst wenn man das dazu nötige Geld hätte. Entscheidende Faktoren aus Sicht des Kickers: Wie gut ist die Stammposition besetzt? Wie ist das Ansehen des Vereins und seine Tabellenposition?

Der Zaster fließt nicht mehr so einfach aufs Konto wie in FIFA 09. Es braucht schon Erfolge, damit der Rubel rollt. Ansonsten muss man sich mit den Einnahmen der Ticketverkäufe begnügen, die aber vergleichsweise eher gering ausfallen. Bis man sich Spieler vom Kaliber eines Messi oder C. Ronaldo leisten kann, muss man also schon eine Weile spielen.

Verbessert wurde auch die Übersicht im Menü des Manager-Modus. Die komplette Tabelle, die kommenden Spiele und die eigene Karrierestatistik sieht man bequem im Hauptmenü. Die einzelnen Untermenüs dienen dann dazu, Taktik und Formation zu ändern oder das Personal aufzuwerten. Besonders wichtig ist wie gehabt der Fitnesstrainer, denn nur so behalten die Kicker ein konstant hohes Energieniveau. Man merkt aber auch deutlich, wenn unter der Woche Pokalspiele sind oder in Europa gespielt wird, dass die Jungs dann am folgenden Wochenende etwas schwächer sind. Davon abgesehen bleibt der Manager-Modus weiter ziemlich oberflächlich und bewegt sich nicht weiter in Richtung Fussball Manager. Ein paar Elemente könnte man davon aber künftig gerne noch übernehmen, etwa den umfangreicheren Stadionausbau.

Man merkt es den vorigen Seiten vermutlich an, dass ich von FIFA 10 äußerst begeistert bin. Was man aus der Grundlage, die FIFA 09 hinterlassen hat, noch alles rauskitzeln konnte, ist wirklich beeindruckend. Das Gameplay fühlt sich im Vergleich zum letzten Jahr einfach runder an. Sehr viel runder. So rund, dass FIFA 09 dagegen eckig wirkt. Die Spieler sind agiler, reaktionsschneller, aufmerksamer. Mehr Dynamik, mehr Realismus, mehr tolle Spielzüge. In nahezu jeder Partie ist Spannung drin, das Tempo hoch und die Atmosphäre genial.

Zwar gibt es auch Dinge, die ich noch vermisse beziehungsweise zu bemängeln habe, zum Beispiel das überschaubare Kontingent an Nationalmannschaften oder die fehlende Bestrafung des Zeitspiels, aber im Großen und Ganzen sind das lediglich kleinere Mängel, die den reinen Spielspaß nicht zu trüben vermögen.

Nach den anfangs erwähnten 40 bis 50 Stunden, die ich mittlerweile damit verbracht habe, spielt FIFA 10 für mich jedenfalls ganz klar in einer höheren Liga als FIFA 09. Man sagt ja immer, dass sich jährliche Updates nicht lohnen. In diesem Fall beweist EA Sports aber eindeutig das Gegenteil. FIFA 10 stellt einen deutlichen Fortschritt dar und zieht spätestens nach dem ersten Spiel in seinen Bann. Wer auch nur ein bisschen an Fußball interessiert ist, muss FIFA 10 haben.

FIFA 10 erscheint am 1. Oktober für PC, PlayStation 2, PlayStation 3, Xbox 360, Wii, PSP und Nintendo DS.

 

 

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