Velvet Assassin

Preview
Vertrieb
Gamecock Media Group
Entwickler
Replay Stuidios
Genre
Action
X360: Velvet Assassin

X360: Velvet Assassin

Was ist das denkbar finsterste Szenario überhaupt?

Stalingrad ist sicher kein schlechter Anfangspunkt und wir hatten das ja auch schon. Ohne Waffe einen Sturmangriff zu führen, das Gewehr eines gefallenen Kameraden aufheben und in eine der blutigsten, barbarischsten Schlachten überhaupt rennen, eigentlich ohne Hoffnung, über die Körper zerfetzter Opfer hinweg. Das ist düster.

Aber Velvet Assassin kann düsterer.

Ohne Beispiel in der Menschheitsgeschichte dürften die Massenmetzeleien des ersten Weltkriegs sein. All out. Giftgas, schwere Artillerie gegen alles, was sich bewegt. In den Schützengräben zwischen den Schreien der Sterbenden langsam verhungern, bei Nacht mit aufflammenden Zigarettenfeuern Schießbude spielen. Das ist dunkel.

Aber Velvet Assassin kann noch dunkler.

Das „Warschauer Ghetto“ dürfte wohl ein ziemlich perfektes Ebenbild für die Hölle auf Erden sein. Bis zu einer halben Million Menschen auf engstem Raum, alle komplett dem Despotismus der Nazi-Besatzer ausgeliefert. Wer lebt, wer stirbt, wer isst, wer hungert, alles Spontanentscheidungen einer grausigen Willkür der Launen unter dem Deckmantel siechender Normalität. Ein grimmes Warten auf ein ungewisses Ende, das jederzeit kommen kann. Das ist finster.

Und damit willkommen bei Velvet Assassin. Sollte Euch das Szenario noch nicht reichen, dann muss Euch die Aufgabe, die die britische Agentin Violet Summers dort zu erfüllen hat, einen Schauer über den Rücken jagen. Ein gut informierter Spitzel wurde im Ghetto gefangen genommen. In einem herkömmlichen Spiel würdet Ihr jetzt im Jack-Bauer-Style losziehen und den Mann dank wüster Ballerei und Gadgetsucht befreien, über irgendeine Grenze bringen und den Levelabschluss mit einem Waffenupgrade begießen. Nicht so hier, das wäre nicht finster.

Sucht den Mann, schmuggelt eine Zyankali-Kapsel in seine Zelle und versucht wenigstens, selbst lebend aus diesem Himmelfahrtskommando zu entkommen. Er selbst kümmert sich dann schon darum, dass die Nazis nicht in den Besitz der Informationen gelangen. Keine Widerrede, DAS ist düster. Der Horrortrip in den Vorhof der Hölle stellt sicher in dieser Richtung Rekorde auf, Velvet Assassin geizt aber auch sonst nicht mit finsteren und unheimlichen Momenten. Selbst dann, wenn diese in weniger kontroversen Umgebungen handeln.

Ein U-Boot-Bunker beispielsweise mag zwar klamm und grau sein, wirkliches Momentum erfährt die Lage aber erst, wenn ein Stapel Container mit Giftgas langsam ein wenig leckt und alles in difusen grünen Nebel taucht. Auf Dauer muss das einen Effekt auf die Wachen haben. Ihr belauscht in dieser unwirklichen Stimmung ein Gespräch über eine schon seit Jahren tote Oma, die dem Wachsoldaten am Bett erscheint und lange Gespräche mit ihm führt. Dieses Geisterklischee zerrt gehörig an Euren Nerven, während Ihr Euch mit minimaler Ausrüstung hinter ein paar Kisten drückt und an den beiden geistig angegriffenen, schreckhaften Wächtern vorbei durch die grünen Schwaden müsst.

Und Ihr schlüpft nun wahrlich nicht in die Rolle eines muskulösen, bärenhaften Sam Fisher. Die Figur Violet Summers entstammt nicht (ganz) der Phantasie der Replay Studios, sondern lebte wirklich. Ein wenig künstlerische Freiheit gönnte man sich beim Namen, etwas griffiger als Violette Reine Elizabeth Bushell Szabo musste es wohl einfach sein. Und so viele Einsätze wie Summers hatte Szabo nicht überlebt.

Die reale Heldin im Kampf gegen die Nazis, eine von insgesamt 51 Agentinnen des britischen Geheimdienstes im zweiten Weltkrieg, starb in Gefangenschaft (de.wikipedia.org), nachdem schon ihre zweite Mission in einem Fehlschlag endete. Summers brachte es auf ein gutes Dutzend Einsätze, der letzte schlug aber auch fehl und schickte sie nicht nur in ein britisches Militärhospital, sondern auch in ein tiefes Koma, in dem sie ihre Einsätze erneut durchleben muss. Ihr fragt Euch vielleicht, warum Replay Studios diesen Kniff in die Handlung einflochten und Euch nicht stattdessen einfach gleich durch Summers Missionen schicken. Ganz einfach. In einem Alptraum ist alles möglich.

Keine Sorge, wörtlich nimmt Velvet Assassin diese Möglichkeit nicht. Aber heutzutage braucht scheinbar jedes Spiel Bullet Time und eine passende Ausrede dafür. Hier ist das nicht anders, dafür aber sehr stilvoll inszeniert. Auf Knopfdruck – für die komatöse Summers eine Morphiumspritze – verwischt die Grenze zwischen der Phantasie des Einsatzes und der Realität des Krankenhauses. Ihr bewegt Euch traumhaft in einem blutigen Krankenkittel durch die eingefrorene Welt und einen Regen violetter, blutwirkender Blumenblüten. Oder vielleicht ist es auch wirklich Blut, passen würde es.

Dieses Feature steht Euch beim Schleichen durch Naziverseuchte Flure nur sehr begrenzt zur Verfügung, ein Umstand, den Ihr mit einem schwächlichen Dolch als Primärwaffe nicht auf die leichte Schulter nehmen solltet. Velvet Assassin lässt Euch an jeder Stelle wissen, dass die Feinde stark, zahlenmäßig überlegen und vor allem schwer bewaffnet sind. Wer zu schnell vorstürmt, wird dies nach wenigen Metern herausfinden. Und leider sind die Bastarde auch noch ziemlich schlau.

Selbst die Bewegung Eures Schattens, an eine etwas entfernte Wand geworfen, reicht, um den wachenden Nazi auf den Plan zu rufen. Einen Nahkampf würdet Ihr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verlieren und jeder Pistolenschuss ist nicht nur rar, sondern auch so laut, dass er im Zweifelsfalle mehr schaden als nutzen würde. Gut, dass Ihr ein wenig tricksen dürft. Sich in die Schatten zu drücken, bis die Anzeigen Euch signalisieren, dass Ihr praktisch unsichtbar in der Finsternis lauert, ist ein guter Anfang.

Besser aber Ihr lockt den Feind zunächst in die falsche Richtung und stellt ein Radio an oder zerbrecht etwas. Nachdem Euch die Finsternis vor seinem ersten kritischen Blick durch den Raum bewahrte, wendet der Scherge sich der Herkunft des Geräusches und Euch, richtig geplant, den Rücken zu. Zeit, die Klinge zu nutzen.

Alternativ soll zumindest gelegentlich die Möglichkeit bestehen, Summers in eine SS-Uniform schlüpfen zu lassen, die ihre Identität zumindest aus einer gewissen Entfernung verschleiert. Erst in dem Moment, in dem die Wache Euch passiert hat, lasst Ihr die Hand zum Dolch gleiten, während Ihr Euch von hinten nähert. In nur sehr wenigen Passagen weicht Velvet Assassin von dem Konzept des Schleichens, Täuschens und Lauerns ab. Nur selten lässt es Euch mit einem Maschinengewehr im Anschlag, die Granate griffbereit, über Bunker-Treppen und durch Flure stürmen. Bei der Flucht vor der zuvor selbst gelegten Bombe kommen auch Action-Puristen kurzfristig auf die Kosten, ansonsten arbeitet Ihr mit den über 50 Stealth Kills, von denen einige wunderbar explizit gerieten. Ein schneller Dolchstoß in den Nacken ist dabei noch die sanfteste Methode.

Es wäre übertrieben zu sagen, dass die Grafik herausstechen würde, aber die Atmosphäre wird trotz einiger nicht ganz so perfekter Texturen schon in dem frühen Build wunderbar transportiert. Unheimliche Lokalitäten mit stimmungsvollen Soundeffekten lassen Euch schnell abtauchen und vergessen, dass Violet selbst wohl kaum zur Ikone der weiblichen Spielewelt aufsteigen wird. Eine heutzutage wieder in Mode kommende 40er Jahre–Frisur und der realistische Ansatz einer eher unauffälligen Person wird sich wohl kaum tief in das kollektive Bewusstsein der Spielwelt graben.

Ob dieses Schicksal auch dem Spiel als solches widerfahren könnte, lässt sich schwer abschätzen. In den Bereichen Atmosphäre und Inszenierung erwarte ich trotz der konservativen Grafik nach rein technischen Maßstäben Großes. Die Szenarien verabschieden sich von den totgespielten Schlachtfeldern des zweiten Weltkriegs und tragen das Geschehen weit hinter die Linien in unverbrauchte Gefilde. Dazu kommt noch der Twist der Komapatientin Summers und schon kann ein Spiel entstehen, das einen nicht loslässt.

Aber nur, wenn es spielerisch passt und wir sind schon oft um die Häuser geschlichen und kauerten in den dunkelsten Ecken. Velvet Assassin reduziert dies sogar noch. Während Snake und Fisher mit Technikgadgets protzen, bleibt es hier sehr puristisch. Purismus bedeutet in den Händen Untalentierter häufig genug aber auch Ideenlosigkeit und Wiederholung. Im Januar werden die Replay Studios beweisen, aus welchem Holz sie geschnitzt sind.

Velvet Assassin erscheint Ende Januar für PC und Xbox 360. Eine Ankündigung für die PS3 gibt es nicht, dafür die Gewissheit, dass die Nazi-Symbole in der deutschen Version natürlich nicht zu sehen sein werden.

 

 

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