Gesamtwertung4/10 |
Die verworrene Release-Geschichte von Haze dürfte hinlänglich bekannt sein. Der einstmals für PS3, Xbox 360 und PC angekündigte Super-Shooter war zwischenzeitlich PS3-exklusiv, dann wieder nicht und schlussendlich nun doch. Aber was solls. Ärgern müssen sich alle anderen nicht. Es entgeht ihnen keineswegs ein spielerisches Meisterwerk. Im Gegenteil: Sie verpassen lediglich eine mittelschwere Gameplay-Katastrophe der einstmals erstklassigen Spieleschmiede Free Radical.
Das Debakel beginnt bereits bei der Story, die sich hauptsächlich um den Soldaten Shane Carpenter dreht - Euer Alter Ego. Nach dem College rekrutierte ihn die Militär-Firma Mantel zur Bekämpfung all der bösen Jungs auf der großen, weiten Welt. Um seine menschlichen Werkzeuge gefügig zu machen, vertraut Mantel auf die Droge Nektar.
Und das aus gutem Grund. Mit Hilfe dieser Substanz verlieren die Kämpfer gewissermaßen ihren Sinn für die Realität. Das Geschehen kann noch so brutal und blutig sein, dank Nektar merken die Mantel-Krieger davon rein gar nichts. Shane jedoch schon. Und was er sieht, würde er wohl am liebsten wieder vergessen. Immer öfter versagt seine Nektarzufuhr, wodurch er die bittere und harte Wirklichkeit zu Gesicht bekommt.
Das führt sogar soweit, dass Mantel auf die Jagd nach seinem verlorenen Sohn geht und ihn aus dem Weg räumen möchte. Unterstützung bekommt Shane allerdings von den Einwohnern des Landes, in dem er sich gerade herumtreibt und die er gerade noch aus dem Weg räumen sollte.
Haze zeigt somit zwei gänzlich verschiedene Sichtweisen auf diesen Konflikt. Einmal die saubere, verzerrte Perspektive von Mantel. Alles ist toll, bunt und schön. Die Soldaten haben keinen blassen Schimmer davon, was sie wirklich tun. Und der Hurra-Patriotismus tropft hier und da fast schon von der Decke. Aber das passt auch wunderbar ins Bild.
Andererseits erlebt man natürlich die harte Realität. Den Drogenentzug. Das Elend. Die eigentliche Brutalität von Mantel. Die Farben wirken realistischer. Blasser. Kälter. Und es fließt Blut, was vorher unter Drogen großzügig ausgeblendet wurde. Ebenso wie die Leichen, die sich jeweils nach wenigen Sekunden in Luft auflösen. Aber nicht so auf Seiten der Rebellen. Tote Körper so weit das Auge reicht.
Eines muss man Free Radical lassen: Die Thematik der Story hat durchaus Potential. Aber was daraus gemacht wurde, ist ein gewaltiger Schuss in den Ofen. Abgesehen von dem Seitenwechsel passiert kaum Unvorhergesehenes, Überraschendes. Alles läuft praktisch wie am Fließband ab. Man arbeitet sich durch die Level, erledigt seine Aufgaben, legt ab und an Schalter um und radiert alle Gegner aus, die einem über den Weg laufen. Spannung kommt dabei kaum auf. Ständig wartet man auf einen halbwegs erinnerungswürdigen Augenblick – vergeblich.
Durch den Verrat an Mantel erlebt man indes nicht nur eine andere Sichtweise auf das Geschehen, sondern wendet ebenso unterschiedliche Taktiken an, um seinen Kontrahenten das Leben schwer zu machen. Unter den Fittichen von Mantel darf man beispielsweise auf den Nektar zurückgreifen. Der erhöht unter anderem Kraft und Zielgenauigkeit.
Darüber hinaus erkennt man seine Feinde besser auf dem Schlachtfeld – denn sie leuchten fröhlich vor sich hin. Zumindest so lange, bis die Wirkung wieder nachlässt. Man sollte übrigens aufpassen und nicht zu viel von dem Zeug in seinen Körper pumpen. Ansonsten verliert man im wahrsten Sinne des Wortes die Kontrolle. Mitunter ballert Shane dann sogar wild um sich. Selbst auf seine Kollegen.
Auf die durchaus positiven Effekte der Droge und des Mantel-Kampfanzugs muss man bei den Rebellen logischerweise verzichten. Zur Bekämpfung früherer Freunde kann der Nektar selbst eine gute Waffe sein. Einfach einen der Injektoren von einem gefallen Mantel-Soldaten nehmen, an eine Granate klatschen und werfen. Feinde im Umkreis des Explosionsradius werden so einer Überdosis ausgesetzt und drehen durch. Mit dieser Methode erledigen sie sich also quasi gegenseitig, während man selbst wartet, bis alles vorbei ist. Eine weitere nützliche Fähigkeit ist die Möglichkeit, sich totzustellen. Sollte man schon ein wenig mehr Schaden abbekommen haben, löst man dies per Tastendruck aus und erfrischt so seine Lebenspunkte relativ ungestört.
Trotz aller Optionen ändert sich jedoch nichts daran, dass Haze im Grunde nur ein ganz gewöhnlicher Shooter ist. Soll heißen: Man kann auf eben jene Taktiken verzichten und bekommt dennoch keinerlei Probleme. Einfach durchrennen und auf alles schießen, was sich bewegt. Fertig.
Für ein wenig Abwechslung sorgen wenigstens die Fahrzeuge, die man an vorgegebenen Stellen einsetzen darf – dazu etwa zählen Variationen von Quad-Bikes oder Buggys. Immerhin hat Free Radical hier einen Kritikpunkt ausgemerzt, den wir bereits in unserer Vorschau zu Haze (eurogamer.de)angeprangert hatten. Sämtliche Vehikel reagieren nicht mehr so direkt wie noch in der Preview-Version. Die Steuerung geht somit leichter und präziser von der Hand. Kurz gesagt, einfach besser.
Spielerisch funktioniert Haze also eher konventionell. Bleibt dem Käufer noch die Hoffnung auf eine hübsche Optik, schließlich hat man es hier mit einem PS3-exklusiven Titel zu tun. Somit könnte man die Technik voll und ganz auf Sonys Konsole abstimmen. Wie gesagt, man könnte. Das Ergebnis ist, gelinde gesagt, enttäuschend. Häufig fragt man sich, was Free Radical eigentlich all die Zeit gemacht hat.
In praktisch allen Bereichen gibt es mittlerweile bessere Konkurrenzprodukte. Fahrphysik? Halo 3. Wasser und weitläufige Landschaften (mit einigen Ausnahmen)? Far Cry. Selbst das im Jahr 2003 veröffentlichte Unreal II verfügt über schönere Effekte für Feuer, Flammenwerfer und Explosionen. Überzeugen können lediglich das Design der Vehikel, Charaktere - sieht man mal von den Gesichtern ab - sowie teilweise riesig wirkende Objekte, die ein wirkliches Gefühl von Größe vermitteln.
Ein weiterer Negativpunkt ist mal wieder die deutsche Sprachausgabe. Wirklich passend klingen vielleicht drei bis vier Stimmen im ganzen Spiel. Viele Sprecher lassen sowohl Kraft als auch Motivation im Tonfall vermissen, die man in der englischen Vertonung der Preview-Version deutlich spüren konnte.
Auf Deutsch klingen manche Soldaten regelrecht gelangweilt. Sie sprühen nicht vor Enthusiasmus und Tatendrang, wie man es eigentlich von Personen unter Einfluss des Nektars erwartet, bevor sie in ihr nächstes Gefecht ziehen. Zumindest Waffen, Granateinschläge oder Umgebungsgeräusche erfreuen die Ohren und hauen wuchtig in die Boxen.
Sofern nach grob geschätzt acht Stunden der Abspann über den Bildschirm flimmert, verspricht der Multiplayer-Modus weitere Beschäftigung. Aber selbst die Möglichkeit, mit vier Spielern die Kampagne durchzugehen, sorgt kaum für ein besseres Abschneiden. Haze krankt dermaßen an Grafik, Gameplay und Story, dass selbst das Zusammenspiel mit drei Freunden zur Motivationsbremse verkommt. Wer lieber gegeneinander spielt, darf sich derweil in „Deathmatch“, „Team Deathmatch“ und „Teamangriff“ austoben.
Angesichts dem, was Free Radical mit Haze abgeliefert hat, müssten mir eigentlich die Worte fehlen. Glücklicherweise nicht, denn sonst könntet Ihr nun keinen Test lesen und dadurch erfahren, was aus dem Spiel geworden ist.
Nichts Gutes, noch nicht einmal Mittelmaß, wie sich nun leider herausgestellt hat. Dabei sah Haze zu Beginn durchaus vielversprechend aus. Eine erste Ernüchterung setzte allerdings schon kürzlich bei unserer Vorschau ein. Und mit dem nahenden Release konnte sich daran auch nicht mehr allzu viel ändern.
Haze enttäuscht schlussendlich sowohl spielerisch als auch technisch, wobei vor allem Letzteres aufgrund der durch die PlayStation 3 angebotenen Möglichkeiten regelrecht unverständlich ist. Man schaue sich beispielsweise die Optik der Exklusivtitel Heavenly Sword oder Uncharted an. Wirft man anschließend einen Blick auf Haze, kommt man nicht umhin, sich ungläubig an den Kopf zu fassen.
Was bleibt, ist ein ganz gewöhnlicher, eintöniger Shooter mit vor sich hin plätschernder Story und veralteter Technik. Um gegen die aktuelle Konkurrenz zu bestehen, reicht das definitiv nicht.
Haze ist bereits im Handel erhältlich.
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Haze im Test.
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