SBK-09 World Championship

Review
Plattform
XBOX 360
X360: SBK 09: Superbike World Championship

Gesamtwertung

7/10

X360: SBK 09: Superbike World Championship

Mehrmals im Monat kommen die Leute auf mich zu und wollen von mir als Motorsport-Experten erklärt haben, wo denn eigentlich der genaue Unterschied zwischen der MotoGP und den Superbikes besteht. Meist mündet diese Frage in einen halbstündigen Monolog, wieso meines Erachtens Autorennen deutlich spannender als ihr Äquivalent auf zwei Rädern sind. Aber ehrlich gesagt – das ist alles Geschmackssache.

Um aber die Frage zu beantworten: Während in der MotoGP Prototypen eingesetzt werden, müssen die Hersteller von Kawasaki, Honda oder BMW in der Superbike-Weltmeisterschaft modifizierte Straßenmotorräder der 1.000-cm³-Klasse verwenden. Mit anderen Worten: Wenn die MotoGP die Formel 1 des Motorradrennsports ist, dann sind die Superbikes die Tourenwagen. Dementsprechend gering ist der Entwicklungsspielraum der Ingenieure. Und das ist wohl das Leitmotto der italienischen Entwickler von Milestone gewesen, denn SBK 09 – Superbike World Championship ähnelt eher einer modifizierten Vorjahresmaschine als einem neuen Spiel.

Optisch nur wenig verbessert – Geschwindigkeitsgefühl sowie Animationen der Fahrer sind nach wie vor top, die Umgebung wirkt hingegen erneut steril und Dank Pappzuschauer leblos –, verstecken sich die Neuerungen im Detail. Selbstredend wurde die Lizenz an die der aktuellen Saison angepasst. Auf insgesamt 13 Strecken werden 26 Wertungsläufe – jeweils zwei pro Rennwochenende – ausgetragen. Unlogischerweise fehlt hierbei der Nürburgring als vierzehnte und einzige Station in Deutschland. Der Rest der Lizenz passt hingegen komplett.

Max Neukirchner hockt auf seiner Suzuki, Rückkehrer Max Biaggi auf seiner Aprilia. Die Neuerungen für Solisten kommen damit aber zu einem schnellen Ende, lediglich Online-Raser freuen sich über die endlich integrierte Meisterschaftsoption. Wer genügend Fahrer zusammentrommelt, kann in SBK 09 somit auch online um den virtuellen Weltmeisterschaftstitel fahren. Kenner des Vorgängers dürfen sich deshalb gerne vor den Kopf gestoßen fühlen, Neueinsteiger erfreuen sich indessen an der aktuell noch immer besten Motorradsimulation auf Konsolen.

Wer in SBK 09 siegen möchte, der muss auch etwas dafür tun. Einsteiger wählen aus verschiedenen Schwierigkeitseinstellungen die von Anfänger bis hin zu Profi oder Simulation reichen. Wem das noch immer zu schwer ist, stellt Reifenabnutzung, Bremskraft, Traktionskontrolle oder gar die Trägheit des Fahrers individuell ein. Wie nötig diese maßgeschneiderten Realismuseinstellungen sind, bemerkt man spätestens nach der ersten Runde auf einem selbst einfachen Kurs wie Monza.

Die lange Start- und Zielgerade stellt kein sonderliches Problem dar, beim ersten Anbremsen hat es mich aber ordentlich auf meine vier Buchstaben gelegt. Durch die realistische Trägheit des Fahrers bekam dieser Übergewicht, der Vorderreifen blockierte und zusätzlich wollte ich in der Bremsphase auch noch einlenken. Das Ergebnis: Ein spektakulärer Sturz inklusive Salto. Bodenturnschiedsrichter wären begeistert gewesen.

Zweiter Versuch. Dieses Mal bremse ich früher, lege mich in der Schikane aber trotzdem gen Boden. Und alles nur, weil ich einen imposanten Drift mit der Vorderradbremse abfangen wollte. Dennoch empfiehlt es sich nach den ersten, harten Trainingsstunden nicht, den einfachsten Schwierigkeitsgrad auszuwählen. SBK 09 fährt sich dann zwar noch immer fordernd, erinnert aber trotzdem mehr an einen Arcade-Racer als an eine packende Simulation.

Mitschuldig sind dabei auch die 26 weiteren KI-Konkurrenten, die auf den untersten Stufen mit Respektabstand vor einer Kurve in die Eisen steigen. Es scheint so, als würden sie nicht von der zusätzlichen Bremskraft profitieren, die es Euch wiederum ermöglicht, punktgenau nur wenige Meter vor den Kurven zu verzögern. Logischerweise überholt man so nach dem Start das halbe Fahrerfeld. Stellt also den Schwierigkeitsgrad nach oben und beißt in den sauren Apfel, es lohnt sich. Zum Rennfahren gehört allerdings nicht nur die Beherrschung des eigenen Vehikels oder das blinde Abfahren aller Kurse. Auch das Setup Eures Bikes will eingestellt werden.

Da nicht jeder ein Diplom als Mechaniker vorweisen kann, agiert Ihr buchstäblich mit Eurem Team. Egal ob nun in der Meisterschaft oder an einem einfachen Rennwochenende – fahrt Ihr nicht, gewährt das Spiel einen Einblick in die eigene Garage. Mechaniker arbeiten an ihren Laptops, das eigene Moped steht mit überstülpten Heizdecken aufgebockt in der Mitte.

Das ist nicht nur atmosphärisch, sondern auch noch einmalig im Genre. Man fühlt sich als Teil des Teams und nicht als gelangweilter Cursor in einem sterilen und seelenlosen Menü. Wer mag, schraubt nun eigenhändig an seinem Gefährt herum, oder aber bittet seinen Ingenieur um Rat. Der nette Herr mit dem womöglichen Abschluss in Atomphysik hat nicht nur einiges über die Feinheiten der einzelnen Kurse zu verraten, sondern stellt auf Wunsch auch das Motorrad optimal auf Rennen oder Qualifying ein.

Bockt die Kiste trotzdem herum, wählt Ihr aus einem rudimentären Dialogsystem Euer Problem – in den Kurven übersteuert das Bike, das Hinterrad rutscht weg, es fehlt an Höchstgeschwindigkeit, etc. – und der als Ingenieur getarnte Atomphysiker macht sich an die Arbeit. Die Kehrseite der Medaille: Es geht bei größeren Einstellungen viel der eigentlich benötigten Trainingszeit verloren. Eigentlich deshalb, da es sich wohl auch in Italien herumgesprochen hat, dass Rennsimulationen in irgendeiner Form Realitätslücken aufweisen müssen.

Und damit meine ich nicht verkorkste Regenrennen wie in Race Pro. Im Gegenteil: Diese fühlen sich wie Schlittschuhfahren auf frisch polierten Eis an. Es sind kleinere Logiklücken wie etwa die Tatsache, dass Euch unendlich viele Reifensätze zur Verfügung stehen. Stürzt Ihr und beschädigt die Maschine, erzählt der Ingenieur etwas von schweren Beschädigungen, die eine gewisse Zeit zur Reparatur benötigen. Pustekuchen! Sobald Ihr in die Box zurückkehrt, ist Euer Maschinchen runderneuert und sofort einsatzbereit. Ohne Zeitverlust versteht sich.

Am unlogischsten ist aber, dass Euch während der Superpole-Session unendlich viele Versuche zur Verfügung stehen; zusätzlich fahren alle Biker gleichzeitig unterwegs. In der Realität ist hier Einzelzeitfahren mit jeweils nur einem Versuch angesagt. Solche Realitätslücken sind für ein Spiel mit offizieller Lizenz zwar nicht verzeihlich, spätestens nach dem ersten hart umkämpften Sieg drückt man aber gerne ein weinendes Auge zu – und hofft auf Besserung im etwaigen Nachfolger. Immerhin jubeln die drei schnellsten Fahrer auf dem Podest, während im Hintergrund ein Teil der Nationalhymne des Siegers gespielt wird.

Im Gegensatz zu MotoGP zieht sich während der Rennen das Starterfeld nicht allzu weit auseinander. Je nach Strecke ist sogar regelrechtes Pulkfahren angesagt, in dem jeder misslungene Überholversuch bittere Konsequenzen mit sich zieht. Das Spiel spricht während der Ladezeiten zwar von individuell angepasster Verhaltensmuster der einzelnen Fahrer, aufgefallen ist mir davon aber überhaupt nichts. Trotzdem fahren Eure Konkurrenten aggressiv, drücken und stoßen in einem gewissen Toleranzbereich, überholen aber auch taktisch klug und vollführen nachvollziehbare Fehler. So ist es eine wahre Genugtuung zu erleben, wie ein Suzuki-Pilot mit dem stärksten Motor im Fahrerfeld kurz vor Ende in der Ascari-Schikane von Monza den Asphalt küsst.

Neben der penetranten Werbung für das neue Alfa Romeo-Modell ist auch in SBK 09 der Herausforderungs-Modus erneut mit an Bord. Abseits einfacher Aufgaben wie lange Drifts oder schnellen Rundenzeiten sind es vor allem die Szenarien, die am meisten Spaß machen. Hierbei übernehmt Ihr beispielsweise in der vorletzten Runde eines Rennens die Kontrolle über Max Neukirchner und müsst trotz nachlassender Bremsen noch das Podium erreichen. Je nach Platzierung gibt’s als Präsent eine von vier Medaillen. Wer Platin erreicht, zieht eine Karte und bekommt so Bilder echter Grid Girls oder gar realer Rennszenen geschenkt. Oder aber – kein Witz – Bilder des neuen Alfa Romeo. Product placement at it's best.

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, die Bewertung von SBK 09 – Superbike World Championship wäre leicht gewesen. Für den italienischen Entwickler Milestone ist es ein wahres Armutszeugnis, dass sich gegenüber dem Vorjahr bis auf zwei minimale Änderungen rein überhaupt nichts getan hat. Freilich, man könnte nun damit argumentieren, dass das HUD, das allgemeine Design sowie die Integration der Online-Meisterschaft neu wären. Sind sie auch, doch es wäre ein schlechtes Argument. Denn der Rest des Spiels, der ist nahezu identisch.

Und letztlich ist es genau dieser Punkt, über dem Ihr Euch im Klaren sein müsst. SBK 09 erinnert zu sehr an ein modifiziertes Supberike aus dem Jahr 2008. Optisch könnte es ein Facelifting vertragen und im inneren schlummert das alte, wenn auch noch immer hervorragende Gameplay. Bei den Realismuslücken müssen aber wie auch letztlich bei der Wertung beide Augen fest zugedrückt werden – und deshalb steht hier eine 7 und keine 6.

Die Superbikes rasen in die deutschen Händlerregale am 29. Mai 2009 für Xbox 360, PS3, PSP und PC.

 

 

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