Gesamtwertung9/10 |
Quidquid agis prudenter agas et respice finem.
Zu deutsch: Was auch immer du tust, tue es weise und bedenke das Ende.
Ein Spruch, der sich in mehr als nur einer Hinsicht auf Anno 1404 übertragen lässt. Wer in den letzten Tagen gut aufgepasst hat, wird unter Umständen das Anno-Fiasko auf Amazon (amazon.de)bemerkt haben. Zur Erklärung: Anno 1404 setzt getreu seinem Vorgänger 1701 auf den Kopierschutz TAGES (de.wikipedia.org), wuppt folglich einen im Hintergrund laufenden Dienst auf die Platte und benötigt eine einmalige Aktivierung via Internetanbindung.
Zudem gibt es da noch eine kleine Installationseinschränkung. Sofern ihr nicht beim entsprechenden Support anklingeln wollt, um eine Rücksetzung einzufordern, seid ihr auf drei Freischaltungen limitiert. Wie Ubisoft in einem offiziellen Statement bekannt gab, erfolgen „zusätzliche Freischaltungen problemlos“ und „nach erfolgreicher Freischaltung der installierten Spielversion ist keine Onlineverbindung mehr erforderlich”. Plus: Sobald alle Daten auf eurem PC schlummern, könnt ihr dank dieses Schutzes ohne Einsatz eures DVD-Laufwerkes in die komplexen Aufbau-Welten abtauchen.
Ist damit das Thema vom Tisch? Mehr oder weniger. Denn was Ubisoft nicht bedacht hat ist, dass sich der TAGES-Kopierschutz gerne einmal in sich selbst verbeißt. Soll heißen: Erfreut sich Anno 1701 noch bester Gesundheit auf eurem Rechner, oder ein anderes Spiel, das diesem Sicherheitsdienst unterliegt (Anm.: unter dem Wiki-Link findet ihr eine kleine Liste), kann es mitunter zu Komplikationen kommen. In meinem Fall wollte sich Anno 1404 nicht starten lassen, bis ich seinen Vorgänger samt TAGES ins Datennirwana schickte. Versteht diesen Hinweis also als Warnung und gleichzeitige Lösungshilfe.
Abseits der Nutzung eines meines Erachtens fragwürdigen Kopierschutzes gibt es aber kaum bis keine Störenfriede, die ich Anno 1404 ankreiden kann. Es verzichtet auf einen Mehrspielermodus. Nun gut, den habe ich weder in 1503 noch in 1701 jemals ausgiebig genutzt und vermisse ihn dementsprechend auch nicht. Wenn das für euch ein lebenswichtiges Element in Anno sein sollte, müsst ihr leider in die Röhre schauen.
Die Ladezeiten vor Beginn einer Partie/ eines Kapitels und während einer Änderung in den Grafik-Optionen sind reichlich lang. Ja, das ist fürwahr etwas, das man kritisieren darf. Aber: Dieses Manko erübrigt sich wieder von selbst, wird man beim Spielen einer bis zu 5 Stunden langen Kampagnen-Mission oder einer zeitlich noch weitaus intensiveren Endlos-Runde doch nie vom Programm gegängelt. Und zu guter Letzt fehlt es gelegentlich und trotz zahlreicher integrierter Hinweis-Einblendungen an notwendigen Erklärungen.
Bestes Beispiel: Ab Kapitel 6 der Kampagne hetzen euch der garstige Kardinal und seine nicht minder garstigen Vasallen Spione auf den Hals. Beziehungsweise platzieren sie fröhlich inmitten eurer Metropole. Unter einem vorgegebenen Zeitlimit müsst ihr eine bestimmte Anzahl selbiger entlarven, da sie eurer Nemesis ansonsten nützliche Infos zustecken. Etwa über Schwachstellen in eurer Befestigung, die auch kurzerhand von feindlicher Seite angegangen werden. Die Krux an der Aufgabe ist, dass der Missionstext nichts erläutert, ihr folglich selbst eruieren müsst, wie man die Späher entdeckt.
Ein kleines Heerlager vor den Toren der Stadt zu errichten, erzielt nicht den gewünschten Effekt. Hier ist die simpelste und vermutlich deshalb nicht gleich ersichtliche Herangehensweise des Rätsels Lösung – Handarbeit. Ihr seid aufgefordert, euch in die niedrigste Zoomstufe zu begeben und unter Hilfe der Markierungen auf der Minikarte die schwarz-lila gesäumten Kerle ausfindig zu machen und anzuklicken. Schafft ihr es nicht schnell genug, verbergen sie sich zwischen Häuserschluchten, in Eingängen und ähnlichen Verstecken und erschweren die Prozedur. Eine witzige Angelegenheit, wenn man denn von Anfang an weiß, was zu tun ist.
Und das war es schon mit der Motzerei. Denn angefangen bei der Kampagne, die ebenso wie die restlichen Spielmodi mit 1701-Freundlichkeit beginnt und in späteren Passagen 1503-Anspruch erhebt, bis zum zugänglicheren Inferface und dem einladenden Belohnungssystem, ist 1404 ein durch und durch gelungener Vertreter des Anno'versums. Ihr könnt euch wie gehabt stunden-, wochen- gar monatelang mit dem Bau eurer Metropolen beschäftigten, eure Untertanen in die höchste der vier Zivilisationsstufen hieven.
Sicher, irgendwann stellt sich eine gewisse Routine ein, die ist bei solch einem Spiel – wie eigentlich auch bei jedem anderen – nicht ganz zu vermeiden. Aber Related Designs und Blue Byte haben genügend Anreize beigefügt, die das Erlebnis Anno aufwerten, zu erneuten Partien einladen, euch ungeachtet des an sich gewohnten Verlaufs eine spannende, frische Spielerfahrung bescheren.
Der wohl größte Mitschuldige ist dabei die Einbindung des Orients. Ein Völkchen, das euch im Endlosmodus und den Szenarien von Beginn an und ab der Mitte der 8 Kapitel langen Story-Kampagne um die geheimnisvolle Krankheit des Kaisers, Kinderraub und widrige Machenschaften der römisch-katholischen Kirche beehrt. Euch nicht nur zwecks Handel aufsucht und die eine oder andere Nützlichkeit für eure Flotte, euer Land, die Produktionsketten offeriert. Sei es ein verstärkter Unterbau, der einem eurer Schiffe 10 Prozent mehr „Lebenskraft“ spendiert, eine Uhr, die dafür Sorge trägt, dass eure Produktionsstätten 25 Prozent mehr Erträge erzielen, oder zusätzliche Karren für eure Markthäuser. Der Orient ist vielmehr die zweite Hälfte eures Gefolges.
Wie die Bauern, die sich bei richtiger Pflege zu Bürgern, dann Patriziern und schließlich Adeligen mausern, wollen die orientalischen Bewohner ihre staubigen Wüstenzelte verlassen, mit Mosaik gesäumte Häuser bauen und ihrem Gott in einer Moschee huldigen. Und ohne den An- und Abbau der entsprechenden Rohstoffe - sprich Ton, Stoffe, Farben, Gewürze, Perlen und Co. - sowie deren Weiterverarbeitung verweilen sie auf ewig in ärmlichen Verhältnissen. Was sich auch auf euer Hauptvolk negativ auswirkt und es darüber hinaus in seinen Aufstiegsmöglichkeiten vehement begrenzt.
Findet sich nämlich nicht genügend Quarz in eurem Kontor/euren Markthäusern ein, eine Ressource, die lediglich eure orientalischen Mannen aus dem harten Gestein bergen können, weigern sich eure Patrizier zu Adeligen heranzuwachsen. Zudem seid ihr nicht imstande, die des Kaiser-Doms zu vollenden. Seines Zeichens das Monument eures Hauptvolkes (Sultansmoschee beim Orient), das als wichtigen Bestandteil in der vierten Bauphase auf sage und schreibe 400 Einheiten Glas setzt. Und Glas wiederum entsteht aus der Verarbeitung von Quarz und Pottasche. Sonstige Erzeugnisse aus den südlichen Landen gehen derweil mit der umfangreichen Bedürfnisbefriedigung eurer Bewohner Hand in Hand.
Die scharfen Gewürze dienen etwa als zweites Nahrungsmittel für die Bürger, während die gebildeten Patrizier nach Büchern verlangen, die ohne Tinte aus den Farben der Indigo-Plantagen nicht gedruckt werden können. Nicht zu vergessen die Gier nach Perlenketten bei den Adeligen, die ihr via einer speziellen Schmiede und einem Schwung Riff-Taucher fabriziert. Es reicht also nicht, sich ausschließlich auf den Handel zu verlassen, will man in 1404 eine gut funktionierende und vor allem florierende Wirtschaft auf die Beine stellen. Es gilt, geschäftig an beiden Ufern zu werkeln. Und das nicht zu knapp.
Hier müsst ihr Norias errichten und Wasser aus dem Boden pumpen, um trockene Regionen mit saftigem Gras zu versehen. Sie sozusagen fruchtbar machen, soll auch nur das kleinste Bisschen gedeihen. Dort dürft ihr neben Hanffeldern zur Kleider- und Seilherstellung diverse Schweinepferche anlegen und Lederverarbeitungsstätten über Flüssen platzieren, damit ausreichend Vielfalt in punkto Garderobe geboten ist. Mit jeder neu erreichten Zivilisationsstufe wachsen die Waren- und Grundbedürfnisse wie gewohnt noch erheblich an. Das Volk, und damit sind beide Parteien gemeint, schreit irgendwann nicht mehr länger nur nach Glauben, Kleidung, Nahrung und Gemeinschaft, sie wollen Unterhaltung, Sicherheit, Besitz, Getränke. Selbst Luxusgüter a la Pelze (von Bären in Höhlen) stehen auf dem Plan. Des Weiteren teilt sich so manches Bedürfnis noch einmal auf verschiedene Produkte/Bauten auf, alles jederzeit gut einsebar per Kreismenü der Bewohner. Nahrung beispielsweise ist bei den Adeligen in vierfacher Form erwünscht. Fisch, Gewürze, Brot und Fleisch. Eine Kirche alleine reicht ebenfalls nicht. Man sehnt sich nach Kathedrale, Kirche und Dom.
Und während eure regulären Männer und Frauen anhand der Bevölkerungsgröße und der Befriedigung ihrer Bedürfnisse die Zivilisationsleiter erklimmen, schleicht sich bei den orientalischen Genossen eine kleine, aber nicht zu verachtende Hürde ein. Ihr benötigt nebst dem obligatorischen Zuwachs obendrein für jede Stufe einen speziellen Status mit dem Großwesir, der schlussendlich im Titel „Vertrauter des Orients“ mündet. Etwaige Nebenaufträge – insgesamt umfasst Anno 1404 schlappe 1400 Aufträge - bieten sich sowohl in der Kampagne als auch im Endlosmodus und den Szenarien an.
Mal produziert und liefert ihr eine bestimmte Menge an Gütern, mal rettet ihr Gesandte in Seenot, mal baut ihr eine heruntergekommene Siedlung wieder auf. Und mal müsst ihr die gefürchteten Korsaren in die Flucht schlagen, die euch und die konkurrierenden/verbündeten Fraktionen beim unbegrenzten Siedeln auf die Pelle rücken. Eine breitgefächerte Palette an Aufgaben, die einerseits dem Endlosmodus den Anstrich geben, eine halbe Kampagne zu sein. Andererseits aber eine Spur mehr Kreativität hätten vertragen können. Mit jedem erfüllten Job mehren sich alsbald die Punkte auf eurem Ruhmkonto, die ihr wahlweise in Reputationsurkunden für den Orient steckt (um den Status weiter zu festigen) oder gegen die auf der zweiten Seite erwähnten nützlichen Objekte eintauscht.
Spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem eure Adeligen euch jedes Bedürfnis offenbaren und ununterbrochen loskrächzen, ihr sämtlichen Aufgaben nachkommen wollt, quasi an allen Ecken, Kanten und auf Inseln hantiert, hockt ihr mit Schweißtriefender Stirn vor dem Bildschirm. In der Kampagne wird das noch intensiviert, weil euch der besagte Kardinal im letzten Drittel der Reise gehörig im Nacken sitzt und nicht davor Halt macht, eure Metropole mit Heeren und Trebuchets anzugreifen, die Befestigung durch eine spezielle Einheit zu unterwandern und die Pest einzuschleppen. Oder eure kleinen und großen Schiffe (insgesamt 9 Versionen) auf offener See gen Meeresboden zu schicken. Freut euch in diesem Sinne auf Kapitel 8, das ist kein einfaches Schätzchen.
Im Endlosmodus und den sechs Szenarien begrüßt euch im Gegenzug das Diplomatie-Menü, in dem ihr Verträge aushandelt, Tribute einfordert und bezahlt, um Hilfe in Not bittet. Generell seht, wie es um euer Verhältnis zu den anderen Fraktionen (maximal bis zu sechs) bestellt ist. Die aggressiven Korsaren zieht ihr zum Beispiel auf eure Seite, indem ihr sie nur oft genug niederknüppelt und so Respekt einflößt oder euch mittels Aufträgen und goldig glänzenden Schmeichlereien würdig erweist.
Kriege dürft ihr ebenso eigenständig führen, wenngleich sich an Land alles innerhalb der dafür vorgesehenen Militärgebäude abspielt und sehr automatisiert daherkommt. Ihr klickt lediglich das zu vernichtende Ziel an und lasst das Heer, die Abwehrtürme, die Trebuchet-Stellungen ihre Arbeit verrichten. Oder ihr verteidigt euch vor einer Attacke. Jede Militäreinheit unterliegt währenddessen einem Einflussbereich, darf jedoch nicht mit ihrem Lager in den des Gegners eingreifen. Bedeutet: Platziert ihr eure Lager an den falschen Stellen, könnt ihr sehr schnell an Land und somit die Schlacht verlieren.
Ein weiteres Element, das sich lediglich im Endlosmodus/den Szenarien zeigt: Anhand der erfüllten Aufgaben und der damit verbundenen Ruhmpunkte könnt ihr nicht nur getreu der Kampagne spezielle Gegenstände bei euren Mitspielern einkaufen, unter denen sich hier – Monument vorausgesetzt, um Kaiser/Sultan anzulocken – sogar legendäre Schmankerl breitmachen. Sondern in einem gesonderten Menü zudem Boni freischalten. Unter anderem den Verkauf von Gütern, die man ansonsten erst ab einer bestimmten Zivilisationsstufe sein Eigen nennen kann, die Entsendung von Kriegsschiffen, verbesserte Produktivität etc.
Und zum Abschluss das erwähnte Belohnungssystem, das alle Sammler erfreuen dürfte und den einen oder anderen ein Stück weit für den fehlenden Mehrspielermodus entschädigt. Alles in allem warten 206 Erfolge, 20 Medaillen und 53 freischaltbare Inhalte darauf, von euch einkassiert zu werden. Zuletzt genannte reichen von Portraits, Farben und Wappen bis hin zu Extra-Gebäuden. Wie etwa ein Gauklerlager, das zur Verschönerung eurer Stadt beiträgt. Übrigens: Zwecks Vergleichsmöglichkeiten könnt ihr eure und die Erfolge anderer im so genannten „Tor zur Welt“ begutachten plus eure Speicherstände, Screenshots und Postkarten hochladen.
An dieser Stelle kann ich eigentlich nur das wiederholen, was ich vor nicht allzu geraumer Zeit bereits im Fazit unserer Vorschau zu Anno 1404 (eurogamer.de)zum Besten gab. Der jüngste Vertreter des Anno'versums ist das rundeste, zugänglichste, aber auch in vielen Belangen anspruchsvollste Anno. Es ist ein stimmiges Gesamtwerk, bei dem jedes Detail ineinander greift und einen wieder und wieder in seinen Bann zieht. Und bei dem, bis auf einige Kleinigkeiten, beispielsweise die Ladezeiten oder der zu automatisierte Kampf, alles passt. Von der gelungenen Einbindung des Orients hin zur wirklich wunderschönen Gestaltung. Kurzum: Wer sich nicht vom Kopierschutz die Luft aus den Segeln nehmen lässt, sollte, nein, muss bei Anno 1404 zugreifen.
Anno 1404 ist ab sofort für PC im Handel erhältlich. Minimale Systemvorausetzungen: Windows 2000/XP/Vista, 3GHz Pentium 4 oder vergleichbar, 1 GB RAM, DirectX 9.0c kompatible Grafikkarte mit 128 MB und Pixelshader V2.0. P.S. Wer noch mehr Anno 1404 sehen will, darf einen Blick auf unsere Anno 1404 Bildergalerie zum Test (eurogamer.de)werfen.
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Anno 1404 im Test.
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