Gesamtwertung8/10 |
Wir schreiben das Jahr 1492. Leonardo da Vinci zeichnet den vitruvianischen Menschen, der deutsche Mathematiker Adam Ries erblickt das Licht der Welt, die Asseburg bei Wolfenbüttel brennt nieder und - war da nicht noch etwas? Achja! Richtig. Christoph Kolumbus entdeckt die Bahamas und gönnt sich nach der anstrengenden Reise dort erstmal 'nen ausgedehnten Urlaub im Club Med. Also müsst Ihr das Ruder selbst in die Hand nehmen und die Kolonisierung der neuen Welt sowie die Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner auf eigene Faust vorantreiben. Herzlich Willkommen zu Civilization IV: Colonization!
Scherz beiseite: Die Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner ist in dem Runden-Strategiespiel natürlich nur optionale Kür, nicht Pflicht. Ihr könnt Euch auch einfach damit begnügen, Ihnen bloß Land und Bodenschätze zu klauen. Denn das eigentliche Ziel im Remake von Sid Meier's Colonization ist die Erklärung der Unabhängigkeit vom europäischen Vaterland und der Gewinn des damit unausweichlich verbundenen "War of Independence".
Ganz wie im Original von 1994 stehen Euch vier verschiedene Staaten zur Auswahl, mit denen Ihr den neuen Kontinent im Westen der Welt besiedeln könnt. Im Einzelnen sind das England, Spanien, die Niederlande und Frankreich, die allesamt unterschiedliche Voraussetzungen mit sich bringen. Die Jungs von der Insel sind durch ihre einflussreiche Kirche wahre Meister im Hervorbringen neuer Immigranten, Spanien ist eine Eroberernation, unsere unmittelbaren Nachbarn im Westen haben sich auf den Handel spezialisiert und die Franzosen sehen sich als wahre Diplomaten. Jede Partei verfügt zudem neuerdings über zwei Herrscher, die ebenfalls dank kleiner Boni leichte Auswirkungen auf die spätere Strategie haben.
Ist die Wahl getroffen, müsst Ihr Euch noch schnell für Schwierigkeitsgrad, Spieltempo und eine Karte entscheiden - zwei Zufallsgeneratoren sowie ein paar Szenarien befinden sich im Angebot - und schon geht's los. Mit einem Schiff und zwei braven Siedlern macht Ihr rüber, wie man damals zweifellos sagte, und sucht einen geeigneten Platz für die erste Stadt Eurer zukünftigen Weltmacht.
Dabei wollen natürlich zahlreiche Faktoren beachtet werden: Ein Platz am Meer etwa wäre schön, um später problemlos Güter nach Europa schiffen zu können. Aber auch Ressourcen sollten ausreichend vorhanden sein, da der Schwerpunkt bei Colonization über weite Strecken auf Wachstum und Produktion liegt. Indianersiedlungen in der Nähe bergen Vor- und Nachteile, von den anderen drei europäischen Nationen sollte man sich hingegen lieber fernhalten, da es sonst über kurz oder lang zu Streitigkeiten kommt. Ein, zwei schlechte Entscheidungen bringen Euch gegen eine starke KI hier sofort ins Hintertreffen, da die erste Stadt der Ausgangspunkt für jedes weitere Vorgehen sein wird.
Besonders ist von ihr abhängig, wie und wo Ihr Euer neues Reich erweitert. An Bergen gelegene Siedlungen verfügen beispielsweise meistens über reichlich Eisenerz oder sogar Silber, haben im Gegenzug allerdings so ihre Problemchen mit Nahrung. Die wiederum gibt's am Meer und auf schönen grünen Wiesen im Überfluss, dafür mangelt es dort unter Umständen an Holz. Ein ständiger Warentransport zwischen den einzelnen Städten ist daher unvermeidlich, lässt sich zum Glück jedoch recht bequem automatisieren - indem Ihr festlegt, was wo und in welchem Maß importiert und exportiert werden darf.
Selbstverständlich sammeln sich diese Ressourcen aber nicht von alleine, zumal jeder Kolonist stets nur einer Beschäftigung nachgehen kann. Vormittags Baumwolle und nachmittags Tabak ernten ist also nicht! Frische Arbeiter gibt's, wenn Ihr Nahrung im Überfluss besitzt, Indianer missioniert oder genug predigt, um enttäuschten Europäern das Auswandern schmackhaft zu machen. Gepredigt wird logischerweise in Kirchen. Und damit kommen wir zum zweiten wichtigen Punkt der Stadtplanung: Den Gebäuden und der Produktion.
In jeder Stadt dürft Ihr, entsprechende Baumaterialien vorausgesetzt, allerlei schicke Hütten hochziehen. Das Angebot reicht von besagten Kirchen über Lagerhäuser bis hin zu Rumbrennereien, Sägewerken und Schmieden, in denen die Schätze der neuen Welt veredelt werden. Aus Tabak entstehen Zigarren, aus Baumwolle wird Stoff, Erz führt zur Werkzeugen - und all das lässt sich teurer verkaufen als unbearbeitetes Gut. Angemerkt sei noch, dass es für jeden Bereich auch Spezialisten unter Euren Bürgern gibt, die deutlich effizienter arbeiten als ihre unausgebildeten Kollegen. Darüber hinaus können Pioniere das Gelände optimieren und Straßen bauen, die den Transport beschleunigen.
Kurz und gut: Was Handel und Produktion, die gesamte Wirtschaft, angeht, macht kaum einer Colonization etwas vor. Die einzelnen Abläufe sind simpel, in sich logisch und leicht nachzuvollziehen, die Anzahl der Rohstoffe und Produkte hält sich in Grenzen, und doch stellt Euch das Spiel stets vor immer andere, schwierige Aufgaben, die neue Lösungen erfordern. Ihr könnt fünfzig, hundert Partien beginnen und meistern, ohne jemals auf ein allgemeingültiges Patentrezept zu stoßen.
Leider nicht das Gleiche behaupten kann man von Diplomatie und Kampf. Erstere, ohnehin nie eine Stärke der Meierschen Spiele, erlaubt lediglich die üblichen, wenig feinsinnigen Optionen wie "Tauschen", "Verteidigungspakt schließen", "Krieg erklären" und - immerhin das ist neu - "Offene Grenzen". Letzteres bezieht sich darauf, dass jegliches Kolonialgebiet wie bei Civilization IV von so genannten Kulturgrenzen umrahmt wird und nur dann von fremden Einheiten passiert werden darf, wenn der jeweilige Besitzer zugestimmt hat.
Wie beim 94er-Original mit von der Partie sind des Weiteren die Gründerväter, die sich im Tausch gegen erarbeitete Punkte einer Nation anschließen und ihr bestimmte Vorteile einbringen, die aber selten diplomatischer Natur sind. Was in diesem Bereich schlichtweg fehlt, ist eine gewisse Tiefe, die Euch das Gefühl geben würde, mit echten Politikern und Ländern zu sprechen - und nicht mit einem Taschenrechner, der nach irgendeiner Formel die Vorteile gegen die Nachteile aufwiegt. Komplexe Abkommen und die dazu führenden Verhandlungen sucht Ihr jedenfalls einmal mehr vergeblich.
Während die schwächelnde Diplomatie ein erwarteter und deshalb nicht ganz so tragender Kritikpunkt ist, darf man die Gefechte als ernsthaft enttäuschend bezeichnen. Die zwei, drei Einheitentypen zu Land und Wasser sind kaum der Rede wert und da verwundert es nicht, dass die Kämpfe nicht einmal ein Minimum an Taktik erfordern. Die Masse allein macht's in der Regel und das ist schade, wenn der Krieg um die Unabhängigkeit das Ziel eines jeden Spiels darstellt.
Ohnehin kann ich schwer verstehen, dass Meier (sofern er mit der Entwicklung irgendwas zu tun hatte) bzw. sein Team in 14 Jahren nicht eine nennenswerte Idee für das neue Colonization hatten. Ja, es gibt Multiplayer. Ja, die Grafik ist ordentlich. Ja, man hat ein paar Veränderungen im Detail vorgenommen, wie die Einführung der Kulturgrenzen. Aber kann das alles sein? Darf das alles sein? Selbst wenn es als Remake zählt, selbst wenn es aus irgendwelchen Gründen unter dem Titel Civilization IV vermarktet wird, selbst wenn es lediglich 30 Euro kostet? Nein.
Grundlegende Änderungen am Spielprinzip sind natürlich gefährlich - doch was spräche etwa dagegen, eine fünfte Macht wie Portugal einzubauen, um mehr Abwechslung und Konkurrenz zu schaffen? Und bricht jemandem ein Zacken aus der Krone, wenn man etwas mehr Augenmerk auf Krieg und Diplomatie legt?
Trotzdem liebe ich die Neuauflage, weil und wie ich damals schon das Original geliebt habe. Der komplette Aufbau- und Wirtschaftspart ist wunderbar ausbalanciert und anspruchsvoll wie einst, der Umfang viel größer, als es auf den ersten Blick erscheint, das Flair von früher vorhanden und das Szenario weiterhin unverbraucht - was dem Titel natürlich in gewisser Hinsicht auch entgegenkommen mag. Dennoch: Für mich war Colonization immer Meiers bestes Werk. Und wenn ich die Wahl hätte, entweder das Original oder das Remake zu spielen, würde ich mich wahrscheinlich für das Remake entscheiden. Ein echtes Sequel wäre mir nach der langen Zeit allerdings noch lieber gewesen.
Civilization IV: Colonization steht ab Freitag für den PC in den Läden. Civ IV braucht Ihr nicht zum Spielen.
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Sid Meier's Civilization IV: Colonization im Test.
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