Gesamtwertung9/10 |
In meiner Kindheit gab es für mich kaum etwas Langweiligeres als lange Autofahrten. Ich liebte Urlaube an sich, Neues zu entdecken, überhaupt zu verreisen, aber im Hochsommer fünfzehn Stunden am Stück gen Süden zu fahren, ist eine Qual. Besonders ohne Klimaanlagen. Dass ich es trotzdem irgendwie überstanden habe und Euch heute mit meinen bezaubernden Texten beglücken kann, verdanke ich drei Dingen: Krimis, Hörspielkassetten und Rätseln.
Ich erinnere mich sogar daran, wie meine Eltern mir einen Tag vor einem Urlaub ein Rätselbuch schenkten – und ich es statt während der Fahrt bereits am Abend zuvor im heimischen Bett löste. Zum einen, weil ich sowieso nicht einschlafen konnte, zum anderen, weil mich die verzwickten Rätsel, die komplizierten Aufgabenstellungen und interessanten Formulierungen dermaßen faszinierten. Ich wollte einfach nicht aufhören, bis ich auch das letzte Puzzle geknackt hatte.
Das ist inzwischen gut zwanzig Jahre her und ungefähr solange hatte ich dieses Gefühl auch vermisst. Bis Professor Layton es mir zurück in Erinnerung rief.
Lustigerweise beginnt dessen Geschichte ebenfalls mit einer Autofahrt und einem kleinen Jungen, allerdings fahren Layton und sein Assistent Luke nicht in einen Urlaub. Stattdessen besuchen sie Das geheimnisvolle Dorf, in dem eine Menge Arbeit auf sie wartet. Dieses beschauliche Städtchen hört auf den vielsagenden Namen Saint-Mystère und wird von ganz merkwürdigen Gestalten bewohnt, die alle nur eines im Kopf zu haben scheinen: Rätsel, in allen erdenklichen Variationen. Warum das so ist, kann ich an dieser Stelle nicht verraten, aber lasst Euch versichert sein, dass am Ende der Geschichte wirklich alles einen Sinn ergibt. So unglaublich das zwischenzeitlich auch klingen mag.
Besagte Geschichte dreht sich um ein mysteriöses Erbe, um den so genannten Goldenen Apfel, einen furchteinflößenden Turm, um verschwundene Personen, möglicherweise sogar um Mord. Die genauen Umstände können Layton und Luke anfangs nur erahnen, weshalb es Eure Aufgabe ist, ihnen auf die Sprünge zu helfen und unter anderem einen sagenumwobenen Schatz zu finden.
Mit Hilfe des Stylus manövriert Ihr die beiden Protagonisten also durch Saint-Mystère, das sich Euch in zahlreichen, wundervoll gemalten Standbildern präsentiert, derer jedes mehrere Rätsel bereit hält. Insgesamt 150 davon verstecken sich hinter den eigenbrötlerischen Charakteren und in der Umgebung, mitunter an Stellen, von denen man es am wenigsten erwartet. Erwarten solltet Ihr jedoch keine Adventure-ähnlichen Puzzles, sondern tatsächlich ganz klassische Rätsel, wie Ihr sie eben in zahllosen Heften und Büchern findet.
Eines der ersten und einfachsten kennt wahrscheinlich jeder: Bringe eine bestimmte Anzahl Küken und eine bestimmte Anzahl Wölfe über einen Fluss, ohne dass die Wölfe die Küken zum Frühstück verspeisen. Das ist schnell gelöst, aber mit der Zeit steigt der Schwierigkeitsgrad an, zumal Euch Rätsel nahezu jeder Gattung erwarten. Zeichenrätsel, Zahlenrätsel, Wörterrätsel, Schieberätsel, Was-weiß-ich-für-Rätsel.
Einzig und allein die Scherzrätsel, wie ich sie nenne, bei denen die Fragestellung bereits ganz offensichtlich die Antwort enthält, tauchen einen Tick zu häufig auf. Beim ersten und zweiten Mal bin ich noch darauf reingefallen, doch beim dritten, vierten und zehnten Mal wusste ich die Lösung schon, bevor ich die Frage überhaupt durchgelesen hatte.
Davon abgesehen siedelt sich der Schwierigkeitsgrad weitgehend im Mittelfeld an – je mehr Übung Ihr beim Rätseln habt und je mehr Rätsel Ihr kennt, desto einfacher wird es logischerweise. Allerdings sind auch ein paar echte Kopfnüsse dabei, bei denen Euch das Spiel jedoch fairerweise auf Wunsch bis zu drei Tipps gibt: Der erste ist eher als Denkanstoß zu verstehen, der zweite wird dann schon konkreter und der dritte reißt in der Regel auch das dickste Brett vorm Kopf weg. Um Euch trotzdem ein paar Steine in den Weg zu legen, kosten diese Hilfestellungen Münzen, die relativ spärlich in der Spielwelt verstreut sind und erstmal gefunden werden müssen.
Dennoch will Euch Professor Layton und das geheimnisvolle Dorf zu keiner Zeit quälen oder für Denkblockaden bestrafen, sondern stets unterhalten. Von besagten 150 Rätseln trefft Ihr 120 im Laufe der Geschichte an, von denen Ihr wiederum gut die Hälfte lösen müsst, um das Ende zu erreichen. Die andere Hälfte ist als Bonus und zum Punktesammeln zu verstehen, denn wer besonders clever – sprich: fehlerfrei und ohne Tipps – antwortet, wird dafür belohnt.
Weitere 15 Rätsel erwarten Euch als besondere Herausfordungen von Layton außerhalb der Story, noch einmal 15 könnt Ihr in Form eines wöchentlichen Downloads freischalten, so dass eine gewisse Langzeitmotivation sichergestellt ist. Ein paar Nebenaufgaben wie das Zusammenbauen eines mechanischen Helfers und die Gestaltung von Laytons und Lukes Zimmer halten Euch ebenfalls auf Trab.
Das Schönste am Spiel ist aber sein eigenwilliger Charme, diese Zeitlosig- und Widersprüchlichkeit, die Figuren wie Kulisse gleichermaßen innehaben. Layton sieht aus, als stamme er aus dem vorletzten Jahrhundert, fährt aber ein Auto. Das Dorf hat in vielerlei Hinsicht etwas Mittelalterliches, ist aber zugleich auf seine eigene Weise hochtechnisiert. Luke wirkt jung und quicklebendig, Layton hingegen altklug. Viele der NPCs sind kauzig und verschroben, zugleich aber äußerst intelligent.
Es passt alles zusammen, denn irgendwo widersprechen sich diese altmodischen Rätsel und der moderne Handheld ja ebenso – und funktionieren dennoch blendend miteinander. Bestes Beispiel dafür ist die intuitive Steuerung, die Euch genügend Freiheiten einräumt, um in kniffligen Fällen nicht gleich zu Zettel und Stift greifen zu müssen. Oder die brillanten Zwischensequenzen, deren grafisches Niveau und Anzahl von keinem anderen DS-Titel erreicht wird. Oder die Musik, die Euer Abenteuer so gefällig untermalt. Oder...
Mein einziger nennenswerter Kritikpunkt ist dieser: Professor Layton kommt gut 20 Jahre zu spät, denn es hätte jede noch so lange Autofahrt wie im Flug vergehen lassen. Es stellt aber keinen Ersatz für ein klassisches Rätselbuch dar, sondern ist mit seiner lebendig erzählten Story und der weitaus größeren Abwechslung dem starren Papier deutlich überlegen. Kauft es, lasst es Euch zu Weihnachten schenken oder was auch immer, aber Hauptsache: Spielt es! Und werdet glücklich damit.
Layton und Luke rätseln seit kurzem endlich auch in Europa auf dem DS. In Japan sind derweil bereits zwei Sequels erhältlich, die sicher eines fernen Tages auch zu uns kommen werden.
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Professor Layton and the Curious Village im Test.
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