Gesamtwertung6/10 |
Wenn Ihr Spiele ausschließlich als Wettbewerbe definiert, wenn Ihr die Herausfordung sucht, wenn High Scores oder Kill-Counter für Euch unverzichtbar sind oder wenn Ihr ballern, ballern, ballern müsst, dann versucht gar nicht erst, dieses Review weiterzulesen. Wii Music ist nicht Euer Ding und wird es nie sein. Darüber brauchen wir nicht zu diskutieren und ich werde nicht versuchen, Euch des Gegenteils zu überzeugen.
Falls Ihr von Spielen allerdings das erwartet, was sie ursprünglich erreichen sollten - Ablenkung und Unterhaltung bieten, ganz schlicht Spaß machen -, dann seid Ihr möglicherweise noch nicht so engstirnig, in Wii Music den personifizierten Spieleteufel zu sehen. Denn hier ist eine für manche unbequeme Wahrheit: Es hat durchaus seinen Reiz.
Vielleicht sollten wir zunächst festhalten, was Miyamotos neuestes Werk überhaupt ist. Oder was es nicht ist. Nicht nämlich ist es ein Titel im Stile von Rock Band oder Guitar Hero. Es geht nicht darum, ein paar Dutzend Songs vermeintlich auf die Note genau nachzuspielen, jeden Ton zu treffen und sich dabei die Finger zu verknoten.
Es geht vielmehr darum, die Klänge an sich zu genießen. Das Gefühl zu spüren, selbst zu musizieren und eine gewisse Kontrolle über das zu haben, was da aus den Lautsprechern schallt. Gemeinsam ohne jegliche musikalische Kenntnisse wohlklingende Töne zu erzeugen. Es ist ein Musikspiel, kein Geschicklichkeitsspiel.
Der Schwerpunkt von Wii Music liegt auf den so genannten Jam-Sessions, in denen Ihr mit bis zu fünf weiteren Band-Mitgliedern (maximal drei davon menschlicher Natur) immer einen der insgesamt rund 50 Songs nachspielt. Jeder Spieler erhält dabei die Kontrolle über ein Instrument, das wiederum einen Bestandteil des jeweiligen Liedes abdeckt - die 1. oder 2. Stimme, die Percussions, die Akkorde und so weiter. Zur Auswahl steht dabei so ziemlich alles Nennenswerte, was die Musik eben hergibt; vom gewöhnlichen Klavier über Schlagzeug und Xylophon, Gitarre und Bass bis hin zu Trompete und Saxophone.
Deren Steuerung gestaltet sich vollkommen unterschiedlich: Während Ihr beim Schlagzeug mit einer Kombination aus Tastendruck und Schlagen jedes Element des Instruments einzeln ansteuern könnt, ist der Einfluss bei den Bläsern und Streichern eher gering. Dort genügt es, zwei Buttons zu drücken und die Wiimote unterschiedlich zu kippen. Beim Klavier hingen dürft Ihr unter anderem die Tonhöhe ändern, bei Glocken etwa besitzt Ihr selbstverständlich die volle Kontrolle. Ich will nicht alles auflisten, aber Ihr merkt anhand dieser kurzen Aufzählung bereits, dass die Einflussnahme zwischen groß und gering schwankt.
Was jedoch macht Ihr nun tatsächlich beim Spielen? Diese Frage lässt sich gar nicht so genau beantworten, denn die Antwort hängt davon ab, was genau Ihr erreichen möchtet. Ist es Euer Ziel, einen Song möglichst originalgetreu wiederzugeben, müsst Ihr Wiimote und / oder Nunchuk, grob gesagt, lediglich zum richtigen Zeitpunkt in einer von vier Stilrichtungen bewegen.
Doch das ist nur eine von vielen möglichen Spielweisen, da Ihr ebensogut Lieder nach Eurem Gusto verschönern und frei interpretieren könnt. Ihr dürft die Instrumente ohne Einschränkungen wählen, mehrere Stimmen nacheinander aufnehmen, sie anschließend miteinander kombinieren. Und das wirklich Schöne daran sind die Überraschungen, die Ihr erlebt. Wenn "O Tannenbaum" plötzlich richtig rockig klingt, weil Ihr E-Gitarren statt Flöten verwendet habt, könnt Ihr Euch ansatzweise vorstellen, was es bedeutet, Musik zu komponieren.
Leider begeht Wii Music dann aber den schwersten, nur vorstellbaren Fehler: Es baut dieses Gefühl nicht aus, stellt Euch nur wenige weitere Optionen zur Verfügung und schränkt Eure Kreativität dadurch unnötig ein.
Ihr könnt Lieder anders klingen lassen, aber es ist jederzeit noch erkennbar, dass es sich eben um diese Lieder handelt. Ihr dürft nicht so weit gehen, Lieder deutlich zu verändern, zumindest einzelne Teile umzuschreiben - und das ist schade, weil Ihr das nach ein paar Stunden wollen werdet, sofern Euch das Spiel Spaß macht.
Ähnlich enttäuschend gestaltet sich die Songliste, die zwar mit zahlreichen traditionellen Liedern - teilweise passend zur Weihnachtszeit - und Auszügen einiger bekannter Nintendo-Soundtracks aufwartet, aber bei Pop- und Rock-Songs gnadenlos versagt. "Daydream Believer", "September" und "Please Mr. Postman" ist das Aufregendste, was Nintendo für seinen angeblich wichtigsten Titel des Jahres aus dem Hut zaubern konnte? Wirklich?
Recht schnell zusammenfassen lässt sich außerdem, was Euch neben den Jam-Sessions erwartet: Eine Art Schlagzeugsimulation, bei der das Balance Board aus Wii Fit relativ sinnvoll Verwendung findet. Ein Dirigenten-Minigame, bei dem Euer Einfluss auf das Orchester aber gleichermaßen gering wie schwer nachzuvollziehen ist.
Ein Glocken-Geschicklichkeitsspiel, in dem Ihr Wiimote oder Nunchuk zum richtigen Zeitpunkt schwingen müsst und dafür bewertet werdet. Und schließlich ein, uhm, Gehörtest, der von Euch fordert, mindestens zwei Töne miteinander zu vergleichen, wobei der Schwierigkeitsgrad schrittweise ansteigt.
Wer bezüglich Steuerung oder Funktionen nicht gleich durchsteigt, bekommt in umfangreichen Tutoriallektionen übrigens alles ordentlich erklärt. Darüber hinaus erstellt Ihr bunte Cover für aufgenommene Songs - was seltsamerweise Pflicht ist, um neue Lieder freizuschalten. Schön hingegen, dass Ihr Eure Werke speichern und per WiiConnect24 an Freunde weiterreichen dürft.
In gewisser Weise ist Wii Music sowohl eines der besten als auch eines der schlechtesten Spiele, das Nintendo in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Eines der besten, weil die Idee großartig ist, Menschen ohne jegliche Notenkenntnisse unkompliziert miteinander musizieren zu lassen. Weil es Euch dabei dennoch eine gewisse Kreativität einräumt und Euch einiges über Komposition sowie Rhythmus beibringt. Weil es schlichtweg Spaß macht, Lieder nach eigenem Belieben abzuändern und miteinander die Instrumente zu spielen.
Eines der schlechtesten, da die Song-Auswahl, mit der ein Musikspiel nun einmal steht oder fällt, eine mittelschwere Katastrophe ist. Und da es ab einem bestimmten Punkt nicht mehr genügend Variationsmöglichkeiten bietet, nicht die Simulation jedes einzelnen Instrument überzeugt.
Letzten Endes stellen sich daher drei Fragen:
Seid Ihr offen für eine neue Art Spiel? Seid Ihr bereit, Spaß zu haben und Euch von bestehenden Videospiel-Konventionen zu lösen? Findet Ihr zwei bis drei Gleichgesinnte, die ebenfalls aufgeschlossen genug sind? Wenn ja, dann gebt Wii Music eine Chance! Denn die hat es - obwohl es weit von der Perfektion entfernt ist - allein für seine Idee verdient.
Wii Music steht seit kurzem natürlich exklusiv für Nintendos Konsole in den Läden.
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