Gesamtwertung4/10 |
Wario ist der Proll im Nintendo-Universum. Laut, aufdringlich, unterbelichtet – das virtuelle Klischee eines Bad Boys. Folglich ein richtiger Unsympath. Aber zumindest einer mit Ambitionen. Denn von seinem Part als ewiger Gegenspieler des beliebten rot-blau gekleideten Klempners hat er sich inzwischen emanzipiert und ziert mit seinem Namen so manche Plastikhülle. Teils für die unterhaltsame Warioland-Reihe, überwiegend aber mit diversen Minispiel-Sammlung á la Wario Wares: Smooth Moves. Seine schlechten Angewohnheiten hat er dennoch nicht abgelegt: Erfolg hat eben nichts mit guten Manieren zu tun.
Auch in Wario: Master of Disguise holt sich der Mann mit dem fragwürdigen Hang zu gelber Kleidung keine Sympathiepunkte: Er lümmelt Nase popelnd auf der Couch, futtert Chips und glotzt den ganzen Tag in die Röhre. Im Grunde also wie eh und je. Eine Serie über einen Meisterdieb reißt ihn schließlich aus seiner Lethargie. Und ab hier kennt der Humbug keine Grenzen mehr. Um in die Fernsehserie des Graf Cannoli zu gelangen, dem Langfinger im Stil eines Arsène Lupin, baut er sich einen Helm, den so genannten Fernselm. Vom Dieb der Diebe lernt er wenig später das Geheimnis seines Erfolges kennen.
Mit dem Zauberstab „Stilgut“ kann sich der Anwender verschiedene Verkleidungen zulegen, die wiederum spezielle Fähigkeiten an den Tag legen – allesamt äußerst hilfreich fürs Stibitzen. So eine tolle Erfindung lässt sich Wario natürlich nicht entgehen und entwendet kurzerhand dem Grafen das wertvolle Stäbchen.
Der Rest der Geschichte ist dann ebenso belanglos wie vorhersehbar: Der Graf will seinen Zauberstab zurück und Wario weigert sich. Endlos lange Dialoge folgen, die dummerweise den Spielfluss gehörig unterbrechen.
Einen Tacken interessanter als die unnötigen Erzählungen in Wario: Master of Disguise sind die Grundprinzipien des Spiels ausgefallen: Ihr bugsiert den fettleibigen Berufsbösling mit dem Steuerkreuz oder, für Linkshänder, mit den Buttons durch die Szenarios. Die gewohnte Kombination beider Steuerungselemente fällt aufgrund überwiegender Stylus-Tätigkeiten flach und beschränkt sich nur auf ein Eingabefeld.
Springen, kriechen, laufen – mehr braucht es nicht, um den gefräßigen Gauner über den Bildschirm zu jagen. Auf dem unteren Screen läuft er herum, oben gibt es den Statusbildschirm, der alles anzeigt, was so benötigt wird: Geraubte Güter, Levelkarten und die zuvor erwähnten Verkleidungen.
Mittels des Stylus und der daraus resultierenden Kostüme lassen sich unterschiedliche Aktionen ausführen. Male ich eine krakelige Lupe auf den Bildschirm, wird Wario zum Wissenschaftler und scannt die Gegend. Verborgene Schätze, Türen und Übergänge sind nun sichtbar. Ein Kringel um seinen Kopf und schon ist er ausgestattet mit einem Laser. Einmal auf den Touchscreen getippt und er ballert damit auf die entsprechende Stelle - gezielt können Gegner pulverisiert werden. Pinselt man ein Viereck mit einer Diagonalen neben Wario, verwandelt er sich in einen Künstler. Wer hätte das gedacht, dass ein sensibler Maler in dieser von Habgier zerfressenen Seele steckt?
Als Maler steht er allerdings wie verwurzelt da, kann aber seine Umgebung durch Blöcke verschönern, die über Abgründe helfen. Das Interface reagiert zügig und verzeiht auch einem künstlerisch Unfähigen wie mir „leichte“ Schwankungen in der Linie: Also auch ohne Kunst-Leistungskurs ist Wario: Master of Disguise problemlos spielbar.
Mit der Zeit kommen neue Verkleidungen zu Warios Kostümrepertoire hinzu, die in den Levels oftmals hintereinander kombiniert werden müssen. Ohne all zu viel Zeitdruck kein Problem. Bei den Boss-Kämpfen artet das Wechseln der verschiedenen Outfits jedoch in Hektik aus. Rasch ist der Kringel nicht so kringelig wie er sein soll, befindet sich folglich nicht mehr im Toleranzbereich, und man malt und malt und malt – und verschwendet kostbare Sekunden.
Gut, dass die Kostüme mit der Zeit an „Erfahrung“ gewinnen und so ihre Eigenschaften verbessern. Edelsteine, die erledigte Gegner fallen lassen, steigern nach einer bestimmten Anzahl die Stufe der angelegten Verkleidung: So wird der Laser zum Beispiel durchschlagskräftiger oder der Sprung bei der Standardverkleidung höher.
Doch nicht ausschließlich zum Kostümwechseln muss der Stylus geschwungen werden. Das Spiel zerfällt nämlich in zwei Teile:
Neben dem Jump’n’Run meets The Lost Vikings-Leveln müssen unterwegs Schatztruhen geöffnet werden, die Gegenstände oder neue Verkleidungen beinhalten. Erfolgreiches Öffnen hängt aber von dem Bestehen eines Mini-Spiels ab: Dinge zuordnen, Bilder nachmalen, Linien nachfahren, Ungeziefer mit dem Stylus vernichten. Diese Spielchen sind schon leidlich bekannt aus Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging, oder eben Wario Ware, und bieten nichts Neues.
Mit der Zeit wiederholen sich die Aufgaben zudem und werden so auf die Dauer nervig. Irgendwann lässt man deswegen die Truhen links liegen, es sei denn, man ahnt bereits, dass sich eine neue Verkleidung darin befindet. Zumal es auch nicht schlimm ist, mal zu scheitern: Die Kiste schließt sich, Wario kann unendlich oft versuchen den Schatz zu bergen. Welch Herausforderung.
Der an sich lustige Effekt der Verkleidungen verpufft leider ebenfalls auf Dauer, eine bestimme Routine schleicht sich ein: Zuerst sucht man als Wissenschaftler nach Verborgenem in dem entsprechenden Raum, dann zerbröselt man als Astronaut mit der Lasterpuste alle Gegner, pinselt als Maler notwendige Blöcke in die Landschaft und kann schließlich in der Standardverkleidung, die mit einem Häckchen angelegt wird, den Raum in Ruhe durchschreiten. Kleinere Abweichungen sind möglich, aber so einfallslos gestaltet sich irgendwann des Pudels Kern.
Einfallslos ist auch die Grafik. Man könnte sie auch hässlich nennen. Auf dieser Ebene wirkt Wario: Master of Disguise mehr wie ein verloren gegangenes GameBoy Advance-Spiel. Von der farblichen Brillanz der Yoshi oder Mario-Vertreter ist der dicke Genosse weit entfernt. Das gilt für die lieblos anmutenden Hintergründe, aber auch für die Gegner, die zudem kaum Abwechslung bieten.
Eines sticht jedoch besonders negativ heraus: Betritt man einen Raum erneut, ist alles wieder so wie vorher, selbst die Widersacher stehen an Ort und Stelle bereit. Im Jahre 2007 wirkt das mächtig antiquiert.
Wario: Master of Disguise hätte eine schöne Sache werden können. Die Idee, mit dem Stylus Wario stets neue Outfits zu verpassen, die in der richtigen Weise kombiniert werden müssen, hat was. Leider fehlte es dem gesamten Spiel an Kreativität und dem richtigen Kick.
Über die langweiligen Mini-Spiele hätte man noch hinwegsehen können, doch der Mangel an Abwechslung im eigentlichen Spiel ist einfach nicht wegzureden, zu schnell hat man eine Routine aufgebaut, die den Spielspaß überdeckt. Vielleicht kann man das Grundprinzip bei einem möglichen Nachfolger mit ein paar frischen Ideen voll pumpen und das komplette Minispiel-Sortiment weglassen. Oder Wario konzentriert sich in Zukunft nur noch auf Minispiel-Sammlungen, denn das kann er ganz gut.
Als Adventure-Held ist er aber mit Wario: Master of Disguise weit hinter Mario zurückgefallen. Wer weiß: Vielleicht hat der blaue Klempner da seine Finger im Spiel, um die interne Konkurrenz klein zu halten. Diesem Teufelskerl Mario traut man alles zu.
Wario: Master of Disguise ist im Handel erhältlich.