The Darkness

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
2K Games
Entwickler
Starbreeze
Genre
Action
X360: The Darkness

Gesamtwertung

8/10

X360: The Darkness

In der Dunkelheit lauert das Böse, vorzugsweise unter dem Bett oder im Schrank. Das ist einer der Gründe, weshalb ich keinen Schrank habe und Meister des Horrors wie Stephen King wissen, warum sie darüber schreiben. In The Darkness, das wir in der deutschen Xbox 360-Version gespielt - nein, erlebt! - haben, steht die Finsternis sogar im Mittelpunkt der Geschichte und manifestiert sich in dem aufstrebenden Mafia-Schergen Jackie Estacado. Der ist an seinem 21. Geburtstag mit zwei Kumpanen unterwegs, ahnt aber nicht, dass er sein Ziel nicht erreichen wird - jedenfalls nicht lebend. Schon diese erste Szene ist beeindruckend, bösartig und fies. Und sie gibt einen Vorgeschmack darauf, warum The Darkness ein Ruf vorauseilt wie Donnerhall.

Fear of the dark!

Kennt Ihr dieses Gefühl, wenn man alleine in der Dunkelheit sitzt und plötzlich der Boden in der Küche knarrt? Am besten gerade nachdem man einen derben Horrorfilm gesehen hat. Die Nackenhaare stellen sich auf als wäre man ein wildes Tier. Alle Sinne auf eine mögliche Gefahr ausgerichtet. So fühlt man sich, während man The Darkness spielt.

Das Modewort „Immersive“, das in den letzten Monaten Einzug in die PR-Welt gehalten hat, entfacht hier endlich mal seine Gültigkeit: Ihr taucht ein in eine Euch fremde Welt, bei der man nie so genau weiß, was nun Realität und was Fiktion ist. Natürlich, die Mafia – um die es sich zum Teil dreht – ist mehr als real und tödlich obendrein. Doch von wem wird sie kontrolliert und was hat es eigentlich mit diesem Jackie auf sich? Vieles ist lange Zeit unklar, da Ihr einfach ins kalte Wasser geworfen werdet.

Euer verletzter oder sterbender Mafia-Kumpel drückt Euch seine Knarren in die Hände und seid plötzlich auf Euch allein gestellt. Der tödlichen Wut Eures Onkel Paulie ausgesetzt, der aber eigentlich nur ein Pate der "ehrenwerten Gesellschaft" ist und Euch einst als Knaben aus dem Waisenhaus rettete. Nirgendwo rekrutiert man schließlich dankbare Helfershelfer einfacher (Regel 3, Absatz 4b Mafiadoktrin).

Gänsehaut-Atmosphäre!

Woher kommt die Stimme in meinem Kopf (grandios: Mike Patton, Ex-'Faith No More'-Frontmann), die einem eiskalt den Rücken runterläuft und heiß durch die Brust stößt? "Jackie, du gehörst mir!" halt es bedrohlich durch die Hirnwindungen und mein Innerstes rebelliert bei dem Gedanken an eine fremde Macht, die von mir Besitz ergreifen will. Dieser innere Zwiespalt, der Kampf mit dem feindlichen Ich, spielt in The Darkness eine zentrale Rolle. Und er entscheidet sich erst am Ende. Bis dahin hat man einiges zu überstehen: Die Konfrontation mit dem Schicksal und den Kampf um das eigene Seelenheil.

Das nahezu kinoreife Geschehen bietet glaubhafte Figuren auf engstem Raum, denn nahezu alles spielt sich im Einzugsbereich einiger wenige U-Bahnhöfe in New York ab. Und in einer wahnwitzigen Paralleldimension, in der der Schrecken des 1. Weltkriegs lauert. Gerade diese Kapitel sind in ihrer Machart extrem intensiv, verstörend und sorgen für Gänsehaut pur.

Und doch gelingt es den Entwicklern aus dem Hause Starbreeze eine offene, frei begehbare Welt vorzugaukeln, bei der Ihr mit den umherlaufenden Passanten labert, Euch ihre Geschichten, Leiden und Nöte anhört und in Nebenquests vielleicht sogar rettende Hilfe bietet. Das alles ist so gut eingebunden, dass man in keinem Moment das Gefühl hat, hier würde die Spielzeit gestreckt werden.

Die ist ohnehin mit ca. zehn Stunden ausreichend lang ausgefallen. Vor allem aber wirken all diese Gestalten höchst authentisch, was nicht zuletzt an der sehr guten und stilistisch anspruchsvollen Optik und vor allem dem glaubhaften Straßen-Slang liegt, der während der oft amüsanten Dialoge gesprochen wird.

Keiner der herum laufenden Personen hat den gleichen Akzent wie sein Nebenmann; dem einen merkt man seine irische Herkunft an, dem anderen seine italienische – klar, dass es hier von großem Vorteil ist, dass man die Originalstimmen der Protagonisten genießen darf und bei Verständnisschwierigkeiten mit deutschen Untertiteln vorlieb nehmen muss. Das ist aber nix für Weicheier, denn fast alle verfügen über ein hinreichendes Vokabular an dreckigen Schimpfwörtern und es wimmelt nur so von Hurensöhnen, Schwanzlutschern und anderen bemitleidenswerten Körperteilen. Alles andere wäre der tollen Atmosphäre auch absolut abträglich.

Dass es in The Darkness fast die ganze Zeit über dunkel ist, gehört selbstverständlich zu den prägenden Stilmitteln, mit denen die Atmosphäre zwischen elektrisierenden Starkstrompassagen und ruhigeren Momenten pendelt und Euch in ein Wechselbad der Gefühle zwingt. Großen Anteil daran haben beispielsweise der perfekte Soundtrack und die Soundeffekte - etwas Besseres hat man in den vergangenen Jahren kaum zu hören bekommen.

Allein die vielfältigen Schockeffekte von The Darkness sind markerschütternd. Doch auch alles andere wie die diversen Schusswaffen, Schreie von sterbenden und verletzten Soldaten, Blitz und Donner, schockartig eingeblendeten Visionen oder Eure herbeirufbaren Darklings mit ihren zugleich grausamen wie amüsanten Kommentaren ("Meine Grüße an die Familie!" - Bumm!) sorgen für ständige Unterhaltung. Langeweile ist hier wahrlich ein Fremdwort.

Dafür sorgt auch die Umgebung von The Darkness, in der man überall etwas entdeckt und sich umso mehr ins Geschehen gezogen fühlt und dank der Abwesenheit eines HUDs ein echtes "Mittendrin statt nur dabei"-Feeling erzeugt. So abgedroschen das nun auch klingen mag. In vielen Räumen, ja sogar in der U-Bahn (hier: von einem Penner mitgeschleppt im Einkaufswagen), stehen Fernseher. Doch diese flimmern nicht dumm vor sich hin, denn Ihr könnt die Kanäle wechseln:

Habt Ihr gerade Lust auf Musikvideos mit Metal oder Popbands, wollt Ihr es Euch mit Eurer Freundin Jenny in ihrer neuen Wohnung lieber bei "Wer die Nachtigall stört" (1962, mit Gregory Peck) gemütlich machen und etwas Romantik genießen oder doch lieber Popeye oder Flash Gordon gucken? Filme und Videos in voller Länge, wenn auch nur auf einem vergleichsweise kleinen Fernseher, das ist einfach grandios umgesetzt!

All diese Features mögen bei anderen Titeln als nette Nebenaspekte durchgehen, bei The Darkness sind es wichtige Bestandteile, die das Erlebnis und die Spielerfahrung ungemein bereichern und den Spaß am Stöbern sowie die Motivation hochhalten. Das soll nicht heißen, dass das actionreiche Shooter-Adventure unwichtig wäre - im Gegenteil. Mit Euren Wummen bekämpft Ihr Mafiosi, die Euch an die Gurgel wollen, schaltet korrupte Bullen und schießt Lampen aus. Denn je dunkler es ist, desto wohler fühlt sich die finstere Kraft in Euch und umso mächtiger macht sie Euch.

Sie stattet Euch mit Zusatzkräften aus: Mit zwei Tentakeln, die Euch erlauben, Euren Widersachern die Seele zu rauben, ihnen hinterrücks aufzulauern. Dazu noch ein magisches Schild und später gibt es sogar eine übermächtige Waffe - ein schwarzes Loch. Dieses ist etwas zu stark geraten, aber im Kontext spielt das keine große Rolle. Ärgerlicher ist da das Handling der Tentakel, weil sie teilweise zu ungenau reagieren und dadurch in vielen Situationen beinahe chaotisch/nutzlos werden.

Nicht ganz perfekt

Bei all dem Lob müssen also leider einige Kritikpunkte genannt werden. Neben der etwas hakeligen Tentakel-Steuerung fallen dabei die oben bereits erwähnten Darklinge auf. Sie sind als willfährige Minions zwar ein nettes Feature, meist sind sie jedoch ziemlich nutzlos, da sie ihre Aufgaben entweder nur sehr kurz oder fehlerhaft wahrnehmen. Auch das Ballern selbst ist nicht ganz so präzise, wie man sich das für einen Shooter wünschen würde.

Ein weiteres Manko ist zudem die KI der computergesteuerten Gegner, die manches Mal erst reagieren, wenn es längst zu spät ist und oft nur als williges Schlachtvieh herhalten. Intelligente Manöver a la F.E.A.R. haben sie leider gar nicht auf dem Kasten. Dafür können sie aber massig Körpertreffer aushalten: Das eine oder andere Mal dreht man vermeintlich toten Feinden den Rücken zu und bereut es schnell, denn sie erheben sich wieder und ballern munter weiter.

Da helfen nur präzise Headshots oder die berüchtigten „Finishing Moves“, mit denen Ihr den Widersachern beispielsweise brutale "Gnadenschüsse" verpasst. Sofern Ihr nahe genug an ihnen dran steht. Der Vorteil ohne HUD zu spielen kann sich gelegentlich aber auch ins Gegenteil verkehren, wenn man etwa trotz der eigentlich linearen Story nicht genau weiß, welche Richtung man einschlagen soll, in den Wirren des 1. Weltkriegs verloren geht oder sich vermeintlich im richtigen Gebiet wähnt, aber eigentlich am völlig falschen Ort ist. Nicht unerwähnt bleiben darf zudem, dass der Multiplayer-Modus derzeit aufgrund eines Fehlers (was man auf schlechte Upload-Bandbreiten der Spielehosts zurückführt) und damit verbundenen Lags quasi unspielbar ist.

Alle diese Probleme stören hier und da, können aber das höchst intensive Gameplay letztendlich nur wenig schmälern. The Darkness hat einfach viel zu viel Einfallsreichtum und Klasse, als das man sich durch ein etwas ungenaues Zielkreuz aus dem Erlebnis reißen ließe. Schon allein die Palette an möglichen Spielansätzen sucht in anderen Games ihresgleichen. Jeder kann hier den Spielrhythmus bestimmen. Will man lieber frontal auf die Feinde zustürmen und mit schwarzen Löchern und dicken Wummen aufräumen oder doch lieber langsam das Terrain erkunden und aus dem Verborgenen agieren, um die Gegner hinterrücks zu zerstückeln? Oder lässt man sich von den Nebengeschichten in den Bann ziehen, lümmelt auf der Couch, guckt TV und zieht sich ein Video rein? Und allein das grandiose Finale! Entgegen anderer Meinungen bin absolut hingerissen vom Ende der Geschichte, das famos in Szene gesetzt wird und ein tolles Spiel mit einem würdigen Abschluss krönt.

Für mich ist The Darkness eines der bislang besten Spiele des Jahres. Und ja, es hat seine Problemchen hier und da: schlechte KI, ungenaues Aiming, nutzlose Darklings, zu starke Kräfte. Aber wie schon zuvor erwähnt, spielen diese Mankos meiner Meinung nach eine eher untergeordnete Rolle, da sie das Gameplay sowie dessen Intensität nur geringfügig stören. Sieht man über diese technischen Patzer hinweg und lässt sich auf The Darkness ein, dann kann man ein ungemein intensives Spiel erleben. Und genau das ist es ja schließlich, was uns Spieler vor den Bildschirm zu locken vermag.

Atmosphärisch stößt Entwickler Starbreeze neue Dimensionen auf und kann mit tollen Charakteren, einer ansehnlichen und detailreichen Kulisse und vielen gelungenen Schockeffekten punkten. Letztere leiden auch kaum bis gar nicht darunter, dass mitunter das Herausreißen der Herzen in der deutschen Fassung der Zensur zum Opfer gefallen ist. Nach dem zehnten Mal macht man das ohnehin nur noch nebenbei.

Viel wichtiger ist der Hauptcharakter, dessen innerer Konflikt mit jeder Spielminute deutlicher wird sowie die stimmige Story, die in einem Finale Furioso endet, das filmreifer kaum hätte sein können. Insgesamt bietet The Darkness kein Dauergeballer, sondern eine sehr gelungene Mischung aus Action und intelligentem Story-Telling, bei dem die verschiedenen Elemente sehr gut miteinander vernetzt sind. Berauschend, wenn auch nicht ganz perfekt. Die Wertung ist somit eher als eine starke 8 zu sehen, die mit ihren Tentakeln die 9 berührt. Vermisst habe ich allerdings einen Song von Iron Maiden, aus dem ich abschließend zitieren möchte: "Fear of the dark, fear of the dark I have a phobia that someone's always there.“

The Darkness ist ab dem 30. Juli erhältlich. Rennt in die Läden!

 

 

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